Handschrift

Warnung: Dieser Text wurde am Computer, nicht per Hand geschrieben. Er ist also höchstwahrscheinlich nicht gut.

Miriam Meckels sentimentale Abhandlung zur Handschrift, erschienen im ZEIT-Sonderheft “Wie Sie besser schreiben” (und vorgestern in ihrem Blog), ist ein Paradebeispiel für eine vermeintliche “Analyse” des medienkulturellen Wandels. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, diesen tendenziösen Text absatzweise zu reflektieren. Und zwar mittels meiner Tastatur. Man kann an seinem Beispiel erfahren, wie vermeintlich objektive Instanzen alte Narrative zementieren, indem sie neue abwerten.

Meckel beginnt mit einer emotionalen Schilderung: “…ein Etikett, das meine Mutter einst per Hand beschriftet hat. ‚Vanillekipferl’ steht darauf. Als ich dieses Wort las, kamen mir die Tränen. (…) Meine Mutter lebt schon einige Jahre nicht mehr. Dieses kleine handschriftliche Klebeetikett ist geblieben.”

Für sie ist die Handschrift ihrer verstorbenen Mutter eine wichtige optische Verbindung. Ähnlich wie ein Foto wird sie emotional aufgeladen. Diese Konnotation eines ästhetischen Eindrucks mit tiefen Gefühlen ist nachvollziehbar, führt jedoch direkt in eine Verklärung, die den ganzen Text dominiert: Die mütterliche Handschrift riecht nach Vanillekipferl, die böse Maschinenschrift nach nichts.

“Auch heute kriegen Freunde und Mitarbeiter die Krise, wenn sie handschriftliche Notizen von mir bekommen, schnell dahin geworfen und meist unleserlich. Aber sie wissen immer sofort, von wem die Mitteilung kommt.”

Der aufgerufene Vorteil der Handschrift, ihre Unverwechselbarkeit, entsteht also aus einem (persönlichen) Mangel an Genauigkeit. Man könnte einem stolz unleserlich schreibenden Menschen bewusste Exklusion vorwerfen. Ich kenne diese Vorwürfe, denn ich schreibe händisch wie ein betrunkenes Kleinkind. Schreiben sollte man (siehe beliebiges Kommunikationsmodell, erstes Semester Kommunikationswissenschaft), um gelesen und verstanden zu werden. Alles andere ist narzisstische Koketterie mit der eigenen kultivierten Unzulänglichkeit.

 

Schreiben Lernen muss weh tun.

“Schreiben Lernen ist auch ein lebenswichtiger Prozess. Nur als Alphabeten sind wir in der Lage, in allem an Welt und Leben teilzunehmen. Es könnte etwas bedeuten, dass wir uns diese Fähigkeit mit unseren Fingern aneignen, sie uns Zug um Zug erarbeiten müssen. Und dass die Spuren dieses mühsamen sich in die Welt Einschreibens für immer in unserer individuellen Handschrift angelegt sind. Inzwischen experimentieren viele Grundschulen in Deutschland mit der „Grundschrift“, die sich an die Druckbuchstaben anlehnt und den Kindern das Schreiben Lernen einfacher machen soll. Der Grundschulverband betont, es gehe nicht darum, die Schreibschrift wegzulassen, sondern man wolle den Kindern das Schreiben und den anderen das Lesen des Geschriebenen erleichtern. Das ist ein logischer Ansatz, aber er wird die Handschrift als Ausdruck des Einzelnen verändern.”

Diese Idealisierung des mühsamen Prozesses Schreiben Lernen als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe, sowie die Betonung des Nebeneffektes „Handschrift als Ausdruck des Einzelnen“, deutet eine Gleichsetzung von Preis (bezahlt in Arbeit und Mühe) und Wert (der Kulturtechnik Schreiben) an. Wenn Schreiben Lernen nicht anstrengend ist (und dieser Kampf mit einer individuellen, weil fehlerhaften Handschrift belohnt wird), ist es scheinbar weniger wert. Nur wer sich in der Grundschule abmüht und wie Meckel “mit blauen Händen, oft auch mit blauen Flecken auf T-Shirt und Hose nach Hause” kommt, ist des Schreibens würdig.

Eine Schrift, die weniger Mühe nicht abverlangt? Nicht so gut. “Das ist ein logischer Ansatz, aber…” – nein, das ist kein logischer Ansatz, das ist eine Hilfe zum schnelleren Bildungseinstieg. Man würde denken, eine Wissenschaftlerin stellte grundsätzlich die Alphabetisierung und damit Bildung der Kinder in den Vordergrund. Stattdessen sollen die Kleinen sich den Zugang zur großen Welt mit Handschweiß verdienen.Wer mühelos schreiben lernt, hat weniger davon? Wer sich nicht engagiert eine individuelle Schrift erkämpft, ist weniger Individuum?

 

Vorteile des Maschinenschreibens: Fehlanzeige.

Meckel weiter: “Ich gebe freimütig zu: Auch ich schreibe inzwischen weniger und weniger mit der Hand.” Einerseits weil ihr das handschriftliche Schreiben als Staatssekretärin durch das mechanische “Abzeichnen” von Akten verleidet wurde, andererseits weil “der Computer inzwischen in meinem Leben” eine große Rolle einnimmt. Meckels Schreibbiographie erscheint passiv. Ihr ist eine Entwicklung zugestoßen. Ihr blieb keine Wahl. Keine Rede von der Erleichterung, den mannigfachen Vorteilen des Arbeitens am Computer mit leistungsstarken Textprogrammen, die einer Professorin und Autorin nutzen. So selbstverständlich sind diese Vorteile der Technik, dass sie nicht mehr erwähnt werden müssen? Wie hilfreich Programme wie “Evernote” sind,  erklärt Meckel nicht, stattdessen schreibt sie über diese digitalen Notizen: “Dort werden sie digital abgelegt und doch gleichzeitig von mir in die „Cloud“ entlassen – die ewige Notiz, entpersönlicht und doch nie wieder vergessen.”

Entpersönlicht? Was genau bedeutet dieses Wort? Wenn ein Gedanke, der per se “persönlicht” ist, nicht auf einem Zettel neben mir, nicht mal auf dem Computer vor mir, sondern auf einem Server irgendwo auf der Welt gespeichert ist, für mich jedoch genauso abrufbar und sichtbar, ist er dann weniger persönlich? Generiert sich die Persönlichkeit eines Gedankens über die physische Nähe seines Mediums? Was folgt daraus für meine Persönlichkeit? Schafft sie es nur auf Papier, höchstens noch auf meinen Laptop? Geht sie verloren, weil die Notiz durch Datenleitungen reisen muss? Ist das die digitale Entsprechung zu den Indianern, die nicht mit dem Zug reisen wollten, weil ihre Seele nicht nachkommen könne?

 

Wert gleich Preis?

Für Meckel jedenfalls besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Wert und Preis: “Wenn ich heute jemanden wirklich erreichen will, dann schreibe ich einen Brief – per Hand. Nicht nur weil er beim Adressaten zwischen den hunderten von digitalen Mails und unnützen analogen Postwurfsendungen als Ausnahme der Regel schon einmal Aufmerksamkeit erzeugen wird. Auch weil ich neben den im eigentlich Brief enthaltenen Botschaften auch eine unausgesprochene übermittele: Du bist mir wichtig. Ich nehme mir die Zeit, mich hinzusetzen und wirklich darüber nachzudenken, was ich dir sagen möchte, und dann schreibe ich es mit der Hand auf.

Das impliziert, dass sie für die Formulierung einer Mail (oder eines Textes über Handschrift) deutlich weniger Zeit und Nachdenken aufwendet. Und dass sie selbst den Inhalt einer Nachricht nach ihrem Medium bewertet. Nach dieser Logik könnte sie den geschriebenen Brief per Brieftaube senden, um seinen Wert nochmals zu steigern. Inhalt und Stil? Erscheint sekundär. Das ist McLuhan in Reinform: Das Medium ist die Botschaft. Und ich muss mich für die bequemen Links in diesem Text entschuldigen. Hätte ich den Leser jeden Namen selbst googeln lassen, hätten diese Sekunden Mehrarbeit nach Meckels Logik zu besserem Verständnis beigetragen.

Dieselbe Denke liegt dem von Meckel angeführten Zitat der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff zu Grunde, die behauptet, Verständnis korreliere positiv mit der Haptik: “…was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird, legt eine ungleich intensivere körperliche Spur, die sich im Gedächtnis einlagern kann, als Wörter und Sätze, die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen.” 

 

Die papierne Haptik als sakrosankter Qualitätsgarant

Ebendiese Frau Lewitscharoff schrieb vorgestern einen an Hass und Ignoranz kaum zu überbietenden Artikel gegen “Eine Generation, die durch das haltlose Internetgequassel groß geworden ist und wirkliche Qualitätsunterschiede kaum kennt.” Im Zuge einer erstaunlich kompletten Sammlung aller Vorteile, Feindbilder und oft wiedergekäuten, aber falschen Annahmen in Bezug auf die Urheberrechtsdebatte, behauptete sie auch: “Wenn jedoch die Haptik des Seitenumblätterns entfällt, das zu Lesende seine reale Objekthaftigkeit verliert, wenn der Körper immer weniger und fast nur noch das Auge beim Lesen involviert ist, leidet das Gedächtnis, leidet der Spürsinn für Qualität.” Die papierne Haptik, ob in der Handschrift oder der Lektüre eines Buches, funktioniert also als sakrosankter Qualitätsgarant.

Abgesehen davon, dass dies eine lose These einer Schriftstellerin und keiner Neurowissenschaftlerin ist, folgt daraus eine sehr simple, konsequent durchdacht jedoch lächerliche Relation: Je mehr ich mit den Händen arbeiten muss, desto mehr kapiere ich. Demnach müssten Schulkinder das Schreiben mit Hammer und Meißel lernen. Noch besser: alles, was sie lernen, aus Knete formen, um es wirklich zu erfahren. Meckel allgemeinplatzt: “Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer „Kulturtechnik“, die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist.” Der Kanon der “Kulturtechniken” ist scheinbar ein abgeschlossener, unveränderlicher. Was einmal Kulturtechnik war, bleibt für immer. Dass Kultur ein dynamischer Prozess, eine Evolution ist, die hauptsächlich von technischen Rahmenbedingungen und deren Adaption durch uns kreative Wesen abhängt, scheint ihr abzugehen. Interessant auch, dass Meckel ab diesem Punkt im Text “Schreiben” immer als handschriftliche Textproduktion versteht. Alles andere ist eben nicht das “richtige” Schreiben.

 

Die “Atemzüge des Körpers” und andere verrückte Ideen

Es folgt ein Absatz, der Erkenntnisse aus der Hirnforschung heranzieht, um “…die fortlaufenden Sequenzen eines handgeschriebenen Texts die Atemzüge des Körpers” zu nennen. Die “Atemzüge des Körpers” ist eine Hohlphrase, wie sie nur von der Tastatur gehandicapten Computerkids kommen kann. Man muss den ganzen Absatz lesen, um zu verstehen, wie wenig Meckel sich selbst versteht: “Der Hirnforscher Ernst Pöppel hat einst den Arbeitsrhythmus des menschlichen Gehirns untersucht und dabei entdeckt, dass unser Gehirn in Drei-Sekunden-Schritten arbeitet. Wenn diese drei Sekunden, wie Pöppel es sagt, der Atemzug der Seele“ sind, dann sind die fortlaufenden Sequenzen eines handgeschriebenen Texts die Atemzüge des Körpers. Und beide laufen parallel.”

Fragen über Fragen: Was haben die Drei Sekunden des Gehirns mit der Handschrift zu tun? Welche fortlaufenden Sequenzen unterscheiden die Handschrift von der Computerschrift? Schreibt Frau Meckel händisch genau alle drei Sekunden ein Wort, tanzt sie einen Dreivierteltakt aufs Papier, ihre Finger wie Walzerpaare? Und wieso laufen diese Sequenzen mit den Drei-Sekunden-Schritten der Seele parallel? Welch eine Ansammlung von leeren Behauptungen, die nicht zusammen passen; insgesamt jedoch den Eindruck erwecken wollen, dass hier jemand bis in unser Innerstes geschaut hat – und dort die Handschrift sah.

Der nächste Abschnitt ist ähnlich wirr und sinnlos: “Durch das Schreiben mit der Hand begreifen wir die Wirklichkeit. Wir zeichnen sie nach in ihren Lebenslinien und Konturen und bilden dabei unsere eigenen aus. Wir fahren die Weltkarte des Verstehens mit einem Stift ab und erobern uns verschiedener Sprachen Länder. Sicher, das ist die Welt der Worte als Signifikanten, die wir uns so erobern.”  Und jetzt Achtung: “Aber diese Reise gehört zum Erfahren und Erleben dazu wie auch die durch die wirkliche materielle Welt der Signifikate, über die wir dann wiederum schreiben können mit den Worten, die wir uns zuvor erobert haben.”

Das kommt davon, wenn man einen Text schreibt und nicht noch einmal liest. Egal ob von Hand oder per Roboter. Es wird aber noch besser:

“Etwas Besonderes geschieht, wenn wir einen handschriftlichen Text verfassen. Es ist die materielle Erschaffung von Sprache, und sie setzt eine bestimmte Reihenfolge voraus: erst denken, dann hinschreiben. Bei der Textverarbeitung am Computer kann, muss das aber nicht so sein. Copy und Paste, das Herumschieben ganzer Absätze, das Verarbeiten von Text ganz im schlechten und falsch interpretierten Sinne des Satzes von Heinrich von Kleist über die Verfertigung der Gedanken beim Sprechen, all das sind Möglichkeiten des Schreibens am Computer.”

Abgesehen davon, dass der letzte endlose Satz ein perfektes Beispiel für einen wenig stringenten, verworrenen Schreibstil ist, wie er angeblich vom Computer gefördert wird; die implizite Annahme, man müsse nur beim digitalen Schreiben nicht unbedingt nachdenken, bevor man schreibt, ist haltlos. Ein “kann, muss aber nicht sein” gilt genau so für handschriftliches Denken. Wer noch nie Quatsch mit der Hand geschrieben hat, werfe den ersten Montblanc-Füller. Grundsätzlich gilt: Eine qualitative Disposition kann für kein Medium, keine Technik der Textproduktion angenommen werden. Im Gegenteil, wie der folgende Abschnitt zeigt.

 

Männer können seine Schwächen nicht zeigen

Denn Meckel schafft es noch, einen klar messbaren “Vorteil” der Computerschriftlichkeit umzudeuten in – wie soll man es sonst nennen? – eine sexistische Verschwörungstheorie: “Während die Qualität des Geschriebenen aber bei den Mädchen mit Hand oder Computer nahezu gleich blieb, verbesserte sie sich die Jungen ganz wesentlich, wenn die Maschine ins Spiel kommt. Das wäre mal eine spannende These: Computer und Technik sind deshalb so oft von Männern gemacht, weil sie damit heimlich ihre Denk- und Schreibschwäche ausgleichen können.”

Ich verstehe, obwohl ich ein Mann bin: Wenn sich etwas durch eine neue Technik verbessert, dann natürlich nur, weil diejenigen, die sie miterfunden haben, damit ihre Nachteile ausgleichen wollten. Und zwar heimlich! Wenn ein Sehbehinderter eine neue Blindenschrift erfindet, dann sollte man das kritisch beäugen (sic!), denn damit werden ja nur seine Schwächen ausgeglichen? Für diese Art von “Argumentation” bräuchte es eine neue Kategorie. Ich nenne sie: Antihumanistischer Argwohn.

Ähnlich benutzt Meckel die vorangestellte Erkenntnis, dass am Computer geschriebene Essays länger werden. Was sagt das aus? Für Meckel ist diese Länge gleichbedeutend mit Geschwätzigkeit und fehlender Prägnanz. Dazu bringt sie jedoch keinen Beleg, wahrscheinlich weil es keinen gibt bzw. das Gegenteil wahr ist, nämlich die Qualität eher steigt, wenn auch nur bei den dummen Männern (s.o.). Generell kann eine quantitative Veränderung nur mit einer qualitativen gleichgesetzt werden, wenn man derart händeringend nach Argumenten sucht wie Meckel. Dass, technisch betrachtet, mit dem Maschinenschreiben jedoch erst einmal eine Hürde auf dem Weg Geist-Medium (und damit letztlich: Geist-Medium-Geist) aus dem Weg geschafft wird, nämlich die rein körperliche Anstrengung, in kurzer Zeit viel Text zu produzieren, der nur schwer noch zu editieren ist, ist ihr nicht eingefallen. Jeder, der sich an Deutsch-Klausuren erinnert, die Krämpfe im Arm, die ungesunder Haltung, das schlimme Schriftbild nach drei Stunden Textinterpretation, kann über solche Ignoranz nur gequält lächeln.

 

Eine Sprache, sie alle zu verblöden?

Es folgen einige stereotypische Strohmannargumente “für” die Digitalisierung, die zu nichts anderem da sind, als im selben Schriftzug dekonstruiert zu werden: “Wir verstehen uns in Grundzügen längst auch über Sprachgrenzen hinweg, ohne die jeweils andere Sprache gelernt zu haben. Der Computer macht es möglich, weil er geholfen hat, Bestandteile aus verschiedenen Teilen der Welt zu einer neuen Sprache zu verbinden. “

Das hat erstens mit dem Wechsel von Handschrift auf Tastaturschrift nichts zu tun, sondern mit der (parallel ablaufenden bzw. dadurch beförderten) Vernetzung, aber geschenkt. Die von Meckel aufgerufene Sprache “Globalese”, ein schrecklicher Mischmasch auf dem Niveau von Baby-Englisch, nennt sie “etabliert”. Ich hatte noch nie etwas davon gehört oder gelesen. Es existiert kein Wikipedia-Eintrag. Doch so ein Kulturschock dient natürlich vortrefflich dazu, dem arrivierten ZEIT-Leser Angst zu machen vor den barbarischen Horden im Netz, die sich per Grunzlauten verständigen. Und diese internationalen Primitiven benutzen ein gemeinsames Idiom, nicht weil sie sich gegenseitig verstehen wollen, sondern weil sie mit der Tastatur schreiben? Was ist das für eine schiefe Kausalität?

Meckel schafft es sogar, ihre Strohmannargumente so hinzudrehen, dass sie gegen sie arbeiten. Den Absatz über Englisch als die “Lingua Franca” des Digitalen schließt sie mit: “Wir wissen auch hier aus der Forschung, dass Menschen weniger bereit sind, sich Dinge zu merken, wenn sie immer alles im Internet nachschauen können. Die aber, die wissen, dass sie nichts nachgucken können, merken sich viel mehr. Wenn das auch für Sprachen gilt, werden wir bald alle einsprachig. Alles andere ist ja im Netz.”

Eine einsprachige Welt, in der alle die eine “freie Sprache” sprechen. Und sich nur noch merken, was sie brauchen. Das ist natürlich eine veritable Horrorvision, Frau Professorin!

 

Der digitale Schreibabdruck 

Gegen Ende missbraucht Meckel den armen Vilem Flusser und seine Kulturkritik des Bildes als primäres Medium, und dieses intellektuelle Luftloch muss noch einmal in seiner ganzen kognitiven Mangelhaftigkeit beschrieben werden dürfen. Der Medienphilosoph Flusser kritisierte in den 1970ern die Verschiebung von Text zu Bild (“Pictorial Turn”) wegen der mangelnden Komplexität des Bildes. Nun versucht Meckel diese Unterscheidung (komplex/unterkomplex) auf Handschrift und “Schreibabdruck” zu übertragen. Der Schreibabdruck identifiziert einen Autor von Texten nur über bestimmte Muster in Stil und Inhalt. Die Handschrift ist ein rein visueller Eindruck. Was davon ist also komplexer bzw. oberflächlicher, die motorisch bedingte Handschrift oder der intellektuell bedingte Schreibabdruck? Was würde Flusser kritisieren, wenn beides gleichzeitig in der Welt gewesen wäre?

Als wäre das nicht Thesenschwäche genug, fragt Meckel sich anschließend, wie der digitale Schreibabdruck eines Menschen beschrieben werden kann. Womöglich “wird der datenbasierte „Schreibabdruck“ irgendwann als individualisierte Repräsentation des Schreibens in digitalen Zeiten die Handschrift ersetzen.” Kein Wort zu der Empirie des Schreibabdruckes, die auf charakteristischen Mustern des Schreibenden fußt. Kein Wort zur basalen Kommunikationstechnik des “Absenders” oder der “Signatur”. Als erkenne man heute einen Schreiber nur an seiner Handschrift, als wartete im Digitalen das Identifizierungschaos.

“Was ich dann auf der Keksdose im Keller meines Vaters statt des Aufklebers mit dem Wort „Vanillekipferl“ gefunden hätte? Ich weiß es nicht genau. Wahrscheinlich eine lange, einzigartige Reihe aus binären Zahlen: 01110110 01100001 01101110 01101001 01101100 01101100 01100101 01101011 01101001 01110000 01100110 01100101 01110010 01101100.”

Wie sie zum Schluss auf den Binärcode als Schriftsprache kommt, bleibt ihr dunkles Geheimnis. Er wird nirgends verwendet, auch nicht in der Zukunft, schon gar nicht auf Keksdosen. Wieso sollte man von dem lateinischen Alphabet abweichen? Die Entsprechung, die Meckel zur Handschrift der Beschriftung sucht, wäre eine Signatur, irgendeine Art von Absender. Keine andere Sprache. Das Wort stünde, stringent eine Welt ohne Handschrift weitergedacht, genau so da, nur in Maschinenschrift. Vielleicht würde sie ihre Mutter durch eine Schriftart, eine Farbe oder einfach daran erkennen, dass nur sie Keksdosen so gewissenhaft beschriftet. Was womöglich mehr über einen Charakter aussagt als eine Handschrift. Dieser letzte Abschnitt macht so wenig Sinn und will so platt erschrecken vor all dem Digitalen, den kalten Einsen und Nullen, die mütterliche Vanillegipferl befallen, es tut einem fast leid. Meckel verrutschen die Ebenen wie einem Erstklässler die Schreibübungen.

 

Neue Narrative, bitte!

Derart perfider und gleichzeitig schmerzhaft unterkomplexer, in sich wenig stringenter Kultur- und Technikpessimismus wäre an sich einfach zu übergehen. Aber er kommt von einer profilierten Medienwissenschaftlerin, einer prominenten Professorin und gefragten Autorin zu diesen Themen. Die letztlich, und das zeigt ihr Text, nichts anderes tut als Klischees aufzuwärmen, zu simplifizieren und vorgetäuscht zu argumentieren. Sie besetzt eine sehr enge Perspektive und verlässt sie nicht einmal versuchsweise. Sie ist eben mit Handschrift aufgewachsen, sie mag Handschrift, jetzt gibt es einen Wandel, also ist der Wandel schlecht. Wie schwach sie dabei argumentiert ist ein Ärgernis an sich. Ihre Position wäre sicherlich akzeptabel, würde sie diese solide unterfüttern.

Dass ein Stift auch nur Technik ist, muss eine Medienprofessorin offenbar nicht interessieren. Dass der Mensch nicht als handschriftlich schreibendes Wesen auf die Welt kam, ist wohl ein Fehler der gängigen Schöpfungsmythen. Was ist mit der Kulturtechnik des Reitens als haptisch-biologischer Erfahrbarkeit von Mobilität? Von seelenlosen Fahrrädern und Autos verdrängt? Was ist ein Mensch ohne eigenen Reitstil?

Festgefahrene, dichotomische Debatten rund um den digitalen Wandel bräuchten Akademiker und Intellektuelle, deren Horizont über den einen spürbaren Schritt von alt zu neu reicht. Neue Narrative, wie sie beispielsweise in der Urheberrechtsdebatte dringend benötigt werden, haben es schwer, so lange prominente Stimmen wie Meckels nur von der guten alten und der gefährlichen neuen Zeit erzählen.  Wissenschaftler könnten Skepsis mit Neugierde und Argwohn mit Objektivität ersetzen. Wenn sie wollten.

Die Digitalisierung schreibt Geschichte, mit oder ohne Handschrift. Aber nicht alle, die darüber schreiben, können auch lesen.

tl;dr: Die Handschrift als Kulturtechnik wird von der Maschinenschrift verdrängt. Das ist nicht automatisch schlecht, auch wenn es sich für Frau Meckel so anfühlt.