Verpackungen

Das Geheime Gesetz: Verpackungen sind grundsätzlich so gestaltet, dass man sie möglichst schwer öffnen kann.

Wer den Menschen für die Krone der Schöpfung hält, sollte ihm beim Öffnen einer Verpackung zuschauen. Da wird Gottes Ebenbild zum Tier, beißt und kratzt und kämpft – und scheitert doch unweigerlich. Statt brav hinter einem passablen Durchlass zu warten, verteilt sich der Kakao, der Reis, die Milch bald über Tisch und Herd, Fußboden und Stolz. Eine maximal missliche Öffnung verärgert spätere Nutzer und erinnert den Schuldigen auf ewig an seine Niederlage. Twitterin yeahsara gesteht: „Nach Jahren schaffe ich es immer noch nicht eine Müsli-Packung aufzumachen, ohne dass sie aussieht, als hätte eine Schildkröte damit gefickt.“

Verpackungslegastheniker sind jedoch in Wahrheit die Opfer eines Geheimen Gesetzes. Denn die meisten Hüllen sind keineswegs schlaue Abkürzungen ins Glück, wie die Propaganda ihrer Perforationen uns glauben machen will. In Werbefilmen mag ein Beau mit einer nonchalanten Handbewegung selbst komplizierte Umfassungen so lässig öffnen wie James Bond exotische Büstenhalter. In der Wirklichkeit sind Verpackungen jedoch gar nicht dazu da, geöffnet zu werden. Sie sollen vielmehr den Zugang zum Produkt so lange erschweren, bis man einen Teil davon unbrauchbar gemacht hat. Oder entnervt aufgibt und ein neues Exemplar kauft. In geheimen Labors tüfteln Designer, Psychologen und andere Sadisten an der Verpackung mit dem höchsten Verschüttungsgrad, an einer ultimativ frustrierenden Hürde, die dem Verbraucher signalisiert: Es liegt nicht an Dir, es liegt an mir. Ich bin ein Mängelexemplar, bitte kauf mich noch einmal, irgendwann klappt es mit uns. Diese feindliche Verpackung gibt einen verheißungsvollen Blick, vielleicht eine lockende Prise Geruch des Produktes frei. Aber vernünftig aufmachen lässt sie sich nicht. Im Nahkampf mit der Außenhaut verschüttet man genug des Himalayasalzes oder beschädigt die Glastischplatte dermaßen, dass man nichts mehr davon hat.

Diese immer gleiche Abfolge von Reiz und Scheitern erinnert manch Unglücklichen an seine Liebesbiographie. Ein trauriger Gedanke, zumal nicht mal ein heißer Trostkakao verfügbar ist. Es bleibt, wie so oft angesichts der zermürbenden Probleme des Alltages, nur der Griff zur Flasche. Denn hat man das Prinzip der Kronenkorken und Drehverschlüsse einmal verstanden, sind Bier und Schnaps verlockend einfach zu erreichen. Mit einem Handgriff ist man erlöst, denn betrunken sollte kein Mensch Verpackungen öffnen müssen. Und wer Rum hat, braucht keinen Kakao.

(Erschienen bei jetzt.de)

Die Lex Cool

(Erklärung: Für jetzt.de schreibe ich seit geraumer Zeit wöchentlich ein Geheimes Gesetz auf. Manche davon mach ich dann hier hin, angefangen mit dem Geheimen Gesetz der Trends.)

Die Lex Cool: Wenn etwas beliebt wird, darf eine Minderheit es nicht mehr gut finden, weil sie es schon kannte. Eine andere Minderheit muss stur verwehren, was alle gut finden. Die Mehrheit ist verwirrt.

Achtung, gewagter Vergleich zum Einstieg: Trends sind wie Sex. Entweder man kommt zu früh, zu spät – oder gar nicht. Die Entdeckung der heißen Band, der stylishen Schuhe, des verrückten Blogs startet den Countdown: Andere Trüffelschweine schnüffeln und liken und sharen und schwatzen – bis der letzte Lifestyle-Lemming das Fundstück entdeckt hat. Beim Gang zur Bushaltestelle sieht man dann jene modischen Insignien an fragwürdigen Existenzen, die man gestern noch als Alleinstellungsmerkmale trug. Aus jedem Autoradio plärrt die Stimme, die bisher nur für die eigenen Ohren sang. Und bei der Arbeit warten drei Mails, in denen die neuen Lieblinge prostituiert werden. O weh: Jeder Banause feiert die einst einzigartigen Steigbügel der Individualität als die seinigen. Ohne Rücksicht, ohne Respekt.

Es ist anstrengend, vorne weg zu laufen, und frustrierend, eingeholt zu werden. Es tut weh, von ehemaligen Schulkameraden, die inzwischen in Haftpflichtversicherungen machen, aus der Avantgarde gedrängt zu werden. Derart gedemütigt geben manche Trendeltern ihre Trendkinder auf und seufzen: „Wenn jetzt jeder damit rumrennt, brauch ich das nicht mehr.“ Endstation Trend-Babyklappe, auch bekannt als Mainstream.

Wer hingegen der Mode hinterherrennt wie einem abfahrenden Zug, den bremsen die gelangweilten Kommentare der Early Adopter: „Dieses hippe Produkt hab ich mir letztes Jahr zu einem hippen Anlass schenken lassen. Ist aber natürlich immer noch ganz nett.“ Schlimmer nur, wenn man etwas entdeckt hatte, es aber aus Lethargie, Unsicherheit oder Bescheidenheit nicht rausposaunte. Dann erntet ein anderer die Anerkennung der Aufmerksamkeitsökonomie, lässt sich als Entdecker des modischen Neulandes feiern. Und man kann nur möchtegern quaken: Kannte ich schon längst! Ist gar nicht so neu! Der Ausweg führt viele Menschen in die Verweigerung: Sobald sie trotz ostentativen Desinteresses an allen trendartigen Vorgängen plötzlich spüren, dass Polka, Pluderhosen oder Purzelbäume jetzt „in“ werden, lehnen sie diese ab. Die Coolen Uncoolen schimpfen die Neuheit nicht nur uninteressant, sondern so richtig doof und gehtgarnicht. Sie lästern über die verunstalteten Hipster, finden sich „zu alt für den Scheiß“ und stellen weise fest: „Man muss nicht jeden Quatsch mitmachen“. Trendfolgern werfen sie abschätzige Blicke zu und verätzen ihre Beobachtungen („Trägst Du das jetzt…“) mit einem „…auch schon?“.
Fehlerfrei, aber missmutig können diese Verweigerer in konventionellen Neubauwohnungen fern aller angesagter Stadtteile vor sich hin ranzen, bis sterben endlich wieder out ist. Ach, beneidenswert sind die Menschen, die fern aller Mode und Hypes vor sich hin leben. Sie sind, so munkelt man, das nächste große Ding.

Erschienen bei jetzt.de.Movie Fifty Shades Darker (2017)

Jackass Funding

Neulich (es war Nacht und wir betrunken) versprach mir ein so genannter Freund 70 Cent, wenn ich einen Handstand auf der Theke performe. Glücklicherweise kam ich nicht einmal mehr die Theke hoch. Oft genug jedoch ist solch eine Aufgabe zwar unsinnig, aber machbar: 70 Cent dafür, die Toilettenfrau auf einen Schnaps einladen, weil sie dich an deine Oma erinnere. Mit Kleidern in den Pool springen. Zum DJ gehen und dir David Guetta wünschen. Zwanzig Minuten auf allen vieren laufen. Das ganze Glas auf Ex trinken. Jemandem einen Euro schenken.

Solche Deals kennen wir alle: Stupide Wetten, zum reinen Vergnügen der Anwesenden abgeschlossen. Einer muss der Depp sein, der sich traut. Alles müssen zahlen, sobald derjenige sich wirklich traut. Meistens kommt das Geschäft nicht zu Stande. 70 Cent, Standardpreis in meinem bescheuerten Umfeld, sind ein eher symbolischer Betrag. Zu wenig für die Ehre. Aber schambetäubende 100 Euro? Bekommt man nicht zusammen, selbst wenn jeder einen Zehner springen lässt. Es sei denn, man erreicht genug Menschen. Was passiert, wenn die ganze Welt mitzahlen und dafür auch zuschauen kann? Warum sollen eigentlich nur Kunstwerke und Businesses crowdgefundet werden? Was ist mit der schwarmfinanzierten Idiotie?

Denkt doch nur mal an die unendlichen Möglichkeiten der Lächerlichkeit! Was ein globales Publikum an Ressourcen bereitstellen könnte! Jede schlecht durchdachte Trottelaktion könnte locker angereizt werden. Wahrscheinlich würden erst die Preise ins Unermessliche steigen, um sich dann auf soliden dreistelligen Beträgen für leichte, vierstellige Beträge für brutale Dummheiten einzupendeln. Vielleicht könnten auch verschiedene Simpel miteinander konkurrieren und die jeweils geforderte Torheit zu Kampfpreisen anbieten? Was für ein Zirkus der Wagemut, was für ein kollektiver Kokolores!

So sinniere ich, während ich mich an der Theke festhalte und mein Freund seinen Handstand übt, über eine Geschäftsidee für das nächste große Internetding: Jackass Funding. Da ich jedoch ein wohlerzogener, verantwortungsbewusster Staatsbürger bin, denke ich sogleich an die moralische Dimension. Kann man es verantworten, dass sich minderbemittelte Existenzen rund um den Globus für ein Handgeld prostituieren? Und das alles zum perversen Vergnügen einer Netzgemeinde, die die Helden ihrer einsamen Nächte am nächsten Tag vergessen hat? Will man wirklich der Nukleus der Peinlichkeiten sein, ein Impresario der Indiskretionen? Will man einen Marktplatz der Demütigungen betreiben?

Am Ende bleibe ich mit dieser Idee zurück, die mich reich und böse machen würde. Ich entschließe mich, diesen Text hier zu schreiben, auf dass ein skrupelloser Entrepreneur sie aufschnappe und umsetze. Soll er Millionen mit den Schicksalen aufmerksamkeitssüchtiger Selbstgerechter werden, soll er ethische Last tragen, eine ganze Generation in abstruse Wetten zu verwickeln.

Ich werde eine neue Idee haben. Und auf dem Jackass-Funding-Portal werde ich fragen: Was kriege ich, wenn ich eine millionenschwere Geschäftsidee verrate? Startpreis 70 Cent.

WDR

Letzte Woche Mittwoch war ich auf ein Podium des WDR eingeladen mit dem Titel “Keine Angst vor dem Wahren, Schönen, Guten – Kultur im Radio und junge Menschen.” Das war, zumindest für mich, sehr unterhaltsam und interessant. Das Video der zwei Stunden kann man hier sehen. Vor allem die sympathischen Podiumsnachbarn, 1LIVE-Chef Jochen Rausch, Dr. Ralf Müller-Schmid (Redaktionsleiter von DRadio Wissen), Dr. Patrick S. Föhl vom Netzwerk für Kulturberatung und Theaterregisseurin Christine Eder gestalteten den Abend für mich angenehm. Allerdings hätte ich (und ich glaube alle Podiumsgäste sowie der ein oder andere Gast) mir mehr Feuer, mehr Kontroverse gewünscht. Und das Format, dass sechs Menschen zwei Stunden lang reden, ist ein anspruchsvolles. Aber vielleicht für die Zielgruppe auch okay.

Was ich mitgenommen habe, lässt sich in einige einzelne Punkte aufteilen:

– Viele Radiomacher, besonders diejenigen die “jüngeres” oder “digitales” Radio machen wie die beiden Herren auf dem Podium, sind alles andere als verknöcherte konservative Bürokraten. Sie denken progressiv, sie haben Lust auf den digitalen Raum. Jedoch sind natürlich die Prozesse, je größer der Sender bzw. je “innovationsungewohnter”, sehr langwierige. Das hängt auch mit fehlender Manpower zusammen und damit, dass man neue Ideen und den vielzitierten Rückkanal erst langsam ausprobiert. Völlig verständlich.

– Ähnlich erste Experimente im, in diesem Fall, Theater. Da passiert was. Wichtig wird sein, zu unterscheiden wo es sinnvoll ist, “neue” Medien einzubinden und wo nicht.

– Daraus folgt eine sehr dankbare Haltung für den “Internet Guy”, den Frechdachs und, in anderer Runde, auch Provokateur, den ich mimen durfte. Alles, was ich sinnvolles von mir gab, wurde zumindest abgenickt, wenn ich Quatsch redete, sah man es mir milde nach. So hielt sich meine Nervosität, mich um Kopf und Kragen zu reden, in Grenzen.

– Diskutiert man über diese Themen, muss man sehr oft mit mangelhaftem Vokabular auskommen. Verbale Anführungszeichen sollen zweifelhaften Begriffen die Defizite nehmen. Funktioniert eher so mittel. Ach, wir brauchen eine neue Sprache dafür. Schnell.

– Einen halbwegs konsistenten Kulturbegriff im Digitalen Zeitalter, oh weh, den gibt es nicht mehr, glaube ich.

– Wir stehen erst ganz, ganz am Anfang zu verstehen, was den Umschwung von Gatekeeper-Onetomany-Medien als Kulturvermittler hin zu netzigen “sozialen” Medien für uns als Kulturmenschen und damit Kultur letztlich bedeutet.

– Es ist, mit dem Netz und den Medien und dem Rückkanal und der Kombination aus allem, nicht einfach.

Ich würde mich freuen, wenn es für mich nicht das letzte solche Podium bleibt.