Neuland

“Das Internet ist für uns alle Neuland.” – Angela Merkel, 2013.

Was für ein Aufreger, was für eine Frechheit. Unsere Bundeskanzlerin wagt es im Jahr 2013 (Schock!), “fast zwanzig Jahre nach Helmut Kohls Datenautobahn” (Malte Spitz), die digitale Avantgarde einfach zu übergehen. Hätte sie nicht zumindest sagen können: “Für uns alle ist es Neuland, bis auf die Jungs und Mädels bei Twitter und so, die haben´s schon längst verstanden”?
Und das vor der ganzen Welt und Obama!

[UPDATE: Als erstes muss man ihre Assoziationen von wegen Feinde der Demokratie usw. usf., wie sie sie im O-Ton anhängt, dumm und gefährlich finden. Ohne wenn und aber.]

Man kann Merkels vorauseilende General-Amnestie für eine miese Netzpolitik und die Abhörerei durch US-amerikanische Geheimdienste feige und opportunistisch finden. Man kann ihr vorwerfen, sich absichtlich dumm zu stellen, statt Obama im Ritz wegen Prism in seinen Kaffee zu spucken. Man kann diese Worte nach Jahren der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung um das Netz doof und einer Kanzlerin nicht würdig finden. Man kann aus netzpolitischer Perspektive ihre Abwahl fordern und forcieren. Man kann ihre Worte twittern und retweeten und sich ganz fassungslos kopfschüttelnd der gemeinsamen Ablehnung dieser Ewiggestrigen versichern.

Aber wirklich falsch sind sie, wenn man mal die Eitelkeit der dabei vergessenen Erklärer abzieht, nicht.

Facebook ist neun Jahre alt. Twitter nur sieben. Ersteres ist seit ca. vier Jahren im Mainstream angekommen und vielen Menschen immer noch v.a. durch Boulevard-Hetze und einen Hollywood-Film ein Begriff. Twitter ist mit 2,4 Mio. Nutzer (total, nicht aktiv) in Deutschland noch eine Nische (Quelle). Vine, Instagram, Google Plus, Spotify etc. – alle jünger. Zugegeben, Mails und Bildergalerien und Pornos sind schon lange da. Aber sie sind eben auch nichts anderes als die Verlängerung analoger (Kultur)techniken mit digitalen Mitteln. Das Neuland, das in seinen Chancen und Risiken erst kartographiert werden muss, kennen auch die Earliest Adopter erst seit gestern, ach was, eher seit heute früh um sieben.

Dienste, die vor Jahren noch das Internet ausmachten, sind heute tot. Andere, die lange als das nächste große Ding gehandelt wurden, werden weiter gehandelt. Und immer wieder explodieren neue Anwendungen völlig unvorhersehbar. Jeder halbwegs ernstzunehmende Internet-, Medien oder Zukunftsfachmann sagt fröhlich “Keine Ahnung”, wenn man ihn nach den nächsten fünf, gar zehn jahren befragt. Alles andere ist dreist übertrieben bis gelogen.

Eigentlich wissen wir nichts.

Im Jahr 2003, also vor 10 Jahren, nutzte erstmals die Mehrheit der Deutschen das Netz. Und zwar weitgehend für ein bisschen Mails, ein bisschen Wettervorhersage, ein bisschen Schweinkram auf aol.de/erotik (Quelle: Nonliner 2003 und eigene Empirie). Und es sah so aus:

1016644_503666533037389_2142749212_nSymbolfoto: Das Internet. (Danke an Jane.)

Noch heute sind ganze Bevölkerungsschichten vom Internet as we might know it weit, weit weg – wenn überhaupt “drin”.

Natürlich trifft das eher nicht auf die verrückten Medienjunkies zu, die mehr oder weniger professionell auf Twitter agieren und anderen das Netz zu erklären versuchen. Natürlich meint das nicht die Journalisten, die Werber, die Programmierer, die Headhunter und die Pornoproduzenten, die schon vor Jahren online gehen mussten. Dass diese Digitale Avantgarde, zu der ich mich in Abstrichen qua Nutzung dazuzählen muss, jetzt so verlässlich beleidigt auf Merkels strategisch geschickte Selbstverdummung reagiert, zeigt erneut das Problem, das wir in Deutschland mit dem Netz momentan haben: Die einen sperren sich dagegen und damit gegen eine Zukunft, die komplizierter statt bequemer wird. Die anderen haben Gefallen an ihrem okkulten Wissen um das Netz (und an den Katzen-Memes) gefunden und verteidigen es eifersüchtig gegen unwissende Eindringlinge. Streng nach dem Prinzip Baumhaus, in das die einen nicht hoch kommen, die anderen aber auch lieber oben verhungern als ihnen eine Hand reichen würden.

Wenn alle nur die Hälfte jener Energie, die sie für das inzestuöse gegenseitige Kompetenzbeweise innerhalb der autoaggressiv pubertierenden Netzgemeinde aufwenden, für echte Vermittlungsarbeit nach außen verwenden würden, dann. Wenn mehr erklärt statt gewusst würde, dann. Wenn die eigene Meinungshoheit der grundsätzlichen Möglichkeit weichen würde, dass ein anderer dieses tolle Ding nicht so geil findet wie man selber, beispielsweise weil sein Job davon bedroht ist, dann. Wenn grundsätzlich weniger im Netz gemeint und mehr über das Netz gesprochen wird, dann.

Wer weiß, vielleicht würden dann Politiker Kritik gegenüber Lobby-Input entwickeln, mehr Bürger auf die Straße gehen, wenn sie online abgehört werden, weniger Boulevard-Titel über Facebook-Vergewaltiger (bzw. Qualitäts-Titel über Datenkraken und Cyberwar) erscheinen. Dann könnte sich eine Kanzlerin nicht mehr mit einem Satz voll zur Schau gestellter Unwissenheit aus einem internationalen Abhörskandal winden.

Weil mehr Leute sich eine echte Haltung, einen Kompass bei der vermeintlichen Urbarmachung dieser terra digitalica zutrauen würden. Es wäre, nach den unfassbar frustrierenden letzten Jahren der Netzpolitik und -diskurse, die ihren Namen nicht verdienen, einen Versuch wert.

Das Neuland, das die eitle Avantgarde für sich nicht gelten lassen will, obwohl sie auch oft genug im Trüben fischt und schwimmt, wenn es etwas schneller geht – dieses Neuland für “uns” liegt da draußen. Eben nicht ein paar Klicks weg. Sondern bei genau der Mehrheit, für die das Internet noch vornehmlich für Kontrollverlust, Unsicherheit und Cyberspacehackeridentitätsbetrugsgefahren steht. Diese Mehrheit würde den Satz mit dem Neuland wohl unterschreiben. Das ist das Problem.

Achtung, Pathos: Das Internet sind die Menschen. Und die lernen noch. Wer wirklich wahnsinnig schlau und zukunftsfähig sein will, hilft ihnen dabei.

tl;dr: Angela Merkel hat leider fast Recht. 

Umbau

Man sieht es vielleicht: Ich baue hier ein bisschen um. Schluss mit “alright, okee!” als Blog. Lieber eine Seite für mich und alles was ich mache, gut finde oder auch nicht.

Große Unterschiede wird es nicht geben, na ja: Die Seite heißt jetzt so wie ich.

Das war´s auch schon!