Die Ohrfeige oder: Wie ich lernte, was in Arabien geschenkt wird

Als ich 16 wurde, fuhren meine Mutter und meine großen Schwestern mit mir nach Israel, nach Jerusalem, in die heilige Stadt, der Ursprung dessen, woran sie und Milliarden von Menschen glauben. Ich wusste damals schon, dass ich meinen Gott in keiner Kirche, in keinem Heiligtum der Juden, Christen oder Moslems finden würde. Aber ich spürte eine Lektion, die auf mich wartete.

Die Stadt Jerusalem ist ein Kaleidoskop und ein Zaubertrick, sie schlug mich sofort in ihren Bann. Die israelischen Soldatinnen mit den Maschinengewehren, das hohe Schluchzen der Juden an der Klagemauer, die raue Männlichkeit der Araber, die Hektik der Händler, die gottesfürchtigen Pilger, der tausendfache Jesus, die ständige Gefahr, die lauernde Explosion, das unwahrscheinliche Nebeneinander von Gegensätzlichem. Eine tiefe Spiritualität, die aus jeder Ritze drang. Ich irrte durch die Altstadt, ein einziger Bazar des Glaubens, voller Gerüche und Stoffe und Geräusche und Gedanken und Geheimnisse, und wollte darin aufgehen.

In einem kleinen Laden – ein Araber und sein Sohn verkauften dort den üblichen Schmuck und Wasserpfeifen und Tand – sah ich eine Kette, die ich mit nach Hause nehmen wollte. Echt Silber, behauptete der Araber, in seinem pragmatisch verkürzten Englisch, schon tausende Touristen hatte er damit eingewickelt, und ich antwortete grammatisch penibel, Gymnasium, 11. Klasse: Was kostet diese Kette? Er nannte einen horrenden Preis, ich fing an zu handeln, ich hatte Das Leben des Brian gesehen: Hank, er will nicht feilschen, Hank, außerdem hatte ich den Reiseführer gelesen, ich war nicht dumm. Der Araber musterte mich spöttisch, sagte etwas auf arabisch zu seinem Sohn, der lachte scheu. Dann fingen sie an, mir von ihren kranken Frauen und Müttern zu erzählen, von den unzähligen Kindern, dem Leben, das übliche. Ich blieb hart, ich lächelte, ich erzählte, ich hatte selbst kein Geld, ich wollte bestehen.

Wo kommst Du her, fragte der Araber, aus Deutschland, antwortete ich. Gutes Land, sagte er. Ich sagte: Das ist mein letztes Angebot. Er sagte: Ich komme aus dem Westen, aus dem Osten, vielleicht auch aus dem Süden, ich bin Araber, das sieht man, ich bin Moslem, das sieht man, mehr siehst Du nicht, oder? Ich bin hierher gekommen, in die heilige Stadt, weil hier auch heiliges Geld fließt, auch von Christen und Juden. Alle sind in Jerusalem, Jerusalem ist alles, die ganze Stadt ist die ganze Welt, nur hier, in meinem Laden, da ist Arabien. Wisst Ihr in Europa, was Arabien ist? Wer wir Araber sind?

Ich war 16. Ich sagte: Ich glaube, dass alle Menschen gleich sind, ich glaube, dass uns allen das Leben geschenkt wurde, von welchem Gott auch immer, ich glaube, dass wir uns gegenseitig Friede und Freiheit schenken sollten. Sein Blick veränderte sich, er wurde ernst, lächelte jedoch zugleich, wie es nur Araber können, ernst lächeln, dann sagte er: Okay, Mister, Du bekommst die Kette für deinen Preis, der mich ruiniert, aber du bekommst sie, wenn du noch etwas anderes von mir nimmst.

Ich kannte die Tricks, ich sagte: Nein, ich möchte nur die Kette, nichts anderes, aber er griff meinen Arm und sagte: Du bekommst etwas, das es hier sonst nicht zu kaufen gibt, gratis, zu der Kette dazu. Vater und Sohn musterten mich erwartungsvoll, ich fühlte mich akzeptiert, ich sagte: Okay, was ist es?

Der Araber ließ meinen Arm los, den er fester gehalten hatte, als mir lieb war, und fing an, sich die Gebetskette von der Hand zu wickeln, 99 Perlen für 99 Namen Allahs glitten durch seine Finger. Sein Blick fiel auf die Luft hinter mir, seine Stimme wurde leise: Eine arabische Ohrfeige bekommst Du. Wenn Du sie nimmst wie ein Mann, wie ein Deutscher Mann, dann sind wir quitt, dann kannst Du die silberne Kette mit nach Europa nehmen und erzählen, Du hast sie einem Araber in Jerusalem abgenommen, und du hast ein gutes Geschäft gemacht, und alle Menschen sind gleich, das kannst du erzählen.
Der Sohn hatte erst eine Grimasse geschnitten, er kannte das verhandelte Gut wohl nur zu gut, dann aber gelächelt und genickt, mich aufgemuntert, dachte ich, er will mich ermutigen, das Angebot anzunehmen, er will, dass ich es annehme, es ist ein Bluff, ein Scherz, eine Prüfung, eine Lektion.

Ich nickte, okay, einverstanden, und streckte dem Araber die Hand hin. Nein, erst das Geld, dann die Ohrfeige, dann die Hand, korrigierte er mich. Ich gab ihm die Scheine, er gab mir die Kette, ich legte sie um meinen Hals, sie war ihren Preis wert. Der Araber musterte mich: Was würdest Du an meiner Stelle tun, Deutscher Junge? Würdest du mir die Ohrfeige geben oder erlassen?
Ich war 16, ich hörte im Hotel jeden Mittag zur Gebetsstunde, wenn die Straßen leer und die Geschäfte geschlossen waren, auf meinem MiniDisc-Player die Quadratur des Kreises des Freundeskreis. Ich wollte sein wie Max Herre, nein, ich wollte besser sein, ich wollte nicht nur reden, ich wollte handeln, ich sagte: Ich würde Dir die Ohrfeige erlassen, ich glaube nicht an Gewalt, ich glaube nicht an Ohrfeigen, ich glaube an Brüderlichkeit.

Der Araber schlug mir mit flacher Hand und voller Kraft ins Gesicht, es knallte, mir schossen die Tränen in die Augen. Er sagte: In Arabien, mein Junge, wird Dir nichts geschenkt, auch keine Ohrfeige.

Der letzte macht das Netz aus

Jetzt passiert also, was bisher nur als rhetorische Option existierte: Das Internet wird abgeschaltet. Die ägyptischen Machthaber haben aus zahlreichen Protestkampagnen in anderen Ländern gelernt, dass vor allem soziale Netzwerke und unabhängige Blogs mächtige Katalysatoren des regimekritischen Protestes sind. Das Beispiel WikiLeaks hat wiederum gezeigt, dass einmal ins Netz entlassene Informationen nicht wieder einzufangen sind. Dass, wo ein Wille zur Kommunikation, Koordination, Kollaboration ist, sich im Netz auch ein Weg findet.

Die Konsequenz: Abschalten.

Was aktuell in Ägypten geschieht, könnte man als Stufe Zwei bezeichnen: Nachdem (totalitäre) Machthaber lange die Möglichkeiten, die das Netz ihren potenziellen Gegner bietet, ignoriert bzw. vereinzelt versucht haben, Internetaktivisten ähnlich wie kritische Journalisten zu verfolgen, nehmen sie das Netz jetzt ernst. Wer (getreu der politischen Theorie von faschistischen Systemen) als totalitärer Herrscher die Medien in seine Gewalt bringt, muss auch das Internet in seiner Gewalt haben. Da dies auf Grund der dezentralen, fragmentarisierten Struktur des (Meta-)Mediums unmöglich ist, bleibt, im Konfliktfall, nur der Aus-Knopf. Wie dies rein technisch funktionieren kann, zeigt Ägypten mit dem Kappen der Hochseekabelverbindungen. Dass diese Abkapselung historisch einmalig ist und weitreichende Fragen aufwirft, beschreibt James Cowie wie folgt:

This is a completely different situation from the modest Internet manipulation that took place in Tunisia, where specific routes were blocked, or Iran, where the Internet stayed up in a rate-limited form designed to make Internet connectivity painfully slow. The Egyptian government’s actions tonight have essentially wiped their country from the global map. What happens when you disconnect a modern economy and 80,000,000 people from the Internet? What will happen tomorrow, on the streets and in the credit markets?

Die Frage ist jetzt aber auch: Was genau versuchen die Machthaber damit zu unterbinden, wie sehr schadet das Abschalten ihnen selbst und vor allem: Sind sie erfolgreich damit? Offensichtlich soll die Kommunikation nach außen, vor allem jedoch im Land unter den Bürgern selbst, und damit deren Koordinationsmöglichkeiten unterbunden werden. Demonstrationen und Kundgebungen können ohne Internetverbindung nicht mehr blitzschnell über Twitter oder Facebook koordiniert werden, Fotos und Videos von Polizeiaktionen nicht mehr in Echtzeit hochgeladen und geteilt werden. Für Polizei und Armee wird es unabhängige Funknetze geben, die nicht betroffen sind. Auch das parallele Abschalten des Mobilfunknetzes weist darauf hin, dass die Exekutive darauf vorbereitet ist, autark von solchen Kommunikationsmitteln zu operieren.

Die nächsten Stunden und Tage werden entscheiden, ob diese (nicht ganz spontane) Strategie als Erfolg oder Eigentor in die Geschichte eingeht. So wie Konflikte zwischen totalitären Machthabern und ihrem aufgebrachten Volk schon immer Signalwirkungen auf andere instabile Machtverhältnisse hatten, so könnte der Schachzug der ägyptischen Regierung, das Internet einfach auszuschalten, Schule machen, bringt er die gewünschte Kontrolle zurück. Und andere Regimes dazu motivieren, einen ähnlichen Kill-Switch zu installieren (schon dringen entsprechende Gerüchte aus Syrien). Eine effektive Gleichschaltung der digitalen Medien durch einen eingebauten Notaus wäre zwar nicht zu erreichen. Jedoch könnte spätestens im Konfliktfall dem Protest der kommunikative Hahn zugedreht werden, was wiederum das Internet als Plattform zur Organisation von Protest generell und von vorne herein disqualifizieren und entkräften würde. Jeder Bürger wüsste: Wenn es hart auf hart kommt, schalten die Machthaber das Netz einfach aus. Vielen entstehenden Protestbewegungen würde von dieser Aussicht schon heute der Boden unter den noch wackligen Füßen weggezogen werden.

Ein allgemein bekannter Panic-Button wäre Stufe Drei im Arsenal der totalitären Herrscher. Und eine grandiose Enttäuschung der momentan oft geäußerten Hoffnung, das Internet könne die Welt gerade dort besser machen, wo sie es am dringendsten braucht. Der Erfolg der Proteste in Ägypten ist also umso wichtiger: Die Strategie, das Internet einfach abzuschalten, muss scheitern. Ein für alle Mal.

Notizen, Fragen, Ideen

Es folgt eine Liste kognitiver Dissonanzen, halbgarer Ideen und intellektueller Irritationen, mit denen ich mich in nächster Zeit beschäftigen möchte, und die ich als Erinnerungsstütze hier aufschreibe. Durch die Links auf eigene Texte ergibt sich dabei auch eine gewisse Rückschau auf die ersten sechs Monate alright, okee!. Dazu sind Kommentare, Anregungen und Meinungen wie immer gerne willkommen.

Das Wert-gleich-Preis-Problem: Wenn der Wert einer Sache oder einer Dienstleistung gleich ihrem Preis gesetzt wird, wird vieles wertlos, was eigentlich wertvoll, und manches teuer, was an sich wenig wert ist. Daraus entspringen bizarre Fehldeutungen wie die “Kostenlos-Kultur” des Netzes oder eben Suaden wie jene von Bill Kaulitz, der das Internet abschalten möchte, weil es alles wertlos mache. Überhaupt: Ökonomischer Irrglaube überall!

Welche Geschichten habe ich noch zu erzählen, und welche lohnen sich?

Die meisten Menschen erzählen leider immer das gleiche, auf die gleiche Weise. Warum sonst könnte man den Großteil der menschlichen Kommunikation auf wenige Hauptsätze und Monologe reduzieren? Ich habe jedenfalls gerade erst angefangen, diese Monokultur zu dokumentieren.

Wer ist Banksy und gewinnt er einen Oscar für Exit through the Gift Shop? Und wie viel ist er wirklich wert?

Entwicklung von Latenzen, Geheimnissen, arkanem Wissen usw. im Zeitalter von WikiLeaks: Dieses weite Thema werde ich demnächst in einem längeren, theoretischen Text hoffnungslos verkomplizieren. Meine These vorab: Die Existenz von Plattformen wie WikiLeaks (und neuerdings auch OpenLeaks) verändert das strategische Spiel “Geheimnis” derart massiv zu Ungunsten von Organisationen, die etwas verbergen wollen, dass sie von vorne herein weniger tun werden, was verborgen werden müsste. Sprich: Die Welt wird erst transparenter, dann besser, oder nicht? Und was bedeutet WikiLeaks überhaupt für profit-orientierte wirtschaftliche Akteure? Sind diese “als nächstes dran”?

Was ist eigentlich Deutsch und wenn ja, wie viele?

Sind Tunesien und Ägypten erst der Anfang? Was kann das Internet dafür?

Sind Fehler die wichtigsten Schritte zum Erfolg? Oder bücken? Oder andere bücken? Ein klares Ziel? Oder eine Reihe von eindrücklichen Lektionen? Oder alleine sein können? Oder die Salami-Taktik?

Überangebot ist kein Problem der Angebotsseite, sondern der Selektionsmechanismen. Warum ist man am Zeitschriftenkiosk oder in der Uni-Bibliothek nicht so überfordert wie im Internet? Wo versagen die subjektiven Selektionsmechanismen und warum? Welche Filter sollte man im digitalen Zeitalter pflegen, welche hingegen sind nutzlos?

Sind Skype-Chats die besseren Interviews? Was wird wohl Max Wittrock zu erzählen haben?

Wie sieht die wichtigen Dinge des Lebens in der Zukunft aus? Musik, Buch, Interenet, Lesen, Liebe, Fußball?

Personifizierung und Diabolisierung des Internet bzw. seiner Möglichkeiten bzw. damit agierenden Firmen wie Google oder Facebook: In jedem zweiten Stück über besagte Akteure, das in Qualitätsmedien erscheint, werden weitreichende Personalisierungen und damit Attributierungen derselben vorgenommen. Die Datenkracke Google sammelt dann gerne mal, unterstützt vom Monster Facebook, unsere armen Gehirne ein, oder so. Und schädlich ist das alles, macht einsam und dumm. Ist das normal? Warum sind Intellektuelle wie (ausgerechnet) Papst Benedikt, die differenzierter damit umgehen, die Ausnahme?

Wenn ein Soziales Netzwerk von Anfang an als Social Business konstruiert wird, welche Möglichkeiten ergeben sich dann? Wie sähe bspw. Facebook aus, wenn es ein benefit-orientiertes Unternehmen wäre?

Wann oder wo finde ich endlich wieder so viel guten Techno wie früher?

Wie verändert man die Welt?

How to sell a Banksy

“Banksy’s work now reportedly changes hands for millions. But he puts up his street art for free. Have you ever wondered what would happen if you got your hands on one of these? Does it mean you’ve found a winning lottery ticket or just scraped some worthless crap off a wall? Going up against the Art Establishment, Critics, Auction Houses, Gallery Owners and Authentication Boards in a quest for the elusive meal ticket, two filmmakers unwittingly gatecrash the murky and protective world of Banksy.

How to sell a Banksy raises questions of ownership, authentication and the true value of art itself. Through all the chaos and incompetence comes a modern-day, true-story, crime-theft, comedy-caper.”

Via Ignant bei FB.

Links am 25.1.11 mit griechischer Satire

Wenn ich todkrank im Bett liege und nicht schreiben kann, sammle ich einfach, was andere so veröffentlicht haben. Als Einleitung taugt der Trailer zu Dogtooth, der griechischen Oscar-Nominierung, einem sonderbar komischem Film über Faschismus im Privaten:

  • GreenLeaks. Und die nächste, thematisch fokussierte Leaking-Plattform startet. Es geht los.
  • Ausgerechnet Sascha Lobo vertritt auf SPON eine ganz ähnliche Meinung zum Selektionsproblem wie ich neulich hier – und beschreibt sie auch noch mit der selben Metapher vom Schwimmen. Verrückt.

Facebook wird ein Social Business

Wird Facebook ein Social Business nach Nobelpreisträger Muhammad Yunus´ Vision? Leider ist das nur die Idee eines Hackers, der Mark Zuckerbergs Pinnwand kidnappte, um dem Facebook-Chef folgenden Vorschlag unterzuschieben:

Wie man sieht, hatte diese gefälschte Statusmeldung schon nach drei Minuten über 1800 Likes. Wie würden es die User wohl aufnehmen, wenn das nächste heiße Start-Up konsequent benefit– statt profit-orientiert wirtschaften würde? Wenn darin von Anfang an Möglichkeiten für die User implementiert würden, sich an einem oder mehreren definierten sozialen Zielen zu beteiligen? Wenn man neben dem persönlichen Nutzen immer auch einen gesellschaftlichen schaffen würde?

Papst Benedikt und das Internet

Eine echte Überraschung für uns vernetzte Atheisten: Papst Benedikt XVI. hat offensichtlich mehr fundierte Ahnung vom, intelligente Reflektion über und brauchbare Ratschläge für das Internet parat, als bspw. die gesamte deutsche Politik zusammen. Anlässlich des 45. Welttags der Sozialen Kommunikationsmittel zieht The Pope Formerly Known As Ratzinger den nur angemessenen Vergleich zur industriellen Revolution und fasst einleitend zusammen: Die neuen Technologien ändern nicht nur die Art und Weise, wie man miteinander kommuniziert, sondern die Kommunikation an sich; man kann daher sagen, daß wir vor einem umfassenden kulturellen Wandel stehen. Mit dieser neuen Weise, Information und Wissen zu verbreiten, entsteht eine neue Lern- und Denkweise mit neuartigen Möglichkeiten, Beziehungen zu knüpfen und Gemeinschaft zu schaffen.

Diese von eigenen Befindlichkeiten und Interessen unverstellte Sicht würde man manchen Wirtschaftsführern wünschen, die ihre Unternehmen durch die Umwälzungen in Gefahr sehen. So könnte zwar auch der Papst jammern, dass alle nur noch Blogs und niemand mehr die Bibel liest. So könnte gerade die katholische Kirche nach den traumatischen Erfahrungen mit dem Buchdruck die nächste Kommunikationsrevolution verdammen. Aber nein:Benedictus, der einen eigenen youtube-Kanal betreibt und schon letztes Jahr Priester zur Nutzung sozialer Medien aufforderte, versucht einen konstruktiven Ansatz, ohne die Risiken zu verschweigen:

In der digitalen Welt heißt Informationen zu übermitteln immer öfter, sie in ein soziales Netzwerk zu stellen, wo das Wissen im Bereich persönlichen Austauschs mitgeteilt wird. Die klare Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument von Information wird relativiert, und die Kommunikation möchte nicht nur Austausch von Daten sein, sondern immer mehr auch Teilhabe. Diese Dynamik hat zu einer neuen Bewertung des Miteinander-Kommunizierens beigetragen, das vor allem als Dialog, Austausch, Solidarität und Schaffung positiver Beziehungen gesehen wird. Dies stößt andererseits aber auf einige für die digitale Kommunikation typische Grenzen: die einseitige Interaktion; die Tendenz, das eigene Innenleben nur zum Teil mitzuteilen; die Gefahr, irgendwie das eigene Image konstruieren zu wollen, was zur Selbstgefälligkeit verleiten kann. (…)

Vor allem müssen wir uns bewußt sein, daß die Wahrheit, die wir mitzuteilen suchen, ihren Wert nicht aus ihrer „Popularität” oder aus dem Maß der ihr gezollten Aufmerksamkeit bezieht. Wir müssen sie in ihrer Vollständigkeit nahebringen, anstatt den Versuch zu unternehmen, sie akzeptabel zu machen und sie dabei vielleicht sogar zu verwässern. Sie muß zur täglichen Nahrung werden und nicht Attraktion eines Augenblicks. (…)

Wenn die Gläubigen für ihre tiefsten Überzeugungen eintreten, leisten sie einen wertvollen Beitrag dazu, daß das Web nicht ein Instrument wird, das die Menschen zu Kategorien macht und sie emotional zu manipulieren sucht oder das es denen, die Einfluß haben, ermöglicht, die Meinungen anderer zu monopolisieren. Im Gegenteil, die Gläubigen sollen alle ermutigen, die bleibenden Fragen des Menschen aufrecht zu erhalten, die von seinem Verlangen nach Transzendenz zeugen und von seiner Sehnsucht nach Formen wirklichen Lebens, das wert ist, gelebt zu werden. Gerade diese zutiefst menschliche geistliche Spannung liegt unserem Durst nach Wahrheit und Gemeinschaft zugrunde und drängt uns dazu, rechtschaffen und aufrichtig miteinander zu kommunizieren. Ich lade vor allem die Jugendlichen ein, von ihrer Präsenz in der digitalen Welt guten Gebrauch zu machen.

Angenehm unaufgeregt und ohne die üblichen Stilmittel des erhobenen Zeigefinger, der unsachlichen Diabolisierung oder sonstiger Angstrhetorik zeichnet er damit die Chancen, aber auch die Aufgaben auf, die uns und seine Schäfchen im digitalen Zeitalter erwarten. Um sich am Ende für die besonders betroffenen Medienprofis zu wünschen: Auf die Fürsprache ihres Schutzpatrons, des heiligen Franz von Sales, bitte ich Gott für die im Kommunikationsbereich Tätigen um die Fähigkeit, ihre Arbeit stets mit großer Gewissenhaftigkeit und sorgfältiger Professionalität zu verrichten, und erteile allen meinen Apostolischen Segen.

Danke dafür, Benedikt.

All the World is a Page

Ian Warner, Grafiker und Literaturfreund, stellte sich folgende Fragen: Could you fit an entire literary work onto a single poster? Would it still be legible? What would it reveal about the hidden structures and rhythms of the text? And how impressed would our friends be if we tried it out?

Und dann druckte er Faust, die Ilias, Das Kapital und Macbeth auf große Poster und verkauft sie heute auf www.all-the-worlds-a-page.com. Der geneigte Experte kann die Reihenfolge vergessen und raten, welches Poster welches Werk ist:

Quelle: Diese verrückte Dekorationsidee fand ich übrigens nicht auf einem schwedisch-britischen Hipster-Blog, sondern im berüchtigten Lifestyle-Magazin bahn.mobil, welches, so will es die ungeschriebene bundesdeutsche Fernreisen-Etikette, unter widerwilligen Seufzern erst bei einer Verspätung jenseits der magischen 30-Minuten-Grenze zur Hand genommen, semiinteressiert durchgeblättert und dem Schaffner höflich als Schreibunterlage bei nachträglich auszufüllenden Formularen gereicht wird. Inhaltlich besteht das Magazin zu 30 % aus recycelten Reportagen geschäftstüchtiger Premium-Journalisten, deren gelangweilter Hochmut aus jeder Zeile der Überarbeitung tropft, 30 % aus Interviews mit (und anschließende Features über) leidlich bekannten deutschen Fernsehgesichter, deren persönliche Promo-Tour für ihr neues Medienprodukt ihren vorläufigen Tiefpunkt im ICE Hamburg-Berlin erreicht, und 30 % Vorabdrucken von Kinderbüchern oder Büchern für Erwachsene, die von Kindern geschrieben sein könnten. Der Rest ist Eigenlob der Bahn und manch toller Tipp aus dem Internet.

70 Pesos sind nicht genug

Mexico, Yucatan, irgendwo in der Pampa. Die junge Frau kam quer über die staubige Straße zu uns gelaufen und sprach uns an: “Do you guys maybe go to Valladolid, too? My boyfriend and I only have 70 Pesos, and the taxi guy wants at least 80 for the ride. So I thought maybe we could share the taxi, since we have been waiting for 3 hours now.” Wir kamen gerade aus Valladolid, schüttelten also die Köpfe und rechneten kurz nach: 100 Mexikanische Pesos entsprechen sechs Euro nochwas. 70 Pesos entsprechen also ungefähr Vier Euro Fünfzig. “No, sorry, we are heading East”, antworteten wir, “but honestly, 80 Pesos would still be a good deal. It is a 40 minutes ride by car, so…”

Aber sie zuckte nur mit den Schultern, winkte in Richtung des Taxifahrers resignierend ab und schlich durch die Hitze zurück zu ihrem Freund, der auf der anderen Straßenseite neben seinem Rucksack lag. Wir verstanden: Das war keine gewiefte Verhandlungstaktik, um den Fahrer weich zu kochen. Die beiden hatten wirklich nur diese 70 Pesos, nur vier Euro fünfzig dabei. Der Bus fuhr erst in zwei Stunden, der Taxifahrer wollte 60 Cent mehr, als sie besaßen, also würden sie weiter warten. Und irgendwann doch noch den überfüllten Bus nehmen. Ihr Budget war eben beschränkt. Ähnlich beschränkt wie das des französischen Pärchens, welches uns einmal, irgendwo auf der Straße zu einem Traumstrand, nach dem Weg zum Highway fragte. Sie trugen beide volles Gepäck (er vorsichtshalber noch eine Gitarre) und wollten die vier Kilometer laufen, um dann zu trampen. 30 Pesos für ein Taxi waren nicht drin. Beschränkt eben.

Abgesehen davon, dass mir die internationale Backpacker-Gemeinde grundsätzlich suspekt ist, entpuppte sich auf meinem letzten Trip durch das Schwellenland Mexico eine unterschätzte Subspezies als besonders bemerkenswert: Der knallharte Budget-Traveller. Geschult und geführt durch Reisebibeln wie den notorischen Lonely Planet oder seine noch sparsameren Ableger “Europe/Latin America/ Asia on a shoestring” (in etwa: “Europa für ein paar Pfennig”), richtet sich der Budget-Traveller weder nach eigenem Reisewunsch noch fremder Geographie oder Klima. Sondern nach seinem Budget. Selbiges wird üblicherweise vor der Reise festgelegt und dann als Tagesbudgets auf jeden Reisetag verteilt. Umschichtungen sind erlaubt, ziehen aber Sparmaßnahmen an anderer Stelle nach sich. Und so sitzt er dann im mittelamerikanischen Staub und kann sich die sechzig Cent Aufschlag für ein Taxi nach Hause nicht leisten. Nicht, weil er die Ausgabe situativ nicht für nötig hielte, sich nicht über den Tisch ziehen lassen wollte oder der Taxifahrer ein Schuft wäre. Sondern weil er es sich selber versagt.

Diese Spartaktik erscheint, oberflächlich betrachtet, als ökonomisch diszipliniert. Vergleicht man Kosten und Nutzen und blickt dabei in verschwitzte, abgekämpfte Gesichter auf der Suche nach einem einzusparenden Cent, verwandelt sich die Disziplin in reinen Masochismus. Und denkt man sie einmal zu Ende, ist eine solch radikale Spartaktik schlicht paradox; dient sie doch vor allem dazu, mit möglichst wenig Geld möglichst lange unterwegs zu sein. Budget-Traveller sparen also drastisch an allen Ecken, auch und vor allem an Mobilität und Komfort. Sie warten Ewigkeiten auf den Bus, um ihre grenzwertig bescheidenen Unterkünfte zu erreichen, wo sie sich möglichst wenig aufhalten. Sie kaufen anonyme Massenware im billigsten Supermarkt und kochen sie im Hostel, wie sie es auch zu Hause tun. Sie verstecken sich stundenlang im Kofferraum ihres VW-Busses, um die australische Fähre um ein Personenticket zu klemmen (eine wahre Geschichte!). Dass sie statt des Sonnendecks nur den Autoinnenraum genießen können, scheint ihnen egal, besser: es beweist ihnen, wie ernst sie es mit dem Reisen nehmen.

Ob jedoch einer von ihnen jemals ausgerechnet hat, wie viel Zeit er in Kofferräumen und an Bushhaltestellen verliert? Ob jemand mal umgelegt hat, wie selbst billige Hostels und billige Flüge die Fixkosten seines Reisetages hochschrauben, er also mit Warten verbrachte Zeit indirekt durchaus bezahlt? Wie viel Zeit seines maximal ausgedehnten Trips er mit Ausharren, Rechnen, Organisieren, kurz: mit sparen verbringt, anstatt zu reisen. Wie viel Zeit, Gedanken und nicht zuletzt auch Geld er währenddessen verschwendet. Wie viel Geld er in den gesparten Stunden zu Hause hätte verdienen und sich damit finanzieren können (Stichwort Opportunitätskosten): Selbst wenn er nur bei Jack Wolfskin Reißverschlüsse reparierte, verdiente er in einer Stunde mehrere Taxifahrten, die ihm wiederum Tage unbeschwerter Reiselust bescheren könnten. So viel diese Minimalreisenden auch von der Welt gesehen haben, den volkswirtschaftlichen Effekten des ökonomischen Hebels, den sie aus purem Egoismus verkümmern lassen, haben sie nicht verstanden. Ein kleines bisschen nachhaltiger Tourismus kann wahre Wunder in armen Regionen bewirken, aber dazu braucht es Besucher, die Geld ausgeben wollen.

All diese theoretischen Überlegungen bei Seite, käme ich mir als junger Europäer ziemlich dumm vor, sparte ich mir ausgerechnet in einem Schwellenland die spottbilligen Dienstleistungen vom Munde ab. Um letztendlich einem Taxifahrer mit geschätzten 100 Euro Monatsverdienst erklären zu müssen, dass ich keinen Peso mehr zahlen könne, weil ich gerne so lange wie möglich in seinem schönen Land herumstreunen möchte. Und zwar bitte umsonst.

Noch beschränkter sind eigentlich nur die verhaltensauffälligen Hippies (zurecht verboten in Malaysia):

Die Netzstrumpfhosen sind kaputt

Finally! Übersetzungen von Hits, gnadenlos vom Englischen ins Deutsche gezerrt und dann ironiefrei von Volksaufklärer Alexander Böhm und Gästen über das Karaoke-Original nachperformt. Klingt genauso bescheuert, wie man es sich oft vorstellt, wenn man die Originale zu überhören versucht. Ich spar mir die Analyse der linguistischen Hürden und kulturellen Konnotationen und fordere ganz platt: Diese lehrreichen Peinlichkeiten sollte man stündlich im deutschen Radio spielen, damit der Pöbel mal hört, zu was für Schwachsinn er da Samstagnachts inner Disse so derbe abgeht. Und was von großartigen Songs wie Use Somebody oder Eminems Raps übrig bleiben, wenn man sie übersetzt. Hier gibt´s noch viel mehr.

Kes$a -We R Who We R:

Katy Perry – Teenage Dream:

Eminem & Rihanna – Love the way you lie:

Kings of Leon – Use Somebody:


Via Polkarobot.