Roche & Böhmermann

Neben sexueller Inkompetenz und Slacklinen gilt mir das schlechte Fernsehprogramm als Grundübel unserer Zeit. Da erfreut es mein kleines Herz sehr, dass sich einige junge, motivierte Rundfunkjournalisten wie Charlotte Roche (der Pierre Littbarski des Postfeminismus) und Jan Böhmermann (die Kristina Schröder des Ulk) dieses Problems annehmen. Zusammen werden sie eine Talkshow mit dem gewagten Namen “Roche & Böhmermann” moderieren, natürlich auf ZDFKultur, dem Haussender der medialen Intelligenzia. Dabei treffen, so melden es die Szenekenner, eine Reihe illustrer Nasen auf bis in die schönen Haarspitzen motivierte Gastgeber und natürlich aufeinander, im Geiste der Versöhnung und unter Wahrung grundlegender Hygienevorschriften. Das fertige Bewegtbildprodukt kann also nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch ein bisschen versaut und sexy werden. Um sich auch die Gunst der christlichen geprägten Zuschauer zu sichern, und gleichzeitig den ZDF-Verantwortlichen eine unverschämte Rechnung mit dem Betreff “Viral-Kampagne” ausstellen zu können, zeigen die zwei Sympathieträger vorab diese beiden Simultanvideos, welche man unbedingt genau gleichzeitig, parallel, ja: synchron! ablaufen lassen sollte. Wie ausgebufft! Ruft also einen guten Freund heran, auf dass Ihr beide genau gleichzeitig auf Play drückt, und genießt ab dem 4. März in ZDFKultur den Donnerstagabend unter den Talk Shows – kann ganz gemütlich sein, aber auch total ausarten *zwinker*!

Einfach küssen!

“Ein Mann kann gar nicht zu lange nachdenken, ob er eine Frau “einfach küssen” kann.”

Diese von Julia Seeliger in ihrer Replik “Richtig küssen, Frau Pauer!” aufgestellte These ist vielleicht die gefährlichste, die ich seit langem zum ewig aktuellen Kulturkomplex “Küssen als Form intimer Zärtlichkeit” gelesen habe. Seeliger reagiert damit (neben einer ganzen Reihe anderer Vorwürfe und Berichtigungen) auf Nina Pauers Text “Die Schmerzensmänner”, in dem die Autorin ihre Erfahrungen in einem dubiosen Soziotop männlicher Existenzkrisen beklagt, welches mir so fremd vorkommt wie eine außerirdische Kolonie auf dem Mars, oder besser: Venus. Aber schnell zurück zum Kern der Sache, zu Seeligers Knutsch-Edikt, das sich fortsetzt: “Einfach küssen ohne vorher zu fragen ist reichlich uncool, egal, wer da wen küsst.”

Abgesehen davon, dass viele gute, schöne Beziehungen und Liebschaften aller Art nach dieser Regel nie entstanden wären, weil Menschen, Männer wie Frauen, leider oft nicht die Eier(stöcke) haben, diesen manchmal entscheidenden ersten Schritt zu machen (diese Behauptung lässt sich pseudoempirisch feststellen, indem man im Freundeskreis nach dem Beginn der Beziehung frage und die verliebt-vagen Antworten zähle, wie zum Beispiel: “Hast du mich geküsst oder ich dich, Hase? Seufz, egal. Hauptsache es ist irgendwann endlich passiert…”). Abgesehen davon, dass ein bisschen Wagemut niemals verkehrt sein kann, egal ob es um Küssen, Zivilcourage oder eine bescheuerte, aber belustigende Wette geht, da die Menschheit ohne Risikobereitschaft eine ganz graue wäre: Niedersachsen global quasi. Abgesehen davon, dass in genau dieser angeprangerten Risikobereitschaft ein erstes großes Bekenntnis zum Gegenüber liegen kann, das in der Retrospektive zum ersten Schritt einer langen Reihe an Romantik wird.

Abgesehen von alldem scheint in der Forderung nach maximaler Reflektion jedes geplanten Kusses eine allergische Aversion gegenüber auch nur der vagen Andeutung von “Dominanz” (oder was immer man dem küssenden gegenüber dem geküssten Menschen bescheinigen möchte) durch. “Mir ist es mal passiert, dass mich einer einfach versuchte zu küssen. Daraufhin habe ich “Nein” gesagt, mich schlafen gelegt und die Person danach nie wieder getroffen.” Das ist sehr schade, Frau Seeliger, denn erstens scheinen Sie diese Person primär danach zu beurteilt zu haben, was sie bereit ist zu tun, um Ihnen auf einer nonverbalen Ebene Zuneigung zu zeigen. Und dieser Ebene ist das Risiko einer kurzfristigen Grenzüberschreitung nunmal genauso inklusive wie der mögliche Jackpot der blitzartigen, großen Liebe. Zweitens scheint diese Beurteilung irreversibel gewesen zu sein, was keinem Menschen niemals gerecht werden kann, schon gar nicht auf Grund einer Sekunde der Schwäche (oder Stärke, wie man´s nimmt). Sie setzten damit sicherlich einiges in diesem Menschen in Gang, wohl kaum jedoch den nötigen pädagogischen Bewusstseinswandel zum wertgeschätzten Küsser, den Sie grundsätzlich fordern. Wahrscheinlich grübelt der junge Mann heute noch, ob es an dem Knoblauch oder einfach nur am Timing lag, Frau Seeliger, also klären Sie den Armen bitte nachträglich auf! Und drittens scheinen Sie, parallel zu Frau Pauer, die wohl vornehmlich von komischen Männern (nicht) geküsst wird, auch einen Umgang zu pflegen, der solche (von Ihnen offenbar radikal abgelehnte) “Übergriffe” produziert. Sprich: Wenn Ihr Date nicht die Antennen und die Empathie hat, wann er sie küssen darf, ohne danach auf der schwarzen Liste zu landen, besteht womöglich eher ein Selektions- denn ein Empathie- oder Kommunikationsproblem. Aber genau diese Art von sozialpsychologischer Ferndiagnose plus Abwertung nervt, hat bestimmt auch Frau Pauer an Ihrem und viele Kritikerinnen an Frau Pauers Text genervt, und deswegen stelle ich sie zurück. Sicherer ist: Die kommunikative Arbeit, die einem von beiden Seiten akzeptierten Kuss vorangeht, ist immer eine paritätische, und verdammt, manch blinder Jüngling muss den richtigen Zeitpunkt erst noch lernen (und zwar auf die sanfte Tour, wenn´s nach mir geht, so habe ich das damals auch geschafft!) und manche Mädels sind explizit “heilfroh”, wenn man diesen oder einen anderen ersten Schritt macht (das ist wortwörtlich meine Erfahrung, peitscht mich dafür aus und belegt mich mit abfälligen Fremdworten, ich kann nichts dafür und diese Mädchen wahrscheinlich auch nicht, es war schön mit ihnen, dazu stehe ich!). Und natürlich andersrum, völlig Wurst wer wen zuerst und so weiter, Hauptsache mann/frau versucht etwas, statt ewig zu grübeln! Das hat nichts mit böser Dominanz zu tun, sondern damit, dass der Mensch ein mangelhaftes Wesen ist, unsicher und feige vor allem im Sozialen, Homo Homini Angsthase Est. Und deswegen muss er manchmal eben übers Ziel hinaus schießen, um überhaupt jemals anzukommen.

Sicher, die Geschichte der Menschheit ist leider eine der Unterdrückung, der gewaltsamen Dominanz und der Ungerechtigkeit, nicht nur zwischen Männern und Frauen. Deswegen ist aber nicht alles, was von einer wohlreflektierten und harmonisch miteinander ausbaldowerten Reziprozität abweicht, sei es nur für die törichte Sekunde zweier gespitzter Lippen, die sich den begehrten Gegenstücken in freundlicher Absicht nähern, gleich böse und falsch. Keine Dynamik ohne einen Motor, kein Fortschritt ohne einen, der fortschreitet und einen, der gerne folgt, kein Kuss ohne Herzklopfen, ob man das richtige tut. Kein Erfolg ohne Risiko: Neunundneunzig aller nicht abgefeuerten Schüsse gehen nicht ins Tor, so der Sportphilosoph Wayne Gretzky.

“Was, wenn Mädels das glauben?”, fragte mich Mercedes Lauenstein auf Twitter bezüglich der alarmierenden Männergestalten im Text von Frau Pauer. “Ja, doof sind sie dann, aber Du meine Güte!” möchte ich antworten, “Was, wenn irgendjemand die Kuss-Anleitung von Seeliger befolgt? Kusslos wird die Welt und öde!”. Eine Welt wie eben von Nina Pauer glücklicherweise dystopisch und nach meiner Erfahrung völlig unrealistisch beschrieben. Aber das ist die wahrscheinliche Zukunft, die auf uns wartet, wenn wir den frechen Impetus generell verdammen und die vorbereitende Reflektion maßlos vergötzen. Wer küsst denn bei drohender Sanktion durch sozialen Ausschluss noch jemanden ohne direkte Aufforderung, und mal ehrlich, wie oft fällt die Verbalisierung dieses körperlichen Wunsches uns viel zu schwer, müssen wir also diese explizite Exposition, die uns unmöglich erscheint, überspringen, in beidseitigem Interesse? Der spieltheoretische Payoff ist bei “nicht küssen und nichts falsch machen” immer höher als bei “küssen und derbe auf die Mütze kriegen” oder “erst ausführlich darüber sprechen und sich eventuell beim Zerreden der Magie blamieren”. Die ritualisierte Formel “Sie dürfen die Braut jetzt küssen” wird zur conditio sine qua non jeglicher Anbahnung: Du darfst mich jetzt küssen. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Zärtlichkeit nach strengeren Regeln zustande kommt als ein Mietvertrag.

Der Kuss ist zu wichtig, um ihn ideologisch aufzuladen oder kleinteilig zu rationalisieren. Der Kuss ist mit das wunderbarste, was uns unser Arsenal an merkwürdigen Interaktionstechniken anbietet, und hell yeah!, einige der besten Minuten meines Lebens verbrachte ich küssend. Es sollen bitte noch ein paar solche hinzukommen. Und deswegen muss ich mich als Bürger und Küsser einmischen, obwohl ich solche Diskussionen sonst eher scheue wie die berüchtigte Betonzunge (traumatisierte Opfer wissen, was ich meine), obwohl ich niemandem zu nahe treten möchte, außer um sie zu küssen, versteht sich. Natürlich, ungewollt geküsst werden ist peinlich bis eklig, und entgegen vieler Vorurteile wissen auch Mädchen manchmal ebenso wenig wie Jungs, wie man die Abschussrampe zur Kussrakete elegant hinaufklettert, wann der richtige Moment ist und dass man volltrunken keinen nüchternen Menschen küssen sollte, so süß das Opfer sich auch ziert. Selig sind die Vorsichtigen, die nicht gleich die Zunge einsetzen wie ein durstiger Schäferhund, sondern iterativ vorgehen, auf dass eine Umkehr im Zweifelsfall ohne Speichelspuren möglich ist. Unbelehrbare Offensivkünstler mag es geben, ja, man muss sie und ihre Physiognomie in ihre Schranken weisen, aber dennoch oder gerade deswegen: Der erotische Kuss ist der Anfang aller ernsthaften Zweisamkeit, ständiger Begleiter und bester Freund der intimen Beziehung, Symbol und Ausdruck dessen, was uns zu Menschen macht: Die Fähigkeit zu lieben. Ohne den Kuss wäre nichts, kann nichts werden und wird nichts sein, was lebenswert ist. Daher möchte ich mit einem Appell schließen.

Liebe Mädchen und Frauen, die Ihr mich irgendwann in Zukunft einmal kennen und schätzen lernt: Ich möchte bitte weiterhin, unter Berücksichtung elementarer Höflichkeits- und Hygieneregeln und nach einer kleinen feinen Reflektion über die Chancen, dass ich auf diesen Vorstoß adäquat anworte, “einfach so” (mit oder ohne Gequatsche!) geküsst werden. Ich bin erwachsen und glaube nicht an Tröpfcheninfektion schlimmer Geschlechtskrankheiten oder orale Schwangerschaft, also los! Versucht Euer Kussglück, wenn Ihr ehrlich meint, dieses Glück sei kongruent mit meinem. Im schlimmsten Falle sage ich “nein”, lege mich schlafen und rufe Euch an, versprochen. Und wenn nur, um mitzuteilen, dass ich lieber jemanden anderen küsse. Und bitte, falls ich jemals dem fatalen Irrtum erliege, eine von Euch könnte einen Kuss zu schätzen wissen, und ich mich erdreiste, ohne endgültige Absicherung mein Glück zu versuchen, dann nehmt es als unbeholfenes Kompliment und vergebt mir, denn ich wusste, was ich tue. Wie ein Bonmot der Jahrtausendwende-Jugend besagt: Man muss ein paar Frösche küssen, um einen Prinzen zu finden. Oder wie ich es geschlechterneutral übersetzen mag:

Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig: Einfach küssen.