Der leise Marsch zur Wiederherstellung der Vernunft

In den deutschen Medien wurde die Aktion staunend aufgenommen: Late-Night-Moderator John Stewart (Herausgeber des sagenhaften Buches Earth – The Book) hat heute zum Marsch zur Wiederherstellung der Vernunft (Rally to Restore Sanity, eine Aufzeichnung gibt es hier) aufgerufen. Hunderttausende gehen in Washington auf die Straße, um gegen die Verbrüllung des politischen Diskurses zu demonstrieren. “We’re looking for the people who think shouting is annoying, counterproductive, and terrible for your throat.” Stewart erklärt in seiner Show unterhaltsam (ab Minute 2:00), worum es ihm geht. Das Foto oben zeigt eines der Anti-Protest-Protestplakate. Ob Stewart damit zu einer ernstzunehmenden politischen Ikone wird oder eher sein Politainment auf eine neue Stufe hebt, sei dahingestellt. Ich spüre aber einen gewissen Bedarf an solch beruhigender Subversivität auch hier im schönen Deutschland, wo ein dubioser Bahnhofbau die Leute zu radikalen Todfeinden macht, dogmatische Nebelkerzen die Agenda verseuchen und vor allem: zu viel zu laut behauptet und gemeint wird.

Friedemann Weise hat Recht

Friedemann Weise teilt nicht nur meinen Vornamen, sondern auch meine Meinung, was gewisse deutschsprachige Musik angeht. Keine Songwriter ist eine Abrechnung mit “immer die gleichen Akkorde, immer die gleiche Frisur, nie geht´s um Sex oder Morde, Mittelmaß mit Abitur.” Stilistisch oszilliert das zwischen Rainald Grebe und irgendjemand anderem, den ich qua meiner Ablehnung gegenüber käsigen deutschen Texten und Seitenscheitelmusik nicht kenne.

Die weiteren Songs, die ich hier per Video vorstellen möchte, gefallen mir musikalisch besser. Alles für mich zum Beispiel ist ein unaufgeregt konsequentes Liebeslied:

Und dann noch seine Gesellschaftskritik Hemd inklusive geklauten Thunderstruck-Riff:

Warum ich den Jungen hier promote: Weil er was eigenes macht. Weil er die Eier und den Humor hat, den anderen Gitarrenhansis an die cordbehosten Beine zu pinkeln. Weil er den vielen miesen Schweinen der Welt ins Gesicht lacht, und ich deswegen ein bisschen neidisch auf ihn bin, trotz dieser seiner Hauptbehaarung. Weil er Gagaspaß mit guter Musik mischt. Und weil ihm meine unzulängliche Beschreibung seines Schaffens wahrscheinlich scheissegal ist. Deswegen zitiere ich abschließend lieber noch seine Selbstdarstellung:

Friedemann Weise sieht so aus wie er heisst und kann nichts dafuer. Waehrend er beruflich zwischen Indie-Rock und Schrammel-Pop pendelt, gibt er privat den Blue Eyed Soul Singer Songwriter von Welt.
Seine Songs bestehen meistens aus drei Akkorden auf der Akustikgitarre und einer Boy meets Girl Story, denn “nicht die Klischees an sich sind schlecht, sondern der gewissenlose Umgang mit ihnen”. Kein Satz aus der Spex, sondern aus Friedemanns Tagebuch aus seiner Zeit als Tellerwaescher. Tatsaechlich.
Beim Songwriting traegt der bekennende Scientologe (stimmt nicht) die Kamera (Metapher) locker auf der linken Schulter und rennt auf Umwegen durch die Stadt. Dabei verwackeln die Bilder. So entsteht eine fesselnde Weillsche Dichte, kontrovers aufgeloest in einer LoFi-Aesthetik, die an den neuen Kanadischen Film erinnert. Manchmal stellt er die Kamera (s.o.) aber auch auf ein verbogenes Stativ und laesst das Leben schraeg vorne am Objektiv vorbei ziehen.

Via iheartpluto.

Banksy hält die Welt in Atem

Seit ich Exit Through The Gift Shop gesehen und hier über meine Begeisterung geschrieben habe, treibt mich eine Frage um: Wie echt ist die Hauptfigur des Films, der französische Filmer Thierry Guetta, der im Laufe der Erzählung zum gefeierten Street Artisten namens Mr. Brainwash aufsteigt? Beziehungsweise: Was genau ist an ihm echt? Ist seine Karriere eine geplante Finte von Banksy, dem anonymen Superstar der Szene, der letztlich auch den Film gemacht hat? Oder ist die ganze Figur eine Erfindung? Quasi der Mr. X der Kunstszene?
Und was will uns welcher Künstler damit sagen?

Ich bin nicht der erste und schon gar nicht der einzige, der sich diese Frage gestellt hat. In Deutschland nahm vor allem Tobias Kniebe (SZ) die Fahndung auf und fragte: “Ist hier, erstens, halb L.A. Opfer einer perfiden Inszenierung geworden? Oder werden wir, zweitens, Zeuge einer brillanten, jeden Kunsthype entlarvenden, geradezu satirischen Wendung des Schicksals, die niemand – nicht einmal Banksy selbst – so genial vorhersehen konnte?” Die ZEIT hält sich raus, die Taz hingegen vermutet ein mockumentary, gibt die Spekulationen jedoch letztlich auf und bezeichnet den Film lieber als “multiperspektivische Bestandsaufnahme eines Kunstschlussverkaufs.” Dirk von Gehlen spricht in seinem Blog von einem Identitätenspiel als Kunstwerk”. Beides schön formuliert, aber keine Antwort auf die Frage: Wer oder was ist echt daran?

Die amerikanischen Kollegen sind (auf Grund der frühen US-Veröffentlichung im April diesen Jahres sowie diverser Filmfestivals) etwas schneller und näher dran und versuchen, Mr. Brainwash auf den Zahn zu fühlen. Erfolglos. Frage: “Plenty say this feels like a prank. Can you prove it’s not?” – Guetta: “What do I do to prove? To live my life? One day for me is one life. The next day is another life. It’s not important what people say.”

Und Protagonist und Mitwirkender Shepard Fairy sagt so weise wie doppeldeutig: “Of course the more I try to say it’s all true, the more it sounds like I’m somehow perpetuating the conspiracy,” bleibt aber letztlich bei der offiziellen Version: “This is a way for Banksy to tell his story but at the same time critique the street art phenomenon. It’s perfectly aligned with how he does things. But it was a very shrewd adaptation to a problem that existed, not something premeditated.” Und an anderer Stelle schwört er: “I swear to god that’s not the case. Banksy may not want me to say that but no, it’s not.”

Aber wie vertrauenswürdig ist ein potenzieller Co-Konspirateur? Anyone?

Eine der wenigen halbwegs unabhängigen Sekundärquellen, ein amerikanischer Cutter, erzählt von seiner Arbeit, das ursprüngliche Material von Guetta zu sichten. Lange vor Beginn des Hypes. Und versichert glaubhaft, alles wäre real, denn: “…I know that Thierry Guetta is real because I spent weeks and weeks wishing he weren’t.” Was wiederum ein Satz von so reiner Banksy-Diktion ist, dass er seltsam unglaubwürdig klingt.

Und der Meister selbst? Banksy spricht im April von Guetta als realem Künstler, der es gemäß der amerikanischen Metaphysik von Aufstieg und Erfolg einfach geschafft hat: “Thierry is the living embodiment of the American dream.” Und vor allem: “It’s more shocking than that, because every bit of it’s true.” Er verweist auf die Unmöglichkeit, solch eine Story zu schreiben (“I could never have written a script this funny”).

Hm, ja, klar. Der Typ, der seit Jahren die halbe Welt mit seinen subversiven Aktionen und genialen Coups unterhält, gibt sich bescheiden. Natürlich könnte er so etwas stemmen, locker, und würde hinterher alles abstreiten, mit der gleichen Konsequenz wie er seit Jahren anonym bleibt.

Ich bleibe also ratlos zurück und tröste mich damit, dass die meisten Kommentatoren zurecht betonen, dass es gar nicht um die Frage ginge, was nun echt ist und was nicht: “Whether the film is real or a hoax, its message remains the same and the joke is on us.” Man solle den Film einfach als großes Gesamtkunstwerk sehen, als Witz über so manipulative wie manipulierbare Kunstwelt, als Hype, der einen Hype karikiert. Im Endeffekt jedoch, finde ich, geht es damit eben genau um diese eine Frage: Was ist echt? Gibt es eine Kategorie “echt” überhaupt noch, wenn alles gefälscht und erfunden werden kann? Hat es in der Kunst jemals diese echte Echtheit gegeben oder war sie eine Erfindung des Systems zum Selbsterhalt? Was sagt die Unfähigkeit, ein “echt” zu definieren, über eine Gesellschaft aus?

Schaut Euch den Film an, urteilt selbst. Es lohnt sich.

Ich weiß nicht was ich von Marteria halten soll

Es ist so ein Ding mit den Hypes: Man sieht sie überall, lässt sich irgendwann anfixen und plötzlich ist man selber Teil der Lawine. Marteria, der Rostocker/Berliner Rapper mit der tiefen Stimme, war für mich bisher so ein Hype. In jedem zweiten Blog zwischen hier und Neukölln konnte ich seine passgenau produzierten Videos und Videoblogs bewundern, sogar Jan Delay schwärmt. Die Musik schien in den Hintergrund zu treten, der popkulturelle Persönlichkeit inkl. ordentlich Sex-Appeal und urbanem Außenseitercharme taugte ganz allein zur medialen Verbreitung. Also dauerte es auch bei mir bis heute, bis ich mir einen seiner Tracks mal genauer anhörte. Und fast vor Entsetzen auf den Tisch kotzte.

Die erste Textzeile der Single “Marteria Girl” (ja, ein mieses Wortspiel feat. Madonna, für Titelzwecke aber akzeptabel) lautet ernsthaft:

Mein Name ist Marteria, Du bist mein Uptown Girl
Du allein bringst mein Eisfach zum abtau´n, Girl.

Eine kurze, aber schmerzhafte Erinnerung an Bürger Lars Dietrich und seinen Spaßrap Sexy Ice zerschellt an den Innenwänden meines Geschmackszentrums, dann “reimt” Marteria weiter:

Überall Lippenstift auf dreckigen Tassen
Doch nichts ist dreckiger als Deine dreckige Lache.

Dazu trägt das Model im Video ein Bikinioberteil aus Würsten und rasiert sich einen Vollbart ab. Kapiere ich hier den Witz nicht, will der Mann uns wenig subtil verarschen oder ist das einfach mal scheiße? Keine Frage, der Typ hat eine satte Stimme und Ausstrahlung, die Beats sind auch okay – aber dieser Text kann doch nicht wahr sein! Hat sich denn irgendjemand, der den Kram seit Monaten durch die Welt straht, die Songs mal genauer angehört? Und, wie sehr tat es weh, liebe Marteria Boys & Girls?
Ich atme tief durch und beschließe, dem Jungen noch eine Chance und mir deswegen Endboss zu geben, der musikalisch definitiv bessere Track mit 8-Bit-Sound und (Achtung Musikfachanglizismus!) catchy Hookline. Ergebnis: Hier geht der Text klar. Keine Hochleistung, aber auch keine Peinlichkeiten.

Leicht besänftigt gönne ich mir direkt noch das grandiose Dachkonzert feat. Casper mit dem treffenden Geschmackspolizeitrack Alles verboten. Jetzt geht es mir besser, wenn ich auch etwas verwirrt bin: Soll ich noch mehr Tracks riskieren oder es dabei belassen? Ich googel seine Songtexte vorsichtigerweise, bevor ich mir mehr anhöre, und das Ergebnis ist ambivalent. Schöne Charaktergeschichten wie über den Computerfreak bei Amys Weinhaus:

Seine Freundin ist ein Poster an der Wand,
sein bester Freund ist ein rosa Elefant.
Thomas hat Angst, verliert leicht die Beherrschung,
Bowling in Columbine – Kegeln in Erfurt.

Miese Halbstarkenlyrik bei Du willst streiten:

Du bist hart, du willst streiten und mir zeigen wer der Boss ist,
bist wie wenn du deine Tage hast, mal Hundert und das Doppelt.
Treff’ meine Ex, Küsschen rechts, Küsschen links.
Kippst dir Sekt in’s Gesicht, bisschen rechts, bisschen links.

Was soll ich jetzt von Marteria halten? Oder besser mir die Ohren zu? Und Ihr so?

Bilder, Bilder, Liebe, Bilder

Ein typischer Wandel des digitalen Zeitalters: Früher waren Fotos ein knappes Gut. Man nahm sich eine Filmrolle, knipste und hoffte das Beste. Heute ist ein Foto kein Kostenfaktor mehr, die Speicherkarten sind endlos groß, alles und jedes wird festgehalten. Und alles unbequeme gelöscht. “You take a hundred and delete the ones you don´t want. The unflattering ones, the embarassing ones, the useless ones, and the ones that tell the truth.”

Mit diesen Gedanken zur Fotografie beginnt der schöne Kurzfilm Thrush von Gabriel Bisset-Smith, der eine Liebe von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende begleitet, ihre Bilder zeigt und mir damit, dass ich mehr fotografieren sollte. Oder weniger. Je nachdem.

Via Gilly.

Worte an die Wand geworfen

In diesem Blog dreht sich sehr viel um Worte und Wörter. Dass man auf interessante Ideen zu diesem Urmedium kommen kann, beweist der niederländische Künstler Fred Eerdekens. Wie viel Arbeit genau in diesen Installationen steckt, kann man nur schätzen. Aber welche Intellektualisierung dahinter steht, erklärt der Künstler selbst (man darf aber auch einfach nur gucken):

Entering the artistic space of Fred Eerdekens places the spectator in a semantic landscape in which what one had thought of as stable meanings are continually twisted and turned. What better way to figurize this than by letting the spectators themselves ‘twist and turn’ in trying to make sense of the objects. In spiralling around the objects, they in fact become direct figures of the play of logic that rules the objects. After the linguistic turn, and in the wake of post-structuralist thought, the topography of our mental landscapes has become increasingly intricate. The work of Fred Eerdekens attests to this fact and it provides a conceptual map of this, in many places still unknown territory.

Via MMM mit Dank an J.

The Social Network ist ein guter Film

Edit (21.10.2010): Anne Wizorek hat auf Spreeblick eine konträre Meinung zum Film, und wir haben in den Kommentaren ein bisschen diskutiert. Interessant, wie anders der Film aufgenommen wird! Hier jedenfalls der sehr lesenswerte Artikel über Zuckerberg im New Yorker.

Diesen Sonntag beschloss ich, Internetmilliardär zu werden. The Social Network, der Film über die Entstehung von Facebook, ließ mir keine andere Wahl. Wie man mit ein bisschen Nerderei wahnsinnig viel Geld (und vor allem auch Macht) einsammeln kann, ist schon überzeugend. Noch überzeugender ist allerdings die Psychologie, die der Film entwirft. Man fragt sich vorher: Wer ist dieser Mark Zuckerberg? Und hinterher: Wie viel Zuckerberg steckt in mir?

Der Film ist von der ersten Minute an schnell, smart und witzig. Die Figuren liefern sich messerscharfe Dialoge, eloquente Schlagabtausche und effiziente Konfrontationen. In den Kreisen der Computerhexer wird nicht um den Pudding gelabert, hier wird scharf geschossen. Der Trailer funktioniert also, wenn er nur Dialogfetzen aneinanderreiht:

Mark Zuckerberg himself wird von Jesse Eisenberg als visionärer, soziopathischer Obernerd dargestellt, den die schmerzhafte Diskrepanz zwischen seinen immensen Fähigkeiten und seiner sozialen Stellung zum vielleicht mächtigsten Mann des Internet macht. Sein Freund und Partner Eduardo (Andrew Garfield) ist der menschliche Part eines zu jungen Duos, das zur richtigen Zeit das Richtige richtig macht – und Eduardo selbst dabei auf der Strecke lässt. Und Sean Parker (Justin Timberlake) ist der dramatische Dandy der Szene, ein flatterhafter Prototyp angelsächsischen Entrepreneurships, der den beeinflussbaren Zuckerberg zur absoluten Ambition verführt. Frauen? Spielen nur als erotische Projektionsflächen, als nie verlittene Jugendlieben eine Rolle. Ganz oben regiert das Alphanerdchen. Und es will Rache:

Aber obwohl (oder vielleicht gerade weil) der Film stark dramatisiert, funktioniert er. Wie sich die juristisch verfeindeten Parteien in endlosen Anwaltsanhörungen die Anschuldigungen an die noch jugendlichen Köpfe werfen, damit der Film in Rückblenden die ganze Story erzählen kann, ist überzeugend gelöst. Wie Eisenberg seinen Zuckerberg erfolgreich als technokratisches Arschloch aufbaut, als auf Grund seiner Überlegenheit legitim arrogantes Genie, ist wiederum schauspielerisch grandios:

Und wie der Film, mal mehr, mal weniger subtil die Isolation dieses Ausnahmegenies etabliert, ist handwerklich beeindruckend. Immer wieder setzt Regisseur David Fincher Zuckerberg an den Rand eines Bildes, allein in einen großen Raum; den Blick auf einen Monitor, unter einem Kopfhörer versteckt. Dieser Zuckerberg zeigt keine Emotionen, feiert keine Partys, spricht nicht mit, sondern über die Leute, bleibt draußen. Wann immer eine Art von Gemeinschaft entsteht, wann immer das soziale Netzwerk der Figuren anfängt zu pulsieren – Zuckerberg bleibt der Außenseiter, der bestenfalls filmt, wenn seine Kumpel und Angestellten wie kleine Jungs in den Pool springen. Dabei geht der Schornstein des zur Firmenzentrale umgemodelten Hauses kaputt, ein Dummerjungenstreich, ein Spaß – ohne Zuckerberg. Der geht an die Tür, weil es klingelt.

Und das ist die große Leistung des Films: Ohne Aufmerksamkeit auf technische Details oder das Unternehmen Facebook an sich zu richten, bietet er eine Erklärung, wie Zuckerberg 500 Millionen Menschen in ein Netzwerk integrieren konnte. Der Film bricht ein ökonomisches Phänomen also herunter auf seine Protagonisten. Das mag eine fahrlässige Vereinfachung sein, ist aber zumindest in der Person Zuckerberg so überzeugend gelöst, dass man dem Deutungsangebot des Films glauben mag. Und das lautet: Zuckerberg bringt die Menschen zusammen, eben weil er keiner von ihnen ist. Weil er die klassische Position eines Beobachters einnimmt, dessen überlegene Analyse auf Autarkie basiert. Und weil er aus seiner Ausgeschlossenheit aus den Zirkeln der College-Elite gelernt hat, welches andere Wort der wichtigste Hebel für ein Netzwerk ist: Exklusivität.

Der Film feiert und kritisiert also den Spezialisten, den asozialen Nerd, der in einer technologisierten Welt eine Autorität ist, mit Menschen aber einfach nicht kann. Und fragt mich damit indirekt: Was willst Du sein? Erfolgreich oder beliebt? Genie oder Freund? Wie viel Zuckerberg steckt in Dir? Was würdest Du für Deine Vision tun?

Ich weiß es nicht. Aber jedenfalls überlege ich mir das mit der Start-Up-Karriere erst noch mal.

(Bleibt noch der schöne Soundtrack zu loben, den Trent Reznor (Nine Inch Nails) komponiert hat, und von dem man hier fünf Tracks gratis laden kann.)

Deadmau5 ist eine Rampenmaus

Man kann über seine Musik geteilter Meinung sein, aber Deadmau5 (sprich: Deadmouse) feiert zweifellos die aufwändigsten, exzentrischsten Live-Shows im Elektro-Business. Gemäß seinem Künstlernamen tritt er mit fluoreszierendem Mäusekopf auf, unterstützt von allerlei Laser, Leinwand, Licht und einem gelegentlichen Flug über das Publikum (im HuiBuh-Schlossgespenst-Outfit, siehe unten). Was und wie er dabei auflegt, tritt natürlich leider ein bisschen in den Hintergrund ob der Optik-Orgien. Aber wer wie der Kanadier die ganz großen Hallen vollmacht, ist sowieso gerne im Mainstream angekommen und spielt nach dessen Regeln. Und ein bisschen was der damit einhergehenden Ambition, seine Fans mit allen Mitteln zu unterhalten, könnte sich die Masse der langweiligen Knöpfchendreher ruhig abschauen. Wobei Altmeister Sven Väth die Leute inzwischen schon mit einem Papp-Smiley, den er sich vor sein Gesicht hält, zum Ausrasten bringt. So sind die DJs eben verschieden.

Drew Ressler aka Rukes hat Deadmau5ens opulenten Auftritte jedenfalls exzellent in Szene gesetzt (hier gibt es noch mehr Bilder).

Wie das dann in bewegten Bildern aussieht, kann man erstens bei dem ganz anständig gefilmten Video eines Auftritts in London sehen, das ich auch deswegen ausgewählt habe, weil der Track Not Exactly einfach sein bester bleibt. Und danach kommt noch der wacklig gefilmte Flug im Nachthemd zu GhostnStuff:

Faschismus gleich Mensch minus Empathie.

Wenn man diese drei Minuten Videomaterial einer Militärparade in Nordkorea anschaut, glaubt man seinen Augen nicht. Die tausenden von uniformierten Menschen erscheinen so gedrillt, so gleichmäßig, dass sie unwahrscheinlich werden. Man denkt: In Filmen gibt es sowas, mit Statisten und Computeranimationen, aber in echt? Der übliche Realitätseffekt von Bewegtbildern stellt sich nicht ein, vermutlich auch weil die Perspektiven oft steile Winkel von oben oder unten wählen. Aber vor allem, weil der menschliche Körper und seine kommunikativste Stelle, das Gesicht, so gleichgeschaltet agieren. Kein Lächeln, keine Gefühlsregung, keine Ausnahme. So kann man sich nicht einfühlen, sich diesen ferngesteuerten Menschenmassen nicht verwandt fühlen. Auf eine gespenstische Weise zeigt das Video, was Faschismus bedeutet: Die Abwesenheit des Individuums. Und damit die Abwesenheit von Empathie.

Via Knicken.