Nicht weil man kann. Weil man muss.

Schon an der Bushaltestelle denke ich: Armes Volk. Die paar Studenten, die verstreut um das Häuschen herum stehen wie Abfall aus einer umgetretenen Tonne, zeigen ihre buckligen Nasen der Welt nur widerwillig. Es ist frühmorgens, niemand ist hier, weil er so gerne um 8.00 MEZ bei Igor Zvidcevic in der Übung sitzt und Formeln umformt, oder bei Frau Dr. Feyerling über Methoden der quantitativen Inhaltsanalyse spricht, nachdem man ihr den Beamer angeschaltet und zum fünften Mal den Computer erklärt hat, oder bei Prof. Bauer hört, was niemand hört, weil alle schlafen. Man will das nicht. Man will nicht früh aufstehen und zum Bus laufen und wie Frühchen durch schmale Schlitze äugen und unansehnlich sein. Man steht hier, weil man muss. Man ist allgemein eher auf der Welt, weil man muss. Nicht weil man kann. Armes Volk.

Der Bus ist voll, übervoll, wie immer. Ich dränge mich zwischen zwei neunzehnjährige BWLer (warum fahren die eigentlich nicht mit dem Rad? Wo ist die Spannkraft? Haben die Haarprodukte viele Flüsse vergiftet? Wann endlich kommt ein Computerspiel, das so gut ist, so süchtig machend, so stark, dass seine Fans nie mehr aus dem Haus gehen?) und hinter eine Gruppe junger Frauen, deren freundliche Gesichter und Oberschenkelumfänge auf ein Lehramtsstudium schließen lassen. Nicht dass ich Vorurteile hätte. Urteile sind potenziell fehlerhaft. Ich weiß es nach all den Jahren einfach. Manchmal tue ich überrascht, wenn mir jemand von seinem Studiengang erzählt. Und manchmal gibt es wirklich eine statistisch erklärbare Abweichung. Im Normalfall jedoch erkenne ich das Fach mit bloßen Auge anhand der äußeren Erscheinung, wie ein Biologe mühelos Bäume nach ihren Blättern zuordnen kann. Manchmal braucht es eine Geste oder einen Satz, um zweifelsfrei unterscheiden zu können, aber auch dann zeigt meine Trefferquote: Sie sind alle gleich. Es gibt keine Überraschungen. Was mich hingegen immer wieder erstaunen kann, sind die unterschiedlichen Hygienevorstellungen dieser jungen Menschen. Meine These: Die eine Hälfte stinkt bewusst aus Rebellion gegen den Kapitalismus, die andere ist noch auf dem Heiratsmarkt. Oder will einen Professor becircen. Davon sprechen auch die zukünftigen Lehrerinnen vor mir, und sie haben ihre Erfahrungen gemacht.

“Also der Bauer ist in den mündlichen Prüfungen echt asozial. Der verlangt richtig Stoff, da konnte ich mich nicht auf die übliche Art rausreden,” sagt die mit den roten Backen. Sie sieht nach frischer Luft aus, nach intakter Kernfamilie, nach einem Beruf, der sich von Generation zu Generation vererbt und ihren Phänotyp geformt hat. Sie behält sicher auch in turbulenten Grundschulklassen den Überblick.

“Und die Frick ist eine Schlange, echt, die fragt genau in die Lücken,” murmelt die mit dem breiten Kreuz. Sie ist ein bisschen zu groß für ihr rosa Ohrwärmer, aber sie trägt sie mit Trotz. Vor 200 Jahren wäre sie nicht Lehrer, sondern vollwertige Arbeitskraft auf dem Hof geworden. Sie hat also Glück im Unglück, wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang.

“Naja, man muss sich halt vorher die Themen so legen, dass man kein Pech haben kann. Und ein bisschen mit dem Prüfer quatschen, dann sind die auch human,” sagt die kleine, die aussieht wie eine Maus. Bei ihr verbindet sich eine ruhelose Cleverness mit bedingungslosem Fleiß, was ihre spitze Nase diverse Falten der Anstrengung werfen lässt, sobald sie wach ist. Und sie ist ziemlich wach.

Erstaunlicherweise sind diese drei Menschen wacher als alle anderen, und sie reden. Sie reden viel. Ich versuche wegzuhören, und zu meiner eigenen Überraschung gelingt es mir, ausnahmsweise. Deswegen ist an dieser Stelle auch der Text zu Ende. Weil ich kann.

Freiheit, Gleichheit, Nacktheit

Amber Heard, bekannt aus dem geliebten Film The Informers (nach dem Buch von Breat Easton Ellis über die wilden 80er), setzt sich für Gleichheit ein. Deswegen lässt sie sich von Künstlerin Tasya van Ree für ihr Projekt iequalsyou folgende Sätze auf die nackte Haut schreiben: “Those who believe in democracy, liberty or freedom; must support equality. Those who believe in truth, justice or love; already do.”

Jetzt kann man sich zurücklehnen und warten, bis die Sexismus-Karte gespielt wird. Darauf sind folgende Fragen notiert: Warum muss sich die Schauspielerin ausziehen, um Gehör und Geseh zu finden? Warum macht das kein Mann? Was hat nackte Haut mit Gleichheit zu tun (Thomas Mann stellt in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull fest, dass gerade die Nacktheit Unterschiede herauskehrt. Wer schonmal in einer Sammeldusche war, weiß das)? Meine kritische Frage an den Spot wäre aber vielmehr: Warum schon wieder dieses Musikstück? Warum immer nur Frank Glazer mit seinen drei Gymnopédies? Übertreibt man es da nicht mit der Gleichheit?

Mir fällt dazu spontan folgende Textzeile von den um Gleichheit bemühten Peppers ein, plus immerhin ihr halbnacktes Video, das wiederum auch fetzigere Musik erschallen lässt:

The power of equality
Is not yet what it ought to be
It fills me up like a hollow tree
The power of equality

Und weil man den oben erwähnten Film und seine Musik und seine Nacktszenen und überhaupt nicht genug empfehlen kann (kommt er noch jemals in deutsche Kinos?) und Amber Heard sehr gut darin aussieht, hier noch der Trailer zu The Informers:

Leslie Nielsen ist tot

Nicht lustig: Leslie Nielsen ist tot. Einer der ganz großen Schabernacktreiber macht sich rüber. Uns bleibt sein Vermächtnis der Nackten Kanone; welches unsere Jugend zu albernem Blödsinn erziehen kann, wie es uns mit dummen Sprüchen und Gags bereichert hat. Die Welt, wie Lieutenant Frank Drebin sie sich einmal wünschte – er wird sie nicht mehr erleben:

Iron Sky wird in Frankfurt gedreht

Unser hirngerechter Kamera- und Stuntmann Micha arbeitet zur Zeit in Frankfurt bei den Dreharbeiten zu Iron Sky. Die Dark Science Fiction Comedy über Nazi-UFOs, die von der dunklen Seite des Mondes aus die Erde angreifen, ist ein Paradebeispiel für Filmemachen in und mit einer Online-Community. Von Anfang an waren die Fans in den kreativen Prozess einbezogen, konnten Vorschläge zu Szenen und Besetzung machen und finanzierten den Film mit Spenden in Höhe von 900 000 Euro. Dieser Prozess lief teilweise über die Crowd Sourcing Film Seite Wreckamovie, auf der unabhängige Filmemacher Partner, Geld und andere Unterstützung für ihre Projekte einsammeln können.

Inzwischen läuft die durchaus professionelle Produktion mit Stars wie Julia Dietze, Udo Kier und Götz Otto auf Hochtouren. Dabei setzen die Macher von Iron Sky weiterhin konsequent auf Social Media zur kollaborativen Einbindung der Fans. So wurden für die Dreharbeiten in Frankfurt schnell noch einige hundert Statisten über soziale Netzwerke rekrutiert, wie der Head of Social Media im Video (s.u.) erklärt. Regisseur Timo Vuorensola fasst zusammen: „Wir wollen allen denen, die von der Produktion eines eigenen Films träumen, ein Werkzeug bieten, mit dessen Hilfe sie eine Gemeinschaft bilden und ihre eigene Kunst machen können. Ich denke, dass wir mit diesem Konzept an den Ursprung des Kunstmachens herankommen – wir bündeln die Leidenschaft Gleichgesinnter zum Schöpferischsein.“

Von Fans mitgestaltet wird der Film also ein überfälliger Spaß auf Kosten der unzähligen Nazi- und SciFi-Streifen, die humorlos die immer gleichen Geschichten herunterbeten. Man muss es sich nur mal auf der Zunge zergehen lassen: Nazi Attack from Outer Space. SS-UFOs. Wahnsinn.

Hier zuerst die zwei Teaser-Trailer, danach das Video von den Frankfurter Dreharbeiten:

Das Internet ist Gott

Gestern blätterte ich durch das Programm des Schauspielhauses. Und dachte darüber nach, welche Einstellung ich wohl zu einer Uraufführung der Stückes “Das Werk. Im Bus. Ein Sturz” von Elfriede Jelinek habe. Bis jetzt habe ich noch keine. Aber vielleicht gehe ich wirklich hin. Denn Elfriede Jelinek hat eine Einstellung zum Internet:

Es kommt nicht darauf an, die Technik zu begreifen, man muß sie benutzen. Das Internet ist für mich die größte emanzipatorische Erfindung der Menschheit seit der Erfindung der Schrift. Ohne die vielen Möglichkeiten des Netzes wüßten wir von den meisten Menschenrechtsverletzungen gar nichts. Wenn die Frau des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Hausarrest hat, dann wüßten wir nichts von ihr, könnte sie nicht twittern, und von den verfolgten Regimegegnern in Iran wüßten wir genausowenig. Es gibt immer jemand, der auf den Maschen des Netzes seine Melodie zupft und sie uns hören läßt. Es hat seit der Erfindung des Telegraphen und des Telefons nichts Vergleichbares gegeben, und das Netz schlägt diese Erfindungen ja noch, weil jeder mit jedem ganz nach eigenem Wunsch in Verbindung treten kann. Es ist ein verwirklichter Traum. Und jeder hat Zugang zu jedem. Ich bin eine begeisterte Anhängerin des Netzes. Und die schärfsten Restriktionen von Regierungen können immer auch von technisch Versierten umgangen oder ausgeschaltet werden. Das Netz ist demokratisch und subversiv zugleich. Es ist Gott.

[Elfriede Jelinek in einer E-Mail-Korrespondenz mit Rita Thiele, abgedruckt im Programmheft zu “Das Werk. Im Bus. Ein Sturz”, Schauspielhaus Köln, 2010.]

Zitiert nach Mlrm via der Freitag.

Monologisch: Ich esse ja echt gerne scharf

Also die Maren und ich gehen immer zum Inder, oder zum Thailänder, und da bestell ich natürlich nur die Gerichte mit den drei Peperonis, also höchste Schärfe-Stufe, sonst schmeck ich ja gar nichts. Ohne Witz, ich bin schon so abgehärtet, ich brauch da ordentlich Zunder drin, keine so Mädchenwürze, sondern maximale, wie heisst das? Scoville-Punkte, genau. Das ist quasi wie die Umdrehungen beim Alkohol, also die Promille, je mehr desto härter, nur halt eine Skala, Du weisst schon. Ich sag auch beim Dönermann immer: Ordentlich scharf, Meister, und zwar mit Rrrr, ich ess´ da ja nur Hähnchen, niemals Lammfleisch, wer weiß, was da alles drin ist, aber egal, wenn der mir nicht genug vom Scharf reinmacht, dann roll ich den Döner grad nochmal auf und würz nach.

Neulich waren wir mit Timo und Lisa bei dem neuen Currywurstmann, was heisst Mann, das ist eher so eine Kette, da gibt´s dreizehn verschiedene Soßen in allen Variationen und richtig scharf. Der Timo ist ja eher so ein Weichei und die Mädels vertragen eh nix, also haben die Currywurst mit Stufe drei bestellt, und die Bedienung meinte, das wäre schon ordentlich feurig. Aber die wusste ja nicht, was für Flammenwerfer ich sonst so bezwinge, die hat mich gar nicht ernst genommen. Ich hab dann natürlich gleich mit Stufe 8 angefangen, man muss sich ja noch steigern können. Aber die Lisa fand das ein bisschen affig, wahrscheinlich, weil ich die Bedienung gefragt hab, ob´s denn auch zweimal brennt. Fand ich aber okay, den Spruch, die hatte mich auch verstanden, und meine Güte, man muss ja auch nicht immer so spießig sein.

Auf jeden Fall kam das Essen dann und die anderen drei haben ordentlich geschwitzt mit ihrer Kindersoße, und ich, mehr als doppelt so viel Stufen mehr, hab mich dann nachher beschwert, weil das meiner Meinung nach wirklich unmenschlich scharf war. Ich konnte das nicht aufessen, und ich esse wirklich gerne scharf, aber das kann ja kein Mensch schaffen. Also umgerechnet in Thai-Fraß wären das locker 5 Peperonis, diese Stufe 8, ich muss das mal googeln, was das genau bedeutet und wie da die Verhältnisse sind. Der Timo hat auf jeden Fall fett gegrinst, als ich aufgeben musste, aber das war auch keine angenehme Schärfe mehr, das war total aggressiv, und für den Magen ist das ja auch nicht gesund. Nächste Woche gehen wir mit denen mal zum Thailänder, wenn die Lisa sich wieder einkriegt, und dann sollen die mal die drei Peperonis probieren. Die Thai-Schärfe ist auch viel verträglicher als diese aggressive Chemie-Würze da. Und Currywurst ist sowieso ein Proletenessen.

Das Museum der gebrochenen Herzen

Wohin mit den Reliquien einer tragisch beendeten Liebe? Wohin mit gemeinsamen Gegenständen, die zu Symbolen mindestens eines gebrochenen Herzens geworden sind? Das Museum of Broken Relationships in Zagreb übernimmt die traurige Chronistenpflicht und stellt aus, was Menschen nicht mehr ertragen. Neben den üblichen Verdächtigen wie Teddybären, Plüsch-Handschellen oder einem Hochzeitskleid kommen auch bizarre Gegenstände zusammen: Ein künstliches Bein (er hat mit der Krankenschwester Schluss gemacht) oder eine Axt (will man´s wissen?). Und da die schlimmsten Erinnerungsträger oft immateriell sind, kann man in der Virtuellen Ausstellung (ist momentan leider down) sogar Fotos, E-Mails, SMS und andere flüchtige, aber deswegen nicht weniger schmerzhafte Altlasten loswerden oder sich an den zerplatzten Träumen anderer ergötzen.

Bücher: Foster Wallace, Walser, Shirky und mehr

Vorspann: Ich lese gerne gute Sachen. Und getreu dem Motto “Sharing is Caring” teile ich in unregelmäßiger Frequenz, was ich in letzter Zeit so an Büchern konsumiert habe. Mit Links zu ausführlicheren Rezensionen (im Text) und zu Amazon (via der Bilder). Weil ich Amazon- und Rezension-Fan bin. Und gerne die Elke Heidenreich des Internet werden möchte. Oder so ähnlich. Also los:


Ein typischer Fall von musste irgendwie mal lesen war für mich das dirty Spätwerk des Godfathers of German Literature Martin Walser. Das wird ja gerne als schlüpfrige Altherrenprosa hingestellt, und dessen wollte ich mich dann doch selber überzeugen. Denn irgendwann bin ich wahrscheinlich auch mal alt. Also las ich (von meinem Vater (!) subventioniert) Angstblüte und Der Augenblick der Liebe.

Walser wäre nicht Walser, wenn er dem Leser nicht gelegentlich sehr viel Metaebene, Gedankenschwirren und sprachliche Wollust zumuten würde. Aber er ist eben auch gleichzeitig ein begnadeter, stilsicherer Erzähler. Und wenn er Lust hat, von Männern im dritten Frühling und ihrem Hadern mit dem Alter und den damit einhergehenden körperlichen Entmachtungen zu erzählen, kann er das vortrefflich. Und wann liest man schonmal wirklich gute Literatur, die durch ihre Alterlastigkeit wie ein Jungbrunnen wirkt?

Fazit: Ähnlich wie Sex im Alter – kann, muss aber nicht.

Vom genialischen David Foster Wallace habe ich nun die zwei Kurzgeschichtensammlungen Vergessenheit und Kleines Mädchen mit komischen Haaren sowie zuletzt seinen Debütroman Der Besen im System gelesen. Der vielbesungene Schinken Unendlicher Spaß steht im Regal und heizt mein Zimmer mit Vorfreude, hat mir doch bisher alles extrem gut gefallen, was Foster Wallace geschrieben hat. Vor allem der Roman, eine Achterbahnfahrt voller Sonderlinge, Neurosen und menschlicher loser Enden, vibriert vor Erzählkraft und Lust an der wohlgesetzten Übertreibung. Darin geht eine Uroma aus einem Seniorenheim stiften, mitsamt der halben Belegschaft, und möglicherweise hat das mit diversen dubiosen Entwicklungen im Umfeld der Hauptfigur, ihrer Urenkelin, zu tun. Welche genauso spinnt wie ihr Chef und Freund und eigentlich alle Protagonisten. Und leider auch Foster Wallace, der sich das Leben nahm. Ein Jammer.

Fazit: Je nach Gusto erst die Kurzgeschichten oder den Roman lesen. Aber definitiv lesen!

Bezüglich des neuen Buches des amerikanischen Internetvordenkers Clay Shirky war ich voreingenommen. Ich halte ihn nämlich spätestens seit seinem Buch Here Comes Everybody (über Kollaboration mittels vernetzter Medien) und diverser erleuchtender Talks für einen der ganz wenigen wirklich guten Publizisten auf diesem Gebiet. Ein eloquenter Eierkopf, dessen scharfsinnige Analysen niemals vor lieb gewonnenen Überzeugungen und intellektuellen Sakramenten halt machen. Einer, der Dinge durchdenkt und auf den Punkt bringt, an denen andere schlaue Menschen massenweise scheitern. So ist auch sein neues Buch Cognitive Surplus: Creativity and Generosity in a connected age ein Feuerwerk aus überzeugenden Argumentationen, präzisen Beobachtungen und der typischen Prise Selbstironie, die Shirky davor bewahrt, ins Pathos abzurutschen. Seine Beispiele sind prägnant und bunt (Fernsehen ist für das 20. Jahrhundert das, was Gin für das 18. war), seine Selbstbedienung im Gemischtwarenladen der soziologischen, psychologischen und ökonomischen Forschung immer transparent und stringent. Seine Hauptthese: Dank wachsender Freizeit, Selbstverwirklichungsdrang und vor allem kommunikationstechnologischer Mittel (und der damit verbundenen Beseitigung historischer Unfälle wie dem oligarchischen Publizieren) können viele Menschen heute einiges zum Guten bewegen. Und zwar in ihrer Freizeit (statt Fernsehen). Man muss ihnen nur die Möglichkeiten im Netz aufzeigen. Und die richtigen Bücher lesen.

Fazit: Eigentlich ein Muss für Menschen, die was mit Medien machen. Streiche das eigentlich.

Die Deutsche Kulturgeschichte von Axel Schildt und Detlef Siegfried zu empfehlen ist ein bisschen ein Show-Off (“schaut mal her, was für bohemianistische Nachschlagewerke ich so nebenher noch durchpflüge”). Aber es ist wirklich ein großartiges Buch, das die (west-)deutsche Nachkriegskulturgeschichte chronologisch aufrollt und präzise dokumentiert. Man bzw. ein recht unbeschlagener Leser wie ich lernt auf jeder Seite einiges an angeberischem Partywissen (“Der Deutsche Schlager ist von Geburt an ein revisionistisches Genre gewesen”). Und schließt Wissenslücken in Richtung Entnazifizierung des Kulturbetriebs (nicht geschehen), deutsche 68er-Bewegung (bunt) und die Anfänge der Informationstechnologie in der BRD(schleppend).

Fazit: Ich habe das erste Drittel linear weggelesen und picke jetzt raus. Und das macht großen Spaß.

Nicht wirklich warm geworden bin ich hingegen mit Alberto Manguels Alle Menschen lügen, das ich allein wegen des Titels kaufen musste. Von der Welle argentinischer (Exil-)Literatur zur Buchmesse nach oben gespült, hält das Buch zumindest auf den ersten 50 Seiten nicht, was es verspricht. Ein Erzähler berichtet von einem inzwischen verstorbenen Freund aus Madrilenischen Exilantentagen, so schleppend und bemüht geheimnisvoll, dass bei mir wenig hängen geblieben ist.

Fazit: Bekommt eine zweite Chance, irgendwann.

Als nächstes stehen an: Die Nachhollektüre von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull, der besagte Unendliche Spaß und Kristof Magnussons Finanzkrisen-Roman Das war ich nicht. Empfehlungen und Beleidigungen auf Grund drastischer Geschmacksunterschiede sind immer gerne gelesen!