100 Sätze reichen für ein ganzes Leben

Einer meiner Lieblingsschreiber und Kollege bei jetzt.de, Max Scharnigg, bereichert den Sonntagabend seit geraumer Zeit mit seiner Hauptsatz-Kolumne“100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Regelmäßig stellt unser Autor einen vor.” Am 5. Oktober werden diese lebenswichtigen Allgemeinplätze in einem Buch erschienen, welches ich nur empfehlen kann. Und das mache ich am besten mit einer gekürzten Version meines Lieblingssatzes “Ich glaube, dass da ist der große Wagen” und dem knalligen Trailer:

In unserer Generation zu leben, ist ein bisschen wie Pinguin im Zoo zu sein. Von außen klopfen fremde Menschen ans Sicherheitsglas, geben uns Namen, analysieren unsere Bewegungen, schütteln verächtlich den Kopf oder machen aufgeregt Zeichen. Innen aber ist es ganz ruhig. Es gibt genug zu essen, man kann zwar nicht so richtig raus, aber eigentlich reicht es schon. Wer ausflippen möchte, düst einmal an der Scheibe entlang. Die übrige Zeit watschelt jeder vor sich hin, bis es ihn auf die Schnauze legt und dann geht er eben in die andere Richtung weiter. Eigentlich okay.

(…)

„Ich glaube, das da ist der Große Wagen.“ sagen, und dazu die Hand vage durch die Luft schwenken, diese vertraute Kombination setzt uns wieder aufs alte Gleis. Der gefährliche atemlose Moment ist vorbei und alles geht weiter. Der vertraute Mensch an der Seite macht kleine Lippengeräusche und will geküsst werden, der Ampelsummer für Blinde summt und die Füße tun weh. Man weiß, wie es jetzt weitergehen muss: Großen Wagen anschauen und die Deichsel mit dem Zeigefinger nachfahren. Dann erzählen, dass man sich sonst keine Sternbilder merken kann, dass man während des halben Jahrs in Australien so einen absolut irren Sternenhimmel gesehen hat, dass irgendwann jetzt doch auch wieder diese vielen Sternschnuppen kommen müssten und man Astronomie und Astrologie immer verwechselt.

Nach diesen beruhigenden Nichtigkeiten die man schon so oft zum Besten gegeben hat ist man dann bald zu Hause oder geht wieder rein ins Warme, weil es auf dem kleinen Balkon doch ein bisschen kühl geworden ist. Dort schwimmt man noch ein paar Runden mit den anderen Pinguinen durchs gewohnte Becken und ist’s zufrieden.

Jeder Roman beginnt mit seinem ersten Satz

Ein guter Roman fängt mit Sätzen an, die eine Sogwirkung entfalten. Die mir die Entscheidung abnehmen, ob ich weiterlesen möchte. Die besten Romane fangen mit einem Satz an, der für sich alleine genommen schon eine Aussage trifft, die dem Buch voran stehen kann. Diese 100 ersten Sätze berühmter Romane zeigen den magnetischen, prophetischen Effekt guter Romananfänge. Meine Lieblinge:

  • Lolita, light of my life, fire of my loins. —Vladimir Nabokov, Lolita (1955)
  • Happy families are all alike; every unhappy family is unhappy in its own way. —Leo Tolstoy, Anna Karenina (1877; Übersetzung von Constance Garnett)
  • You don’t know about me without you have read a book by the name of The Adventures of Tom Sawyer; but that ain’t no matter. —Mark Twain, Adventures of Huckleberry Finn (1885)
  • Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. —Franz Kafka, Der Prozess (1925)
  • If you really want to hear about it, the first thing you’ll probably want to know is where I was born, and what my lousy childhood was like, and how my parents were occupied and all before they had me, and all that David Copperfield kind of crap, but I don’t feel like going into it, if you want to know the truth. —J. D. Salinger, The Catcher in the Rye (1951)
  • It was a wrong number that started it, the telephone ringing three times in the dead of night, and the voice on the other end asking for someone he was not. —Paul AusterCity of Glass (1985)
  • “To be born again,” sang Gibreel Farishta tumbling from the heavens, “first you have to die.” —Salman Rushdie, The Satanic Verses (1988)
  • Most really pretty girls have pretty ugly feet, and so does Mindy Metalman, Lenore notices, all of a sudden. —David Foster Wallace, The Broom of the System (1987)

Filme sind Zitate

Was war eigentlich das besondere an den besten Filmen unserer Zeiten? Was hat sich in unsere Gehirne eingebrannt, was ist in unser Leben eingedrungen und nie wieder gegangen? Die Story, die Bilder, die Musik? Die Schauspieler, die Botschaft, das Ende? Ja, auch. Aber ich behaupte, dass die wirklich großen Filme deswegen in uns, durch uns weiterleben und unsterblich werden, weil wir sie zitieren. Jede anständige Konversation über einen richtig grandiosen Film beginnt und endet mit saftigen Zitaten, nachgespielten Szenen, einem Stichwort, einem Namen. Sie sind die unverwechselbare Visitenkarte, der Fingerabdruck und damit die eigentliche Genetik eines Films. Glaubst Du nicht? Probier es auf der nächsten Stehparty in geselliger Runde mal aus: “Der Dude,” “Möge die Kraft mit Dir sein” oder “Hier können wir nicht halten, das ist Fledermausland.” Und verlasse den Raum, bevor die echten Nerds die Konversation in eine Hörbuchversion Deines Lieblingsfilmes ausarten lassen (Originalton, versteht sich). Frauen beeindruckt man vielleicht anders. Filme jedoch versteht man nur genau so.

Deswegen machen die folgenden minimalistischen Filmplakate auch Sinn. Jerod Gibson hat die wichtigsten Zitate von 37 Filmen auf jeweils eine Silhouette geschrieben. Hier eine Auswahl:


Via MMM.

Steven Johnson: Where good ideas come from

Steven Johnson hat ein Buch namens  „Where Good Ideas Come From: The Natural History of Innovation“ geschrieben, welches sich überraschenderweise mit der Entstehung von Ideen beschäftigt. Ich zitiere analog zu Nerdcore:

Beginning with Charles Darwin’s first encounter with the teeming ecosystem of the coral reef and drawing connections to the intellectual hyperproductivity of modern megacities and to the instant success of YouTube, Johnson shows us that the question we need to ask is, What kind of environment fosters the development of good ideas? His answers are never less than revelatory, convincing, and inspiring as Johnson identifies the seven key principles to the genesis of such ideas, and traces them across time and disciplines.

Dazu gibt es eine bewegte Illustration, die ich gleichzeitig putzig und befruchtend finde (einem Karniggel ganz ähnlich). Anmerkung: Das schöne Wortspiel um den zentralen Begriff Hunch (=(Vor-)Ahnung, aber auch Höcker oder Buckel) muss man vielleicht erklären, ich musste jedenfalls erst nachschlagen. Falls sich jemand fragt, was die Schildkröten sollen.

Einleuchtend erscheint, dass bahnbrechend neue Ideen einen langen Anlauf brauchen und selten direkt beim “in der Badewanne über das Problem grübeln” kommen. Denn sie entstehen nicht aus einem linearen Denkprozess, sondern aus der Reaktion zweier Intuitionen (hunches) miteinander, zweier separater Ideenpartikel, die erst zusammen finden müssen. Die haben dann quasi Mem-Sex und einen tollen Orgasmus und gebären eine Idee. Oft genug existieren diese Ahnungen in zwei verschiedenen Gehirnen, also ist soziale Interaktion wichtig (und echter Sex, aber das ist ein anderes Thema). Welche am besten an (kommunikativen) Plätzen funktioniert, die Austausch ermöglichen bzw. aktiv anregen: In der vielzitierten Aufklärung waren das die vielzitierten Kaffeehäuser, in der Moderne die Massenmedien, heute das (tadaa!): Internet.

In einem Satz: Konnektivität bedingt und betreibt Kreativität.

Hier noch der Autor mit seinem TED-Talk zum Thema:

Zuckerberg ist ein schlauer Wohltäter

Die Meldung, dass Mark Zuckerberg 100 Millionen seiner Facebook-Dollar in eine Stiftung mit dem fantasievollen Namen Startup:Education ballert, lässt mich an den Trailer zu einem Dokumentarfilm denken, den ich neulich gesehen habe: Waiting for Superman beleuchtet den teilweise miserablen Zustand der amerikanischen Schulen. Wo das Licht der Kamera hinfällt, sieht man Mängel, Willkür, süße Kinder und Chancenungleichheit.

Das amerikanische Bildungssystem scheint es also bitter nötig zu haben, immerhin wollen Waffendetektoren und Panic Buttons finanziert sein.

Aber gerade wenn es um Spenden im Bildungssektor geht, hat die sommerliche Debatte um die amerikanischen Milliardäre, welche die Hälfte ihres Vermögen spenden wollen, Fragen aufgeworfen: Wollen wir, dass Privatpersonen, und zwar superreiche Privatpersonen, dem Staat in einer seiner zentralen Verantwortungsbereiche massiv unter die Arme greifen? Wie schließt man Einflussnahme von großen Wohltätern aus? Untergräbt man damit nicht den Glauben an soziale Finanzierungssysteme? Wohin mit dem ganzen Schotter?

Zuckerberg ist jetzt nicht nur reicher als Steve Jobs, sondern schließt mit einem Schlag zu den Big Spendern der amerikanischen Philantropie wie Gates oder Waren Buffett auf. Das ist natürlich auch ein Signal, wie Zuckerberg unverhohlen zugibt: “I’m also challenging others who want to improve education in America to match my contributions.” Das klingt für mich wie: Das soll mir erstmal einer nachmachen. 26 Jahre alt und schon Heilsbringer. In your face, schlechte Publicity!

Interessant ist nämlich vor allem das Timing der altruistischen Kampagne: Nächste Woche startet “The Social Network”, der Film über die Anfänge von Facebook und insbesondere Zuckerbergs nicht immer rühmliche Rolle als Startup-Genie. Gleichzeitig nerven ihn nicht abbrechende Gerüchte um Facebooks angeblichen Einstieg in den Mobilmarkt. Da kann man sich schonmal ein bisschen freispenden.

Ich bin jetzt erstmal gespannt, ob 100 Millionen Dollar ausreichen, den Spin um seine Person ins Positive zu wenden und die negative Aufmerksamkeit durch den Kinofilm aufzufangen. Und möchte wie so oft gar nicht wissen, was im Hintergrund der an sich gemeinnützigen Aktion noch so alles an Schweinkram abläuft.

Der Generalschlüssel oder Wie ich lernte, was Hausfriedensbruch ist

Wir  waren betrunken. Es war Montag. Wir waren 18 und hatten zu viel Bier und Schnaps gekippt. Wir torkelten durch die nächtliche Kleinstadt. Kein Auto, kein Mensch. Nur wir und der Rausch. Soweit alles normal, damals.

Die Schule lag als dunkle Baustelle, eingepackt in Gerüste und Folien, wie ein Geschenk in der Nacht. Ihre Glasfassaden waren matt, ihr Hof einsam. Nur wir und der Rausch und der Haupteingang, dessen Türen wegen der Bauarbeiten nicht richtig schlossen. Nur wir und eine schutzlose Schule. Nur wir und eine Chance, eine Vision. Der Alkohol vertrieb jedes Zögern, als der Betrunkenste unter uns die Tür mit einem freundschaftlichen Stoß aufdrückte und rief: “Hereinspaziert!”. Wir folgten ihm in die dunklen Gänge, die uns nun nicht mehr bedrückend, sondern lächerlich vorkamen. Morgen würden wir wieder hier stehen, verkatert zur dritten Stunde kommen, Deutsch bei Frau Dingsbums, und daran denken, wie einer in den Gummibaum rechts neben dem Eingang zu Direktorat pinkelte. Alle Türen waren abgeschlossen, aber immerhin waren wir drin gewesen. Die erste Euphorie über den geglückten Zugang hatte sich jetzt in eine alkoholschwere Müdigkeit gewandelt. Wir wollten schon wieder gehen, als ich in der nicht abgeschlossenen Lehrertoilette (auch dicht wie ein russischer Bürstenbinder mochte ich keine Grünpflanzen düngen) einen kleinen Putzraum entdeckte, in diesem Putzraum einen Schrank mit allerlei Putzgerät, und in diesem Schrank eine kleine Box mit Schlüsseln, von denen einer rief: Nimm mich! Probiere mich aus! Ich sehe so nützlich aus!

Bei der ersten Tür (Kartenraum) dachte ich: Logisch passt der Schlüssel, ist ja auch der erste Raum neben dem Putzraum. Bei der zweiten Tür (Klassenzimmer 6b) dachte ich: Glücklicher Zufall, aber was soll ich überhaupt im Klassenzimmer der 6b? Bei der Tür zum Lehrerzimmer wurde mir abwechselnd heiß und kalt, und als sie mit einem Schnappen aufsprang, dachte ich: Jackpot. Generalschlüssel. Und: Unsterblichkeit. Sofort war ich von baffen Gesichtern umringt. Wir grinsten wie Kinder im Schlaraffenland. Einige jaulten vor Freude. Einige schienen fast Angst zu haben vor den immensen Möglichkeiten, die uns dieser Schlüssel eröffnete. Ich sagte: “Freunde, jetzt schauen wir uns erstmal um.” Und ein angehender Jura-Student warnte: “Seid bloß vorsichtig, formal-juristisch gesehen ist das hier Hausfriedensbruch.”

Natürlich nutzten wir unsere Freiheit schon in dieser Nacht und in vielen folgenden Nächten (diesmal mit vertrauenswürdigen Mädels im Schlepptau) maximal aus. Das Direktorat bzw. sein Besuchersofa wurde von mehreren Pärchen entweiht, die Arbeitshefte einer Französischklasse unseres Lieblingslehrers um ein paar pädagogische Kommentare unter den Klausuren bereichert: Dominik, Du bist einfach zu dumm für eine 2! oder Melanie, Du heiße Biene, von mir bekommst Du für Deine Fertigkeiten auf Französisch natürlich eine 1! waren noch die harmloseren Zusätze. Der Spind meiner verhassten Englischlehrerin wurde mit diversen ekligen Flüssigkeiten gesegnet. Die Kiffer machte sich über den Äther im Chemielabor her und rauchten eine Blubb in der Lehrer-Teeküche, die Romantiker trieben es auf dem Flügel im Musiksaal, die Skrupellosen klauten dem Direktor 10 Mark aus dem Schreibtisch (und legten sie nach reiflicher Überlegung zurück, wir waren schließlich keine Diebe). Auf dem damals einzigen PC, den alle Lehrer gemeinsam nutzten, wurde allerlei Schweinkram in Bild und Schrift abgelegt und diversen Lehren in die Schuhe geschoben. Wir labten uns am nicht ganz geheimen Branntwein-Vorrat des versoffenen Musiklehrers, tanzten auf dem Flachdach und führten uns im allgemeinen auf wie Pepe Nietnagel und seine Bande auf Speed.

Bis wir irgendwann Abi machten und zur Feier des Abschlusses noch einmal die ganze Stufe zu einem Streifzug durch die Schule einluden. Wir standen auf dem Flachdach und ließen Sektkorken knallen, inzwischen unvorsichtig und übermütig geworden. Immerhin konnten uns mögliche Sanktionen jetzt nichts mehr anhaben. Wenn wir aufflogen, weil ein Nachbar beim Anblick von einem dutzend nackter Ärsche auf dem Schuldach (ein ehrgeiziges Fotoprojekt zur Erinnerung) die Polizei rief, konnte man uns das Abitur nicht mehr aberkennen. Wir hatten den wilden Gaul lange genug geritten. Wenn er uns jetzt abwarf, landeten wir weich.

Aber wir wurden nie erwischt. Und noch heute denke ich manchmal an den kleinen Schlüssel zurück; frage mich, ob ich das alles nur geträumt habe. Und wünsche mir, dass irgendwann einmal ein anderer Schlawiner nachts in den kleinen Putzraum eindringt, auf der Suche nach Abenteuer. Denn ich habe in diesen Nächten gelernt, was Hausfriedensbruch ist.

Boys Noize und alle so Yeah!

Dieses grandiose Video vom Berlin Festival erinnert mich an ein Interview für jetzt.de, das ich mit Alex Ridha aka Boys Noize letzten Winter in Düsseldorf führen konnte. Der junge Mann wirkte superentspannt und entgegen mancher Branchengerüchte wirklich grundsympathisch. Sein Album Power war gerade durch die Decke gegangen. Wir redeten also lange über seinen immensen Aufstieg, der ihm selbst etwas unheimlich war. Dass “die Kids”, wie er seine Fans zärtlich nannte, zu tausenden zu seinen Gigs kommen und total durchdrehen, zauberte ihm schon beim bloßen Gedanken ein staunendes Lächeln ins Gesicht. Dabei will er, wie er glaubhaft versicherte, eigentlich wirklich nur seine Musik machen und spielen, das eigene Label und die Freiheiten, die ihm seine Popularität einbringen, zu weiteren frischen Releases nutzen. Und wäre schon glücklich, wenn es irgendwie weitergehen würde nach dem Motto: Do what you love, and money will follow.

Von einem weniger authentischen “Star” geäußert, klängen solche Sätze wie auswendig gelernte Plattitüden. Aber schon beim Abhören der zweistündigen Aufzeichnung stellte ich mir die Frage, wie zur Hölle ich das Interview nicht als Lobpreisung schreiben sollte. Denn wenn man einem Musiker den Erfolg gönnt, dann diesem Alex Ridha, mit dem man plaudern kann, als träfe man ihn in dem Plattenladen, in dem er jahrelang gearbeitet hat. Und wenn ich auch immer mal einen Track nicht gut und sicherlich andere Produzenten musikalisch geiler fand, freue ich mich doch, wenn ich sehe, wie Boys Noize prosperiert. Siehe Video.

Tanner Almon ist ein begabter Photograph

Die Party war schon lange vorbei und wir waren immer noch da. Ein Bier noch, dann kehrte uns der Veranstalter wortwörtlich mit dem Besen auf die Straße. Wir gaben auf und dachten an das danach. Es wurde hell. Jetzt heim gehen ist auch nicht die Lösung, sagte sie zu mir, und ich nickte, wie ich die ganze Nacht genickt hatte, abwechselnd zum Beat und zu ihr. Wir stromerten durch die langsam erwachenden Gassen und versuchten uns zu verlaufen; herauszufinden, was unser nächstes Ziel sein würde. Wir kauften Schinken-Käse-Croissants und Bier. Auf einmal stand ein Sofa vor uns, jemand hatte es für den Sperrmüll herausgestellt. Wir nahmen Anlauf und schmissen uns darauf, als wäre das ein neuer Trendsport und wir die Weltranglistenersten. Schicksal, rief sie, das Sofa hat uns das Schicksal hier hin gestellt. Wir sprangen, bis die Federn sich laut beschwerten. Wir lachten mit dem Rücken auf der Sitzfläche, die Beine über die Lehne, die Welt auf dem Kopf. Wir wurden schlagartig müde und streckten uns aus. Als ich aufwachte, war sie gegangen. Ich schlafwandelte durch die Sonne nach Hause. Wo das Sofa heute ist, weiß ich nicht.

Via.

Melissa Cooke macht verstörende Kunst

Manch einer meint, Kunst müsse verstören, irritieren, sprachlos zurück lassen. Ich denke: Okee, aber nicht um jeden Preis. Provokation darf nicht um ihrer Selbst willen geschehen. Sie muss subtil passieren, durch und mit ästhetischer Kommunikation vermittelt werden. Kunst muss mich gleichzeitig begeistern und entgeistern.

Melissa Cooke schafft das. Mit verstümmelten oder maskierten Selbstportraits, mit erstickenden Fratzen in Plastiktüten, die sie Vacuum betitelt. Mit Bildern, die gleichermaßen schön wie schlimm sind.

Und entsprechende Videos macht sie auch:

Via Looks Like Good Design.

Noch nie das Meer gesehen

Wenn wir früher mit der ganzen Familie in einem geliehenen VW-Bus nach Südfrankreich fuhren, gab es nur ein Ziel, das die unendlich lang erscheinende Fahrt erträglich machte: Das Meer. Wer zuerst sah, wie es hinter einer Kuppe tiefblau hervor blitzte, wie es mit einem Schlag jede Ungeduld wegwischte, bekam von meinem Vater ein Eis spendiert. Aber auch ohne die Belohnung hätten wir kurz hinter Avignon begonnen, die Hälse aus den Fenstern zu recken und uns zu sehnen. Waren wir endlich angekommen, und war es auch spät in der Nacht, fuhren wir zuerst an den Strand, durften einmal mit den Füßen ins Wasser, einmal das Salz schmecken, einmal die Wellen flüstern hören. Und noch heute kann ich es nicht lassen, den ersten Blick aufs Meer zu zelebrieren und für immer festzuhalten, sei es auf Bali oder in Israel oder auf Sardinien aus dem Auto heraus bei 80 km/h mit einer miesen Handykamera direkt in die Sonne mit einer riesigen Sonnenbrille und einem noch größeren Grinsen im Gesicht. Hauptsache Meer.

Man muss weder Hemingway gelesen noch riesige Mavericks gesurft haben, um die Magie des Meeres zu verstehen. Man muss weder weit reisen noch lange nachdenken. Man braucht kein Geld und keine Connections. Es reicht ein halber Tag am Strand, und man ist verzaubert.

Und jetzt stell Dir vor, Du hättest das Meer noch nie gesehen. Geht nicht? Diesen Anblick, dieses Gefühl kann man nicht vergessen? Finde ich auch. Ich wäre ohne das Meer nur ein halber Mensch. Doch obwohl unser Planet zu 71% von Wasser bedeckt ist, gibt es eine Menge Menschen, die noch nie an einem Meeresstrand standen. Der Dokumentarfilm Never seen the sea stellt einige davon vor und zeigt ihre erste Begegnung mit dem großen Meer.

Humanity is locked to land that covers a mere 29 percent of the Earth’s surface. Looking out at the sea – an uninhabitable environment about which we know so little – we experience a great range of emotions; from fear, melancholy and loss, to a sense of opportunity, joy, and hope. In art and literature, the sea has always been an enduring metaphor, as we see elements of ourselves reflected in its changing waters. Never Seen The Sea documents the personal experiences of people who have never seen the sea. As they confront the unknown, and the unknowable, their life stories come the fore.


Via Diskursdisko.