Demut

Mediengetriebene Prominente, Politiker, Profisportler, schaut auf diesen Fußballtrainer: Christian Streich, seit der Winterpause Übungsleiter beim SC Freiburg, agiert in der Öffentlichkeit eines harten Geschäftes, steht unter Druck, ist erfolgreich. Aber der langjährige A-Jugendtrainer bleibt dabei ein Mann voller Demut, Bescheidenheit und Humor angesichts des Wahnsinns, der auf ihn einprasselt. Er ist bei sich selbst. Er ist ruhig und ehrlich. Er scheut die Show.

Seine Pressekonferenzen sind kleine badische Buddhismen der Weisheit, seine Aussagen gehören in jedes Stammbuch und auf manchen Grabstein. Niedergeschrieben (ohne das Badische künstlich verschriftlichen zu wollen) liest er sich wie ein süddeutscher Khalil Gibran (wessen Herz mal wieder gewärmt werden muss, schaut diese Pressekonferenz hier):

Wenn ich nimmer Trainer wäre, morgen, und in vier Monaten würden sie in Flensburg sagen, da war doch mal irgendeiner Trainer in Freiburg, der ist Fahrrad gefahren, die wüssten den Namen gar nicht mehr. Das Leben ist doch so schnell, es geht doch alles so vorbei. Es ist doch alles auch… es ist Realität und doch manches keine Realität. Man muss wissen wer man ist, ich bin Fußballtrainer, sitze jetzt zufälligerweise hier. Und war so lange Fußballtrainer da drüben, und da kam fast niemand, und ein paar kamen doch und haben zugeschaut und haben gesagt: Eure Mannschaft hat gut gespielt. Es bleibt dann auch wieder gleich. Es ist alles nicht so wichtig.

Ironischerweise zeigt ein Sportler den öffentlichen Systemen der Politik, der Popkultur, der Wirtschaft, in denen zu oft nur in Siegen und Niederlagen gedacht wird, als wäre das alles ein Sport, dass Wettbewerb auch funktioniert, ohne die eigene Person zur Konkurrenz zu stellen. Mit dieser überzeugenden Gelassenheit ist er der fast schon karikaturhafte Gegenentwurf ist zu dem üblichen Personal, was vor Kameras hastet oder gezerrt wird. Er hat etwas, das für viel Geld immer wieder künstlich erschaffen werden soll: Authentizität. Der Mann sagt, was er denkt, und denkt, was er glaubt. Er hat einen starken inneren Kompass, den er zu kommunizieren vermag, und er lässt sich nicht aufregen. In einer Zeit, in der Bundespräsidenten, Top-Manager und Kirchenfrauen zurücktreten, der Lüge überführt und missachtet werden, in der Politiker als unsere Vertreter kaum besser angesehen sind als Fälscher und Trickdiebe (und sich zu oft diesem Ruf entsprechend verhalten), in der jeder mittelmäßige Fußballer durch Medientraining geschliffene Phrasen in hunderte Mikrofone sprechen muss, ohne etwas zu sagen, sprudelt Christian Streich wie ein frischer Quell der Natürlichkeit in einer Kloake der Verstellung. Die Hauspostille Badische Zeitung formuliert es so: “Der Metzgersohn aus Eimeldingen bei Weil am Rhein befriedigt unbewusst viele Sehnsüchte – vor allem wohl die nach Ehrlichkeit in Zeiten staatstragender Halbwahrheiten.” Der Kicker nennt das “erfrischend normal” und Streich einen “Philosophen mit klaren Wertvorstellungen.” Weil er zugibt, dass er Angst hat, wenn er sieht, wie mit anderen Trainern umgegangen wird.

Dabei tut Streich gar nicht erst so, als hätte er fertige Lösungen parat, und strahlt gerade deswegen Kompetenz aus. Er verlässt sich auf sein Team in einer Offenheit, die man selten hört, beschreibt das Miteinander und schließt: Zum Glück. Zum Glück bin ich nicht alleine. Wann hat zuletzt eine öffentliche Person so verletzlich offen das totzitierte Teamwork gewürdigt?

Und Christian Streich übt sich in Toleranz: Der eine holt Kraft aus dem Gebet, der andere aus der Badewanne. Diese kleinen Sentenzen und ihre spontane Glaubwürdigkeit sind es, die man bei anderen Phrasendreschern vermisst. Streich dampft die überkomplizierte postmoderne Welt, die im medialisierten Event-Zirkus des Fußballs eine ihrer wahnwitzigsten Ausformungen annimmt, auf einfache Wahrheiten ein. Einfache Wahrheiten, die ausnahmsweise einmal stimmen, die eine Bresche schlagen in die gnadenlose Erfolgsdenke des Kapitalismus anno 2012, in den professionalisierten Sport mit all seinen Übertreibungen und der Hysterie und Spekulation, mit all seinen Chiffren und Metaphern, welche ja wiederum auf die echte Welt verweisen. Wir müssen nicht gewinnen, wir müssen nur sterben. Streichs Sätze werden in der Aufmerksamkeitsökonomie wertvolles Gut, weil sie sich deren Regeln entziehen.

Die Hauspostille Badische Zeitung hat reagiert und eine Rubrik “Streich der Woche” eingerichtet. Dort findet man auch sein Mantra: Spielsch. Übsch. Bringt ja alles nix.

Und er verrät, warum er selten jubelt, und dieses Geständnis muss man lesen und verinnerlichen: Ich würde wahnsinnig gerne jubeln, aber ich kann im Moment nicht groß jubeln, ich habe andere Gedanken im Kopf. Es geht weiter, das Tor ist erledigt, der Ball ist schon drin. Ich hab mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Manche Menschen jubeln und tun sich trotzdem mit anderen Sachen beschäftigen. Ich hab das Potenzial nicht. Es gibt ja Menschen, die machen Dinge fast nebeneinander und so, das kann ich nicht. Ich bin, ich kann… ich juble ja auch manchmal. Bei manchen Toren, da geht´s. Aber oft geht´s auch nicht.

Ein Star, der zugibt, nicht immer den eigenen Erfolg zelebrieren zu können, weil er überfordert ist – das ist Demut. Christian Streich würde den nächsten Satz nicht gerne hören, aber er ist wahr: Von dieser Demut können wir alle etwas lernen.

Rant gegen Politiker

All die intellektuelle Tieffliegerei, die analytische Stumpfheit, die Arroganz und Ignoranz der so genannten “etablierten Parteien” kanalisiert sich in einem Satz des Berufsjugendlichen Cem Özdemir zum Erfolg der Piraten: „Wir müssen aber aufpassen, dass unsere Wahlkämpfe spannend und cool sind.“ Ansonsten sei man bei der Netzpolitik selbst gut genug aufgestellt.

Sie haben immer noch nicht verstanden. Nichts. Vor ein paar Monaten rissen sie noch Wortwitzchen über die Piraten, taten sie als Protest-oder Großstadtphänomen ab, machten das irrationale Internet (wie so oft) für diese Irritation verantwortlich. Inzwischen kann einem die Hilflosigkeit der Politiker und ihre erschreckenden Auswüchse (FDP-Döring: “Tyrannei der Masse”) fast schon leid tun. Verwirrt und überfordert begreifen sie die Piraten als unfaire Konkurrenten in der großen Zockerei um Prozentpunkte. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt.

Ich frage mich: Warum ist eigentlich so schwer zu verstehen, dass Menschen lieber Transparenz und Partizipation als Klüngel und Arroganz wählen? Wie kann ein Cem Özdemir ernsthaft öffentlich über den Stil des eigenen Wahlkampfes nachdenken, während diese neue Partei ein gänzlich anderes Politikverständnis propagiert? Was sagt das wiederum über sein Verständnis von Meinungsbildungsprozessen aus? Scheinbar werden für einen grünen Spitzenpolitiker Wahlen primär durch “coole und spannende” Kampagnen gewonnen, und vielleicht ein bisschen Netzpolitik. Was sagt das über seinen Glauben an die eigenen Inhalte aus? An was glaubt Cem Özdemir offensichtlich? Warum nennt er und kaum ein anderer Politiker konkrete politische Forderungen der Piraten? Kennen sie sie nicht? Interessieren sie sich nicht dafür? Reicht ihr geistiger Horizont nur bis zu den Schlagworten “neu”, “Internet”, und vielleicht noch “Urheberrecht” (diesbezügliche Positionen der Piraten werden grundsätzlich falsch bzw. bis zur Unkenntlichkeit simplifiziert wiedergegeben, es scheint egal zu sein)? Wie viele Politiker rufen, auf die Piraten angesprochen, den Mythos von der Ein-Themen-Partei auf? Hatte keiner von ihnen die Zeit oder die geistige Ressource, mal das Wahlprogramm der Piraten zu lesen? “Ich bin auch auf Facebook, es gibt Kollegen die bei Twitter sind” argumentierte eine Dame von der SPD, deren Name mir auf Grund völliger Grauheit ihrer Erscheinung längst entfallen ist. Man sollte ihr erklären, ach, man sollte ihr nichts erklären, sondern sie schnell wieder vergessen. Linke-Chefin Lötzsch hingegen formuliert, die Piraten beherrschten besser als die Linke “den Gestus des Anderen”. Zu mehr Analyse hat es nicht gereicht? Das soll die Antwort einer Partei sein, die angeblich eine sozialpolitische Alternative bietet? Was kann ich dann als Wähler von Frau Lötzsch erwarten?

Wie beschämend kann eine politische Klasse noch herumsimpeln? Ich hatte kein besonders gutes Bild von “den Politikern”, und solche Verallgemeinerungen sind mir eigentlich zu einfach, aber was als homogene Reaktion auf die Piraten quer durch die Parteienlandschaft an die Oberfläche treibt, ist so doof, so kindisch, so sinnlos, es macht mir Angst. Wenn das Personal dermaßen unfähig ist, einfachste Zusammenhänge herzustellen und offensichtliche Veränderungen zu analysieren und eventuell einen halbwegs schlauen Satz dazu zu sagen, wenn eine Kaste, deren Profession unter anderem das Management von Wandel ist, so blind in gewohnten starren Strukturen steckt, dass jede mittelgroße Irritation sie vor unlösbare intellektuelle Probleme stellt, dann muss sie weg. Schnell.

Digital Psycho

Bret Easton Ellis, der narzisstische Misanthrop, der u.a. Unter Null, American Psycho und Glamorama geschrieben hat, hat heute (gestern Nacht in Los Angeles) mittels seines Twitteraccounts ein Experiment gestartet: Er denkt laut darüber nach, was der American Psycho Patrick Bateman heute wohl tun würde. Und seine Follower senden ihm Vorschläge zu wichtigen Fragen wie: Welche Serien würde Bateman mögen, welche Stars hassen, mit wem abhängen und wen umbringen? Wie würde er mit der Transparenz umgehen, die soziale Netzwerke in unser Leben gebracht haben? Wer wäre die Besetzung seines perfekten Celebrity-Dreiers?


Er fängt das Brainstorming scheinbar unabsichtlich mit diesem Tweet an: 1:00 AM in L.A. and sitting at my desk finishing a script and suddenly I’m making notes on where Patrick Bateman’s now and maybe he could…

Sofort reagieren einige seiner mehr als hunderttausend Follower. Man ist sich mehr oder weniger einig: Heute würde Patrick Bateman natürlich nicht mehr über Huey Lewis and the News oder Genesis referieren, sondern über ColdplayPatrick would go on a very long dissertation about Coldplay’s oeuvre… His favorite song being “Fix You”…

Seine Helden wären die Kardashian Schwestern, David Beckham und Rihanna, während er Obama hassen würde. Er würde Blendr nutzen, um seine Opfer zu finden, deren Fotos er auf Facebook postet. Sein iPad würde zu ihm sprechen, Spotify würde ihn nerven, sein erster Mord wäre einer der Kony2012 Macher.

Nachdem die Resonanz auf die nicht immer ernst gemeinten Ideen riesig erscheint, spricht Ellis von einer möglichen Fortsetzung des Bestsellers. Er plantWell, if this American Psycho sequel pans out I’d get in touch with my agent first but will have to spend the weekend seeing if it works…

Die Fans sind begeistert, am Ende fasst Ciarán Wilson vorerst zusammen: there’s no turning back now. Your fans would be devastated. Und Ellis ermuntert noch einmal das Publikum (siehe Bild): Please keep sending me ideas… You won’t get credit…But they help…

Ich bin verkatert und habe jetzt überhaupt keine Lust auf ein Fazit á la “Crowd-Sourced Literatur” und “Der Autor und sein Werk 2.0”, aber wenn das Buch wirklich geschrieben wird, mit Hilfe der tausenden Ideen, die Ellis via Twitter bekommt, wäre das schon ein bisschen schön und  verrückt.

One Trick Kony


Diese Woche hat uns das Internet mal wieder gezeigt, warum es so großartig ist: Die Kampagne KONY 2012 und der Diskurs, der sich daraufhin quer durch alle Netzwerke und Medien zog. Worum ging es?

Eine Organisation namens “Invisible Children” hat vor zwei Wochen einen dreißigminütigen Film veröffentlicht, in dem die Verbrechen eines ugandischen Warlords namens Kony drastisch erzählt wurden. Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, den Film ganz zu sehen, weil mich die pathetisch-hippe Ästhetik in diesem Kontext sehr störte. Womit ich offensichtlich nicht allein stehe. Aber sehenswert ist er, so oder so, deswegen zeige ich ihn hier noch mal:

Weil der Film ein wichtiges Problem der dritten Welt hautnah vermittelt und gut gemacht ist, und weil traumatisierte ehemalige Kindersoldaten wahrscheinlich die wirkungsvollsten Testimonials für Engagement sind, wurde er auf Facebook massenhaft geteilt, getwittert und diskutiert. Millionen Menschen sahen den Film innerhalb weniger Tage. Doch ebenso schnell kamen erste Zweifel an der Organisation, ihrer Seriosität und vor allem ihren Zielen auf: Sollte man Feuer mit Feuer bekämpfen, indem man eine militärische Lösung anstrebt? Wissen lokale Organisationen nicht besser Bescheid als amerikanische Filmemacher? Warum lassen sich diese Aktivisten mit Waffen und Kämpfern des durchaus umstrittenen ugandischen Militärs fotografieren? Geht es hier um humanitäre Hilfe oder um Eitelkeiten?

Emotionalisiert von diesem Konflikt zwischen gerechter Sache und selbstgerechter Attitüde teilte sich in zwei Lager: Auf der einen Seite diejenigen, die monströse Verbrechen in die Öffentlichkeit gezerrt sehen wollen, auf der anderen die Kritiker, die Haltung und Handeln von “Invisible Children” fragwürdig finden.

Der Autor des Artikels bei Vice endet schließlich mit Ratlosigkeit: “Sollten wir nicht lieber anfangen, den Kindern zu helfen? Oder ist es diese Art von blindem Einmischungszwang, der Länder wie Afghanistan in sehr, sehr lange Kriege führt? Ich hab echt keine Ahnung. Sorry, Leute.”

Und heute dann im Telegraph die Reaktion der Betroffenen: “What that video says is totally wrong, and it can cause us more problems than help us”, klagt dort eine Helferin for Ort.

Dieser irrsinnig schnelle Ablauf der Diskussion, das Engagement von Menschen, die vermutlich bis dato von Afrika nur wussten, dass es dort nicht ganz so gut läuft, und die Tiefe der Informationen, bis hin zu detaillierten Angaben über die wirtschaftlichen Praktiken von “Invisible Children”, sind beispiellos. Dazu finden Betroffene wie Experten und “ganz normale User” Gehör, Blogger berichten ebenso wie etablierte traditionelle Medien, zum Beispiel die ZEIT oder der Guardian, der eine Fülle an Informationen und Einschätzungen bietet. Eine breite und tiefe Vielfalt an Stimmen, Meinungen, Reflektionen. Wie immer auch viel oberflächlicher Quatsch, blutrünstige Simplifizierungen, zynische Kritik. Aber eben auch wertvolle Hintergrundinformationen, Vorgeschichte, Zahlen. Fehlt eigentlich nur noch, dass Kony himself eine Gegendarstellung auf seinem Blog postet. Marshall McLuhans globales Dorf – wir leben darin.

Das kann nur gut sein, unabhängig von der inhaltlichen Auseinandersetzung und ihr mögliches Fazit, über die Johnny Häusler schrieb: “Die alten Fragen bleiben aber leider. Warum Menschen so sind. Was man selbst tun kann, um solch barbarischen Geschehen Einhalt zu gebieten. Wie die Welt reagieren sollte, die UN.”

Die Mittel, diese Fragen zu verhandeln, sind der Schlüssel, sie irgendwann zu beantworten. Und überflüssig zu machen. Diskurse wie dieser bringen uns alle näher an die wahren Schweinereien und mögliche Abhilfen. Diese Kampagne wird kein One Trick Kony sein. Nach ihrem Vorbild werden neue kommen, andere Missstände anprangern, frische Aufmerksamkeit erregen, wiederum Kritik provozieren. Immer mehr Menschen werden immer sensibler und betrachten Aufreger gleichzeitig rationaler. Wir lernen nachzufragen, uns selbst eine Meinung über ein paar Minuten Film hinaus zu bilden, alle Seiten zu hören. Wir lernen, so hoffe ich zumindest, Vorsicht vor einfachen Antworten.

Ich habe große Lust auf eine Welt, die so schnell, so kontrovers, so tief miteinander diskutieren kann.

Credits und Epilog: Ohne den wohlinformierten Tilo Jung hätte ich keine Ahnung von der ganzen Sache. Und trotz der von ihm entdeckten Artikel maße ich mir kein inhaltliches Urteil an, zumal dieser Text aus dem Handgelenk geschrieben wurde. Wer wissen will, ob und wenn ja wer recht hat, lese bitte alles, was er dazu finden kann. Ich habe nur eine lose Auswahl verlinkt.