ranON

Ab dem 4.10. werde ich auf ran.de die neue Webshow ranON moderieren. Begleitend zur Fernsehberichterstattung von Ran auf Kabel1 werden wir den Europa League Spieltag für das Experiment nutzen, wie eine Fußballsendung aussehen kann, wenn sie jünger, spezieller, digitaler daherkommt. Der Blog mit einigem Material, zum Beispiel von der Testsendung, ist schon online. Twitter natürlich auch.

Man darf jetzt fragen: Eine Webshow zur Europa League? Wozu?

Richtig, es gibt mehr als genug Fußball im Fernsehen (und im Internet sowieso). Und vieles davon gefällt vor allem den Heavy Usern weniger. Seit Fußball in der Mitte der TV-Bevölkerung angekommen ist (vgl. Sommermärchen, Klinsmann&Löw, 2006), bewegt sich auch die Berichterstattung dorthin: In den Mainstream. Chartgezielte Bands treten auf, Experten analysieren an der Oberfläche entlang, Einspieler drehen sich um klischeeigen Lokalkolorit und Folklore. Umso seltener thematisiert werden Abstände in der Viererkette, Stadionwurst, Doping, Offensiv-Verteidigung, Ultra-Choreographien, Financial Fairplay oder Schusshaltungen.

Die Frage, die ich mir stelle, wenn ich eine zusätzliche Fußballsendung moderiere: Wer ist so bescheuert und schaut sich, bei allem Fußballüberfluss, auch noch eine Webshow zu einem Europa League Spiel von Hannover oder Stuttgart an? Die Antwort lautet: Leute wie ich. Leute, denen jedes Fitzelchen dieses Sportes unter die Haut geht. Leute, die bei großen Spielen den Kommentar ausstellen, weil sie mehr zu wissen glauben als Reif & Réthy zusammen. Leute, die selber Fußball spielen oder gespielt haben. Und die deswegen das Gefühl eines intensiven Zweikampfes, eines Pfostentreffers, eines gelungenen Spielzuges kennen. Leute, die keine Lust auf mehr vom selben Fußballbrei haben.

Mit dem Netz haben wir nicht nur eine Plattform, auf der sich ein Format wie  ranON ausprobieren kann. Wir haben auch einen Rückkanal, der eine Sendung im besten Fall zu einem geselligen Fußballabend unter Fans macht. Wer auch immer eine fundierte Meinung, eine treffende Beobachtung, einen guten Link oder ein irres Video hat, ist herzlich eingeladen, mit mir Fußball zu schauen. Dabei darf man ernst um die 90 Minuten an sich und quatschig um alles drumherum sprechen. Humor ist immer der Humor der Andersdenkenden, und so kalauern sich die meisten Fußball-Moderatoren handwerklich sauber, aber wenig spannend durch blitzende Event-Sendungen, die so weit vom Rasen entfernt sind wie Sepp Blatter. Dabei bietet Fußball eine endlose Fundgrube für dumme Sprüche und scharfsinnige Pointen. Man muss sie eben nur zulassen.

Und für mich ganz persönlich ist es auch ein weiterer Schritt vom “Meckern” zum “Machen”. Fußballsendungen und ihre Protagonisten doof finden, auf altmodisches, innovationsfeindliches TV schimpfen – einfach. Es besser versuchen? Superspannend.

Das klingt wie viele Versprechen, die nie gehalten wurden? Stimmt. Ich habe keine Ahnung, ob wir wirklich etwas bahnbrechend neues schaffen. Ob wir relevanter werden, frischer, unterhaltsamer. Aber wie rechnete Wayne Gretzky, gültig für Eishockey, Fußball und das ganze Leben, uns einmal vor: 99% aller nicht abgegeben Schüsse gehen auch nicht ins Tor. Oder wie Christian Streich, Trainer meines Fußballclubs, sagen würde: Spielsch. Übsch. Bringt ja alles nix.

Also ziehen wir am 4.10. auf ran.de einfach mal Vollspann ab, um doch noch eine abgehangene Fußballmetapher zu verwenden. Ich freue mich über jeden, der dabei ist.

Franz Xaver Gernstl

Seine “Gernstls Reisen” sind legendäre Ausflüge ins Ländliche und Menschliche. Franz Xaver Gernstl macht für den BR seine eigene Art Fernsehen: ruhig, kontemplativ, emotional. Das ist in seinem Kontrast zum üblichen Hektik-TV fast schon wieder selbst ein Klischee, so unaufgeregt süddeutsch kommen er und seine zwei Mitstreiter daher. Aber Gernstl neulich zufällig bei seiner Suche nach dem “echten” Wiener Schnitzel über die Schulter schauen zu dürfen (Gernstl schaltet man fast immer ungeplant ein, an verregneten Sonntagnachmittagen, wenn die Fernbedienung zum Freund wird), war unterhaltsam, anregend und eben das Fernsehen, wie es sein könnte, wenn die Macher selbst lieben, was sie produzieren.

In diesem Interview sagt er viele schöne Gernstl-Sätze wie: “Je mehr man an Situation schafft, desto mehr fühlen sich die Menschen, mit denen man ein Gespräch führt, als Opfer. Und ich möchte sie als Helden darstellen, da darf man keinen Zauber machen.” Das ist vielleicht der Unterschied: Menschen nicht als Opfer vorführen.


Via Rinderbaron.