Hochzeit

Am Wochenende bin ich auf einer Hochzeit eingeladen. Es wird ein rauschendes Fest, das volle Programm: Standesamt, Essen, Eskalation. Kleider, Krawatten, Brautstrauß, Ringe. Nervöse Trauzeugen, weinende Eltern. Ein Brautpaar.

Es trauen sich zwei Menschen, die durchaus noch herumrocken könnten. Die noch nicht fertig oder langweilig, sondern ständig in Bewegung sind. Dass sie sich aneinander binden, offiziell und im großen Kreis, dass sie sich ihrer Liebe versichern und versprechen, es gut miteinander zu meinen, ist groß. Um so größer, da sie scheinbar einer aussterbenden Art angehören. Denn ihre Hochzeit ist diesen Sommer die einzige für mich. Und die erste im Freundeskreis seit Jahren. Obwohl ich jetzt in dem Alter bin, in dem Paare sich endgültig einander binden, kenne ich nur zwei, die es auch amtlich tun.

Die Statistik lügt nicht: Die Zahl der jährlichen Eheschließungen in Deutschland hat sich seit 1950 fast halbiert. Relativ zur Einwohnerzahl ist sie sogar von 11 Hochzeiten pro 1000 Einwohner auf 4,6 gesunken.

Klar, heute ist alles im Fluss. Die serielle Monogamie schaltet eine Partnerschaft nach der anderen. Vieles kann, nichts muss. Aber eigentlich müsste doch gerade deswegen das Fest zu Ehren liebevoller Partnerschaft boomen, oder? Immerhin dürfen wir endlich, wie wir wollen: Ohne Mitgift zu zahlen, ohne sozialen Aufwärtszwang, ohne religiöse Kompatibilitäten beachten zu müssen. Um hinterher monogam oder in der so genannten “wilden” Ehe zu leben. Mit oder ohne Ritualen, Trinkspielen, Hochzeitswalzer. Ohne oder mit Pfarrer, Rabbi, DJ. In diesem Fall hat der Bräutigam für den Sektempfang nach dem Standesamt eine klare Regel gesetzt: Es läuft Techno, und jedes Mal, wenn ihn jemand bittet die Musik leiser zu stellen, macht er sie ein bisschen lauter.

Bis alle tanzen.

Heute darf eben jeder heiraten, wie er will. Doch selbst eine nach Gefallen spinnbare Hochzeit ist für viele offenbar keine Option. Sie beziehen stattdessen gemeinsame Wohnungen, kaufen Autos und bekommen Kinder. Sie wollen alles miteinander. Außer heiraten. Wozu, fragen sie, ist doch alles gut, auch ohne Ringe? Als bliebe ihre gelebte Liebe, so lange sie nicht verheiratet sind, ein Spiel. Als könnten sie ohne Trauschein jederzeit sagen: Ach, das Auto, die Wohnung, die fünf Jahre, das Kind – es war ein Fehler! Komm, lassen wir das, mach´s gut.

Früher war die Hochzeit genau deswegen der wichtigste Tag im Leben: Man legte sich fest. Ab dem Tag der Hochzeit lief alles nur noch mit diesem einen Menschen. Haus, Hof und Kinder waren an ihn oder sie gebunden oder überhaupt erst möglich, denn offiziell galt: Ohne Ehepartner kein Sex, keine Kinder, keine eigene Familie, keine vollwertige gesellschaftliche Teilhabe, keine Alterssicherung. Die Hochzeit stellte die zweite große Weiche nach der Geburt. Von ihr hing sozialer Status – und was man so „Glück“ nannte – entscheidend ab.

Aber Tradition und Religion haben die Ehe in unser säkularisierten Gesellschaft nicht mehr unter Kontrolle. Die Hochzeit hat sich wie die Beerdigung als Ritual emanzipiert von einer Kirche, die sie lange genug zugunsten ihrer Deutungshoheit und gesellschaftlicher Vormacht instrumentalisiert hat. Spätestens unsere Generation weiß, dass den Ehebrecher kein himmlisches Strafgericht erwartet. Scheidung ist kein Sakrileg, sondern eher eine bürokratische Wurzelkanalbehandlung – unschön, aber manchmal notwendig. Man kann sich aus freien Stücken dafür und irgendwann wieder dagegen entscheiden, ohne die Ehe an sich abzuwerten. Ihre Mythologisierung ist überwunden.

Die Ehe dient endlich uns, nicht wir ihr.

Vielleicht befürchten Heiratsunwillige angesichts ihrer Verhandelbarkeit , dass eine Ehe sie entromantisieren, quasi alle Romantik auf einmal aufbrauchen würde. Dass die große Entscheidung füreinander die täglichen kleinen Zugeständnisse und Kompromisse, die viel schwerer fallen, entwertet. Dass eine Hochzeit die Beziehung eher schlechter als besser macht, weil man sie unter Druck setzt. Weil die Eheschließung die scheinbar wichtige Illusion nimmt, dass man sich noch nicht entschieden hat.

Oder ist die Aussicht noch pessimistischer? Irgendwann betrügt man sich ja sowieso, denken viele und sagen wenige. Diese ultimative Verletzung ist ohne Ehering sicher leichter zu ertragen – und als Fremdgänger muss man weniger ausziehen. Unverheiratete rechnen kühl: Wer seine Beziehung nicht erhöht, fällt nicht so tief. Scheidungskinder wissen Bescheid.

Doch der Verzicht auf die Hochzeit als Konfliktprophylaxe ist ein Missverständnis. Wer gut zueinander ist, ist es auch ohne Trauschein. Und mit. Die Wahrheit ist: Eine Hochzeit ändert nichts. Und das ist okay so.

Ehe-Verweigerer sind oft die wortwörtlich konservativ Liebenden, weil sie einerseits an einem Bild der Ehe hängen, das zum Glück längst out ist. Und andererseits die Erfahrungen vergangener Generationen (Betrug, Scheidung, Gewalt, offene Zahnpastatuben) in die Zukunft projizieren. Weil sie vielleicht nicht daran glauben, dass sie eine Ehe mit eigenen Werten füllen können, jenseits von Selbstaufgabe und Scheinheiligkeit. Weil sie das, was sie haben, nicht vermeintlich aufs Spiel setzen möchten. Weil sie sich nicht festlegen wollen, um nicht aufs Kreuz gelegt zu werden. Das ist verständlich und vor allem menschlich. Weil länger lebt, wer vom schlimmsten Fall ausgeht.   

Und liegt vielleicht auch daran, dass das Event Hochzeit zwar in Kultur und Medien stattfindet, aber nicht cool ist. Für alle sichtbar heiraten Prominente (oft zum dritten Mal) und Adlige (oft bedingt freiwillig) – besonders pompös und besonders wenig nachahmenswert. Ein Hauch von Zwang und Narzissmus umweht ihre Trauungen. In Zeiten inflationärer öffentlicher Bekenntnisse im Netz ist das einmalige Bekenntnis zur Liebe seltsamerweise out. Die längst überfällige Einführung der  gleichgeschlechtlichen Ehe brachte einen Schwall politikverdrießender Schwachsinnigkeiten von konservativen Betonköpfen mit sich. Meist regiert kulturell das alte Modell von Fremdbestimmung und Unfreiheit, von naiver Gegenwartsfixierung: Welcher Film zeigt schon den Kater am nächsten Morgen, welcher gar den Alltag? Hochzeit wird inszeniert als Kitsch und Romantic Comedy, im besten Falle untrügliches Zeichen für ein Happy End. Ihr fehlt medial die Tiefe. Sie wird überzeichnet und dadurch banalisiert, bis man vergisst, was sie eigentlich meint.

Und fragt man an einen Pop-Song zum Thema Hochzeit, wird meisten wird die ewige White Wedding einfallen. Billy Idol. 80er Glam-Rock.

Kurz: Es fehlen die positiven Vorbilder und die good vibes. Die Hochzeit hat ein Image-Problem. „Fest der Liebe“? So nennt man Weihnachten.
Nur wenn ausgerechnet Altkanzler Helmut Kohl Trauzeuge einer Homo-Ehe ist, gewinnt die Hochzeit endlich wieder die verdiente Strahlkraft und ruft: Seht her, die Liebe im dritten Jahrtausend ist frei!

Heute wird die Geburt eines (ersten) Kindes als einschneidenderes Erlebnis nominiert, aber aus nahe liegenden Gründen selten gefeiert. Dafür zelebriert man runde Geburtstage wie Inthronisationen, wie Voodoo-Zauber gegen die Todesangst. Und unabhängig von wichtigen Daten hat sich eine Kultur des “Feierns” entwickelt. Ein offensiver Hedonismus der Clubs und Festivals, der zwar exzessiv ist, aber anlasslos. Niemand braucht einen Grund, um im Berghain auszuflippen. Man kann einfach das Leben feiern. Oder auch nicht.

Mit all diesen Festen wetteifert die Hochzeit als Event. Und spielt doch außer Konkurrenz. Denn sie hat etwas magisches an sich, das keine andere Festivität erreicht: Der kollektive Konsens aller Anwesenden, aus genau dem richtigen Grund zusammen zu sein. Was bitte kann man besseres zelebrieren als die Liebe? Und wieso damit warten, bis man alt und müde ist? Lieber die Party schmeißen, solange die Liebe noch frisch ist und die Gäste eskalieren können und wollen. Solange man einem großen Kreis einander verbundener Menschen etwas einmaliges schenken kann. Solange noch ein paar Singles der Nacht etwas flirtig-flirrendes verleihen, jede Hochzeit also die nächste provozieren könnte. Diese Hoffnung nährt jede Hochzeitsnacht und lässt den Brautstrauß fliegen: Vielleicht verspricht bald jemand anderes seinem geliebten Menschen, für ihn oder sie da zu sein, so lange es geht.

Dabei macht sich niemand mehr die Illusion, dieses Versprechen müsse – auf Eheberater komm raus – für immer halten. Wenn doch, um so besser! Aber das Ja-Wort wird heute nicht an seiner unendlichen Haltbarkeit, sondern an seinem Ernst gemessen. Es ist sich selbst genug in der Gegenwart. Es ist bedeutend im Hier und Jetzt.

Denn dieses Versprechen ist nicht nur Liebesbeweis. Es ist die ultimative Antwort auf eine Welt der unendlichen Möglichkeiten, auf den ewig schillernden Strauß der Optionen und Opportunitäten; auf die Sprachlosigkeit und die Lähmung, die uns erfassen, wenn alles zu viel wird. Das Versprechen, laut artikuliert und bezeugt und damit unwiderruflich in die Welt geholt, schließt Türen, sperrt Lärm aus und stoppt Luftzüge, die das Glück stören können. Und öffnet gleichzeitig den einen gemeinsamen Raum, dem man sein Leben widmen will. Der zu finden, abzustecken und auszufüllen eine unterschätzte Leistung ist. Brautpaare singen mit Pharell: We´ve come to far to give up who we are. Wer heiratet, hat viel erreicht, aber noch nicht genug. So ist die Ehe nicht Aufgabe, sondern Anfang.

Denn eine Hochzeit ist eben nicht das Ende der Freiheit, sondern ihr ultimativer Triumph. Niemals zuvor in der Geschichte unserer komischen Spezies konnten zwei Menschen so frei zueinander finden wie heute, in unseren unfassbar privilegierten westlichen Gesellschaften. Eine Hochzeit ist auch eine Feier der Zivilisation, eine ausgestreckte Zunge in Richtung aller Unterdrücker und Bevormünder. Die Heirat aus freien Stücken, aus Liebe!

Das ist die wahre Krone der Schöpfung.

Dieses Wochenende bin ich auf einer Hochzeit eingeladen. Alle Freunde werden dort sein. Sie werden lachen, tanzen und trinken, sich umarmen, weinen und wieder lachen. Sie werden tun, was Menschen tun, wenn sie etwas besonderes zu feiern haben. Etwas heiliges. Das einzige, was die Grenzen unserer Existenz, so pathetisch es klingen mag, was Körper, Zeit, Tod und alles andere hinter sich lässt: Die Liebe. Wer sich zu einem Fest der Liebe einfindet, ist für kurze Zeit nicht mehr von dieser Welt.

Und ich? Ich werde ganz klein sein, angesichts der Größe des Anlasses. Ich werde feiern, staunen und lieben. Und dem Paar in einem ruhigen Moment sagen, was ich zu sagen habe: Menschen, die einander kennen gelernt, sich ausprobiert und aneinander gerieben haben, um dann das mutigste zu tun, was ein Individualist tun kann, nämlich sich einen anderen Individualisten ans Bein binden, bewundere ich wie nichts auf der Welt. Um so mehr, wenn es zwei so geschätzte Menschen sind. Dass sie sich einander anvertrauen, macht mich noch ein bisschen mehr stolz, sie zu kennen.

Diese paar Worte sind für sie. Mögen sie wahnsinnig glücklich miteinander werden.

Verschlüsselkinder

2013: Der Mensch ist dem Menschen eine Wanze.

Sollen wir also unser Online-Dasein verschlüsseln? Mails codieren, IPs verschleiern, amerikanische Anbieter meiden (wie Innenminister Friedrich rät)? Sollen wir uns selbst beschränken, Daten sparen, nur noch Briefe schreiben, mit YPS-Zaubertinte? Können wir uns denn überhaupt anders gegen Ausspähung durch Geheimdienste fremder und eigener Nation wehren? Wer schützt uns, wenn nicht wir selbst?
Für unsere Politiker, auf unseren Schutz vereidigt und von unserer Gunst abhängig (echt jetzt!), scheint die Überwachung strategisch notwendig und persönlich nichts ungewöhnliches: “politiker, zumindest die etwas exponierteren, sind ständige überwachung und beobachtung gewohnt.” schreibt Felix Schwenzel. Von Marionetten der Aufmerksamkeit scheint wohl keine echte Gegenwehr zu erwarten, wenn Aufmerksamkeit perverse Formen annimmt. Zumal offenbar ein Großteil unserer politischen Größen von den jüngsten Skandalen wusste, was auch immer genau dahinter steckt, man will es gar nicht wissen.

Man will sich nur verstecken.

Auf den ersten Blick scheint die informationelle Aufrüstung also mündig und schlau. Motto: Wenn sie sowieso mitlesen, dann machen´s wir ihnen wenigstens so schwer wie möglich. Jacob Appelbaum vom Tor Project, einem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten, formulierte es letzte Woche berghainesk: “Don’t bareback with the internet. Don’t bareback with Big Brother. Use cryptography.” Sein Appell: Schützt euch vor den Immunkrankheiten des Netzes. Alles andere scheint töricht. Denn, Achtung: “Überwachung und Ausspionieren sind ein inhärenter Teil der digitalen Technik. Sie sind ein allgemeiner Habitus in der Welt, die ein digitales Panoptikum geworden ist. Jeder ist Big Brother und Insasse zugleich. Jeder ist Täter und Opfer zugleich”, meint zumindest Professor und professioneller Schwarzseher Byung-Chul Han herum. “War doch eh klar”, haben es plötzlich viele andere schon immer gewusst und üben sich in Zynismus.

Und die Hobby-Verschlüsselung ist ja keine Alchimie: Hilfreiche ServiceArtikel haben Konjunktur, Kryptographie ist das neue Stricken, let´s have a Prism Break. Schon boomen verschlüsselte Suchmaschinen wie Ixquick und sichere Mail-Dienste wie Posteo, feiern die Piraten NRW eine “Crypto-Party”, wollen “Hacker Helfen“. Bald schenkt man Kleinkindern einen eigenen Code zum ersten Tag in der Kryppe (namens “Verschlüsselkinder”), an Volkshochschulen wird “Krypto für Dummies” gelehrt und die Bundesregierung finanziert eine aufwändige Kampagne mit dem Titel: “Mach´s mit!”. Das fordert sogar Netzpolitik.org-Macher Markus Beckedahl, bisher kaum als Cyber-Pessimist aufgefallen. Ähnlich argumentiert auch Felix von Leitner (aka Fefe) und legitimiert seine Forderung nach Datendiät mit der alten Personaler-Legende: “Heutzutage kann man sich ja nirgendwo mehr auf einen Job bewerben, ohne dass die erst mal Facebook auf peinliche Party-Fotos durchstöbern.”

So weit, so Orwell (der hatte ja immerhin kürzlich Geburtstag).

Doch fragt man sich angesichts der Nonchalance der eilig Verschlüsselnden: Würden sie – dürfte die Polizei anlasslos Hausdurchsuchungen durchführen – eine Stahltür einbauen und das Klingelschild abmontieren? Wer lackiert sein Auto regelmäßig um, obwohl er keine Banken damit überfällt? Begegnet man Grundrechtsverstößen mit vorauseilender Selbstverteidigung? Kauft die Polizei dann nicht einfach mehr Rammböcke, bezahlt mehr Spitzel?

Die bittere Wahrheit ist: Individuelle Verschlüsselung dreht eine Negativ-Spirale. Individuell wie politisch.

Denn jeder bauernschlaue Geheimdienst wird (seiner Logik gemäß) folgern: Wer verschlüsselt, hat etwas zu verbergen. Geht man nach Prism und Tempora davon aus, dass Metadaten digitaler Kommunikation massenweise überwacht werden und im Muster- bzw. Verdachtsfall auch Inhalte gelesen werden, ist Verschlüsselung der sicherste Weg, sich “verdächtig” und Mails erst interessant zu machen. Ironischerweise findet man geheime Militär- und Geheimdiensteinrichtungen auf Google Maps nach einem ähnlich todsicheren Prinzip: Es sind die verpixelten Flecken in der frei sichtbaren Landschaft.
Wenn zwei Prozent der Nutzer  ihre Mails verschlüsseln und der Rest nicht, welche Mails werden dann bevorzugt näher analysiert? Wer zieht die Aufmerksamkeit von Streifenpolizisten auf sich: Die Fahrer mit den abmontierten Nummernschildern und getönten Scheiben – oder der unauffällige Rest? Am besten, man fährt gar nicht mehr, im Sinne der Datensparsamkeit, denn: “bei der benutzung von computern fallen unmengen daten an. so wie bei der benutzung von autos ortswechsel anfallen.” (Felix Schwenzel)

Will man also verdachtsloser Überwachung ernsthaft mit verdächtigem Verhalten oder Totstellen begegnen? Gibt man nicht damit indirekt den Naiven recht, die dieser Tage ernsthaft Sätze mit “Wer nichts zu verbergen hat…” in Kameras plappern (unverpixelt!)? Was für ein Menschen- und Staatsbild verrät das, wie verhalten sich demnach Obrigkeit und Bürger zueinander? Wie Wächter und Gefangener? Jäger und Hase? Hase und Igel?

Je mehr Menschen verschlüsseln, desto mehr “Legitimation” erfahren gigantische Überwachungsapparate. Wenn immer mehr Menschen weltweit ihre Kommunikation immer geheimer machen, braucht es der Logik der Exekutive nach auch immer mehr Geheimdienst, um trotzdem informiert zu sein. Im Moment der Verschlüsselung unverfänglicher Kommunikation lenkt man die Aufmerksamkeit von der eigentlich Wurzel des Übels ab: Dass unverfängliche Kommunikation massenhaft ausgespäht wird. Ganz zu schweigen von den Kollateralschäden der hohldrehenden Überwachungsschraube, die Michael Budde beschreibt: Mit massenhafter Ausspähung kann man vielleicht eine paar Verbrecher fangen, aber sicher auch “eine Großzahl falsch positiver Gefährder fabrizieren, also völlig harmloser Bürger, die vom Staat zu Unrecht als Gefahr gesehen werden.” Solche Fälle sind wiederum ein Grund, zu verschlüsseln, was mehr Überwachung fordert, was… usw. usf.

Und die digitale Elite, die sich nun radikalisiert? “Prism und Tempora könnten sich insofern als Geburtshelfer einer militanten Netzguerilla entpuppen – was letztlich die These bestärkt, dass unkontrollierte Geheimdienste immer genau das hervorbringen, was sie zu bekämpfen vorgeben”schließt Wolfgang Michal. Doch unter dem Vorwand, die Assanges und Snowdens dieser Welt zu jagen, wird eher mehr überwacht werden denn weniger.

UPDATE (weil wichtig): Spezifisch eingesetzte Kryptographie, die Whistleblower, politische Aktivisten gegenüber imperialen Mächten, Journalisten vor Überwachung schützt usw. usf. –> Nötig. Existentiell wichtig. Assange mag megaloman sein, ganz Unrecht hat er hier nicht. 

Es bleibt dennoch die ewige Dialektik des Informationswettrennens. Und wenn wir massenhaft mithecheln, statt massenhaft “Stopp!” zu rufen, sind wir mit dafür verantwortlich.

Gleichzeitig reißt Kryptographie einen neuen Grand Canyon in den Digitalen Graben zwischen Neuland-Nutzern und Nerds: Anonymität und Sicherheit wird zum Gut, das man sich leisten können muss – durch Know-How oder Geld. Die Doofen werden das Netz entweder lassen oder zu Spähvieh. Leicht überspitzt ausgedrückt: Meine Oma checkt openPGP nicht? Ab mit ihr nach Guantanamo!

Auch wenn es erstmal hilflos macht: Vorauseilender Selbstschutz ist der Anfang vom Ende des Netzes, wie wir es (als Ideal) kennen. Statt frei und anonym zu sein, wird es überwacht und verschlüsselt. Wie Marina Weisband in der WELT warnt: “Dann hat der Terror gewonnen.”  Denn Terror, das bezeichnet die durch Angst erzwungene Änderung meiner Lebensweise, schließt auch Felix von Leitner. Und Andreas Kissler unkt:  “Am Anfang wird die Unfreiheit sein. Der digitale Mensch wird in Ketten geboren.”

Politisch betrachtet behindert also Verschlüsselung den Kampf, den man eigentlich führen will und muss (und der so aussichtslos nicht ist). Weil Verschlüsselung zwar  anstrengend ist, aber definitiv nicht so anstrengend, wie dagegen auf die Straße zu gehen.
Selbstverständlich sollte man hygienisch mit Daten umgehen, Sensibles hüten, niemals diese ominöse Erbschaft in Nigeria antreten. Doch vor Ausspähung sollten nicht Verschlüsselung, sondern Gesetze schützen. Ansonsten wird aus Kryptographie bald das Kryptonit der Idee von einer informationellen Selbstbestimmung – und damit von Freiheit im Netz. Und man hätte wenig aus zwei Diktaturen gelernt.
Die Alternative? Endlich diese schweigende Mehrheit aktivieren, für die Überwachung und Verschlüsselung Nerd-Kram ist und bitte bleiben soll. Ihnen muss klar werden, dass sie verwanzt sind. Dass sie nicht passiv aushalten müssen. Dass auch Wanzen Rechte achten müssen.

Bisher hatte die digitale Generation wenig, wogegen sie geschlossen antreten konnte. Man stritt sich ein bisschen untereinander oder mit den netzfremden Eltern. Das gemeinsame politische Projekt fehlte.
Aber jetzt sind wir alle Verschlüsselkinder.

Asyl

Während Edward Snowden in einem Zimmer in Moskau auf Hilfe hofft, geschieht folgendes:

Die Friedensnobelpreisträgerin von 2012 (= die EU, “für über sechs Jahrzehnte, die zur Entwicklung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beitrugen”) hilft diesem Snowden, der ihr und der Welt einiges erzählt hat über die feindlichen Machenschaften des Friedensnobelpreisträger von 2009 (= Barrack Obama, “für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken”), auf der Flucht vor eben diesem Friedensnobelpreisträger (kurz FNPT) leider nicht.

Warum aber flieht Snowden? Weil sein Vorgänger namens Bradley Manning zuletzt vom FNPT 2009  behandelt wurde wie in einem finstren Zeitalter lange vor Friedensnobelpreisen: Nackte Einzelhaft, keine Besuche, kein Ausgang. Anyway, der FNPT 2009 zwingt auf der Jagd nach Snowden einige Mit-FNPT 2012, ein Flugzeug des bolivianischen Staatschefs ausgerechnet in Wien festzusetzen und durchsuchen zu lassen; dort, wo einst das gleichnamige Wiener Übereinkommen, das solche diplomatischen Frechheiten verbietet, beschlossen wurde.

Eine der FNPTinnen 2012, die dem Kämpfer gegen die Überwachung kein Asyl gewähren möchte, ist eine ostdeutsche Physikerin, welche vor 1989 das Snowden verwehrte politische Asyl in der BRD höchstwahrscheinlich bekommen hätte. Hätte sie sich nur gegen den Überwachungsstaat, in dem sie damals lebte, aufgelehnt, wäre geflohen und hätte ihr Leben zurück gelassen – so wie Snowden.

Einer, der damals gegen diesen deutschen Überwachungsstaat protestierte und später als Leiter der Stasi-Behörde dessen mannigfaltigen Ungerechtigkeiten verriet, ist jetzt Bundespräsident(-Parodist) desselben Mit-FNPT 2012. Er findet jedoch, dass ein Geheimdienst so etwas ist wie die freiwillige Feuerwehr, wo man sich per Unterschrift verpflichtet und dann auch zu seinem Wort stehen muss, oder er hat das reine Größenverhältnis von Festplatten zu Akten falsch verstanden, jedenfalls: Auch er spricht sich nicht für ein Asyl seines Kollegen Bürgerrechtlers Snowden aus. Aber vielleicht könnte Snowden als Beweismittel taugen und Asyl bekommen, weil man ihn noch brauchen kann?

Bisher Asyl oder Hilfe leisteten die u.a. für ihre Presseverfolgung geächteten Schurkenstaaten China und Russland, aber nur um dem FNPT 2009 eins auszuwischen. Alle anderen Nationen sagen gerade ab. Der momentan einzig verbliebende Kandidat auf Snowdens Asyl-Liste ist damit der berühmte Gutmensch unter den kleinen Staaten: Venezuela – 2011 zuletzt im Press Freedom Index auf Platz 117.