Rilke

Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.

Rainer Maria Rilke, Frühsommer 1908, Paris

All the World is a Page

Ian Warner, Grafiker und Literaturfreund, stellte sich folgende Fragen: Could you fit an entire literary work onto a single poster? Would it still be legible? What would it reveal about the hidden structures and rhythms of the text? And how impressed would our friends be if we tried it out?

Und dann druckte er Faust, die Ilias, Das Kapital und Macbeth auf große Poster und verkauft sie heute auf www.all-the-worlds-a-page.com. Der geneigte Experte kann die Reihenfolge vergessen und raten, welches Poster welches Werk ist:

Quelle: Diese verrückte Dekorationsidee fand ich übrigens nicht auf einem schwedisch-britischen Hipster-Blog, sondern im berüchtigten Lifestyle-Magazin bahn.mobil, welches, so will es die ungeschriebene bundesdeutsche Fernreisen-Etikette, unter widerwilligen Seufzern erst bei einer Verspätung jenseits der magischen 30-Minuten-Grenze zur Hand genommen, semiinteressiert durchgeblättert und dem Schaffner höflich als Schreibunterlage bei nachträglich auszufüllenden Formularen gereicht wird. Inhaltlich besteht das Magazin zu 30 % aus recycelten Reportagen geschäftstüchtiger Premium-Journalisten, deren gelangweilter Hochmut aus jeder Zeile der Überarbeitung tropft, 30 % aus Interviews mit (und anschließende Features über) leidlich bekannten deutschen Fernsehgesichter, deren persönliche Promo-Tour für ihr neues Medienprodukt ihren vorläufigen Tiefpunkt im ICE Hamburg-Berlin erreicht, und 30 % Vorabdrucken von Kinderbüchern oder Büchern für Erwachsene, die von Kindern geschrieben sein könnten. Der Rest ist Eigenlob der Bahn und manch toller Tipp aus dem Internet.

Bücher: Foster Wallace, Walser, Shirky und mehr

Vorspann: Ich lese gerne gute Sachen. Und getreu dem Motto “Sharing is Caring” teile ich in unregelmäßiger Frequenz, was ich in letzter Zeit so an Büchern konsumiert habe. Mit Links zu ausführlicheren Rezensionen (im Text) und zu Amazon (via der Bilder). Weil ich Amazon- und Rezension-Fan bin. Und gerne die Elke Heidenreich des Internet werden möchte. Oder so ähnlich. Also los:


Ein typischer Fall von musste irgendwie mal lesen war für mich das dirty Spätwerk des Godfathers of German Literature Martin Walser. Das wird ja gerne als schlüpfrige Altherrenprosa hingestellt, und dessen wollte ich mich dann doch selber überzeugen. Denn irgendwann bin ich wahrscheinlich auch mal alt. Also las ich (von meinem Vater (!) subventioniert) Angstblüte und Der Augenblick der Liebe.

Walser wäre nicht Walser, wenn er dem Leser nicht gelegentlich sehr viel Metaebene, Gedankenschwirren und sprachliche Wollust zumuten würde. Aber er ist eben auch gleichzeitig ein begnadeter, stilsicherer Erzähler. Und wenn er Lust hat, von Männern im dritten Frühling und ihrem Hadern mit dem Alter und den damit einhergehenden körperlichen Entmachtungen zu erzählen, kann er das vortrefflich. Und wann liest man schonmal wirklich gute Literatur, die durch ihre Alterlastigkeit wie ein Jungbrunnen wirkt?

Fazit: Ähnlich wie Sex im Alter – kann, muss aber nicht.

Vom genialischen David Foster Wallace habe ich nun die zwei Kurzgeschichtensammlungen Vergessenheit und Kleines Mädchen mit komischen Haaren sowie zuletzt seinen Debütroman Der Besen im System gelesen. Der vielbesungene Schinken Unendlicher Spaß steht im Regal und heizt mein Zimmer mit Vorfreude, hat mir doch bisher alles extrem gut gefallen, was Foster Wallace geschrieben hat. Vor allem der Roman, eine Achterbahnfahrt voller Sonderlinge, Neurosen und menschlicher loser Enden, vibriert vor Erzählkraft und Lust an der wohlgesetzten Übertreibung. Darin geht eine Uroma aus einem Seniorenheim stiften, mitsamt der halben Belegschaft, und möglicherweise hat das mit diversen dubiosen Entwicklungen im Umfeld der Hauptfigur, ihrer Urenkelin, zu tun. Welche genauso spinnt wie ihr Chef und Freund und eigentlich alle Protagonisten. Und leider auch Foster Wallace, der sich das Leben nahm. Ein Jammer.

Fazit: Je nach Gusto erst die Kurzgeschichten oder den Roman lesen. Aber definitiv lesen!

Bezüglich des neuen Buches des amerikanischen Internetvordenkers Clay Shirky war ich voreingenommen. Ich halte ihn nämlich spätestens seit seinem Buch Here Comes Everybody (über Kollaboration mittels vernetzter Medien) und diverser erleuchtender Talks für einen der ganz wenigen wirklich guten Publizisten auf diesem Gebiet. Ein eloquenter Eierkopf, dessen scharfsinnige Analysen niemals vor lieb gewonnenen Überzeugungen und intellektuellen Sakramenten halt machen. Einer, der Dinge durchdenkt und auf den Punkt bringt, an denen andere schlaue Menschen massenweise scheitern. So ist auch sein neues Buch Cognitive Surplus: Creativity and Generosity in a connected age ein Feuerwerk aus überzeugenden Argumentationen, präzisen Beobachtungen und der typischen Prise Selbstironie, die Shirky davor bewahrt, ins Pathos abzurutschen. Seine Beispiele sind prägnant und bunt (Fernsehen ist für das 20. Jahrhundert das, was Gin für das 18. war), seine Selbstbedienung im Gemischtwarenladen der soziologischen, psychologischen und ökonomischen Forschung immer transparent und stringent. Seine Hauptthese: Dank wachsender Freizeit, Selbstverwirklichungsdrang und vor allem kommunikationstechnologischer Mittel (und der damit verbundenen Beseitigung historischer Unfälle wie dem oligarchischen Publizieren) können viele Menschen heute einiges zum Guten bewegen. Und zwar in ihrer Freizeit (statt Fernsehen). Man muss ihnen nur die Möglichkeiten im Netz aufzeigen. Und die richtigen Bücher lesen.

Fazit: Eigentlich ein Muss für Menschen, die was mit Medien machen. Streiche das eigentlich.

Die Deutsche Kulturgeschichte von Axel Schildt und Detlef Siegfried zu empfehlen ist ein bisschen ein Show-Off (“schaut mal her, was für bohemianistische Nachschlagewerke ich so nebenher noch durchpflüge”). Aber es ist wirklich ein großartiges Buch, das die (west-)deutsche Nachkriegskulturgeschichte chronologisch aufrollt und präzise dokumentiert. Man bzw. ein recht unbeschlagener Leser wie ich lernt auf jeder Seite einiges an angeberischem Partywissen (“Der Deutsche Schlager ist von Geburt an ein revisionistisches Genre gewesen”). Und schließt Wissenslücken in Richtung Entnazifizierung des Kulturbetriebs (nicht geschehen), deutsche 68er-Bewegung (bunt) und die Anfänge der Informationstechnologie in der BRD(schleppend).

Fazit: Ich habe das erste Drittel linear weggelesen und picke jetzt raus. Und das macht großen Spaß.

Nicht wirklich warm geworden bin ich hingegen mit Alberto Manguels Alle Menschen lügen, das ich allein wegen des Titels kaufen musste. Von der Welle argentinischer (Exil-)Literatur zur Buchmesse nach oben gespült, hält das Buch zumindest auf den ersten 50 Seiten nicht, was es verspricht. Ein Erzähler berichtet von einem inzwischen verstorbenen Freund aus Madrilenischen Exilantentagen, so schleppend und bemüht geheimnisvoll, dass bei mir wenig hängen geblieben ist.

Fazit: Bekommt eine zweite Chance, irgendwann.

Als nächstes stehen an: Die Nachhollektüre von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull, der besagte Unendliche Spaß und Kristof Magnussons Finanzkrisen-Roman Das war ich nicht. Empfehlungen und Beleidigungen auf Grund drastischer Geschmacksunterschiede sind immer gerne gelesen!

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben

Einer meiner Lieblingsschreiber und Kollege bei jetzt.de, Max Scharnigg, bereichert den Sonntagabend seit geraumer Zeit mit seiner Hauptsatz-Kolumne“100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Regelmäßig stellt unser Autor einen vor.” Am 5. Oktober werden diese lebenswichtigen Allgemeinplätze in einem Buch erschienen, welches ich nur empfehlen kann. Und das mache ich am besten mit einer gekürzten Version meines Lieblingssatzes “Ich glaube, dass da ist der große Wagen” und dem knalligen Trailer:

In unserer Generation zu leben, ist ein bisschen wie Pinguin im Zoo zu sein. Von außen klopfen fremde Menschen ans Sicherheitsglas, geben uns Namen, analysieren unsere Bewegungen, schütteln verächtlich den Kopf oder machen aufgeregt Zeichen. Innen aber ist es ganz ruhig. Es gibt genug zu essen, man kann zwar nicht so richtig raus, aber eigentlich reicht es schon. Wer ausflippen möchte, düst einmal an der Scheibe entlang. Die übrige Zeit watschelt jeder vor sich hin, bis es ihn auf die Schnauze legt und dann geht er eben in die andere Richtung weiter. Eigentlich okay.

(…)

„Ich glaube, das da ist der Große Wagen.“ sagen, und dazu die Hand vage durch die Luft schwenken, diese vertraute Kombination setzt uns wieder aufs alte Gleis. Der gefährliche atemlose Moment ist vorbei und alles geht weiter. Der vertraute Mensch an der Seite macht kleine Lippengeräusche und will geküsst werden, der Ampelsummer für Blinde summt und die Füße tun weh. Man weiß, wie es jetzt weitergehen muss: Großen Wagen anschauen und die Deichsel mit dem Zeigefinger nachfahren. Dann erzählen, dass man sich sonst keine Sternbilder merken kann, dass man während des halben Jahrs in Australien so einen absolut irren Sternenhimmel gesehen hat, dass irgendwann jetzt doch auch wieder diese vielen Sternschnuppen kommen müssten und man Astronomie und Astrologie immer verwechselt.

Nach diesen beruhigenden Nichtigkeiten die man schon so oft zum Besten gegeben hat ist man dann bald zu Hause oder geht wieder rein ins Warme, weil es auf dem kleinen Balkon doch ein bisschen kühl geworden ist. Dort schwimmt man noch ein paar Runden mit den anderen Pinguinen durchs gewohnte Becken und ist’s zufrieden.

Jeder Roman beginnt mit seinem ersten Satz

Ein guter Roman fängt mit Sätzen an, die eine Sogwirkung entfalten. Die mir die Entscheidung abnehmen, ob ich weiterlesen möchte. Die besten Romane fangen mit einem Satz an, der für sich alleine genommen schon eine Aussage trifft, die dem Buch voran stehen kann. Diese 100 ersten Sätze berühmter Romane zeigen den magnetischen, prophetischen Effekt guter Romananfänge. Meine Lieblinge:

  • Lolita, light of my life, fire of my loins. —Vladimir Nabokov, Lolita (1955)
  • Happy families are all alike; every unhappy family is unhappy in its own way. —Leo Tolstoy, Anna Karenina (1877; Übersetzung von Constance Garnett)
  • You don’t know about me without you have read a book by the name of The Adventures of Tom Sawyer; but that ain’t no matter. —Mark Twain, Adventures of Huckleberry Finn (1885)
  • Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. —Franz Kafka, Der Prozess (1925)
  • If you really want to hear about it, the first thing you’ll probably want to know is where I was born, and what my lousy childhood was like, and how my parents were occupied and all before they had me, and all that David Copperfield kind of crap, but I don’t feel like going into it, if you want to know the truth. —J. D. Salinger, The Catcher in the Rye (1951)
  • It was a wrong number that started it, the telephone ringing three times in the dead of night, and the voice on the other end asking for someone he was not. —Paul AusterCity of Glass (1985)
  • “To be born again,” sang Gibreel Farishta tumbling from the heavens, “first you have to die.” —Salman Rushdie, The Satanic Verses (1988)
  • Most really pretty girls have pretty ugly feet, and so does Mindy Metalman, Lenore notices, all of a sudden. —David Foster Wallace, The Broom of the System (1987)