Klassentreffen

Timo nervte jeden auf der Schule mit seinem politischen Ehrgeiz. Mit einer Stimme wie Ernie spritzte er Propaganda auf die Raucher hinter der Hecke, die nur ihre Ruhe wollten, auf die Lehrer, die sich längst weigerten mit ihm zu diskutieren, auf jeden, der der Volljährigkeit auch nur nahe kam. Timo aber kümmerte sich besonders um die Jungwähler, er sorgte sich, ob sie am entsprechenden Sonntag mit Mama in die Grundschule schlurfen oder doch verkatert abwinken würden. Dass seine Schäfchen im Erfolgsfall schon das richtige wählen würden, da war er sich sicher: “Ihr seid ja nicht dumm, das weiß ich doch!”, rief er stündlich. In seinem schwarzen Aktenkoffer, den er schon in der zehnten Klasse mit sich rumschleppte, waren stets ein paar Flyer der Landtagskandidaten oder wenigstens farbige Kugelschreiber. Die waren beliebt.
Inzwischen ist Timo der beste Autoverkäufer der Region, neulich hat er den Sitz im Gemeinderat knapp verpasst, und geheiratet wird auch bald, erzählt man sich. Dabei war man sich seit dem tequilageschuldeten Zwischenfall mit dem schwulen Mario am nächtlichen See eigentlich sicher, dass Timo eher auf Männer steht. Aber die kaufen sonst keine Autos mehr bei ihm, schätzt man, deswegen meidet er auch alle Leute, die damals dabei waren, vor allem Mario. Er ist eben ein schlauer Hund, der Timo.

Mareike war nie die Hellste, hatte damals aber ein größeres Problem: Ihr Vater war Fahrlehrer. Das machte sie zur meistgehassten Person an der Schule, denn ihr Vater war nicht nur Fahrlehrer, sondern auch Alkoholiker, und er ließ gerne Schüler durchfallen, wenn er zu viel oder zu wenig getankt hatte. Wenn er hingegen gut gelaunt und die Schülerin hübsch war, fasste er auch mal rüber, na komm schon, Du willst doch den Wisch. Mareike konnte nichts für ihren Vater, aber sie konnte auch nichts dagegen. Sie arbeitete als Sekretärin für ihn, weil ihre Mutter schon vor Jahren abgehauen war und sie zurück gelassen hatte. Also hasste man Mareike. Ein Jahr nach dem Abi hat sich ihr Vater totgesoffen, unter Mithilfe eines danach unbrauchbaren Fahrschulautos und einer Eiche und hundertdreißig Stundenkilometer und einer engen Kurve und eines Radfahrers und viel Blut. Seitdem sitzt Mareike, soweit man weiß, im Penny an der Kasse. Es geht ihr verhältnismäßig gut. Für die Rentner, die sich gegen 11 Uhr die erste Flasche Müller-Thurgau holen, zeigt sie Verständnis. Niemand hasst sie mehr. Kontakt zu ihr hat auch niemand.

Genau so wenig wie zu Michael. Also nicht jener Michael, der direkt zum Bund ist und nie wieder auftauchte, man munkelt was von Fremdenlegion, Simbabwe, Blutdiamanten, bei dem war schon immer mindestens eine Schraube locker, das Experiment mit der Pumpgun hatte ihm fast die Hand abgerissen, egal, der ist verschwunden, vielleicht besser so. Der brave Michael, also der andere, der Turner, der Ministrant, der Jugendleiter, den haben sie letztes Jahr rausgeschmissen bei der Diözese, über Nacht. Seine Mutter erzählt, er hätte sich mit dem Chef dort über Kreuz gelegt, aber wer Michael kannte, wusste um seine Demut. Der Michael muckte nicht auf. Er würde niemals irgendwo rausfliegen, weil er aufmüpfig nach oben war, eher etwas zu nett nach unten, ein zu engagierter Schäfer für die hunderten Kinder, die bei den Jugendfreizeiten dabei waren, die Fotos im Gemeindehaus zeigen Michael mit seiner Gitarre, Michael beim Zeltaufbau, Michael mit den Jungs beim Kicken. Man soll ja nichts böses über die Toten sagen, aber ganz ohne Grund wird er sich nicht aufgehängt haben. Und das als Katholik!

Die Diana hingegen hatte schon immer zu allem einen Grund. Die langärmeligen Shirts im Hochsommmer sollten die rot linierten Unterarme verdecken, diese wiederum die Kotzanfälle eindämmen, diese wiederum ein kleines bisschen verdammte Aufmerksamkeit von der hysterischen Mutter (heute tot) und dem abwesenden Vater (heute Vorstandsvorsitzender) einsammeln. Als sie in der elften Klasse den Biolehrer Knopp verführte, besser: sich nackt in sein Bett im Schullandheim legte und von seiner aufsichtführenden Frau erwischt und öffentlich als Schlampe gedemütigt wurde, als sie sich jeden zweiten Montag in der Hofpause auf dem Klo einschloss und mit Selbstmord drohte, als sie den bösen Michael wegen Vergewaltigung anzeigte, weil er ihr bei der Stufenparty an die Brüste gefasst hatte, als sie nach dem Abitur von einem Tag auf den anderen verschwand und Monate später grün und blau in einem Frauenhaus in der Stadt wieder auftauchte, ihr Kind trotz aller Widrigkeiten bekam und schließlich wieder verschwand, ohne Kind, bis heute, hatte und hat sie sicherlich gute Gründe dafür.

Genau so wie ich gute Gründe habe, dem Klassentreffen fernzubleiben. Es kommen schließlich nur die Langweiler.

Meldungen

Heute morgen fand ich zwei Meldungen, aus denen man was lernen kann. Erstens: Jede Ära hat ein Ende. (Update: Die Meldung ist natürlich nicht zutreffend bzw. mindestens übertrieben. Hat Peter Wagner rausgefunden. Erinnert mich an den Technics-Hoax von wegen die Plattenspieler sind alle).

Godrej & Boyce Manufacturing Company, the world’s last manufacturer of office typewriters, is putting its last 500 machines on sale at discount prices.
“From the early 2000 onwards, computers started dominating,” Godrej & Boyc general manager Milind Dukle, told India’s Business Standard newspaper. “All the manufacturers of office typewriters stopped production, except us. Till 2009, we used to produce 10,000 to 12,000 machines a year.”

Zweitens: Kein Sicherheitsnetz funktioniert immer.

A man has died after a safety net failed during a human cannonball stunt. The accident happened during a show put on by Scott May’s Daredevil Stunt Show at the Kent County Showground in Detling at about 3.30pm on Monday.
The 23-year-old man was flown by air ambulance to Maidstone Hospital, but later died from his injuries.
A Kent Police spokesman said: “A man taking part in a human cannonball event this afternoon has died after it is believed a safety net failed to engage.”.

Ein guter Start in die Woche, wenn man gerade dabei ist, ohne Sicherheitsnetz eine Ära zu beenden.

Und dann noch das:

Collage culturel

Die Video-Plattform ARTE Creative möchte “your network for contemporary culture” sein, genauer: “ARTE Creative ist ein internationales, redaktionell betreutes und interaktives Netzwerk für Künstler, Kulturproduzenten und alle, die sich gerne überraschen und inspirieren lassen. Das Portal präsentiert qualitativ herausragende Arbeiten aus den Bereichen Kunst, Film, Popkultur, Design und Architektur. “

Die dort stattfindende Serie Collage culturel beispielsweise beleuchtet die Samplingkultur, in der aktuellen Folge (Video unten, erste Folge hier) mit Blick auf den Mash-Up Helden DJ Shir Khan. Das ist sehr interessant und von einer extrem geschmeidigen weiblichen Stimme erzählt. Ich zitiere:

Nicht nur in der Musik sind Sampling, Collage und Remix anzutreffen. Remixen ist die prägende Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts. ‘Collage culturel’ begibt sich auf die Suche nach der perfekten Verbindung der Stile, dem perfektem Beat und der perfekten Collage.

Sicherlich ebenso sehenswert sind die Videoportraits kreativer Persönlichkeiten und ihrer Projekte, die der Kollege Clemens aka Ignant unter dem Titel “Wørk in Progress” auf ARTE Creative präsentiert (Skype-Interview mit ihm hier).

Breis-GAU

Solche Nachrichten machen mich einfach traurig und sprachlos:

Hinterzarten B31 – Das wird wohl mächtig Ärger mit dem Chef geben: Ein Lastwagenfahrer hat am Dienstagmittag im Höllental etwa 80 Kisten Bier verloren. Verletzt wurde niemand. Bereits Anfang 2009 verlor hier ein LKW 10.000 Liter Bier.
Am späten Dienstagmittag war der Lastwagen Richtung Freiburg unterwegs, als sich plötzlich die Ladung selbständig machte. Schätzungsweise 80 Kisten einer namhaften Staatsbrauerei aus dem Schwarzwald purzelten auf die Straße. Die Flaschen zerbrachen, der Gerstensaft überschwemmte die Bundesstraße 31.

Meine Anerkennung gilt den Einsatzkräften um Markus Metzler, die in dieser Situation Ruhe bewahren und die Öffentlichkeit besonnen informieren. Davon könnten sich manche Krisenmanager eine Scheibe abschneiden.


Danke, Boss.