Verschlüsselkinder

2013: Der Mensch ist dem Menschen eine Wanze.

Sollen wir also unser Online-Dasein verschlüsseln? Mails codieren, IPs verschleiern, amerikanische Anbieter meiden (wie Innenminister Friedrich rät)? Sollen wir uns selbst beschränken, Daten sparen, nur noch Briefe schreiben, mit YPS-Zaubertinte? Können wir uns denn überhaupt anders gegen Ausspähung durch Geheimdienste fremder und eigener Nation wehren? Wer schützt uns, wenn nicht wir selbst?
Für unsere Politiker, auf unseren Schutz vereidigt und von unserer Gunst abhängig (echt jetzt!), scheint die Überwachung strategisch notwendig und persönlich nichts ungewöhnliches: “politiker, zumindest die etwas exponierteren, sind ständige überwachung und beobachtung gewohnt.” schreibt Felix Schwenzel. Von Marionetten der Aufmerksamkeit scheint wohl keine echte Gegenwehr zu erwarten, wenn Aufmerksamkeit perverse Formen annimmt. Zumal offenbar ein Großteil unserer politischen Größen von den jüngsten Skandalen wusste, was auch immer genau dahinter steckt, man will es gar nicht wissen.

Man will sich nur verstecken.

Auf den ersten Blick scheint die informationelle Aufrüstung also mündig und schlau. Motto: Wenn sie sowieso mitlesen, dann machen´s wir ihnen wenigstens so schwer wie möglich. Jacob Appelbaum vom Tor Project, einem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten, formulierte es letzte Woche berghainesk: “Don’t bareback with the internet. Don’t bareback with Big Brother. Use cryptography.” Sein Appell: Schützt euch vor den Immunkrankheiten des Netzes. Alles andere scheint töricht. Denn, Achtung: “Überwachung und Ausspionieren sind ein inhärenter Teil der digitalen Technik. Sie sind ein allgemeiner Habitus in der Welt, die ein digitales Panoptikum geworden ist. Jeder ist Big Brother und Insasse zugleich. Jeder ist Täter und Opfer zugleich”, meint zumindest Professor und professioneller Schwarzseher Byung-Chul Han herum. “War doch eh klar”, haben es plötzlich viele andere schon immer gewusst und üben sich in Zynismus.

Und die Hobby-Verschlüsselung ist ja keine Alchimie: Hilfreiche Service-Artikel haben Konjunktur, Kryptographie ist das neue Stricken, let´s have a Prism Break. Schon boomen verschlüsselte Suchmaschinen wie Ixquick und sichere Mail-Dienste wie Posteo, feiern die Piraten NRW eine “Crypto-Party”, wollen “Hacker Helfen“. Bald schenkt man Kleinkindern einen eigenen Code zum ersten Tag in der Kryppe (namens “Verschlüsselkinder”), an Volkshochschulen wird “Krypto für Dummies” gelehrt und die Bundesregierung finanziert eine aufwändige Kampagne mit dem Titel: “Mach´s mit!”. Das fordert sogar Netzpolitik.org-Macher Markus Beckedahl, bisher kaum als Cyber-Pessimist aufgefallen. Ähnlich argumentiert auch Felix von Leitner (aka Fefe) und legitimiert seine Forderung nach Datendiät mit der alten Personaler-Legende: “Heutzutage kann man sich ja nirgendwo mehr auf einen Job bewerben, ohne dass die erst mal Facebook auf peinliche Party-Fotos durchstöbern.”

So weit, so Orwell (der hatte ja immerhin kürzlich Geburtstag).

Doch fragt man sich angesichts der Nonchalance der eilig Verschlüsselnden: Würden sie – dürfte die Polizei anlasslos Hausdurchsuchungen durchführen – eine Stahltür einbauen und das Klingelschild abmontieren? Wer lackiert sein Auto regelmäßig um, obwohl er keine Banken damit überfällt? Begegnet man Grundrechtsverstößen mit vorauseilender Selbstverteidigung? Kauft die Polizei dann nicht einfach mehr Rammböcke, bezahlt mehr Spitzel?

Die bittere Wahrheit ist: Individuelle Verschlüsselung dreht eine Negativ-Spirale. Individuell wie politisch.

Denn jeder bauernschlaue Geheimdienst wird (seiner Logik gemäß) folgern: Wer verschlüsselt, hat etwas zu verbergen. Geht man nach Prism und Tempora davon aus, dass Metadaten digitaler Kommunikation massenweise überwacht werden und im Muster- bzw. Verdachtsfall auch Inhalte gelesen werden, ist Verschlüsselung der sicherste Weg, sich “verdächtig” und Mails erst interessant zu machen. Ironischerweise findet man geheime Militär- und Geheimdiensteinrichtungen auf Google Maps nach einem ähnlich todsicheren Prinzip: Es sind die verpixelten Flecken in der frei sichtbaren Landschaft.
Wenn zwei Prozent der Nutzer  ihre Mails verschlüsseln und der Rest nicht, welche Mails werden dann bevorzugt näher analysiert? Wer zieht die Aufmerksamkeit von Streifenpolizisten auf sich: Die Fahrer mit den abmontierten Nummernschildern und getönten Scheiben – oder der unauffällige Rest? Am besten, man fährt gar nicht mehr, im Sinne der Datensparsamkeit, denn: “bei der benutzung von computern fallen unmengen daten an. so wie bei der benutzung von autos ortswechsel anfallen.” (Felix Schwenzel)

Will man also verdachtsloser Überwachung ernsthaft mit verdächtigem Verhalten oder Totstellen begegnen? Gibt man nicht damit indirekt den Naiven recht, die dieser Tage ernsthaft Sätze mit “Wer nichts zu verbergen hat…” in Kameras plappern (unverpixelt!)? Was für ein Menschen- und Staatsbild verrät das, wie verhalten sich demnach Obrigkeit und Bürger zueinander? Wie Wächter und Gefangener? Jäger und Hase? Hase und Igel?

Je mehr Menschen verschlüsseln, desto mehr “Legitimation” erfahren gigantische Überwachungsapparate. Wenn immer mehr Menschen weltweit ihre Kommunikation immer geheimer machen, braucht es der Logik der Exekutive nach auch immer mehr Geheimdienst, um trotzdem informiert zu sein. Im Moment der Verschlüsselung unverfänglicher Kommunikation lenkt man die Aufmerksamkeit von der eigentlich Wurzel des Übels ab: Dass unverfängliche Kommunikation massenhaft ausgespäht wird. Ganz zu schweigen von den Kollateralschäden der hohldrehenden Überwachungsschraube, die Michael Budde beschreibt: Mit massenhafter Ausspähung kann man vielleicht eine paar Verbrecher fangen, aber sicher auch “eine Großzahl falsch positiver Gefährder fabrizieren, also völlig harmloser Bürger, die vom Staat zu Unrecht als Gefahr gesehen werden.” Solche Fälle sind wiederum ein Grund, zu verschlüsseln, was mehr Überwachung fordert, was… usw. usf.

Und die digitale Elite, die sich nun radikalisiert? “Prism und Tempora könnten sich insofern als Geburtshelfer einer militanten Netzguerilla entpuppen – was letztlich die These bestärkt, dass unkontrollierte Geheimdienste immer genau das hervorbringen, was sie zu bekämpfen vorgeben”schließt Wolfgang Michal. Doch unter dem Vorwand, die Assanges und Snowdens dieser Welt zu jagen, wird eher mehr überwacht werden denn weniger.

UPDATE (weil wichtig): Spezifisch eingesetzte Kryptographie, die Whistleblower, politische Aktivisten gegenüber imperialen Mächten, Journalisten vor Überwachung schützt usw. usf. –> Nötig. Existentiell wichtig. Assange mag megaloman sein, ganz Unrecht hat er hier nicht. 

Es bleibt dennoch die ewige Dialektik des Informationswettrennens. Und wenn wir massenhaft mithecheln, statt massenhaft “Stopp!” zu rufen, sind wir mit dafür verantwortlich.

Gleichzeitig reißt Kryptographie einen neuen Grand Canyon in den Digitalen Graben zwischen Neuland-Nutzern und Nerds: Anonymität und Sicherheit wird zum Gut, das man sich leisten können muss – durch Know-How oder Geld. Die Doofen werden das Netz entweder lassen oder zu Spähvieh. Leicht überspitzt ausgedrückt: Meine Oma checkt openPGP nicht? Ab mit ihr nach Guantanamo!

Auch wenn es erstmal hilflos macht: Vorauseilender Selbstschutz ist der Anfang vom Ende des Netzes, wie wir es (als Ideal) kennen. Statt frei und anonym zu sein, wird es überwacht und verschlüsselt. Wie Marina Weisband in der WELT warnt: “Dann hat der Terror gewonnen.”  Denn Terror, das bezeichnet die durch Angst erzwungene Änderung meiner Lebensweise, schließt auch Felix von Leitner. Und Andreas Kissler unkt:  “Am Anfang wird die Unfreiheit sein. Der digitale Mensch wird in Ketten geboren.”

Politisch betrachtet behindert also Verschlüsselung den Kampf, den man eigentlich führen will und muss (und der so aussichtslos nicht ist). Weil Verschlüsselung zwar  anstrengend ist, aber definitiv nicht so anstrengend, wie dagegen auf die Straße zu gehen.
Selbstverständlich sollte man hygienisch mit Daten umgehen, Sensibles hüten, niemals diese ominöse Erbschaft in Nigeria antreten. Doch vor Ausspähung sollten nicht Verschlüsselung, sondern Gesetze schützen. Ansonsten wird aus Kryptographie bald das Kryptonit der Idee von einer informationellen Selbstbestimmung – und damit von Freiheit im Netz. Und man hätte wenig aus zwei Diktaturen gelernt.
Die Alternative? Endlich diese schweigende Mehrheit aktivieren, für die Überwachung und Verschlüsselung Nerd-Kram ist und bitte bleiben soll. Ihnen muss klar werden, dass sie verwanzt sind. Dass sie nicht passiv aushalten müssen. Dass auch Wanzen Rechte achten müssen.

Bisher hatte die digitale Generation wenig, wogegen sie geschlossen antreten konnte. Man stritt sich ein bisschen untereinander oder mit den netzfremden Eltern. Das gemeinsame politische Projekt fehlte.
Aber jetzt sind wir alle Verschlüsselkinder.

34 Gedanken zu “Verschlüsselkinder

  1. Ich sehe es genau anders herum. Verschlüsselung ist nicht die Stahltür, sondern genau das, was wir im analogen Leben normalerweise machen: Wir kleben den Brief zu, bevor wir ihn aufgeben. Normale Emails sind genauso einsehbar wie eine Postkarte!

    Noch schlimmer als die “ich hab nix zu verbergen”-Deppen sind aber diejenigen, die jetzt bemerken, dass Verschlüsselung ja nur die Aufmerksamkeit der Überwacher auf einen zieht. Je gehts noch??? Angst vor der eigenen Privatsphäre? Weil ein diffuser big brother mich dann evtl. noch mehr überwachen könnte, als er es ja offensichtlich eh schon tut? Nur nicht auffallen, dann holen sie hoffentlich den neben mir und nicht mich….. Krass! Und kommt mir irgendwie bekannt vor, wem noch?

    • Mein Einwand, dass Verschlüsselung “verdächtig” macht, habe ich absichtlich in Anführungszeichen gesetzt. Er soll zeigen, dass Verschlüsselung auch auf der egoistischen Ebene wenig Sinn macht.

      Worum es eigentlich geht, ist die Frage nach der Welt, in der wir leben wollen. Mit oder ohne Verschlüsselung? Und wenn ohne, warum dann jetzt damit anfangen, statt diejenigen, die uns dazu zwingen, zu beschränken?

      • Ich glaube ich sehe verstehe Verschlüsselung auf privater Ebene eher als etwas, das eigentlich normal sein sollte und nicht die Ausnahme, die die Aufrüstungsspirale dreht. Es gibt ja auch noch verdammt gute Gründe etwas zu verschlüsseln, was nicht mit PRISM zu tun hat.

        Privatsphäre ist zunächst mal ein Recht, das ich in Anspruch nehme, wenn ich das will; u.a auch mittels crypto. Das dies schon verdächtig macht, ist extrem gefährlich!
        Ich stimme dir zu bei der Frage nach der Welt in der wir leben wollen. Aber die beiden Sachen zu verbinden halte ich für problematisch.

        Was jeder mit seinen Daten und seiner Privatsphäre macht wird dadurch zur Verhandlungsmasse im Kampf gegen Überwachung a la PRISM.

  2. Sicher, das habe ich ja auch angemerkt: Datenhygiene fängt bei jedem selbst an.

    Aber: Was Staaten in Gestalt von Geheimdiensten tun oder nicht tun bzw. worauf sie Zugriff haben müssen Gesetze regeln, nicht der mehr oder weniger versierte Nutzer.

    • Ja, da bin ich ganz bei Dir. Aber ich hab da so meine Zweifel, dass Vatti Staat da ein gesteigertes Interesse hat. :-)

  3. Früher haben Geheimdienste den politischen Gegner ausspioniert. Heute haben sie einen exorbitanten gro�en Lauschanagriff gegen Bürger, Staaten und Wirtschaft gestartet. War der Kampf gegen Kriminelle noch legitimiert, ist der Spionageangriff auf alle kriminell. Aber die Geheimdienste schützen sich, in dem sie ihre Tätigkeit geheim deklarieren. Damit wird demokratische Kontrolle unmöglich, und Statements von Peter Altmaier als Vorsitzender der G10-Kommission, dass der Lauschangriff OK sei, sind die Sendezeit nicht wert, in der er das Volk verhöhnt.

    Nun bei einem Spionageangriff von Höchstkriminellen, die von hörigen Politikern Milliardenbudgets in den Rachen geworfen bekommen, weil sie ständig das Terrormantra wie buddhistische Mönche mit Gebetsmühlen vor sich her tragen, von Verschlüsselung zu reden, weil man ja auch Briefe zu klebt, ist törichtes Zeug. Zum einen haben immer schon kriminelle Geheimdienste wie Gestapo und Stasi Briefe mit Wasserdampf geöffnet, zum anderen durften wir lernen, dass seit 1945 unsere Regierungen udn Vorläufer regelmä�ig Landesverrat begehen, weil sie vertraglich fremden Mächten erlauben, Auf unser Grundgesetz, und Brief- und Fernmeldegeheimnis zu schei�en.

    Verschlüsseln macht nicht sicherer, sondern Spionage noch teurer. Zynischen greifen dann die Geheimdienste den Bürgern noch tiefer in die Tasche. Siehe AES und dort Bemerkung zum neuen Rechenzentrum der NSA:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Advanced_Encryption_Standard

    Die Massenspionage hat Terror nicht verhindert, wie die (geheimen) Behauptungen immer lauten. Man kann darüber streiten, wie laut die Dienste lachen, wenn sie sagen, sie hätten x Terroranschläge verhindert, aber leider seien die geheim. Die Fakten dagegen sind öffentlich: 9/11, Boston, Oklahoma, City, London, Madrid, Oslo, NSU habe die sogenannte Dienste nicht verhindert: Sie versagen systematisch bei dem, was sie behaupten zu tun. Sie tun es nicht.

    Deshalb gilt es nun, die Geheimdienste grundsätzlich in FRage zu stellen und sie gründlich zu evaluieren. Der fortgesetzte Landesverrat muss ein Ende haben, eine ordentliche Spionageabwehr muss her, wie es bei uns die Gesetze fordern, aber Merkel und Friedrichs landesverräterisch nicht machen, solange wir selber auch noch Spionage für Nötig halten.

    Dabei müssen die schweren Verbrechen davon ausgenommen werden und die polizeilich verfolgt werden. Und das ordentlich und nicht so schlampig wie bei der NSU. Dafür musst die Spionage gegen die Bürger ohne Verdacht gnadenlos ausgerottet werden. Erst wen ein konkreter Verdacht besteht, darf ermittelt werden: Quickfreeze statt VDS. Das Recht auf Privatheit muss bei der UN verankert werden und Geheimdienstmitarbeiter, die das verletzen, müssen vor den internationalen Gerichtshof wie Milosevic.

    Wenn wir verschlüsseln, kapitulieren wir gegen die Schwerkriminellen in den Geheimdiensten. Wir dürfen aber keinen rechtsfreien Raum im Internet dulden, auch nicht bei den Berufsspionen. Wir müssen unsere Behörden dazu ändern, dass sie wirkungsvoll Verbrechen bekämpfen, statt diesen Kampf schleifen zu lassen wie bei der NSU und statt dessen lieber die Bürger belauschen und Staatsanwälte sich rechtswidrig weigern, Spitzelaufnahmen von Fickgeräuschen von Eheleuten in ihrer eigenen Wohnung zu löschen.

  4. Hi,

    nur mal als kleine Anmerkung um den Kontext geradezurücken.
    Falls sich der eine oder andere nicht erinnert, es gab mal so
    etwas wie die “Cryptowars”
    https://wiki.openrightsgroup.org/wiki/Crypto_Wars

    What is it?

    For several decades, individuals and organizations concerned with protecting their personal privacy and corporate secrets have been engaged in a heated battle with government officials to gain the right to freely employ encryption techniques and technologies to safeguard their information.

    Im Klartext: Dass wir heute überhaupt starke Verschlüsselung
    privat benutzen dürfen(!) (und dafür nicht in der Knast kommen)
    musste überhaupt erst politisch erkämpft werden.

    Dass Du, fk, nun die Verschlüsselung als Auslöser für die Drehung
    dieser Negativ-Spirale ausmachst, ist erstens historisch falsch und geschichtsvergessen (es ist nach wie vor ein Abwehrkampf) und zweitens auf hanebüchenste Art und Weise naiv.

    Über diesen seltsamen überheblichen Subtext in Deinen Formulierungen
    brauchen wir glaub ich gar nicht groß zu reden. Jeder wie er halt kann, nicht wahr?

    • Danke für den Hinweis, woher Kryptographie (auch) kommt.

      Mich interessiert in diesem Fall eher, wo sie hinführt.

      • Und deshalb unterstelle ich Dir Naivität, weil du offenbar
        zu denken scheinst, diese Frage hier überhaupt als einer der Ersten
        zu behandeln. Das Thema ist uralt. Die Antwort kann an sich
        nur an Hand der Gegenfrage beantworten: “Wo wird uns das Verbot von Crypto hinführen” – Denn genau das ist die real versuchte Alternative.

  5. “Doch vor Ausspähung sollten nicht Verschlüsselung, sondern Gesetze schützen” finde ich doch etwas naiv und unreflektiert. Schließlich verlangst du auch nicht, dass die Leute jetzt keine Schlösser mehr verwenden oder auf andere Sicherheitsmaßnahmen verzichten. Letztlich redest du damit auch dem parternalistischen “starken” Staat den Mund, quasi als Sicherheit per Definition (Gesetz).

    Das Argument mit der “Negativ-Spirale” kannst du außerdem auch ganz anders betrachten: Durch die vielen neuen (mehr oder weniger gesetzlichen) Überwachungsbefugnisse werden die Menschen zur (digitalen) Selbstverteidigung ihrer Freiheits- und Menschenrechte gezwungen. Hier stellt sich also die Frage nach Ursache und Wirkung, und die Ursache sehe ich nicht in der Verschlüsselung sondern im totalitären Allmachtsanspruch des Staates.

    • Ich glaube genau hier liegt das Missverständnis: Wenn man von einem totalitären Staat ausgeht, ist Verschlüsselung ein Mittel der Freiheit. Aber bitte, haben wir den, wollen wir den?

      Nein, wir sollten von einem Staat als unser Diener ausgehen, und wenn der uns zu nahe kommt, dann stutzen wir ihn zurück statt uns einzuigeln, oder?

      Das ist nicht naiv, das ist Demokratie. Auch wenn man resignieren mag, aber genau diese Resignation schafft doch erst Raum für die Auswüchse des Paternalismus.

  6. Hallo fk,
    ich muss deinen Artikel leider als “naiv” abstempeln. Du forderst im Wesentlichen doch, dass Regeln gegen die Überwachung existieren.

    Aber das tun sie doch bereits! Es ist bereits heute illegal, dass die Amis und Briten die deutschen Bürger überwachen! Wir haben klare Gesetze gegen das Ausspähen.

    Das Problem ist, dass die herrschende politische Klasse das nicht interessiert. Sie machen’s einfach weiter. Ich sehe auch Geheimdienste kritisch, aber das Problem sind eigentlich die Machthaber, die derartige Überwachung in Auftrag geben oder zumindest dulden.

    Was für ein jämmerliches Armutszeugnis ist das denn, dass so eine riesige Überwachungsmaschinerie ans Tageslicht kommt und KEINES der europäischen Länder die Amis scharf dafür kritisiert, keine Staatsanwaltschaft die NSA als Organisation oder die amerikanische Regierung als Auftraggeber anzeigt und ein Verfahren eröffnet?

    Wir haben längst Regeln gegen solches Verhalten. Wenn man aber dafür sorgen will, dass solche Spionage an unbescholtenen Bürgern auch bestraft wird, reichen die Regeln offenbar nicht aus.

    Es gibt nur zwei Handlungsmöglichkeiten: sich zumindest selbst zu schützen (Verschlüsselung kann man eben nicht “aufdampfen”, die ist erheblich sicherer) oder eine fette Revolution anzetteln, die gewaltsam die NSA-Rechenzentren bis auf die Grundmauern niederbrennt. Ich bin für gewaltfreien Widerstand.

    Verschlüsselung ist *noch* etwas für Nerds, ja. Aber Cryptoparties sind doch gerade dazu da, damit das nicht so bleibt. Der Weg des gewaltfreien Widerstands führt gerade über eine weite Verbreitung von Kryptografie.

    Du solltest nicht Leute entmutigen, Krypto zu nutzen – möglichst *alle* sollten Krypto benutzen. Wir brauchen immer bessere Tools dafür, die leichter zu bedienen sind, und wir müssen das Erbe der Cryptowars annehmen und den Prozess der massenhaften Verbreitung fortführen.

    Verschlüsselung *kann* extrem sicher sein. Zumindest so sicher, dass sich die massenhafte Bespitzelung – die heute kinderleicht ist – aufhalten lässt. Dass die NSA dann ihre Rechenzentren nutzt, um die Verschlüsselung von einigen wenigen Leuten zu brechen, ist vergleichsweise egal.

    Die Bürger werden nur deshalb massenhaft überwacht, weil es *einfach* ist und nicht viel Aufwand kostet. Wir müssen den Aufwand ins Unermessliche steigern. Die technischen Tools dafür existieren.

    Für die eigenen Opis von heute reicht das vielleicht nicht mehr. Aber es ist kinderleicht, den eigenen Eltern Thunderbird+Enigmail zu installieren und ihnen zu erklären, wie das funktioniert. Man muss kein “digital native” sein, um Verschlüsselung nutzen zu können.

    • Ja, die Regeln gibt es (teilweise), aber sie werden nicht durchgesetzt. So oder so ist eine Ohnmacht der Bürger gegenüber dem Staat das Problem, oder? Und daran sollte man etwas ändern, das habe ich beschrieben.

      Ich finde es andererseits naiv zu glauben, dass die Geheimdienste angesichts steigender Verschlüsselung aufgeben, zu überwachen. Genau dieses Wettrüsten kann der einzelne Bürger nur verlieren. Und gleichzeitig investiert sein Staat weiter gegen ihn. Das kann doch nicht ernsthaft der Weg sein?

      Ich merke immer mehr, dass individueller Verschlüsselung ein merkwürdiges Verständnis von Staat und Bürger zugrunde liegt. Als ob es darum ginge, dass der eine den anderen austrickst. Siehe John Locke: Der Staat hat dem Bürger zu dienen, nicht andersrum. Und schon gar nicht soll der eine gegen den anderen arbeiten.

      • Also ich fühl mich von den Regierungen der letzten 10 Jahre in
        Bezug auf den Abbau von Bürgerrechten sehr wohl extrem ausgetrickst.
        Keine Ahnung wie Du das siehst, aber hier mit theoretischen Philosophen
        zu kommen führt genau gar nicht weiter. Klar wäre das Zitat da von Locke der Idealzustand aber Du musst doch die bestehende Realität
        betrachten…
        Im Übrigen hat niemand (!) jemals gesagt, benutzt mehr Crypto aber
        lasst das mit der Politik. Ich hab keine Ahnung wieso das immer wieder
        impliziert wird …

  7. “fk says:
    Der Staat hat dem Bürger zu dienen, nicht andersrum.”

    Ich finde diesen kernsatz sollten wir nicht vergessen. Wenn das aber, wie zur Zeit, nicht mehr erfolgt, dann muss die Regierung abgewählt werden.

    Die Regierung muss den Volk dienen und nicht das Volk der Regierung.

    Das dürfen wir nicht vergessen. Wir haben zwei Spitzelsysteme gehabt, ein drittes brauchen wir nicht. Deswegen werde ich für eine Übergangszeit meine Mails verschlüsseln, der Staat zwingt mich dazu. Wie es weiter geht, entscheide ich nach der Wahl.

    Leider sehe ich die Fakten so.

    Bis dann
    LG von Richter169

  8. Irgendwie wurde mir nach jedem Absatz mulmiger. Und der Gedanke, der Autor mache es sich zu einfach, breitete sich zunehmend in mir aus.

    Das wäre ein klasse Artikel für eines dieser Hipster-Magazine, hat aber mit der Realität nur wenig zu tun. Und ich muss attestieren: unpolitisch Politik kommentieren funktioniert einfach nicht.

    • Schade. “Zu” einfach ist natürlich nicht gut. Kannst Du den Eindruck des “unpolitischen” konkret festmachen? Interessiert mich.
      Denn ich will ja einiges, aber in “Hipster-Magazine”, nein danke.

  9. Verschluesseln macht nicht sicher, sondern Spionage teurer. Da weltweit alle Geheimdienste massiv Buerger, Staaten und Wirtschaft spionieren ausspionieren, sorgt verschluesseln dafür, dass mehr Steuermittel für die Spionage aufgewendet wird, aber die Privatsphäre wird nicht sicherer. Will man das, muss man die Geheimdienste und ihr kontinuierliches Versagen in der Terrorbekaempfung evaluieren und dann auf ein erträgliches und zielführendes Mass zurechtstutzen. Die Leichen von 9/11, London, Oslo, NSU, Madrid, Oklahoma City zeigen ganz klar, dass die Geheimdienste nicht das liefern, wofuer sie uns angeblich das Geld aus der Tasche ziehen. Und das wird jetzt ein Ende finden. Genauso, wie die Amerikaner endlos Geld in Massenvernichtungswaffen Atombomben sinnlos investiert haben, um wie in Hiroshima, wehrlose Frauen, Kinder und Alte zu ermorden, und heute diese Waffen nicht anwenden können. Nicht mal gegen ein paar Kameltreiber in Afghanistan haben sie militärische Potenz sondern ziehen sieglos nach 13 Jahren Krieg ab, wobei sie selbst zur Kapitulation zu feige sind. Ehrlos. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Und um die gehts jetzt :-)

  10. Aus meiner Sicht kann diese Form des Abhörens NIEMALS in Ordnung sein. Daher müssen klare Gesetzt her, die das verbieten.
    Und ich schließe mich BB klar an:
    Zu feige sich zu wehren? Hoffen, dass es den anderen erwischt???
    Meine Tür schließe ich zu, meinen Brief klebe ich zu. Warum nicht die Mail verschlüsseln?
    Und warum gibts das noch nicht? Könnten führende Unternehmen da wirklich ein Interesse daran haben und das in führenden E-Mail Programmen einbauen wollen? Wohl kaum!
    Wenn viele Ihre Mails verschlüsseln fallen die auch nicht mehr auf.

    Ich würde mich darüber freuen, wenn auf gesetzlicher Ebene eine “Überarbeitung” des Internets und des darin enthaltenen Datenverkehrs erfolgen würde und auch klare Gesetzte gegen globales Mitlesen erlassen würden.

    Übrigens: Die Amerikanische Obrigkeit verhält sich so unmoralisch, warum sollten es ihre Bürger oder ihre Gegner anders machen?
    Man lehrt am besten durch vorbildliches Verhalten und in Amerika setzt man scheinbar nicht auf LIEBE, sondern auf HÄRTE.
    Was da wohl rauskommt?

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  17. Auch wenn der Artikel schon alt ist. Muss ich nach dem ganzen lesen und darüber nachdenken feststellen, dass das Denken von fk nicht naiv ist. Ich finde es eher naiv zu denken, dass ich mich durch Krypto vor meinem Staat schützen muss. Übertrieben könnte man dann auch sagen, das ich bald noch fremde (am besten verschlüsselte) Sprachen lernen muss, denn mein Staat hört da bald auch mit.
    Ich finde es naiv zu denken, dass man sich vor seinem Staat schützen sollte. Denn wenn es weiter so geht, dann bleibt die Spionage nicht nur im Netz, sondern weitet sich auf den Alltag aus.
    Die Frage die man sich eher stellen sollte ist: Warum denkt der Staat, dass er mit einer Massenverdächtigigung wirklich Verdächtige ausmacht?

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