Links vom 27.2.13

Endlich der Präzedenzfall: Die katholische Kirche darf ihre spießige Sexualmoral nicht ihren Beschäftigten aufzwingen.

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“Hollywood ist das Ziel – immer.” (Interview mit Christoph Waltz)

An dem Interview mit Christoph Waltz fand ich dieselbe Zitat-Aussage bemerkenswert wie Felix Schwenzel, bei dem ich den Text entdeckt habe:

“Wolfgang Liebeneiner hat in den fünfziger Jahren mal gesagt: “In Amerika wird Film hergestellt wie Kunst und verkauft wie Ware, und in Deutschland ist es genau umgekehrt.””

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Nur Mut, zdf.kultur-Killer Bellut. (Tim Renner)

Wieder mal ein Text zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, diesmal Stichwort ZDFKultur. Von Tim Renner, der in den meisten Punkten völlig Recht hat. Was mir dennoch nicht gefällt, an diesem und vielen anderen Texten zum Thema, habe ich in die Kommentare dort geschrieben. Herr Renner hat geantwortet. Find ich gut.

“Der Grund für das öffentlich-rechtliche Dilemma ist schnell erklärt: Die Sender machen zwar inhaltlich fast das gleiche Programm wie die privaten Wettbewerber, tun dies aber in einem steifen Korsett. Anders als RTL und Co. sind sie ausgewachsene Bürokratien. Neue Ideen und Impulse brauchen länger, um dort durchzukommen.”

Links vom 13.2.13

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Erschöpfte Piraten: Die Burnout-Partei (Sascha Lobo, spiegelonline.de)

Natürlich trifft Sascha Lobo wieder mal den Punkt, wenn er schreibt: “Jede Zeit hat ihre Empfindungen. Vielleicht ist die typische Empfindung der jetzigen, digital vernetzten Epoche die Erschöpfung.” Und auch seine Analyse der Piratenpartei als ein Experiment von Burnout-Politikern verfängt.

Aber diese Erschöpfung ist nur ein Symptom. Sie ist das Resultat von Wachstumsschmerzen und Selbsthass, von Narzissmus und dem Leiden an einer verwirrenden, bösen Welt. Denn die Gesellschaft ist in der Pubertät, knietief, und da erscheint alles sinnlos, gemein und inakzeptabel, vor allem man selbst.

Der Zeitgeist hat, wie das in einer Phase körperlicher (struktureller) und geistiger (politisch-philosophischer) Umwälzung geschieht, den Blick für das Wesentliche verloren. Die Antworten auf die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, sind ihr abhanden gekommen, vielleicht hat sie sogar verlernt, diese Frage zu stellen (vgl. Pfaller). Sie ist in einer Opfer-Perspektive gefangen, statt zum Täter ihres eigenen Glückes zu werden.

Sie hört intellektuellen Grunge, mag depressiv-narzisstische Abbilder ihrer eigenen Verstimmung, also Dystopien, Gesellschaftskritiken, Anklagen. Dabei verwechselt viele überforderte Individuen die Kritik mit Analyse, den Angriff mit einer Haltung, Ironie mit Humor, den wohlfeilen Vorschlag mit einer Idee.

Sie ist müde, da hatte Nils Minkmar schon im Dezember recht, aber die große Müdigkeit ist nur ein Symptom eines schmerzhaften Evolutionsschrittes von der  postmodernen Kontingenz und totalen Überforderung hin zu… ja, wohin? Paternalistisch-hierarchische Systeme werden hinterfragt, neoliberale Irrwege verlassen, Institutionen werden überflüssig, auf individueller Ebene wird der medialen Flut mit neuen und neujustierten Filtern begegnet. Der Mensch reift an dieser komplexen Zeit, er macht sich die Erde erneut untertan. Wie genau? Keine Ahnung. Aber anstrengend ist es.

Und: Die Jahre nach der Pubertät sind bekanntlich die besten.

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Wir wollen lieber nicht – oder doch? (Eva Berendsen, faz.net))

Erstaunlich, von wie vielen vernünftigen Seiten so ein unterkomplexer, gestriger Text begrüßt wird. Der die Tatsache gleichzeitig benennt und verkennt, dass einfache Wahrheiten eben nicht mehr so einfach übernommen werden. Dass alles kompliziert und kontingent wird, wenn man nur ein bisschen besser informiert ist als unsere Vorfahren.

Dabei demontiert sich der Text eigentlich selbst: “Ja, früher war alles so schön einfach, so klar. Man konnte rauchen wie ein Schlot, weil es die Medizin noch nicht besser wusste. Die Erde war eine Scheibe, weil kein Seemann jemals an ihren Tellerrand gefahren war. Die einen konnten Kapitalismus richtig gut finden, weil es noch keine Finanzkrise gab.”

Der Rest des Textes ist Stochern im Nebel. Und die Begeisterung des Publikums für die simple These von der “Generation Vielleichtsager” der beste Beweis für dessen Quatschigkeit.

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Germany’s Political Masochism (Anna Sauerbrey, nytimes.com)

Schönes Beispiel, wie man mit ein paar Behauptungen und einer auf den Kopf gestellten Kausalität einen meinungsstarken Text bauen kann, dem vermutlich viele Menschen instinktiv folgen, weil er etwas diffuses in Worte fasst. Warum Schavan (deren Fall als Beispiel herangezogen wird) wirklich zurücktreten musste, wird gar nicht erst analysiert (Stichwort: Glaubwürdigkeit als Bildungsministerin), es würde die These des Textes auch empfindlich stören.

“…the money is definitely elsewhere; politics in Germany is not as lucrative as it is in America. But the idealism that drives young politicians everywhere is gone, too.”

Aha. Empirische Belege? Ein Wort zu den hohen finanziellen Eintrittsbarrieren in die amerikanische Politik?

“People are starting to ask whether we should be so cruel toward leaders who make such minor mistakes, just to satisfy our own righteousness.”

Noch mal aha. Wer genau fragt sich das? Aus welchen Gründen? Und wer kann belegen, dass es um unsere Selbstgerechtigkeit geht?

Dreht man den Text einmal um, macht alles auf einmal ein bisschen mehr Sinn: Vielleicht leiden wir in Deutschland an solch mittelmäßigen Skandalen, weil wir bei den kleinen schon genau hinschauen? Oder, im Gegenteil, weil wir die dicken Dinger nicht sehen? Aber das wäre wohl nicht genug Meinung für eine Meinungsseite.

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Billig, Billig, Billig (Jan Böhmermann, taz.de)

“Und während sich noch Stunden nach Verkündung des pontifikalen Rückzugs Millionen Qualitätsjournalisten weltweit um eine angemessen schnippische Grundhaltung und fantasievoll herbeiinterpretierte Hintergrundinformationen bemühen, sind socialnetworkmäßig nach fünfundvierzig Minuten bereits alle geilen Gags bis in die allerletzte Metaebene gemacht.

Die petersdomhohe Papstpointenkillerwelle aus den sozialen Netzwerken bricht in Sekundenschnelle über Deutschlands halbambitioniert betriebenen Redaktionsblogs…”

Links vom 8.2.13

“In der Hofburg begingen die Leistungsträger und Anständigen einen der schönsten Bälle der Ballsaison.”

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Ohne Ende Musik produzieren (Tina Klopp, zeit.de)

“Noch nie war es so einfach, Musik zu machen. Wofür man früher Monate oder Jahre brauchte, das erledigt ein Jugendlicher heute mit den – im Zweifel illegal beschafften – Software-Tools in fünf Minuten, sagt Moby in dem Dokumentarfilm Press Pause Play. Einst brauchte man nicht nur Expertise, sondern auch eine Menge Technik und Geld, heute nicht mal mehr eine Plattenfirma, um seine Hörer zu erreichen. Ist das Goldene Zeitalter endlich gekommen?”

Interessanter Aufriss, gutes Thema. Leider verliert sich der Artikel zunehmend in Verwirrungen von Kategorien und Strohmann-Argumenten: “Die Ideologie, im Internet sei auf einmal alles ganz anders als im bösen Kapitalismus, vor allem die hippieske Mär vom Teilen und Teilhaben tut ein Übriges, eine junge, idealistische Generation für Unternehmensinteressen einzuspannen.”

Wer (neben anderen Argumentationsschwächen und Denkfehlern) das Internet und den Kapitalismus als Gegensätze denkt, kommt nicht weit. Da wundert auch das Fazit nicht: “Vielleicht werden wir erst in 100 Jahren sehen, was das wirklich Neue daran ist. Oder wir hätten es vor 100 Jahren schon verstehen können und haben den rechten Zeitpunkt längst verpasst. Das ist der Trick an der schönen neuen Modethese vom Ende der Linearität – sie entlastet von dem rechthaberischen Geschimpfe über das fehlende große Ding. Zukunft war gestern.”

Nur knapp verpasst die Autorin vor lauter journalistischer Naseweisheit den spannendsten Punkt des Artikels und der Kreativitätsbooms an sich: Diversität und Kontingenz der kreativen Akteure und Institutionen, sowohl inhaltlich als auch strukturell, führt zu künstlerischem Reichtum. Auch wenn wir ihn als solchen (noch) nicht erkennen.

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Straße der Sehnsucht (Studio Glumm)

“In diesem Sommer war ich ein gemachter Mann. Ich war jeden Tag früh auf den Beinen, ich hatte für meine Verhältnisse Unmengen Kies auf der Tasche, ich war braungebrannt. Wenn die Sonne morgens um neun auf die Dächer knallte, hatte ich meinen Job schon getan. Ich trug fingerdick Tiroler Nussöl auf und legte mich hinters Haus in den Garten, um die gewaltlose Koexistenz mit Bremsen, Bienen und Hornissen zu feiern.”

Links vom 5.2.13

Das passiert, wenn man einen seriösen, großartigen House-DJ wie Kerri Chandler nach einem David Guetta Track fragt:

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Was tun gegen den hier? (Peter Praschl, sz-magazin.de)

“Es pocht der Kopf, es sticht das Licht, es pelzt der Mund, es rollt der Magen. Der Kater ist ein Elend, bei dem einem niemand hilft, die Wissenschaft schon gar nicht. Sie hat den Oralverkehr bei Fruchtfledermäusen erforscht und nachgewiesen, dass Schimpansen einander auch an Fotos ihrer Hinterteile erkennen können, sie hat Menschen auf den Mond geschossen und gesund wieder nach Hause gebracht, aber sie gibt ihnen kein Mittel gegen das alkoholische Post-Intoxikations-Syndrom. Warum auch? Der Kater geht von selbst vorbei, da soll der Säufer durch und zweitens dabei lernen, dass er nicht so viel saufen soll, der blöde Hund.”

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Kreationisten-TV: Wenn Blondinen mit Dirndl-Figur den Koran zitieren (welt.de)

“Vier stark geschminkte Wasserstoffblondinen sitzen in einer Talkshow. Sie wollen in gebrochenem Deutsch beweisen, dass Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie Unrecht hatte. Es ist ein besonders bizarres Beispiel aus dem Reich der religiösen Propaganda.”

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Napster, Udacity, and the Academy (Clay Shirky, shirky.com)

tldr: Universitäten droht ähnliches wie der Musikindustrie. Shirky halt.

“Heil!”

Wie die Zeiten sich (nicht) ändern. Jonny Buchardt testet im Karneval 1973, wie viele “Kameraden” im Publikum sitzen. Es folgen Zoten über Schwule und Neureiche, als Zeitdokument mittelsehenswert.

Die Frage ist: Wie viele der Leute die “Heil!” geantwortet haben, meinten das wie ernst? Wer hat aus Reflex geantwortet? Wer hat die Finte durchschaut? Wer klatscht danach, weil er die Inszenierung gut fand, wer, weil er den Ruf schon lange vermisste? Merkwürdige Situation ohne Buh-Rufe. Man weiß nicht, wem es warum wie peinlich ist. Was wäre eine vergleichbare Situation heute?