Links am 8.9.14

Gerhard Matzig (SZ): Wir Neobiedermeier

“Deutschland ist ein Oberjammergau der Bedenkenhaftigkeit. Wer hier etwas verändern oder neu denken will, gelangt schnell an jene Grenzen, die das Alte, Überkommene schützen und aus der Gesellschaft ein Museum machen.”

Ja! (Wenn Abrechnungen mir so aus dem Herzen sprechen, dürfen sie gerne etwas einseitig sein.)

 

Gina Neff (Medium): Data Empathy: Learning from health care 

“Almost every day there is a story about the gap between the expectations people have for their own data and what companies actually do with that data. To fix this gap, we first need to rethink the nature of data.”

 Komisch, wie viel über die Verwendung und Risiken von “Daten” geredet wird, und wie wenig über ihre Natur. Was sind Daten eigentlich? Wer hat sie? Wem gehören sie? Arme Viecher.

 

Interview mit Byung-Chul Han (ZEIT): “Tut mir leid, aber das sind Tatsachen

“Die Gemeinsamkeit ist doch ganz einfach zu sehen: Es ist das Glatte. Das Glatte charakterisiert unsere Gegenwart. Kennen Sie das G Flex, ein Smartphone von LG? Dieses Smartphone ist mit einer besonderen Beschichtung versehen: Wenn Kratzer entstehen, dann verschwinden diese nach kürzester Zeit, es hat also eine selbst heilende Haut, fast eine organische Haut. Das heißt, das Smartphone bleibt ganz glatt. Ich frage mich: Warum stören einen ein paar Kratzer, die auf einem Gegenstand entstehen? Warum dieses Streben nach einer glatten Oberfläche? Schon eröffnet sich ein Zusammenhang zwischen dem glatten Smartphone, der glatten Haut und der Liebe.

Aber was, Herr Professor, ist mit dem Runden? Dem Eckigen? Dem Glänzenden? Dem Blinkenden? Was sagt das über unsere Zeit und die Liebe aus?
Wenn Byung-Chul Han so richtig aufdreht, muss ich irgendwann lachen. Seine depressive Simulation eine intellektuellen Auseinandersetzung wird in ihren irrsten Momenten sehr lustig (s.o.). Gerade weil sie keine Spuren von Humor enthält. Diesem langen Interview kann ich anfangs, in der Beschreibung unserer Angst vor Verletzung, von Angela Merkels Alternativlosigkeit, noch folgen. Danach wird er zunehmend monochrom. Kernbotschaft: Alles ist schlecht. Und wird immer schlechter. So würde Heins Strunk reden, wenn er einen Intellektuellen parodieren wollte.
Lösungen? Ich wollte auf Lösungen hindenken, aber dann habe ich nur weitere Probleme geschildert.” Ähnliches gilt wohl für Belege, Zahlen, Fakten. Irgendetwas belastbares außerhalb seiner raunenden Behauptungen sucht man in Hans Einlassungen vergebens. Und damit befördert Prof. Han mit seinem Blues womöglich genau das, was er anprangert: Publizistische Placebos statt echter Auseinandersetzung.
Er selbst weiß: Heute gibt es nicht einmal Wissen, sondern nur Information. Heute leben wir mit einem Terror des Dilettantismus.”

Dass das Interview ausgerechnet mit “Tut mir leid, aber das sind Tatsachen” überschrieben ist, zeigt wiederum den kongenialen Humor der Autoren, die des Philosophen unterhaltsamen Weltschmerz nicht mit kritischen Nachfragen stören. Meine Lieblingszitate

“Es findet heute eine Google-Wissenschaft statt, ohne kritische Reflexion über die eigene Tätigkeit. Geisteswissenschaften müssten kritisch über die eigene Tätigkeit nachdenken, aber das findet nicht statt.”

Ich schreibe auf, was ich gesehen habe. Meine Bücher könnten doch verletzen, weil ich Dinge zeige, die man nicht sehen will. Nicht ich, nicht meine Analyse ist gnadenlos, sondern die Welt, in der wir leben, ist gnadenlos, verrückt und absurd.”

“Glück ist auch kein Zustand, den ich anstrebe.”

 

Precht (ZDF): Big Data – wer kontrolliert die digitalen Supermächte?

Das Format “Precht” finde ich an sich unwahrscheinlich gut: Zwei Menschen, ein Thema, 45 Minuten Dialog. Die Unterhaltung mit Ferdinand von Schirach über das Böse beispielsweise habe ich fast atemlos verfolgt, weil er so viele kluge, wahre Sätze sagte.

Nun also eine Dreiviertelstunde über das Digitale. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart zeigt sich präziser, progressiver, vernünftiger und besser informiert als Richard David Precht. Die dystopischen Horrorszenarien, die Precht als Fragen getarnt aufzeichnet, lächelt er fast zärtlich weg. Nach 31 Minuten spricht er sogar von selbst über das datennutzende Geschäftsmodell der Verlage. Und er zieht die Regulierung und Sozialisierung von Werbung oder Alkohol als Beispiele heran, wieso eine verführerische Macht nicht automatisch in den Untergang des Abendlandes führt. Das wirkt wohltuend ruhig und rational.
Best of Precht hingegen: “Alle zwei Jahre werden Computer intelligenter”, “Die Jugend will total durchleuchtet werden” und die Maßnahme von Google als ein “virtuelles Imperium von der Größe des römischen Reiches.” Irgendwann befürchtet er die Abschaffung demokratischer Wahlen mittels Big Data. Steingart warnt daraufhin vor der in Deutschland üblichen Dämonisierung.
Am Ende des Abspanns sagt eine Computer-Stimme: “Connection aborted.”

 

Harald Staun (FAZ): Wie wir gern leben sollten

Dazu passend über Social Physics:

“Statt mit Verboten oder Sanktionen, so die Grundidee ihrer Theorie, könne man Menschen viel wirkungsvoller mit kleinen Psychotricks aus dem Werkzeugkasten des Behaviorismus zu ihrem Glück treiben.”

 

2 Gedanken zu “Links am 8.9.14

  1. Pingback: Highlights KW 37 | drikkes

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