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Als hätte man mir die Wünsche von den feuchten Lippen abgelesen: Im Bob Beaman, wo ich sowieso schon liebend gerne verweile, wird ab Dienstag auch noch vorgelesen. Und zwar von wertgeschätzten Autoren wie Moritz von Uslar (nebst Band aus “Deutschboden”) oder Thomas Glavinic. Dazu spielen sie logischerweise Musik. Wie schön ich das genau finde, kann ich in keine Metapher packen. Irgendwas in Richtung heißer Schockolade mit Rum auf wunder Seele. Oder so.

Anselm und Sonja, oder: Wie ich lernte, was Taktik ist

Als Anselm und ich in der siebten Klasse zeitgleich entdeckten, dass ein Penis mehr als eine Funktion erfüllt, begann für uns eine aufregende Zeit. Wir waren weder Jungen noch Männer, sprangen in den Spagat zwischen Kindheit und Reife, zwischen Entdeckungen und Entlarvungen. Zum Glück hatten wir lange vor unserem ersten Samenerguss erkannt, dass Geschichten, groß erzählt und überzeugt vorgetragen, weibliche Geschöpfe beeindruckten. Anselm zeigte von Anfang an mehr Begeisterung an daraus resultierenden Erfolgen als ich. Ich beurteilte Mädchen weniger nach Aussehen oder Körperbau, sondern nach der Herausforderung, die es darstellte, sie zu belügen. Und fast jede war mir zu einfach.

Anselm hingegen sammelte erotische Einwilligungen wie unser wunderlicher Mitschüler Fritz  fremdländische Zigarrenschachteln (von Anselm nur Fritz Wunderlich genannt und mit einer erdichteten Biographie in die Nähe marokkanischer Zigarrettenschmuggler gerückt, wo er uns nicht gefährlich werden konnte, denn Fritz sah nach Meinung der Mädchen aus wie der junge Jared Leto, was Anselm wiederum dazu brachte, über die zweifelhaften Sexualpraktiken der Schieber zu sinnieren, die monatelang auf ihren Booten das Mittelmeer kreuzten und nachts leider nicht nur Karten mit dem jungen Schönling spielten).

Die auffallende Unabhängigkeit zwischen Schönheit und Skepsis brachte uns selten in eine Konkurrenzsituation. Die meisten attraktiven Mädchen waren recht gutgläubig, die kritischen eher unansehnlich. Allein unsere Klassenkameradin Sonja, die gertenschlanke Direktorentochter, vom Vater zum fröhlichen „Das glaube ich nicht!“ des Agnostikers erzogen, von der einst olympiareif fechtenden Mutter mit Sommersprossen und S-förmigem Körper beerbt, verdrehte erst Anselm mit einem Augenaufschlag, dann mir mit einem Stirnrunzeln den Kopf.

„Ich nehme Dir kein Wort ab, niemals feiert die alte Meyerkamp mit ihrem Leistungskurs zionistische Geisterbeschwörungen“, rief sie mir einmal entgegen, „Du bist ein Aufschneider!“
Ich war entzückt – und Anselm dementsprechend besorgt.
„Lieber Freund“, sorgte sich Anselm auf dem gemeinsamen Nachhauseweg von einem Schultag, den wir beide im Bann von Sonjas enger Jeans und weiter Bildung verträumt hatten, „mir scheint ein gemeinsames Verlangen zwischen uns zu existieren. Die Tochter des Direktors ist nicht nur ein ehrenhaftes Ziel, sondern – und da werden wir uns einig sein – eine verbotene und daher besonders lockende Frucht. Traditionell kann leider nur einer sie bestäuben, so viel Ehrencodex muss sein. Wir stehen uns nur im Weg, wenn wir beide unverblümt um sie werben. Ich schlage Dir also einen Deal vor: Wir stellen beide jegliche Versuche ein, sie zu verführen. Wir lassen ab von Gaukeleien und Mimikry, wir strecken unsere Waffen und warten. Und sie soll allein entscheiden, welchen von uns sie erwählt. Einverstanden?“
Mich reizte die entlarvende Intelligenz des Mädchens, das Risiko jeder Lüge ihr gegenüber, die Herausforderung. Ich wollte jedoch keinen Konflikt mit Anselm riskieren. Ich wusste, dass ich sie haben könnte, sobald ich sie überzeugt hatte, sich auf mich und meine erzählerischen Eskapaden einzulassen. Doch wusste ich ebenso, dass mein Interesse tragischerweise in genau diesem Moment nachlassen würde. Es wäre ein flüchtiger Sieg, und Anselm war mein einziger Freund. Also willigte ich in den Handel ein und zwang mich von nun an, Sonja über den üblichen schulischen Smalltalk hinaus nicht zu bedenken. Ich wollte abwarten, ob sich ein Schleichweg bot, ihr ohne weiteres erzählerisches Engagement beizukommen.

Freund Anselm hingegen benötigte nur einen Schachzug: Von einer Fünfminutenpause auf die andere stelle er sein wortreiches Werben um Sonja ein; schenkte stattdessen ihre beste Freundin Melanie (ein loser Pferdeschwanz in verwaschenen Fleecepullis) all seine frei gewordene Aufmerksamkeit, malte in leuchtenden Farben immer neue Gespenstergeschichten und anderen Hokuspokus auf ihre glattgläubige Stirn. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die er, seine Augen fest auf Melanies gerichtet, Sonja nur ein Fleck am Bildrand, erzählte, während ich stumm daneben stand und mich wunderte: Sein Abenteuer als Bademeister in einem langen Urlaub bei seinem Cousin an der Ostsee, als ein Wal gestrandet war und das ganze Team der Strandwache versuchte, ihn mit Holzlatten und Seilen zurück ins Meer zu bugsieren, ohne das arme Tier zu verängstigen, und welch majestätischer Moment es schließlich war, als die gemeinsame Anstrengung und eine glücklicherweise stark einsetzende Flut schließlich zum Erfolg führten, wie der Wal sich noch einmal umwandte und sie alle, wie sie verdreckt und müde am Strand standen, mit einem Wasserstrahl aus seinem Atemloch grüßte, der im Morgenlicht zu einem perfekten Regenbogen wurde, leider völlig unmöglich auf Fotos festzuhalten.
Eine Woche später meldete Anselm Vollzug.
Bei Sonja.

Piratenparadox

Lernen wir gerade am Beispiel der im Medienhype strauchelnden Piraten, dass die Konzepte “Partei” und “Transparenz” nicht vereinbar sind? Entzieht der Kontrollverlust, der transparenter Basisdemokratie in einer Mediendemokratie inhärent ist, langfristig einer Partei die Existenzgrundlage? (Ein paar unfertige Gedanken mal runtergeschrieben.)

Selbst eine Partei wie die Piraten, für die das Internet nach Selbstverständnis nicht nur Arena und Instrument, sondern Heimat und Modus ist, scheint ohne “Benimmregeln” für ihre Mitglieder nicht auszukommen. Dieser jetzt öffentlich gewordene Internet-Knigge ist rationales Destillat der emotionalen Reaktionen auf vorhersehbare, politikübliche Angriffe. In diesem Fall ein satirischer Beitrag des NDR, der den Sender auf eine inzwischen gelöschte “schwarze Liste” der Piraten für unliebsame Medienvertreter bugsierte. Und wiederum dem NDR Anlass gab zu einer kleinen Belehrung in Sachen PR.
An vielen anderen Beispielen sieht man, dass die ehrliche, transparente Art, mit der Aufmerksamkeit umzugehen, zwar sicherlich der aufrichtigere, sympathischere Ansatz ist als die professionelle Vernebelung und die kindischen Beißreflexe der so genannten etablierten Parteien. Jedoch scheinen die jetzt auftretenden Dissonanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, manifestiert in der Überforderung der prominenten Gesichter der Partei, mit abweichenden internen Meinungen und Äußerungen sowie Attacken von außen umzugehen, auf eine Unvereinbarkeit der Institution Partei mit der Ambition “Transparenz” hinzuweisen. Einen Problemfall wie der von Jörg Tauss hätte eine “geschlossenere” Partei hinter verschlossenen Türen “geregelt” und dann als gelöste Aufgabe nach außen hin präsentiert – oder es zumindest versucht. Das ist unehrlich und hierarchisch, scheint jedoch für die Öffentlichkeit stringenter. Die Piraten wollen explizit keine Organisation sein, in der solche Probleme hinter verschlossenen Türen und von oben nach unten angegangen werden.
Und so sitzt Tauss in einem Fernsehbeitrag mit einem Piraten-Ortsverband am Tisch, dessen Mitglieder ihn akzeptieren, während der Bundesvorsitzende eine Mitarbeit kategorisch ausschließt. Christopher Lauer gibt offen zu: “Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander.” Und meint damit sicher nicht nur den konkreten Fall Tauss.

Das ist transparent, ehrenhaft und löblich. Ich frage mich jedoch: Kann man heute “eine” Partei sein, und gleichzeitig innere Brüche offen verhandeln? Liefert man Medien und politischen Gegnern, von denen die Piraten in Zukunft immer heftiger angegriffen werden, je ernstzunehmender sie den politischen Betrieb aufmischen, damit nicht ein unerschöpfliches Arsenal an Munition? Wird man damit als Partei nicht auf Dauern zu angreifbar in der Zwickmühle zwischen Transparenz (oft genug gleichzusetzen mit “offen kommunizierten Fehlern und Schwächen”) und Geschlossenheit nach außen (die wiederum als Verrat an dem hehren Ideal der Transparenz als mediale Geschosse missbraucht wird)? Wie ein Kind, das in der Schneeballschlacht der Politik immer wieder zwischen die Fronten rennt und “Ihr trefft mich eh nicht!” ruft? Wann gibt es den ersten transparent verhandelten Sex-Skandal der Partei? Und wie reagiert die voyeuristische Öffentlichkeit?

Die Piraten werden professioneller werden, nicht weil sie müssen, sondern weil sie etwas bewegen wollen. Dazu brauchen sie auch die Wähler, die dem naiv-sympathischen Kommunikationsstil nicht jede Irritation verzeihen, sondern eine feste Größe schätzen. “Professioneller” bedeutet im Politikbetrieb und vor allem im Haifischbecken konfliktgeiler Medien, die jede kleinste Schwäche, jede Meinungsverschiedenheit zum Scoop aufblasen und ausschlachten, solche Angriffsflächen zu minimieren. Und das geht wahrscheinlich, zumindest langfristig auf Kosten der Kombination von Transparenz und Basisdemokratie. Auch das kennt man aus der Grundschule: Wer nicht geärgert werden will, sollte eben ab und zu einfach die Klappe halten.

Aber vielleicht überraschen uns auch die Piraten mit der Quadratur des politischen Kreises. Eine ehrliche, offene, transparente Partei erscheint mir jedoch ob der aktuellen Aggression aller gegen alle fast paradox. Ein Versuch ist es sicherlich wert. Die Frage ist: Wie schnell lernen Medienschaffende und Wähler, dass die vermeintliche Schwäche der Offenheit und Basisdemokratie eine Stärke ist, so lange man von der Partei nicht zu viel verlangt? Wie schnell überdenken wir unser Konzept von “Partei” als einer per definitionem geschlossenen Meinungsagentur, die stringent und konsequent agiert? Brauchen wir vielleicht ein neues Konzept von politischen Institutionen, die der Individualisierung, der Transparenz und der Basisdemokratie Rechnung tragen? Wie lange brauchen wir überhaupt noch die starren Parteien, wie wir sie jetzt kennen?

Smart

Seit ich den Blog “You are not so smart” von David McRaney lese, bin ich ein kleines bisschen weniger nicht schlau. Er zeigt dort nämlich gewisse Irrtümer in unserem Denken über uns selbst auf, die den Titel des Blogs mehr als legitimieren. Wir sind nicht so schlau, wir funktionieren ganz anders und weniger rational und logisch, als wir annehmen. So zum Beispiel führte der letzte Text den Benjamin Franklin Effect aus:

“The Misconception: You do nice things for the people you like and bad things to the people you hate.

The Truth: You grow to like people for whom you do nice things and hate people you harm.”

Solche kognitiven Dissonanzen erklärt McRaney auch in seinem jüngst erschienen Buch mit dem gleichen Titel, dessen Trailer sich dem Phänomen der Prokrastination widmet. Ich empfehle das Buch mal, auch wenn ich es quasi nur halb gelesen (manche Inhalte fand man auch im Blog, manche sind neu) habe:

Menschen

“Die Hasskommentatoren überall im Internet haben es geschafft, sie machen aus fast jedem, der Menschen liebt, einen, der die Rasse, zu der er gehört, zu verachten beginnt.”

In diesem Stil schreibt Sybille Berg Klartext über böse Menschen – und erntet viel Zuspruch. Sie bezieht sich explizit auf Kommentarspalten, beispielsweise unter ihrem oder anderen SPON-Texten. Ihr Kollege Jan Fleischhauer zitiert gleich nur noch solche fiesen Kommentare zum Beweis (und schießt mit seinem ersten Satz “Meinungsfreiheit ist nicht jedermanns Sache” ins eigene Tor). Wie können die Nutzer der Kommentarfunktion einer Internetseite schaffen, was Genozide, Weltkriege und Sklaverei nicht geschafft haben? Wie können sie Liebe in Hass verwandeln? Und wessen bis dahin unerschütterliche Menschenliebe wendete sich erst bei der Lektüre von online-Kommentaren ins Gegenteil?

Jeder Angehörige dieser verdammten Art weiß: Wenn Menschen zusammenkommen und über etwas diskutieren, werden sie schnell böse zueinander. Am Stammtisch, im Parlament, auf Spiegel Online. Auseinandersetzungen geschehen meist verbal und sind deswegen flüchtig und bald vergessen. “Das Internet” jedoch hält diese vermeintlichen Eskalationen fest. Es dokumentiert sie und macht sie haltbar, sammelt sie und fördert sie dadurch auch, wenn der narzissistische Pöbler erst in dieser tollen Arena ins Pöbeln kommt, sich an Zu- und Widerspruch aufgeilt. Bis sie keine Eskalationen, sondern Normalität sind, oder zumindest so erscheinen. Diesen Umstand trifft Frau Berg genauer, als sie vermutlich beabsichtigte, wenn sie schreibt: “Die aggressive Dummheit der Welt, die man vorher ahnte, jetzt steht sie fest.” Ja, sie steht fest, schwarz auf weiss, für erstmal immer, für jeden sichtbar, unbestechlich, unübersehbar, unbestreitbar.

Man muss schlucken: Der Mensch ist ein Wolf. Oder ein Schwein. Zumindest, wenn er streitet.

Und das ist ganz wunderbar! Denn erst, wenn man schonungslos verstanden hat, wie schlecht und böse der Mensch sein kann und oft ist, wenn er einen Anlass hat, gewinnt man ihn ob seiner positiven Ausreißer wirklich, ernsthaft lieb. Erst wenn Bosheit dauerhaft sichtbar ist, kann man sie reflektieren. Ihre Präsenz fördert echten statt theoretisch-bequemen Humanismus: Eine süße kleine Hauskatze, deren gelegentliche Fehltritte niemand sehen will, ist nicht schwer zu mögen. Ein launischer, egoistischer, sadistischer alter Kater, der vor aller Augen in die Ecke pinkelt, hingegen schon.

Und die Herausforderung, den ein oder anderen Menschen ein bisschen schlauer und toleranter zu machen (oder ihn trotzdem lieb zu haben), angefangen bei mir selber, ist heute die gleiche wie vor 100 oder 1000 Jahren. Nur sind die Waffen spitzer. Dass die Welt ein “abstoßender Ort” war und ist, halte ich für zutreffend. Dass aber dieser Ort “aus seltsamen Gründen immer aggressiver wird”, ist Quatsch oder zumindest schwer belegbar – so wie die meisten Sätze unter Verwendung von “immer” + Komparativ. Wer hat schon valide Daten über einen Zeitverlauf? Mehr oder weniger glaubwürdige Forscher behaupten jedenfalls das Gegenteil. Die Welt wird eher friedlicher, gemessen an körperlicher Aggression.

Und die kommunikative Gewalt? Wenn jeder fast alles äußern darf und kann, ist es nur ein logischer Wahrnehmungseffekt, dass die extremen Äußerungen besonders auffallen. Es ist sicher nicht alles schlimmer geworden; nur anders, ein bisschen bunter, effektiver, heißer, deutlicher – auch für die “guten” Menschen. Und die müssen genauso wie die “schlechten” erst lernen damit umzugehen. Indem sie nicht jede “Entäußerung” (wie Berg sie nennt) direkt auf schlechten Charakter zurückführen. Nicht Erregungszustand mit Persönlichkeit eines Kommentators gleichsetzen. Den Unterschied zwischen kommunizierter und eigentlicher Meinung oder Attitüde mitdenken. Den Menschen nicht die Schuld für die eigene Enttäuschung geben, wenn sie nicht so funktionieren, wie man das gerne hätte.

Denn dieses Leiden an der schlechten Welt mit ihren bösen Menschen ist oft nur verletzte Eitelkeit: Da gebe ich mir so viel Mühe, meinen Selbstbetrug von einer guten Welt voll anderer guter Menschen aufrecht zu erhalten, ein vorbildlicher Humanist zu sein, Nächstenliebe und Toleranz demonstrativ zu praktizieren – und dann erdreisten sich die Restmenschen, gar nicht so gut zu sein. Im Gegenteil, miese Schweine sind sie, und das auch noch öffentlich! Nicht von Form und Kommentar des Inhaltes bin ich Gutmitmensch dann beleidigt, sondern von seiner sozialen, systematischen Dimension, die mein hehres Menschenbild zerstört und es mir schwer macht, weiter edel und gut zu sein und mich an meiner Gutheit zu erfreuen.
Erwarte ich jedoch nichts von den Menschen (und auch keinen selbstgefälligen Humanismus von mir selbst), kann ich relativ kühl jede noch so perfide Manifestation menschlicher Abgründe ertragen. Solange ich den grundsätzlichen Glauben nicht verliere, dass jeder Mensch sich ändern kann, dass niemand für immer böse, dumm oder feindselig sein muss, weil in jedem etwas “gutes” leuchtet, das an die Oberfläche will, kann ich mich umso mehr über die Ausnahmen freuen, die schon hell strahlen.

Nur ist die entscheidende Frage nicht, ob sich jemand ändern kann, sondern ob er will. Welche Anreize gibt es für einen Homophoben, für einen Fremdenfeindlichen, für einen Troll, sich zu ändern? Er hat ja nicht ausgewürfelt, zu wem er wie böse ist. Dieses Verhalten erfüllt eine Funktion für ihn, und das mindestens passabel, sonst hätte er sich ein anderes Verhalten gesucht.

Die einfachste Erklärung: Sie sind schwach, diese bösen Menschen, sie haben Angst, und deswegen sind sie aggressiv, verbohrt, engstirnig. Berg spricht von einem “Schrei nach Liebe”, der ihrer Meinung nach die Welt verändern soll. Dieser Interpretation möchte ich widersprechen: Nicht die Welt selbst, sondern nur ihre Sicht der Welt und damit ihr eigenes Leben müssen diese Menschen verändern. Denn ihr Leben ist miserabel und wird, relativ gesehen, ein kleines bisschen weniger miserabel, wenn sie andere mit hinunterziehen. Wie man sich selbst hochzieht, was ja den gleichen relativen Effekt hätte, haben sie vermutlich nie gelernt. Und viele von ihnen sind vielleicht gar nicht so schrecklich böse – sie haben nur nie gelernt, wie man nicht böse wird, wenn man anderer Meinung ist oder Angst hat.

Mit “Langeweile” nennt Berg eine weitere mögliche Ursache, auch wenn ich sie neutraler als “freie Zeit zur Verwendung neuer Instrumente” bezeichnen würde (aka “Cognitive Surplus”, vgl. Shirky 2010). Dieses postmoderne Luxusproblem führt wiederum zu einer Hyperreflektion, zu dem Gefühl, ich als Subjekt müsse ständig die anderen Subjekte und ihre Kollektive bewerten, definieren, verstehen. Das überfordert und überreizt, und die (typisch menschliche) Reaktion ist eine Mischung aus Komplexitätsreduktion und Aggression: Diese anderen da, die sind schuld, pervers, schlecht! Vielen Menschen fehlt das intellektuelle und emotionale Instrumentarium, um mit Andersartigkeit, Komplexität und Kontingenz gelassen umzugehen. Sie schreien wie müde Kinder am Weihnachtsabend und finden alles doof. Weil Abgrenzung und Diffamierung meist der schnellste Weg zu vermeintlicher Sicherheit sind, behandeln sie ihre Sinn- und Orientierungslosigkeit mit dem Placebo Aggression.

Diese Trottel können einem, im wahrsten Sinne des Wortes, leid tun mit ihrer notorischen Boshaftigkeit, die doch nur ihren Defiziten entspringt.

Ich denke: Lasst sie machen. Sie werden irgendwann merken, was sie verpassen. Sie werden lernen. Oder eben nicht. Dann kann ich auch nichts ändern. In jedem Fall habe ich die Wahl, wie ich mit ihnen umgehe, ob ich sie hasse oder verachte. Oder ob ich eine andere Sichtweise einnehme. Diese meine Freiheit beschrieb David Foster Wallace eindrucksvoll: “The really important kind of freedom involves attention, and awareness, and discipline, and effort, and being able truly to care about other people and to sacrifice for them, over and over, in myriad petty little unsexy ways, every day. That is real freedom.”

Und so lese ich als sensibler Zeitgenosse, der lieber liebt als hasst, diese bösen Kommentare nur selten, und wenn, lasse mich nicht von ihnen täuschen. Sie sind kein Beweis für die Hoffnungslosigkeit der Menschheit. Sie zeigen nur, dass viele Menschen nicht fähig oder willens sind, anders als böse in Internetforen zu kommentieren. Dass diese Menschen also fast alle dumm und böse sind.
Ja und?
Wer sich von diesem Mikro-Eindruck in den Menschenhass führen lässt, wird auch von einem Glas Wein alkoholsüchtig. Er sollte auch nicht die homöopathischen Dosen an Bosheit konsumieren, die ich für gesund halte und mir manchmal zuführe, quasi als Desensibilisierung; als eine Immunkur, die mich nie vergessen lässt, was die ewige Ambivalenz unseres sozialen Wesens ausmacht: Wir brauchen uns gegenseitig, wir hassen uns, wir lieben uns, wir vernichten uns. In Partnerschaft, Gesellschaft, Freundschaft und Feindschaft.
Tolstoi (oder war es Dostojewski?) kann man nicht oft genug zitieren: Ich liebe die Menschheit, aber ich hasse jeden einzelnen von ihnen.

Jeder kann sich aussuchen, ob er diesen Satz umdreht.