Links vom 29.1.13

“In meinem Kopfe”, bekennt Schopenhauer in seinen Parerga und Paralipomena, “gibt es eine stehende Oppositionspartei, die gegen Alles, was ich getan oder beschlossen habe, nachträglich polemisiert, ohne jedoch darum jedesmal Recht zu haben.”  

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Erpresserbrief vom Krümelmonster (tagesspiegel.de)

Ich finde die Aktion selbst gar nicht so witzig, aber Schabernack an sich passiert viel zu selten.

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krautreporter.de

Eine Plattform für Crowd-finanzierten Journalismus. Endlich kann ich all die groß angelegten Reportagen über monsterwichtige Themen vom Schwarm bezahlen lassen. Die Zukunft des Journalist, blabla, mal sehen.

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“Fernsehen versaut. Radio nicht.” (Interview mit Hugo Egon Balder, taz.de)

Hugo Egon Balder fordert die Öffentlich-Rechtlichen auf, sich zu reformieren. Nur wie, das sagt er nicht. Trotzdem lesenswertes Interview mit Lanze für´s Radio. Komischerweise ist das öffentlich-rechtliche Radio viel seltener in der Kritik als das Fernsehen. Woran liegt´s?

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Böhmermann: “Kein Bock auf Nischenproduktion.” (neon.de)

Zur Zeit rasselt es im Fernsehen: Der frisch gebackene TV-Single Jan Böhmermann äußert sich in der Neon (letztes Jahr) angenehm unaufgeregt und erfrischend anders. Jetzt ist das Interview auch online (das Hochladen dauert bei den großen Themen eben länger).

“Aber ich mache Fernsehen so, wie ich das gerne gucken würde. Das klingt jetzt stereotyp, ist aber so. Die meisten Leute meines Alters wissen, wie eine Kamera funktioniert, und jeder kann im Prinzip Filme machen. Wir wissen, wie man selbst Medien generiert und Content erzeugt. Ich kann so gut wie jeder Cutter mit After-Effects umgehen, 3-D-Objekte animieren und Internetseiten bauen, und das nicht, weil ich ein Supergenie bin, sondern weil das dazugehört, wenn man seit der Kindheit mit Computern lebt.”

Was ich die letzten Tage gelernt habe:

Eine “Debatte” ist eine Abfolge von gegenseitigen Unterstellungen, Beleidigungen und Respektlosigkeiten. “Diskutieren” heißt, seine Gegner mit aller Macht zu bekämpfen. “Reflektieren” heißt, nur die eigene Meinung ernst zu nehmen. “Kritisch denken” heißt, jede Schwäche des Gegners skrupellos auszunutzen. “Differenzieren” heißt, die Welt in Freunde und Feinde einzuteilen und letztere anzugreifen. Die Summe eigener Überzeugungen heißt “Meinung” oder “Überzeugung”; die der anderen “Lüge” oder “Täuschung”, “Ideologie” oder “Irrglaube”. “Gerecht” und “klug” und “konstruktiv” ist das, was einem selbst einleuchtet; was man nicht versteht ist “ungerecht”, “falsch”, “unreif”, “überkommen”, “übertrieben” oder “unfair”. Widerstand ist “Hysterie”, jede Beschwerde ist Schwäche oder Schuldgeständnis, jeder Einwand eine Ausflucht. “Umdenken” meint die Umerziehung von Andersdenkenden.”Offenheit” ist immer die Bereitschaft der anderen, meine Meinung zu übernehmen. “Freiheit” ist immer die Freiheit der Gleichdenkenden.

Ein Begriff ist genau so definiert, wie man selbst ihn versteht. Alle anderen Interpretationen sind Taktik oder Dummheit. “Opfer” ist man immer selbst, es sei denn man möchte kein Opfer sein; “Täter” sind jedenfalls immer die anderen. “Humor” ist das, worüber man selbst lacht, alles andere sind “Geschmacklosigkeiten”. Widerspruch erzeugt “Verachtung” und “Wut”; “Hass” jedoch kann nur die Gegenseite empfinden. “Argumente” oder “Fakten” nennt man die eigenen Motive, “Egoismus” oder eben “Hass” die der anderen. Die eigene Seite ist “willensstark” und “solidarisch”, die andere “verbohrt” und “unbelehrbar” und “intolerant”. Wer verletzt wurde, der soll sich “beruhigen”, “abregen” und “alles nicht so ernst nehmen”. Man selbst darf sich nicht “beirren” lassen. Zuhören lohnt sich nicht, wenn man im Recht ist. Nur der wahre Messias würde leugnen, der Messias zu sein.

Erlaubt ist, was mir gefällt. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich und wahrscheinlich ein schlechter Mensch. Was mir nicht passt, was ich mir nicht vorstellen kann, existiert nicht. Was nicht sein kann, das nicht sein darf. Wer mir nicht zustimmt, denkt falsch, ist ignorant, kann nichts. Wer mir widerspricht, muss einen Defekt oder einen Mangel haben, meistens an Moral oder Intelligenz. Wer mich kritisiert, will mich vernichten. Das Schweigen der anderen beweist meine Überlegenheit, ihre Erklärungen ihr schlechtes Gewissen. “Schuld” sind immer, immer die anderen.

Und: Ich sollte niemals nach dem warum fragen. Das lenkt nur ab.

TV-Links vom 28.1.13

“Fernsehmacher wissen, dass die Augen Höhlenbewohner sind.” (Manfred Hinrich)

„Der Shitstorm gehört zum Gesamtkunstwerk“  (Interview mit Christian Ulmen, cicero.de)

Eine Show, die Frauen wie Prostituierte behandelt, ist ein denkbar einfaches Ziel. Jetzt erklärt der heftig kritisierte Ulmen:

“Wenn in der „heute show“ eine Frau an den Herd gefesselt ist, dann hat das überhaupt keine Wirkung. Das tut keinem weh. Es ist Unterhaltung für den Moment, ein guter Sketch, der ganz klar als Comedy verortet wird und darum null Debatten auslöst. „Who Wants To Fuck My Girlfriend“ mit echten Frauen und echtem Balzgebaren, das tut wirklich weh, darüber ereifert man sich bis hin zum Shitstorm. Der gehört dann sozusagen zum Gesamtkunstwerk.”

“Wir erleben eine so peinlich stupide Sexualität, die vom Mann ausgeht, dass es weh tut. Die Sendung hat dadurch auch eine dokumentarische Qualität.”

“Dabei arbeiten wir seit jeher mit der absoluten Überschreitung moralischer Grenzen. Ganz genau so wie es das aktuelle Fernsehen jeden Tag macht, bloß lassen wir den Weichzeichner weg. Was dabei raus kommt, nennen wir so, wie es ist, nämlich „Fuck“, eben damit uns und dem Zuschauer ab und zu das Lachen im Halse stecken bleibt.”

Ich bin ja mal gespannt. Die Sendung pauschal und im Vorfeld als frauenfeindlich und/oder sexistisch anzufeinden, finde ich jedenfalls schmerzhaft unterkomplex. Wie so oft bei Satire werden Humor- und damit Geschmacksfragen moralisch umcodiert und damit fast indiskutabel gemacht, weil dann die Vorzeichen einfach zu verschieden sind, von denen die einzelnen Positionen ausgehen. So ein Format kann man misslungen finden, aber wenn man es ernsthaft beurteilen will, muss man es sich unter den gegebenen Prämissen anschauen.

“So schlecht wie immer, aber noch schlimmer” (Matthias Kalle, tagesspiegel.de)

Nachdem jetzt sogar Stefan Niggemeier aus mir schleierhaften Gründen  das Dschungelcamp qualifiziert, kommt von Matthias Kalle, der ansonsten auch mal riesigen Quatsch über Fernsehen schreibt, der adäquate Abschluss-Rant. Dann ist auch gut.

“Roche und Böhmermann” wird nicht fortgesetzt (presseportal.de)

Und noch ein unglaublicher Fernseh-Link: “Roche und Böhmermann”, die einzige Show im europäischen TV, wird nicht fortgesetzt. Wahrscheinlich war sie einfach zu brav.

Links vom 26.1.13

“Das Sein besteht aus Essen, Schlafen, Trinken und Fliegen. Alles andere folgt daraus.” 
(Teresa PräauerFür den Herrscher aus Übersee)

Frau Volkszorn (Lukas Heinser, bildblog.de)

Dank aufmerksamer Schreiber wie Lukas Heinser lernt man immer wieder, wie intellektuell und moralisch verrottet die BILD ist. Warum weite Teile des Landes denken, wie sie leider denken. Warum man nicht aufhören darf, solche geistige Brandstiftung nicht nur anzuprangern, sondern immer auch in ihren Mitteln und Mechanismen verstehen zu wollen. Know your enemy – der Schlüsselsatz zu Frau Bilges:

“Mit ihrer Rhetorik trägt Bilges direkt zur Politik– und Justizverdrossenheit bei, über die die Medien seit Jahrzehnten berichten.”

“1000-Euro-Pudding für die Show? Kein Problem!” (welt.de)

Harald Schmidt teilt aus – gegen die Kollegen, das Fernsehen an sich und auch sich selbst: “Ich will den Aufwand. Ich will eine Staatstheater-Situation. Wobei ich es besser habe als die Staatstheater, denn die müssen mittlerweile auch sparen. Wegen des Arbeitsrechts muss ich Leute fest anstellen, die ich nur zehn Minuten am Tag brauche. Ich finde das toll. (…) Bei ZDFneo müssen die jungen Leute sich dagegen mit wenig Geld und nur einer Lampe Grimme-Preise ranmoderieren.”

 

Erste Fotos von Til Schweiger als Nick Tschiller (ard.de)

Man kann es sich nicht ausdenken: Til Schweiger spielt Tatort-Komissar Nick Tschiller (um den Namen gab es wohl Diskussionen, Schweiger setzte sich durch, Glückwunsch). Seine Tochter Luna spielt seine Tochter Lenny.  Und die Fotos sind die schlimmste Ansammlung von Testosterongeschwängerten Actionheld-Klischees, die man seit den späten Achtzigern, seit Helden wie Dolph Lundgren und Michael Dudikoff schauen durfte. Eigentlich, fällt mir dabei auf, spielt Til Schweiger immer nur seine eigenen Allmachtsphantasien.

Links vom 23.1.13

 

Verstehen Sie Spaß? (Tobias Haberl, sz-magazin.de)

Schon vom Wochenende, aber sehr interessant: Wer darf sich warum wie über welche “Minderheiten” lustig machen?  Geht der Humor am Bestreben um Fairness kaputt? Tobias Haberl analysiert:

“Es klingt paradox, aber Ceylan, Yanar oder der schwarze Comedian Dave Davis sind so erfolgreich, weil es dem Humor in unserem kleinen Land schlecht und der Integrationskultur nicht gut geht: Einerseits waren wir noch nie so politisch korrekt wie heute, zumindest tun wir so, als wären wir es. (…) Für Humor bleibt da nicht viel Platz, weil es ihn in einer politisch korrekten Form nun mal nicht gibt, zumindest nicht, wenn er gut sein soll. Im Witz ist immer einer das Opfer. Witz ist schmutzig, wertend, respektlos, manchmal aggressiv, oft drückt er ein Überlegenheitsgefühl aus – alles Dinge, die von unserer Gefühlsgesellschaft heftig abgelehnt werden.”

 

„Der Rundfunkbeitrag ist wie eine Kurtaxe“ (Paul Kirchoff im Gespräch mit Melanie Amann, faz.net)

“Eine freiheitliche Demokratie setzt aber auf den informierten, urteilsfähigen Bürger. Freie, staatsferne, nichtkommerzielle Medien sind eine Existenzbedingung des Verfassungsstaates. […]

Wir zahlen nicht für den Empfang einer konkreten Sendung. Das wäre nicht kontrollierbar. Wir zahlen für das Recht, überall und jederzeit ein breites Programm von Information und Unterhaltung verlässlich empfangen zu können. Ob der Einzelne das Angebot nutzt, ist seine Sache.”

Paul Kirchhoff, der das neue System der sog. Haushaltsabgabe mit erfunden hat, räumt mit ein einigen der Irrtümer und Legenden auf, die den Diskurs rund um den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk leider bestimmen. Wenn man sich im Sinne einer fruchtbaren, rationalen Auseinandersetzung auf einige dieser faktischen Ausgangspunkt einigen könnte, anstatt bei jeder Gelegenheit reflexartig Zeter und Mordio zu schreien von wegen “Dafür habe ich aber GEZahlt!!” wie ein Kleinkind, dem man den Lolli weggenommen hat, dann könnte eine überfällige Reform des ÖRR auch von jenen Kräften mitgestaltet werden, die sich jetzt in sturer Opposition gefallen.

 

Blogkultur als Antwort auf die Komplexität der Gesellschaft und der Krise ihrer Institutionen (Christoph Kappes, christophkappes.de)

“Menschen kommunizieren nun mal, um ihre Identität ständig neu auszuloten, den Unterschied von sich und ihrer Umwelt. Menschen artikulieren sich, weil Menschen sich beim Artikulieren finden, wenn sie ihre Meinung, ihre Gefühle, ihre Gedanken in Sprache verfassen. Und Menschen brauchen sowohl Bestätigung ihrer eigenen Sicht, weil diese Bestätigung ihr Ich stabilisiert und ihnen Kraft gibt, als auch Widerstand, weil Leben eben auch Widerstand und nicht nur das Dahinschweben auf einem Ponyhof mit Blümchen ist. Diese Identitätsfindung findet nun nicht mehr allein in der Präsenz von Mensch zu Mensch (auf der Straße, im Kaufmannsladen, vor der Kirche…), sondern zusätzlich online statt. Das gilt sogar für einfachste Kommunikationsakte, ein „;-)“ oder einen Gefällt-Mir-Klick, die man daher nicht von vornherein geringschätzen darf, denn für individuelle Kommunikation gelten eben massenmediale Maßstäbe nicht.”

Word.

 

Links vom 22.1.13

Heute mal mit Bild als Intro, lass es regnen:

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 Barack Obama Inaugural Address 2013 (Barack Obama, telegraph.co.uk)

“It is now our generation’s task to carry on what those pioneers began. For our journey is not complete until our wives, our mothers, and daughters can earn a living equal to their efforts. Our journey is not complete until our gay brothers and sisters are treated like anyone else under the law – for if we are truly created equal, then surely the love we commit to one another must be equal as well.”

Word.

Viel Lärm um nichts (Alexander Hirschmann, jetzt.de)

Alexander Hirschmann beschreibt sehr eindrücklich eine Krise, die viele Wissens-/Kreativ-/Büroarbeiter unserer Generation kennen. Eine professionelle Identitätskrise quasi, die aus Mangel an objektiver Bewertung der eigenen Leistung entsteht. Wenn weiche Faktoren und subjektive Eindrücke von Vorgesetzten den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen, relativiert das logischerweise auch den Erfolg und damit den Status. Und da der Mensch mit einem eigenen Bewertungsapparat ausgestattet ist, der nach Herdentrieb, Perspektive und Gewohnheit urteilt, also einen Denkfehler nach dem anderen begeht (vgl. Dobelli, Kahnemann etc. pp.), wird er irgendwann unsicher. Was mache ich hier eigentlich und: Wenn ich nicht mal weiß, was ich hier mache, wie sollen es dann die anderen wissen?

“Eines Tages fliegt alles auf. Eines Tages fliegt auf, dass ich in Wahrheit gar nichts kann. Dass ich bisher nur Glück hatte, ein paar günstige Zufälle ausgenutzt habe und die richtigen Schuhe trage. Nur daran liegt es, dass mir andere Leute Dinge zutrauen, Aufträge geben und Jobs anbieten. Weil sie glauben, dass ich das, was ich beruflich mache, auch beherrsche. Passabel, vielleicht sogar gut; auf jeden Fall aber souverän.  

Und eines Tages kommt einer, der mich durchschaut. Der sieht, dass ich keine Ahnung habe von dem, was ich den ganzen Tag mache; dass ich einfach nur das tue, was ich für richtig halte. Dass ich ein Blender bin, ein Schwindler. Obwohl ich überhaupt nicht geschwindelt habe. Nicht bewusst. Und wenn, dann bin ich auf meine eigene Schwindelei reingefallen.”

 

Freiheit. Demokratie. Information. (Marina Weisband, www.marinaslied.de)

“Da das Internet uns erstmals die Möglichkeit bietet, theoretisch alle Menschen gleichzeitig nach ihrer Meinung zu befragen und beliebige Mengen an Information ohne Zeitverlust durch den Raum zu befördern, stehen wir in der Kommunikation, und damit auch in Gesellschaft und Politik, vor völlig neuen Bedingungen.
Knapp gesagt: Wenn heute jedes Kind Zugriff auf mehr Information hat, als Präsident Bill Clinton zu seiner Regierungszeit, dann müssen wir die Eigenständigkeit des Menschen neu bewerten.”

Dieser Text zeigt, bei allem politrevolutionären Pathos, ziemlich genau auf, was die Piraten einmal einzigartig gemacht hat: Eine neue Vision für eine neue Zeit. Man kann nur hoffen, für die Demokratie, dass sie diese Vision wiederfinden. Und für die Partei, dass Marina Weisband dabei mithilft.

Links vom 18.1.13

Alles nur Spaaahaß! (sueddeutsche.de)

“Wenn es eine deutsche Fernsehshow gibt, die das Elend der Ironie verkörpert, das Christy Wampole beschreibt, dann das Dschungelcamp.”

Marc Felix Serrao schreibt mir aus dem Herzen und dem Kopf. Die aktuelle Salonfähigkeit des Dschungelcamps ist eine traurige Resignation der ansonsten gerne plakativ intellektuell/ästhetisch Korrekten. Als Kreativer finde ich fast am bedenklichsten, dass die Autoren der “postmodern doppelt codierten” Moderationen (Zitat Ulf Poschardt), wie bspw. Headwriter und Zietlow-Ehemann Jens Oliver Haas neulich in einem FAZ-Interview, für diese vermeintlich geistreiche Ironie-Anreicherung eines miesen Trash-Formates gefeiert werden. Dank ihnen schauen angeblich besonders viele Akademiker zu und können ihre niederen Medien-Triebe sozial ungeächtet ausleben, herzlichen Glückwunsch! Als würde jemand einem Haufen Scheiße mit ein bisschen Goldspray zum respektablen Kunstwerk machen; und dass die versammelten Kritiker und Voyeure das Offensichtliche nicht mehr riechen wollen, sagt mehr über sie als über die entwürdigten Protagonisten des Formates aus. Dass direkt unter dem überfällig kritischen Text eine Dschungelcamp-Klickstrecke steht, gänzlich unironisch, belegt (nicht untergräbt) seine These.

Schnauze voll (stern.de)

Da hat jemand (Stern-Autor Tyll Schönemann) echt den Tee auf, und zwar bezüglich Berlin: “Nein, es ist nicht nur das Airport-Desaster. Es ist das Muster, das hinter dem BER-Debakel erkennbar wird, ein Muster, das diese Stadt in all ihren Facetten geprägt hat: diese organisierte Verantwortungslosigkeit der Politik und der Verwaltung auf der einen und diese eigentümliche Leidensfähigkeit oder Gleichgültigkeit der Bürger auf der anderen Seite; was nicht im unmittelbaren Kiez passiert, interessiert nur am Rande.”

Ich sitze ja oft im beschaulich-bezaubernden München und denke: So schön, so lebenswert, so angenehm wie hier wird es nirgends sein. Aber trotzdem würde ich gerne nochmal nach Berlin und das pure Leben kosten. Doch zu welchem Preis?

Der Dienst macht die Welt (taz.de)

Ein handelsüblicher Technologieskepsis-Kommentar in der TAZ von Svenja Bergt, inkl. begrifflichen Irrungen wie “Engstirnigkeit” (in der Sub-Headline, oder wie man das als nennt), “Identitätsverlust” (der wohl irgendwo zwischen Identitätsdiebstahl und Datenverlust passiert sein muss) und  “Zentralisierung” (meint wohl “Konzentration” oder “Monopolisierung”, aber es geht ja nur um Google&Facebook, da weiß jeder wer der Böse ist und warum).
Dass solche Eindimensionalitäten im Jahr 2013 noch reüssieren können, ist Realsatire, echt jetzt mal. Dass inzwischen “Datenverlust” oder “Internetbetrug” Spitzenplätze im Bedrohungs-Ranking einnehmen, hingegen nur logische Folge.

 

Die Haushaltsabgabe darf nicht nur die alten Strukturen finanzieren (carta.info)

Der geschätzte Wolfgang Michal fordert lauter sinnvolle, schöne, progressive Sachen vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zum Beispiel:

“Warum sollten nicht neue Anbieter aus der Mitte der Gesellschaft auf den Plan treten und frische – nicht von den bestehenden Anstalten genehmigte – Programmformate einspeisen? Warum sollte es keine selbstständigen Internetsender geben, die einen entsprechenden Anteil am Haushaltsabgabe-Kuchen beanspruchen können?”

Warum? Weil es gegen geltendes Recht verstieße; und dieses Recht hart umkämpft wird, u.a. von einer starken privatwirtschaftlichen Medien-Lobby. Das ist die erste Voraussetzung bzw. das Hindernis für Reformen in Richtung Digitaler Sphäre. “Dem öffentlich-rechtlichen System könnte es ähnlich [wie den Aristokraten im 18. Jahrhundert] gehen, wenn es sich nicht rechtzeitig reformiert“, meint Michal. Und begeht mit der reflexiven Form den gleichen Fehler wie fast alle Kommentatoren zu diesem Thema: Das “öffentlich-rechtliche System” darf sich nicht hinsichtlich des Digitalen reformieren. Es unterliegt juristischen Einschränkungen. Es riskiert seine Existenz, wenn es trotzdem ins Digitale expandiert. Genau so gut könnte man einen Bar-Betreiber auffordern, endlich vernünftigerweise Joints zu verkaufen, weil es nunmal an der Zeit wäre und sowieso alle kiffen. Eine Reform und ein Ausweg aus der momentanen Situation, die fast niemand erträglich findet, kann nur auf Ebene europäischer und nationaler Gesetzgebung gelingen, und zwar in Kooperation und ohne Joints, bitte. Sonst wäre es auch zu einfach.

Erfolgsrezepte (tagesanzeiger.ch)

Den Gustav Seibt liest man immer gerne, auch wenn ich ihm nicht zustimme. Erfolg kommt nicht zwangsläufig, weil die alten Spezis irgendwann mächtig werden. Ein bisschen Qualität und Glück und am besten noch mehr Glück gehört schon dazu. Sofort unterschreiben würde ich jedoch: “Nein, es gibt kein Geheimnis. Erfolg ist eine überschätzte Sache. […] Denn Erfolg ist nicht die Sache des Artikels, nicht des Autors, sondern die Sache anderer Leute: der Leser.” In diesem Sinne…

Feindlicher Schnaps

Es war eine dieser Nächte: Jemand hatte sturmfrei, die ganze Klasse war da, ein Rabauke hatte ein paar Flaschen Hartes mitgebracht. Man kannte die Wirkung, man war ja kein Kind mehr, Prost. Doch plötzlich war es passiert: Das Tröpfchen Alkohol mehr, das aus einer amüsanten Abfahrt eine Via Dolorosa macht, war in der Blutbahn. Man hatte zu viel getrunken. Die nächsten Stunden: bitter wie Galle. Man lernte auf die harte Tour, wie gemein ein Gesöff zurückschlagen kann, wenn man die eigenen Reflexe überlistet und schneller nachkippt, als die Leber verarbeiten kann. Bett vollgekotzt, Filmriss, mit offener Hose fotografiert – der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns was zu lehren. Die wortwörtliche Retourkutsche eines mit Methanol vergifteten Körpers fördert einige der zugeführten Flüssigkeiten noch einmal zu Tage. Und was dem armen Zecher über und in der Toilette Gesellschaft leistete, was ihn letztendlich killte, ist auf ewig Tabu. Es ist das Geheime Gesetz des Schnaps: Jeder hat einen Feind im Spirituosenregal. Erstaunlich oft ist es Tequila. Oder eine andere Sorte Alkohol, von der er einmal zu viel hatte. Und die für immer zu viel bleibt.

Noch Jahre später – längst ist man vom Eventsäufer zum Genusstrinker gereift – kann man das Elixier der Entartung nicht ab. Schon der Geruch, nein, gar der bloße Anblick der Flasche löst einen Würgereiz aus. Flackernde Flashbacks schießen durch das geläuterte Bewusstsein, man murmelt den Schwur: Nie wieder, nie wieder!

Bestellt also jemand arglos eine Runde, quietscht mindestens ein Opfer: „Vergesst es! Niemals wieder werde ich das Teufelszeug trinken!“ Dann wird die grauenvolle Geschichte noch einmal aufgewärmt, übertriebene Alkoholmengen kolportiert, der Kurze wohlbegründet abgelehnt. Alles, nur nicht diese flüssige Nemesis rührt man an. Schließlich wird eine Ausnahme gemacht: „Dann eben fünf Tequila und einen Jägermeister.“Watch movie online Logan (2017)

„Oh Gott“, schreit der nächste, „wie kannst du nur! Ich hab mal eine halbe Flasche Jäger auf ex, ich wäre beinahe gestorben, damit bin ich fertig!“

„Nimm halt Sambuca!“

„Ihhh, davon hab ich mal eine Nacht lang gespiehen!“

Gemeinsam stellt man fest: Das Leben ist zwar nur ein Spiel, aber jeder hat einen alkoholischen Endgegner. Deswegen einigt man sich schließlich auf einen Exoten, den keiner kennt. Damit heute noch, in einer dieser Nächte, alle zu viel trinken können.

(Erschienen bei jetzt.de)

Links vom 13.1.13

Mit diesem schönen Datum fange ich wieder an, mehr oder weniger regelmäßig ein paar Links zu posten. Für mich als Archiv und für alle anderen als Empfehlung.

theatlantic.com: A Million First Dates. How online romance is threatening monogamy.

Wahnsinnig interessantes Thema. Wenn gewisse Barrieren und (Transaktions-)Kosten (vgl. Shirky) wegfallen, wird erst klar, wie (erotische, monogame) Beziehungen heute funktionieren und warum. Und was sich daran ändert, weil hilfreiche Technologie zur Verfügung steht. Der Text beschreibt u.a. sehr eindrücklich, wie ein eher weniger erfolgreicher Typ durch Online-Dating auf einmal zum Frauenheld wird. Und sich seine ganze Einstellung zu Liebe und Partnerschaft dadurch ändert.

“I’m about 95 percent certain,” he says, “that if I’d met Rachel offline, and if I’d never done online dating, I would’ve married her. At that point in my life, I would’ve overlooked everything else and done whatever it took to make things work. Did online dating change my perception of permanence? No doubt. When I sensed the breakup coming, I was okay with it. It didn’t seem like there was going to be much of a mourning period, where you stare at your wall thinking you’re destined to be alone and all that. I was eager to see what else was out there.”

The positive aspects of online dating are clear: the Internet makes it easier for single people to meet other single people with whom they might be compatible, raising the bar for what they consider a good relationship. But what if online dating makes it too easy to meet someone new? What if it raises the bar for a good relationship too high? What if the prospect of finding an ever-more-compatible mate with the click of a mouse means a future of relationship instability, in which we keep chasing the elusive rabbit around the dating track?

(…)

Psychologists who study relationships say that three ingredients generally determine the strength of commitment: overall satisfaction with the relationship; the investment one has put into it (time and effort, shared experiences and emotions, etc.); and the quality of perceived alternatives. Two of the three—satisfaction and quality of alternatives—could be directly affected by the larger mating pool that the Internet offers.

Auf dem Heiratsmarkt wirken also offenbar klare ökonomische Prinzipien: Wert wird gleich Preis gesetzt (je mehr ich in die Beziehung investieren muss, desto stärker wird die Bindung), die Knappheit der verfügbaren Alternativen wertet die Beziehung auf. Nur  einer von drei Faktoren ist unabhängig vom “Markt”: Die Zufriedenheit an sich. Darüber kann man mal nachdenken.

Und über die These eines der Antworten auf diesen Text  (auf deren Zusammenhang mich Tilo Jung aufmerksam machte): We often make our greatest discoveries and acquire our greatest treasures when local scarcity compels us to be open to new and better things.

 

sonntagonline.ch: Karl-Theodor zu Guttenberg: «Ich bin dankbar für die extremen Erfahrungen»

Es ist eine wunderbare Erfahrung, nach einigen Jahren im politischen Geschäft auch mal wieder in die Tiefe von Themenkomplexen eintauchen zu können. In Themen, für die man vielleicht keine Zeit hatte – oder von denen man nicht die geringste Ahnung hatte, möglicherweise aber vorgegeben hat, Ahnung zu haben (lacht).

Die Rhetorik ist immer noch eine der ständigen Distanzierung durch formale Tricks wie die berüchtigte dritte KTG-Person (“man”), das Passiv und manche Infinitiv-Wendungen. Auch wenn er viel öfter “ich” sagen kann als früher, klingt auch dieses Interview seltsam abgehoben. Einerseits gibt sich hier jemand geläutert, andererseits hat man das Gefühl, ein Wehrdienstverweigerer spräche bei der Kommission seine auswendig gelernten Phrasen vor, in Gedanken schon weit weg. Man kann nur befürchten, dass der Mann wiederkommt.