Banksy: Enter Through the Stall Door

Großartige Fortsetzung von Banksy: Enter Through the Stall Door. Ein aufstrebender Street Artist namens Stall stellt die Kunstwelt auf den Kopf, indem er einfach alles “gay” nennt. Und ich frage mich wie so oft: Warum schafft es in Deutschland keiner, handwerklich saubere Persiflagen mit Herz und Hirn zu machen, statt immer nur platt zu verarschen?

Movits! – Sammy Davis Jr.

Hab ich schonmal erwähnt, dass ich skandinavische Anzugbands grandios finde, die auf schwedisch (mit japanischen Untertiteln?) einen verrückten Funk über einen einäugigen schwarzen jüdischen Entertainergott singen? Nein? Dann sei das hiermit erledigt und gleichzeitig das Wochenende eingeläutet. Auch die Freischaffenden müssen, der Psychohygiene wegen, einen gewissen Rhythmus etablieren und ihn, so schmerzhaft es erscheinen mag, konsequent durchhalten. Also, liebe virtuelle Kollegen, ich mache Fireabend und suche meinen weißen Anzug.

Via Discobelle. P.S. Morgen lässt mein SCF den Dom in Kölle und nimmt drei Punkte mit.

Helmut Berger ist der perfekte Gast

Gestern stellte ich auf Facebook eine Frage an meine Freunde: Welchen Prominenten würdet ihr gerne in einer unterhaltsamen Koch-Talk-Show zu Gast sehen? Die Antworten waren so zynisch wie wenig überraschend. Außer diversen maulfaulen Fußballern, strohdummen Starlets und dubiosen Diktatoren fielen den Kommentatoren nur des Betrugs überführte Spitzenpolitiker und andere überverbrauchte Gesichter ein. Der Kannibale Armin Meiwes, Kai Diekmann, Helge Schneider und Money Boy waren noch die bunteren, aber unrealistischen Vorschläge. Jugendliche Sympathen wie Clueso und Mehmet Scholl blieben als einzige ernstzunehmende Kandidaten übrig.

Ich kann diese Personalprobleme verstehen: Die meisten Fernsehfressen kann man schon nach fünf Minuten nicht mehr ertragen, die Besetzung der Shows funktioniert so inzestuös wie ein Schweizer Bergdorf, der Humor bleibt dafür im Tal. Die verbalen Aussetzer und inhaltlichen Brachen sind bemitleidenswert, eine Unterhaltung mit dem Küchenboden ist unterhaltsamer als das aneinander vorbeirasende Geschwätz der professionellen Gesichtsverleiher.

Wirklich dankbare Talkgäste sind heutzutage rar. Man kann sich den Helmut Berger (auf Hinweis von Freund Rinderbaron), der von der After Show Party der Stones direkt ins Studio wankt, eben nicht schnitzen:

Ich reiche die Frage nun also weiter. Mal ganz im Ernst, liebe Medienkonsumenten: Welche (halbwegs) Prominenten, Geschlecht und Beruf egal, möglichst frisch, möglichst nicht schon Jahrhunderte im Geschäft, würdet Ihr gerne in einer TV-Show sehen? Wer ist unterhaltsam und interessant genug, um von einem freundlichen Gastgeber in ein anregendes Gespräch verwickelt zu werden? Gibt es nicht jemand, von dem man mehr erfahren möchte? Welchen Eurer Lieblinge sollte die Welt kennen lernen?

Die Lüge in Zeiten der Cholera

Der Lüge geht es gut, mit der Ehrlichkeit ist es jedoch ein Kreuz in diesen Zeiten. Jeder verlangt sie, wenige können sie sich leisten, keiner sie garantieren. Die Öffentlichkeit kennt sie nur als gebrochenes Versprechen, sie ist wie eine Riege Hollywood-Stars für das lokale Kunstfilmfestival: Groß angekündigt findet keiner den Weg in die Provinz. Wirklich enttäuschen kann ihre  Abwesenheit jedoch niemanden, zu desillusioniert ist das Publikum, zu oft schon wurde es betrogen. Während die Medien davon ebenso profitieren wie die Politik, zieht sich der Anspruch der Aufrichtigkeit zurück. Der wissenschaftliche Betrieb, zumindest theoretisch eine Ausnahme, wird eingeebnet in den Sumpf des lassdichnichterwischen. Es greift eine neue Logik: Wahrheit wird Verhandlungssache, Aufrichtigkeit wird relativ, öffentliche Ehrlichkeit wertlos.

Bildquelle.

Nicht erst seit zu Guttenberg und seiner Serie an Lügen und Täuschungsmanövern, die er gestern im Bundestag unbeeindruckt wie ein Roboter fortsetzte, kann man nicht umhin zu erkennen, dass wir in einer zutiefst verlogenen Zeit leben. Was an der Spitze der Gesellschaft mit Politikern deutlich wird, die für ihre Lügen nicht mehr abgestraft werden, da “wir doch wichtigeres zu tun haben” und “jeder schonmal betrogen hat”, findet überall seine Entsprechungen. In jeder Werbepause wird mit großen Aufwand ein Lügengebäude nach dem anderen errichtet, um mich zu überzeugen, ich bräuchte das Produkt, um begehrenswerter, glücklicher, besser zu sein. Zwischen den Werbepausen werden inszenierte Ereignisse als real verkauft, wenn verwirrte Menschen im Sinne des größtmöglichen Spektakels vor der Kamera vorgeführt werden. In den meisten Zeitungen und Magazinen steht lustlos recherchierter, mehr oder weniger erfundener Quatsch, und der größte Teil der Menschen verdient als Versicherungsvertreter, Discounter-Kassiererin, Investmentbanker sein Geld mit falschen Versprechungen. Ständig fliegen Betrüger auf, werden Lügen enttarnt. Es liegt scheinbar in der Natur des Menschen, die Wahrheit zu eigenen Gunsten zu beugen.

Das Internet erlaubt, siehe die rasante Arbeit des Guttenplag-Wikis oder manche WikiLeaks-Veröffentlichungen, eine schnelle Entlarvung von Lügen. Was seit zu Guttenberg jedoch die Hoffnung auf eine Besserung zunichte macht, ist die paradoxe Bagatellisierung der Lüge bei gleichzeitiger Überhöhung des Geständnisses. Eine einfache, eine perfide Rechnung: Guter Mensch minus Fehler plus Entschuldigung gleich besserer Mensch. Lügen und Täuschen ist nach dieser Logik okay, so lange man sich entweder nicht erwischen lässt, oder im ungünstigsten Fall so lange versucht, die Lüge durch neue Lügen zu stützen, bis man den Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Hat man sich völlig verrannt, leistet man Abbitte und gewinnt als reuiger Sünder an Format, darf die Katharsis wie ein reuiger König David für sich verbuchen. Heute stellt sich der beliebteste Politiker der Republik  vor den Bundestag und tut so, als ob seine Entschuldigung ihn unverwundbar machte, getreu dem Motto: Was mich nicht tötet, härtet mich ab. Dem Lügner werden damit ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Er darf nun auf den Zuspruch, nicht den Zorn des gettäuschten Publikums hoffen, wird zum Vorbild statt zum Paria. “Demut wird zur Ware in einem Deal”, schreibt Karsten Polke-Majewski auf ZEIT online. Male ich mir die Signalwirkung an den Nachwuchs der Union aus, wird mir körperlich schlecht. “Das Ende der Doppelmoral” könnte der Startschuss zu einem neuen, noch selbstherrlicheren konservativen Egoismus sein.

Wo aber bleiben die entrüsteten Proteste der Menschen, deren Existenz von einer gewissen Mindestehrlichkeit abhängen? Wo verstecken sich die Professoren, die Lehrer, die Richter? Die Direktorin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, sagte: “Es handelt sich um schwerwiegende Vergehen, die entsprechende Konsequenzen haben müssen”. Und mit dieser diffusen Forderung scheint das Thema für diejenigen, die davon leben, erledigt zu sein. Wie kann ein deutscher Professor jetzt noch glaubwürdig von seinen Studenten reguläre Arbeiten einfordern? Können wir jetzt nicht, wie Karl Lauterbach es formulierte, die “wissenschaftliche Arbeit einstellen”?

Es scheint inzwischen ziemlich egal zu sein, ob man ehrlich ist oder verlogen. Der Ehrliche ist in dieser Welt nicht nur der Dumme, er verspielt auch die Chance, gestärkt aus einer Glaubwürdigkeitskrise hervorzugehen. Andere Eigenschaften sind dienlicher: Beliebtheit auf Grund positiven Auftretens. Schneid. Sturheit. Große Worte wie Klarheit, Wahrheit, Anstand, Aufrichtigkeit. Dahinter? Purer Egoismus. Zu Guttenberg erzählte gestern meist in der dritten Person, man habe die Fehler eingesehen, man habe sich eben übernommen. Vielleicht kann er sich schon selbst nicht mehr leiden. Vielleicht möchte er nicht mehr der Lügner sein, nicht mehr um die Macht schachern und nicht mehr mit seiner Aufrichtigkeit wuchern. Vielleicht wäre er gerne der Held, der er für viele zu sein scheint, ein moralisch entrücktes, unangreifbares man, ein guter Mann, der noch gebraucht wird. Vielleicht wäre er gerne ein ehrlicher Mensch.

Es ist ein Kreuz mit der Ehrlichkeit in diesen Zeiten. Ist sie nicht in uns, ist sie nirgendwo.

Ruinen, der Zukunft zugewandt

Eine beängstigende und zugleich beruhigende Gewissheit: Der Zahn der Zeit nagt unerbittlich, nichts lebt ewig, alles vergeht. So rotten auch diese Ruinen, einst stolzes Menschenwerk, in stiller Einsamkeit vor sich hin. Alle haben sie ihre Geschichte: Das ukrainische Kernkraftwerk, das niemals fertig gebaut wurde, Stalins Eisenbahn des Todes zwischen den sibirischen Gulags, die verlassene Hashima Island (erstes Bild), oder der Schiffsfriedhof vor Nouadhibou (zweites Bild), oder…

Via The Technium.

Die da oben und die da unten

Plagiatsdiskurse wie über Hegemann und aktuell zu Guttenberg zeigen eindrucksvoll die Diskrepanz zwischen den Regelsystemen und Gerechtigkeitsempfindungen, die bei intellektuellen “Verbrechen” angelegt werden. Die Gesellschaft ist uneins, ob und wenn ja wie solche Verstöße sanktioniert werden sollten. Die durchscheinende Konfliktlinie jedoch schiebt sich immer mehr zwischen Intellektuelle und Materialisten, zwischen Elite und breite Masse, zwischen Moderne und Postmoderne – oder wie auch immer man sie nennen möchte. Einfacher ausgedrückt: Die Causa Guttenberg wird immer mehr zu einem die da vorne/oben gegen die da hinten/unten.

Und wir oben müssen reagieren. Zuerst, indem wir uns bewusst machen, was genau momentan passiert.

Was viele Intellektuelle und Publizisten weniger theoretisch formulieren, aber woraus sich letztlich ihr Gefühl von Betrug und Ungerechtigkeit speist: Der Regelverstoß der Plagiats stellt innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie einen klaren Diebstahl dar (wie ich hier etwas genauer belegt hatte). Ob Helene Hegemann für ihren Roman die darin viel gelobte Sprachgewalt von einem unbekannten, darbenden Autoren übernimmt oder ob zu Guttenberg eine halbe Doktorarbeit aus diversen Quellen abschreibt: Wird der eigentliche Urheber der Sätze und Ideen nicht wenigstens mit dem Minimalpreis “Referenz in Fußnote” bezahlt, wird er bestohlen. Juristisch stellt dieser Verstoß selbstverständlich keinen Diebstahl dar. Und während also im diffusen Bereich von Moral und Anstand die Beurteilungen zwischen “Betrug” und “Lappalie” variieren, explodiert logischerweise in der Öffentlichkeit die Debatte um die Schwere des Verstoßes und eine angemessene Sanktion.

Die einen fordern zu Guttenbergs Rücktritt, da ein täuschender, bewusst lügender Verteidigungsminister inakzeptabel sei. Die anderen wollen die “Hetzkampagne” der Medien gegen den “guten Mann”, den man schließlich noch brauche, abwürgen. Die an Ungerechtigkeit grenzende Nachsicht, mit der Plagiierer in der öffentlichen Debatte behandelt werde, zeigt die Diskrepanz zwischen Lebenswirklichkeit und im kollektiven Gerechtigkeitssinn verankerter Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Sanktion. Während ein guter Teil der Gesellschaft schon in genau dieser Aufmerksamkeitsökonomie lebt und arbeitet, ist die Kluft der Lebenskonzepte (teilweise kongruent mit der vielzitierten Digitalen Kuft) groß, da es immernoch den Maurermeister und die Zahnarzthelferin gibt, die mit ihren Händen Geld verdienen, und für die Aufmerksamkeit keinerlei Wert darstellt. Für diese modernen Menschen, die in einem vorwiegend materialistischen Kontext denken und wirtschaften, wurden hier keine wichtigen Regeln verletzt. Es waren ja nur Worte, ein paar Sätze, meine Güte, haben wir nichts wichtigeres zu tun? Oder wie Max Steinbeis feststellt: Für eine Frisöse, für einen Altenpfleger, für einen Investmentbanker ist nicht mehr als eine Petitesse von ungefähr der gleichen Tragweite, als hätte Guttenberg beim Abitur gespickt.

Sie sehen nicht, was so schlimm sein soll an solchen Verstößen, während jeder (im weitesten Sinne des Wortes) Medienschaffende, viele Wissensdienstleister, jeder Kreativarbeiter spürt, dass hier mit den grundlegenden Gütern seiner ökonomischen Existenz eitle Schindluder betrieben wird. Also fordern die in ihrer theoretischen Existenzgrundlage bedrohten Menschen einen äquivalente Sanktionen, die über die direkte Dimension des Verstoßes hinausgehen (sprich: Guttenberg soll nicht nur den Titel ablegen, sondern abdanken), da ein Politiker, der sich so überheblich und frech nicht an die Spielregeln hält, die für sie gelten, auch nicht ihr Anführer sein soll. Sie sind entsetzt über die systemischen Fehler (Wie viele Summa Cum Laude hat die Uni Bayreuth verteilt? Wie viele unserer Politiker sind Betrüger?) und suchen die Reinigung des Systems, das sie ernährt.

Den weniger aufmerksamkeitsökonomisch Beschäftigten kommen diese Forderungen nach konsequenter Regeleinhaltung wie das Quäken des Klassenstrebers vor, der bei der Lehrerin die korrekte Sitzordnung einfordert. Sie verstehen nicht, welches System und welche darin geltende Moral die Intellektuellen mit einer öffentlichkeitswirksamen Sanktion bestätigen und stützen wollen. Denn sie leben in einem anderen Deutschland, befolgen andere Spielregeln. Natürlich haben sie gelernt, dass abschreiben verboten ist, aber gilt nicht auch die Regel vom sichnichterwischenlassen, oder wie ein User auf stern.de formuliert: Hab’ auch schon mal abgeschrieben und, wem hat es geschadet? Für sie ist die geistige Leistung und damit auch das geistige Eigentum einer Doktorarbeit oder eines Romans eine abstrakte Größe, ihre tägliche Leistung hingegen ungleich besser greif- und messbar. Sie betrachten die schimpfenden Intellektuellen wie den Radfahrer in dem Witz: Er muss sich sogar die Luft pumpen. Wie kann man Luft besitzen? Wie kann das Fehlen einer Fußnote einen Minister stürzen?

Es ist gefährlich, die aufeinanderprallenden Standpunkte nur mit Parteiaffinitäten oder dem unvermeidlichen Neidvorwurf zu erklären. Diese Debatten sind Zerreißproben und damit gleichzeitig Standortbestimmungen für eine Gesellschaft, deren Mitglieder immer unterschiedlichere Lebenskonzepte entwickeln, deren Schnellste die Langsamsten immer mehr abhängen, deren Extreme sich immer mehr entfremden. Wenn die entscheidenden Konfliktlinien weiter nur zwischen Arm und Reich, Links und Rechts, Ost und West gedacht werden, vergisst man, welche Denkmuster und Lebenswirklichkeiten hinter diesen Polen stehen. Heterogene Meinungslandschaften wie in den Plagiatsdiskursen zeigen, dass diese alten Dimensionen eingehen in die größere Unterscheidung zwischen postmodernen und modernen Menschen, zwischen Elite und Masse. Die alten Attribute können höchstens in einer Reihe von “eher” in die neue Ordnung eingehen: Postmoderne Menschen leben eher im Westen, sind eher links und eher reich. Oder auch nicht. Trennscharfe Unterscheidungen werden schwieriger. Dafür wird in den polarisierenden Diskursen umso härter gekämpft.

Wenn zu Guttenberg seinen Titel unter tosendem Applaus und dem Beifallsgeheul der BILD zurückgibt, fühlt sich das für die Modernen nicht zu Unrecht als Sieg über die Postmodernen an. Da hat sich “einer von ihnen”, als der sich der Adlige paradoxerweise stilisieren kann, erfolgreich gegen das Gericht der kleinkarierten, neidischen Intellektuellen durchgesetzt. Wenn die Kanzlerin arrogant bemerkt, sie hätte einen Verteidigungsminister, keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt, ist das ein Schlag ins Gesicht für alle, die täglich nach den Kriterien bewertet werden, die für zu Guttenberg nicht relevant sein sollen. Und eine Bestätigung für diejenigen, die dem abgehobenen akademischen Betrieb seit jeher nichts zu-, oder ihm grundsätzlich misstrauen. Wenn in den Facebook-Unterstützergruppen für zu Guttenberg Stimmung gemacht wird, ohne ein einziges valides Argument anzuführen, wenn ausgerechnet das Medium der gegnerischen Avantgarde genutzt wird, um sich öffentlich in einen kollektiven Rausch der konservativen Katharsis zu steigern, dann ist genau diese Verweigerung jeglicher rationaler Argumente der größte Sieg der Modernen über die Postmodernen. Seht her, er hat nicht nach den Regeln gespielt, und jetzt spielen wir nicht nach den Regeln! Und wir gewinnen! Florian Güßgen identifiziert diese Haltung auf stern.de“Was nämlich die Argumente der Guttenberg-Anwälte gemein haben, ist eine Abkehr von jedwedem Rationalismus. Es sind die Anti-Aufklärer, die hier am Werke sind.”

Zu Guttenbergs politisches Überleben erfüllt nicht zuletzt auch die Sehnsucht der Modernen nach einem Sieg über eine immer postmodernere Gesellschaft. Kraft seiner Fähigkeiten, “den Kopf einzuziehen und das durchzustehen” (Professor Gerd Langguth in BILD), also die geistige Anklage körperlich zu meistern, ist er ihr perfektes Vorbild, ihr Held, die Personifikation ihres alltäglichen Kampfes, sich in einer immer komplexeren, abgehobenen Welt zurecht zu finden, Spielregeln zu befolgen, die für sie keine Grundlage haben, und sich im Zweifelsfall eben darüber hinwegzusetzen, unter Hinweis auf die Verschwörung von oben, die ihnen das Leben hier unten erst schwer macht.

Also geht es auch um Eliten und der anti-elitären Haltung des “einfachen Mannes”. Und damit schnell antidemokratische, weil direkt volkssouveräne Haltungen. Wieder Steinbeis: Gerade deshalb gibt es wenig Undemokratischeres als ein Mächtiger, der sich unmittelbar auf den Willen des Volkes stützt statt auf das Recht.

Wir postmodernen digitalen avantgardistischen Kopfmenschen müssen aufpassen, dass die vermeintlich abgehängte träge Masse nicht bei einem anti-elitären, anti-intellektuellen, pseudodemokratischen Rebound-Effekt zur wuchtigen Legitimationsgrundlage für allerlei politische Fragwürdigkeiten werden. Wir wollen keinen Berlusconi, wir wollen keinen Sarkozy, wir wollen keinen zu Guttenberg, der auf einer trotzigen Welle des scheinheiligen Pragmatismus bis ganz oben schwimmt. Wir müssen erklären, warum in unserer Lebenswelt eine zusammenkopierte Doktorarbeit keine Bagatelle ist, wir müssen zeigen, was für uns auf dem Spiel steht. Wir müssen unser Lebenskonzept und die dazugehörigen Spielregeln transparent und nachvollziehbar schildern.

So sehr es uns auch befremden mag: Wenn wir den von manchen befürchteten Sieg des Systems der Blender und Irrationalen in einem neuen Klassenkampf verhindern wollen, müssen wir raus aus dem Elfenbeinturm. Sonst schließt man uns im Turmzimmer ein und wirft den Schlüssel weg. Wie anfangen? Keine Ahnung. Vielleicht, indem wir manche bequeme Annahme (wie die von der gesunden Demokratie) überprüfen. Indem wir analysieren, wo wir Mitschuld tragen an der Verblödung und Derationalisierung von Diskursen. Indem wir wieder lernen, mit Leuten zu diskutieren, die nicht so theoriegesättigt und rational operieren wie wir. Indem wir uns vergegenwärtigen, dass unsere Geisteshaltung ein Luxus ist, der nicht jedem zugeflogen ist. Indem wir uns daran erinnern, dass wir herablassend wirken, wenn wir uns herablassen müssen. Und indem wir uns endlich eingestehen, dass ein großer Teil der Bevölkerung lieber einen eloquenten, schnittigen Lügner als ehrliche, aber langweilige Besserwisser an seiner Spitze sieht.

Die Plattenindustrie und die angepasste Realität

Wir sehen zwei schöne Grafiken der Verkäufe der amerikanischen Plattenindustrie (Quelle: RIAA) von 1973 bis 2010. Die erste zeigt nahezu idealtypisch eine evolutionäre Umschichtung durch technologische Innovation. Rechnet man die zweite Grafik dazu, die einen eher seriellen Wechsel von einer Technologie zur nächsten (Vinyl- zu Kassetten- zu CD- zu Download-Singles) beschreibt, ergibt sich eine Fortsetzung des in der ersten Grafik abbrechenden Wachstums (in absoluten Absatzzahlen). Was folgern wir daraus? Erstens geht es der Plattenindustrie von den nackten Zahlen her nicht schlecht, wenn die genauen Verhältnisse auch diskutabel sind. Natürlich verkauft sie nicht mehr so viel Musik zu so hohen Margen wie in den Neunzigern, als sie dank systemischer Knappheiten (bspw. Platz im Plattenladen und auf Tonträgern) einen großen Reibach mit überteuerten Alben machte, aber sie verkauft immer noch viel Musik. Zweitens hätte der technologische Wandel, den sie strategisch verschlafen und juristisch bekämpft hat, ihr mehr nutzen als schaden können. Hätte sie entscheidende Stufen der Wertschöpfungskette, wie bspw. den Absatz, besser gemanagt und damit verhindert, dass branchenfremde Akteure (Stichwort Apple) sich dort einnisten, wo sie früher das Geld verdient hat, wäre sie heute die reichste Industrie der Welt. Drittens, und darum geht es mir eigentlich, sind disruptive, also schlagartig auftauchende und ihre Vorgänger abschaffende Technologien die Ausnahme. Selbst im schnellen Innovationsrhythmus der Medienwirtschaft übernimmt eine Technologie das Staffelholz von ihrer Vorgängerin in einem relativ gemütlichen Tempo. Für alle Branchen, die aktuell darüber nachdenken, wie sie in Zukunft Geld verdienen werden (Buchhandel, Verleger, Pornoproduzenten) können diese Grafiken nur aufmunternd sein – im wahrsten Sinne des Wortes. Um es mit den Worten des Propheten Dieter Bohlen auszudrücken: “Wenn man sich nicht selbst anpasst, wird einen die Realität anpassen.“