Reportagen

Ich weiß nicht, ob man 78 Minuten lang Stuckrad-Barre zuhören muss, wie er das Reportageschreiben erklärt. Oder was man dabei genau lernt. Aber diese folgende Erkenntnis (ab Minute 0:23) finde ich schon einleuchtend:

“Thema finden. These dazu: Originalität bring nichts. Ein Thema muss nicht neu sein, es muss gut gealtert sein.
Es gibt eigentlich nur drei Themen auf der Welt:
– Techno in Polen
– Surfen in Malibu
– Politiker in ihrem Wahlkreis
Alle anderen Themen, über die man schreiben kann, sind Variationen über diese Themen. Es gibt keine neuen Themen.”


Danke an Lena Steeg auf FB.

Demut

Mediengetriebene Prominente, Politiker, Profisportler, schaut auf diesen Fußballtrainer: Christian Streich, seit der Winterpause Übungsleiter beim SC Freiburg, agiert in der Öffentlichkeit eines harten Geschäftes, steht unter Druck, ist erfolgreich. Aber der langjährige A-Jugendtrainer bleibt dabei ein Mann voller Demut, Bescheidenheit und Humor angesichts des Wahnsinns, der auf ihn einprasselt. Er ist bei sich selbst. Er ist ruhig und ehrlich. Er scheut die Show.

Seine Pressekonferenzen sind kleine badische Buddhismen der Weisheit, seine Aussagen gehören in jedes Stammbuch und auf manchen Grabstein. Niedergeschrieben (ohne das Badische künstlich verschriftlichen zu wollen) liest er sich wie ein süddeutscher Khalil Gibran (wessen Herz mal wieder gewärmt werden muss, schaut diese Pressekonferenz hier):

Wenn ich nimmer Trainer wäre, morgen, und in vier Monaten würden sie in Flensburg sagen, da war doch mal irgendeiner Trainer in Freiburg, der ist Fahrrad gefahren, die wüssten den Namen gar nicht mehr. Das Leben ist doch so schnell, es geht doch alles so vorbei. Es ist doch alles auch… es ist Realität und doch manches keine Realität. Man muss wissen wer man ist, ich bin Fußballtrainer, sitze jetzt zufälligerweise hier. Und war so lange Fußballtrainer da drüben, und da kam fast niemand, und ein paar kamen doch und haben zugeschaut und haben gesagt: Eure Mannschaft hat gut gespielt. Es bleibt dann auch wieder gleich. Es ist alles nicht so wichtig.

Ironischerweise zeigt ein Sportler den öffentlichen Systemen der Politik, der Popkultur, der Wirtschaft, in denen zu oft nur in Siegen und Niederlagen gedacht wird, als wäre das alles ein Sport, dass Wettbewerb auch funktioniert, ohne die eigene Person zur Konkurrenz zu stellen. Mit dieser überzeugenden Gelassenheit ist er der fast schon karikaturhafte Gegenentwurf ist zu dem üblichen Personal, was vor Kameras hastet oder gezerrt wird. Er hat etwas, das für viel Geld immer wieder künstlich erschaffen werden soll: Authentizität. Der Mann sagt, was er denkt, und denkt, was er glaubt. Er hat einen starken inneren Kompass, den er zu kommunizieren vermag, und er lässt sich nicht aufregen. In einer Zeit, in der Bundespräsidenten, Top-Manager und Kirchenfrauen zurücktreten, der Lüge überführt und missachtet werden, in der Politiker als unsere Vertreter kaum besser angesehen sind als Fälscher und Trickdiebe (und sich zu oft diesem Ruf entsprechend verhalten), in der jeder mittelmäßige Fußballer durch Medientraining geschliffene Phrasen in hunderte Mikrofone sprechen muss, ohne etwas zu sagen, sprudelt Christian Streich wie ein frischer Quell der Natürlichkeit in einer Kloake der Verstellung. Die Hauspostille Badische Zeitung formuliert es so: “Der Metzgersohn aus Eimeldingen bei Weil am Rhein befriedigt unbewusst viele Sehnsüchte – vor allem wohl die nach Ehrlichkeit in Zeiten staatstragender Halbwahrheiten.” Der Kicker nennt das “erfrischend normal” und Streich einen “Philosophen mit klaren Wertvorstellungen.” Weil er zugibt, dass er Angst hat, wenn er sieht, wie mit anderen Trainern umgegangen wird.

Dabei tut Streich gar nicht erst so, als hätte er fertige Lösungen parat, und strahlt gerade deswegen Kompetenz aus. Er verlässt sich auf sein Team in einer Offenheit, die man selten hört, beschreibt das Miteinander und schließt: Zum Glück. Zum Glück bin ich nicht alleine. Wann hat zuletzt eine öffentliche Person so verletzlich offen das totzitierte Teamwork gewürdigt?

Und Christian Streich übt sich in Toleranz: Der eine holt Kraft aus dem Gebet, der andere aus der Badewanne. Diese kleinen Sentenzen und ihre spontane Glaubwürdigkeit sind es, die man bei anderen Phrasendreschern vermisst. Streich dampft die überkomplizierte postmoderne Welt, die im medialisierten Event-Zirkus des Fußballs eine ihrer wahnwitzigsten Ausformungen annimmt, auf einfache Wahrheiten ein. Einfache Wahrheiten, die ausnahmsweise einmal stimmen, die eine Bresche schlagen in die gnadenlose Erfolgsdenke des Kapitalismus anno 2012, in den professionalisierten Sport mit all seinen Übertreibungen und der Hysterie und Spekulation, mit all seinen Chiffren und Metaphern, welche ja wiederum auf die echte Welt verweisen. Wir müssen nicht gewinnen, wir müssen nur sterben. Streichs Sätze werden in der Aufmerksamkeitsökonomie wertvolles Gut, weil sie sich deren Regeln entziehen.

Die Hauspostille Badische Zeitung hat reagiert und eine Rubrik “Streich der Woche” eingerichtet. Dort findet man auch sein Mantra: Spielsch. Übsch. Bringt ja alles nix.

Und er verrät, warum er selten jubelt, und dieses Geständnis muss man lesen und verinnerlichen: Ich würde wahnsinnig gerne jubeln, aber ich kann im Moment nicht groß jubeln, ich habe andere Gedanken im Kopf. Es geht weiter, das Tor ist erledigt, der Ball ist schon drin. Ich hab mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Manche Menschen jubeln und tun sich trotzdem mit anderen Sachen beschäftigen. Ich hab das Potenzial nicht. Es gibt ja Menschen, die machen Dinge fast nebeneinander und so, das kann ich nicht. Ich bin, ich kann… ich juble ja auch manchmal. Bei manchen Toren, da geht´s. Aber oft geht´s auch nicht.

Ein Star, der zugibt, nicht immer den eigenen Erfolg zelebrieren zu können, weil er überfordert ist – das ist Demut. Christian Streich würde den nächsten Satz nicht gerne hören, aber er ist wahr: Von dieser Demut können wir alle etwas lernen.

Rilke

Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.

Rainer Maria Rilke, Frühsommer 1908, Paris

MC Kruse

MC Prof. Peter Kruse droppt einige eher kluge Thesen; u.a. über die Möglichkeit,  Kreativität durch systemische Spannungen indirekt zu erhöhen. Kostprobe: “Machen Sie keine Einheitlichkeit! Harmonische Systeme sind dumme Systeme. In der Natur entstehen Ordnungsmuster immer aus Widerspruch, nicht aus Harmonie.”
Solcherart spricht er viele für sich eher simple Sätze, die man in diesem kombinierten Sinn selten so klar und präzise und buzzwordfrei gehört hat. Ein Genuss.


Via Weg Eins.

Marshall McLuhan: Godfather of Medienwissenschaft

Marshall McLuhan ist so etwas wie der Godfather of Medienwissenschaft. Nur Niklas “Systemtheorie” Luhmann und vielleicht noch den alten Adorno zitiert die Branche so häufig, unermüdlich werden McLuhans berühmtes “The medium is the message”, seine Extensionsthese (Medien = Prothesen) oder seine Unterscheidung zwischen kalten und warmen Medien als theoretische Steigbügel genutzt. Kürzlich bin ich über ein Archiv seiner frühen TV-Auftritte gestolpert. McLuhan trifft hier viele orakelhafte Prophezeiungen, welche aus heutiger Sicht verblüffend genau voraus zeichnen, was wir aktuell an technologischer Entwicklung realisieren. Die Videos sind diskursgeschichtliches Gold, zeigen sie doch, wie einfach McLuhan Dinge ausdrückte, die heute, viel komplizierter formuliert, als Wahrheit anerkannt sind.

Den Wandel der Identität beispielsweise kann man momentan in seinen Auswirkungen beobachten, und die Entwicklung weg von formalen externen Faktoren wie Beruf oder Stand, die McLuhan beschreibt, ist noch lange nicht abgeschlossen. Oder das Ende der Geheimnisse, was er anlässlich Watergate ausruft und angesichts WikiLeaks wieder brandaktuell wird. Genau so seine Gedanken zur Privacy, die unter dem Schlagwort Post-Privacy momentan heiß diskutiert werden.

Seine Ideen erklärte er dabei prägnant und versuchte, ihnen manchmal eine gewisse Poesie einzuhauchen. So illustriert er die menschliche Angst vor neuen Entwicklungen unter dem Motto The future of the future of the present mit dem Shakespeare-Zitat: “One touch of Nature makes the whole world kin, That all with one consent praise new born gawds, Though they are made and moulded of things past, And give to dust that is a little gilt, More laud than gilt o’er dusted. The present eye praises the present object.”

Vor allem beeindruckt jedoch seine dialogische Sichtweise all dieser Statements nicht als endgültige Wahrheiten, sondern als Instrumente zur weiteren Exploration, gerade im Zeitalter der Medien-Gurus und ihrer apodiktischen Rechthaberei. McLuhan nahm sich nicht zu ernst und wollte nicht zu ernst genommen werden. Ein Grund mehr, ihm selbst zuzuhören, und nicht nur denen, die ihn zitieren.

Eine kleine Kostprobe:

Leslie Nielsen ist tot

Nicht lustig: Leslie Nielsen ist tot. Einer der ganz großen Schabernacktreiber macht sich rüber. Uns bleibt sein Vermächtnis der Nackten Kanone; welches unsere Jugend zu albernem Blödsinn erziehen kann, wie es uns mit dummen Sprüchen und Gags bereichert hat. Die Welt, wie Lieutenant Frank Drebin sie sich einmal wünschte – er wird sie nicht mehr erleben:

Jeder Roman beginnt mit seinem ersten Satz

Ein guter Roman fängt mit Sätzen an, die eine Sogwirkung entfalten. Die mir die Entscheidung abnehmen, ob ich weiterlesen möchte. Die besten Romane fangen mit einem Satz an, der für sich alleine genommen schon eine Aussage trifft, die dem Buch voran stehen kann. Diese 100 ersten Sätze berühmter Romane zeigen den magnetischen, prophetischen Effekt guter Romananfänge. Meine Lieblinge:

  • Lolita, light of my life, fire of my loins. —Vladimir Nabokov, Lolita (1955)
  • Happy families are all alike; every unhappy family is unhappy in its own way. —Leo Tolstoy, Anna Karenina (1877; Übersetzung von Constance Garnett)
  • You don’t know about me without you have read a book by the name of The Adventures of Tom Sawyer; but that ain’t no matter. —Mark Twain, Adventures of Huckleberry Finn (1885)
  • Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. —Franz Kafka, Der Prozess (1925)
  • If you really want to hear about it, the first thing you’ll probably want to know is where I was born, and what my lousy childhood was like, and how my parents were occupied and all before they had me, and all that David Copperfield kind of crap, but I don’t feel like going into it, if you want to know the truth. —J. D. Salinger, The Catcher in the Rye (1951)
  • It was a wrong number that started it, the telephone ringing three times in the dead of night, and the voice on the other end asking for someone he was not. —Paul AusterCity of Glass (1985)
  • “To be born again,” sang Gibreel Farishta tumbling from the heavens, “first you have to die.” —Salman Rushdie, The Satanic Verses (1988)
  • Most really pretty girls have pretty ugly feet, and so does Mindy Metalman, Lenore notices, all of a sudden. —David Foster Wallace, The Broom of the System (1987)