Fassung

Gregor Gysi spricht über Überwachung, Norbert Lammert antwortet spontan.

(Ausschnitt aus der 42. Sitzung des deutschen Bundestages, Video-Quelle, danke an B. Breimann)

“Im Unterschied zu Ihnen trage ich das [die Totalüberwachung der deutschen Bevölkerung, inklusive mir] mit Fassung, Herr Kollege Gysi.”

Gelächter, Applaus.

Diese kleine Szene zeigt: Die deutschen Bundestagsabgeordneten haben nichts verstanden, dafür aber gute Laune. Der Bundestagspräsident  bekommt Beifall und Belustigung für seine implizite Anerkennung der Unsouveränität des deutschen Bundestages gegenüber den Geheimdiensten. Der Querulant Gysi soll sich bitte beruhigen. Den Zwischenrufern, man versteht sie zum Glück nicht ganz, fällt dazu etwas wie “…vom russischen Geheimdienst oder von wem?” oder “…in der DDR auch nicht anders” ein. “Dann geh doch nach drüben” haben sie sich wohl nur gedacht.

Ist ja auch alles in bester Ordnung. Grundrechte werden von eigenen und ausländischen Geheimdiensten massenhaft und systematisch gebrochen. Die deutsche Regierung und das deutsche Parlament wurden mehrmals von ihren “Verbündeten” lächerlich gemacht. Eine Aufklärung findet nicht statt.

Aber immerhin trägt das der zweite Mann im Staat mit Fassung. Und die Regierungsfraktionen finden das alles witzig. Zum Brüllen.

P.S. Warum Überwachung impotent macht, hab ich hier erklärt.

Indianer

Der AfD Kreisverband Rhein-Sieg twitterte auf seinem Account am 18.6.14 folgenden Tweet (auf den ich wiederum zufällig auf der Seite AfD Info stieß):

 

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Von dieser unmittelbaren Gefahr für das deutsche Ur-Volk sollten auch meine Follower wissen, also verbreitete ich den Tweet weiter. Daraus entspann sich eine kurze, aber lehrreiche Konversation mit der AfD Rhein-Sieg:

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Ich warte noch auf eine Eingebung, wie man diesen Vergleich angemessen abgrätscht. In der Zwischenzeit kann man kurz per Bewegtbild (ich nenne es “Videoschmock”) nachschauen, wie meine Meinung zu dem Thema Asyl, Zuwanderung und Flüchtlinge lautet. Und was Satire vielleicht sein kann, wenn sie nicht als vermeintliche Tarnung eines strohdummen Ausländerhasses dienen muss.

Flüchtlinge, Asyl und fliegende Teppiche — Videoschmock 6

Warum ist Syrien nicht für die WM qualifiziert? — Videoschmock 7

 

UPDATE: Jemand (und auch tp in den Kommentaren) hat den selben Spruch bei der NPD entdeckt.

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Videoschmock 3

Olympia in Sotschi bedeutet: Offene Diskriminierung von Homosexuellen. Was unter Kanzlerin Merkel ja eine gewisse Tradition hat, schwuler Ex-Außenminister hin oder her. Putin will eben seine Kinder vor Ansteckung schützen. Und Olympia ist bekanntlich nicht politisch. Da hilft nur noch Satire.

Videoschmock 2

2014: Sozialtouristen überfluten das Lampedusa Deutschlands, den armen Freistaat Bayern. Die Vorratsdatenspeicherung liegt wie Merkel und Schumi auf Eis, und Cristiano Ronaldo liebt sich selbst. Wenigstens sind die Bierpreise stabil abgesprochen.

Neue Narrative

Das Internet sei kaputt, schreiben sie. Die Politik sei kaputt, die Diplomatie, die Wirtschaft, vielleicht sogar die Demokratie. Und meinen doch nur: Es wird nicht gemacht, was wir wollen. Es wird gemacht, was eine Mehrheit will. Zumindest in Deutschland hat eine satte Mehrheit die zwei Parteien gewählt, die nicht nur bisher Überwachung von außen und innen zugelassen haben, sondern die auch den Ausbau der Überwachung planen. Wie das? 40% der Deutschen finden staatliche Überwachung explizit gut. Nur 47% fühlen sich dadurch eingeschränkt. 48% haben “nichts zu verbergen”. 76% sehen keine “persönlichen Nachteile” darin. Unter den 13 wichtigsten politischen Problemen taucht Überwachung nicht auf.
Tja.
[EDIT: Nach Hinweis von MrJingles in den Kommentaren: Die Abfrage der Themen war gestützt, “Überwachung/Datenschutz” o.ä. kam nicht vor. Diese Angaben sammeln sich unter “Sonstiges” mit 1%. So taugt die Umfrage natürlich nur bedingt. Tabellen siehe hier]

Die momentan modische Resignation offenbart ein seltsames Staatsbild. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt: Die “Politik” ist nicht unser Feind, der Staat nicht unser Gegner. Auch in der vielbesungenen Postdemokratie müssen diese Institutionen uns dienen. Und mit uns ist in diesem Fall ausnahmsweise das ganze Volk gemeint. Nicht eine Elite, die es gerne besser weiß. Sondern die Masse, die Wahlen entscheidet. Lobbyismus und Bürokratie hin, entfesselte Geheimdienste her – die Reizreaktion bleibt eine denkbar simple: Wenn morgen eine Million Menschen auf die Straßen gehen, werden die machtängstlichen Politiker übermorgen reagieren. Wenn vorgestern ein japanisches Atomkraftwerk in die Luft fliegt, will unsere opportunistische Kanzlerin gestern den Atomausstieg.
Umweltschutz als politisches Ziel existierte quasi nicht, bis eine Minderheit die Mehrheit dafür aktivierte. Sie fingen ähnlich chaotisch an wie die digitalen Aktivisten heute. Und wenn sie es nicht geschafft hätten, einer breiten Masse  zu vermitteln, warum Umweltschutz auch in ihrem Interesse ist, wären diese langhaarigen Pioniere und ihre Ziele heute vermutlich vergessen. Auch Abrüstung schmeckte weder der politischen noch der wirtschaftlichen Elite des kalten Krieges. Als Millionen dafür demonstrierten, bewegte sich dennoch mehr als viele Zeitgenossen für möglich gehalten hätten.

Veränderung ist eine Espressokanne: Der Druck muss hoch genug sein. Sonst kommt nichts raus.
Wer denkt, der Kampf sei schon verloren, hat die Demokratie missverstanden. Wer jammert, man könne allein ja doch nichts ändern, ist nur zu faul oder zu feige, zum gemeinen Volk herabzusteigen. Wer den Versuch naiv nennt, ist selber zynischer als jeder Lobbyist. Die Behauptung, man hätte keine Chance, ist entweder Verschwörungstheorie, Minderwertigkeitskomplex oder falsch verstandenes Märtyrertum.

Überwachung ist böse, und sie existiert doch. Massenhaft, global. Das ist sehr schlecht, und leider scheinen das die meisten Menschen in diesem Land anders zu sehen – oder ihr Haustier ist ihnen wichtiger. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, müssen wir ihnen womöglich die Haustiere wegnehmen. Oder uns fragen: Wie kann man sie endlich dazu bringen, Überwachung ebenso leidenschaftlich abzulehnen wie wir ach so aufgeklärten Wissenden? Bisher haben alle Appelle, Parolen, Artikel und Demonstrationen eher wenig genutzt. Die lethargische Kraft des “ich habe nichts zu verbergen”, die vermeintlich abstrakte Ferne des Problems und die Lügen der Geheimdienste waren stärker. Es bräuchte also vielleicht neue Erzählungen, gestützt von kraftvollen taktischen Argumenten, um die Menschen zu überzeugen und zu mobilisieren. Denn sobald eine Mehrheit dagegen ist, sobald sich eine große soziale Bewegung und nicht nur eine zerstrittene Avantgarde formiert, reagiert sogar die zynischste Politik – oder besser: besonders die. Denn sie lebt von der Mehrheit und nichts anderem.

Deswegen lauten die Fragen, die wir uns stellen müssen, bevor wir aufgeben: Wie können wir die Narrative gegen Überwachung stärker, eindrücklicher, valider machen? Wie langweilen wir weniger und berühren mehr? Was kann man aus der Geschichte, aus psychologischer und soziologischer Forschung gegen Überwachung ins Feld führen? Was ist empirisch belegt (Spoiler: Einiges. Es redet nur komischerweise niemand drüber)? Macht Überwachung krank, zerstört sie Gesellschaften, schädigt sie das Rückenmark?

Was ist die große, wirkmächtige Killer-Geschichte, die wir gegen Überwachung erzählen müssen?

tl;dr: Aktiviert man die Massen, ist alles möglich. Dazu braucht es neue narrative Munition.

Verschlüsselkinder

2013: Der Mensch ist dem Menschen eine Wanze.

Sollen wir also unser Online-Dasein verschlüsseln? Mails codieren, IPs verschleiern, amerikanische Anbieter meiden (wie Innenminister Friedrich rät)? Sollen wir uns selbst beschränken, Daten sparen, nur noch Briefe schreiben, mit YPS-Zaubertinte? Können wir uns denn überhaupt anders gegen Ausspähung durch Geheimdienste fremder und eigener Nation wehren? Wer schützt uns, wenn nicht wir selbst?
Für unsere Politiker, auf unseren Schutz vereidigt und von unserer Gunst abhängig (echt jetzt!), scheint die Überwachung strategisch notwendig und persönlich nichts ungewöhnliches: “politiker, zumindest die etwas exponierteren, sind ständige überwachung und beobachtung gewohnt.” schreibt Felix Schwenzel. Von Marionetten der Aufmerksamkeit scheint wohl keine echte Gegenwehr zu erwarten, wenn Aufmerksamkeit perverse Formen annimmt. Zumal offenbar ein Großteil unserer politischen Größen von den jüngsten Skandalen wusste, was auch immer genau dahinter steckt, man will es gar nicht wissen.

Man will sich nur verstecken.

Auf den ersten Blick scheint die informationelle Aufrüstung also mündig und schlau. Motto: Wenn sie sowieso mitlesen, dann machen´s wir ihnen wenigstens so schwer wie möglich. Jacob Appelbaum vom Tor Project, einem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten, formulierte es letzte Woche berghainesk: “Don’t bareback with the internet. Don’t bareback with Big Brother. Use cryptography.” Sein Appell: Schützt euch vor den Immunkrankheiten des Netzes. Alles andere scheint töricht. Denn, Achtung: “Überwachung und Ausspionieren sind ein inhärenter Teil der digitalen Technik. Sie sind ein allgemeiner Habitus in der Welt, die ein digitales Panoptikum geworden ist. Jeder ist Big Brother und Insasse zugleich. Jeder ist Täter und Opfer zugleich”, meint zumindest Professor und professioneller Schwarzseher Byung-Chul Han herum. “War doch eh klar”, haben es plötzlich viele andere schon immer gewusst und üben sich in Zynismus.

Und die Hobby-Verschlüsselung ist ja keine Alchimie: Hilfreiche ServiceArtikel haben Konjunktur, Kryptographie ist das neue Stricken, let´s have a Prism Break. Schon boomen verschlüsselte Suchmaschinen wie Ixquick und sichere Mail-Dienste wie Posteo, feiern die Piraten NRW eine “Crypto-Party”, wollen “Hacker Helfen“. Bald schenkt man Kleinkindern einen eigenen Code zum ersten Tag in der Kryppe (namens “Verschlüsselkinder”), an Volkshochschulen wird “Krypto für Dummies” gelehrt und die Bundesregierung finanziert eine aufwändige Kampagne mit dem Titel: “Mach´s mit!”. Das fordert sogar Netzpolitik.org-Macher Markus Beckedahl, bisher kaum als Cyber-Pessimist aufgefallen. Ähnlich argumentiert auch Felix von Leitner (aka Fefe) und legitimiert seine Forderung nach Datendiät mit der alten Personaler-Legende: “Heutzutage kann man sich ja nirgendwo mehr auf einen Job bewerben, ohne dass die erst mal Facebook auf peinliche Party-Fotos durchstöbern.”

So weit, so Orwell (der hatte ja immerhin kürzlich Geburtstag).

Doch fragt man sich angesichts der Nonchalance der eilig Verschlüsselnden: Würden sie – dürfte die Polizei anlasslos Hausdurchsuchungen durchführen – eine Stahltür einbauen und das Klingelschild abmontieren? Wer lackiert sein Auto regelmäßig um, obwohl er keine Banken damit überfällt? Begegnet man Grundrechtsverstößen mit vorauseilender Selbstverteidigung? Kauft die Polizei dann nicht einfach mehr Rammböcke, bezahlt mehr Spitzel?

Die bittere Wahrheit ist: Individuelle Verschlüsselung dreht eine Negativ-Spirale. Individuell wie politisch.

Denn jeder bauernschlaue Geheimdienst wird (seiner Logik gemäß) folgern: Wer verschlüsselt, hat etwas zu verbergen. Geht man nach Prism und Tempora davon aus, dass Metadaten digitaler Kommunikation massenweise überwacht werden und im Muster- bzw. Verdachtsfall auch Inhalte gelesen werden, ist Verschlüsselung der sicherste Weg, sich “verdächtig” und Mails erst interessant zu machen. Ironischerweise findet man geheime Militär- und Geheimdiensteinrichtungen auf Google Maps nach einem ähnlich todsicheren Prinzip: Es sind die verpixelten Flecken in der frei sichtbaren Landschaft.
Wenn zwei Prozent der Nutzer  ihre Mails verschlüsseln und der Rest nicht, welche Mails werden dann bevorzugt näher analysiert? Wer zieht die Aufmerksamkeit von Streifenpolizisten auf sich: Die Fahrer mit den abmontierten Nummernschildern und getönten Scheiben – oder der unauffällige Rest? Am besten, man fährt gar nicht mehr, im Sinne der Datensparsamkeit, denn: “bei der benutzung von computern fallen unmengen daten an. so wie bei der benutzung von autos ortswechsel anfallen.” (Felix Schwenzel)

Will man also verdachtsloser Überwachung ernsthaft mit verdächtigem Verhalten oder Totstellen begegnen? Gibt man nicht damit indirekt den Naiven recht, die dieser Tage ernsthaft Sätze mit “Wer nichts zu verbergen hat…” in Kameras plappern (unverpixelt!)? Was für ein Menschen- und Staatsbild verrät das, wie verhalten sich demnach Obrigkeit und Bürger zueinander? Wie Wächter und Gefangener? Jäger und Hase? Hase und Igel?

Je mehr Menschen verschlüsseln, desto mehr “Legitimation” erfahren gigantische Überwachungsapparate. Wenn immer mehr Menschen weltweit ihre Kommunikation immer geheimer machen, braucht es der Logik der Exekutive nach auch immer mehr Geheimdienst, um trotzdem informiert zu sein. Im Moment der Verschlüsselung unverfänglicher Kommunikation lenkt man die Aufmerksamkeit von der eigentlich Wurzel des Übels ab: Dass unverfängliche Kommunikation massenhaft ausgespäht wird. Ganz zu schweigen von den Kollateralschäden der hohldrehenden Überwachungsschraube, die Michael Budde beschreibt: Mit massenhafter Ausspähung kann man vielleicht eine paar Verbrecher fangen, aber sicher auch “eine Großzahl falsch positiver Gefährder fabrizieren, also völlig harmloser Bürger, die vom Staat zu Unrecht als Gefahr gesehen werden.” Solche Fälle sind wiederum ein Grund, zu verschlüsseln, was mehr Überwachung fordert, was… usw. usf.

Und die digitale Elite, die sich nun radikalisiert? “Prism und Tempora könnten sich insofern als Geburtshelfer einer militanten Netzguerilla entpuppen – was letztlich die These bestärkt, dass unkontrollierte Geheimdienste immer genau das hervorbringen, was sie zu bekämpfen vorgeben”schließt Wolfgang Michal. Doch unter dem Vorwand, die Assanges und Snowdens dieser Welt zu jagen, wird eher mehr überwacht werden denn weniger.

UPDATE (weil wichtig): Spezifisch eingesetzte Kryptographie, die Whistleblower, politische Aktivisten gegenüber imperialen Mächten, Journalisten vor Überwachung schützt usw. usf. –> Nötig. Existentiell wichtig. Assange mag megaloman sein, ganz Unrecht hat er hier nicht. 

Es bleibt dennoch die ewige Dialektik des Informationswettrennens. Und wenn wir massenhaft mithecheln, statt massenhaft “Stopp!” zu rufen, sind wir mit dafür verantwortlich.

Gleichzeitig reißt Kryptographie einen neuen Grand Canyon in den Digitalen Graben zwischen Neuland-Nutzern und Nerds: Anonymität und Sicherheit wird zum Gut, das man sich leisten können muss – durch Know-How oder Geld. Die Doofen werden das Netz entweder lassen oder zu Spähvieh. Leicht überspitzt ausgedrückt: Meine Oma checkt openPGP nicht? Ab mit ihr nach Guantanamo!

Auch wenn es erstmal hilflos macht: Vorauseilender Selbstschutz ist der Anfang vom Ende des Netzes, wie wir es (als Ideal) kennen. Statt frei und anonym zu sein, wird es überwacht und verschlüsselt. Wie Marina Weisband in der WELT warnt: “Dann hat der Terror gewonnen.”  Denn Terror, das bezeichnet die durch Angst erzwungene Änderung meiner Lebensweise, schließt auch Felix von Leitner. Und Andreas Kissler unkt:  “Am Anfang wird die Unfreiheit sein. Der digitale Mensch wird in Ketten geboren.”

Politisch betrachtet behindert also Verschlüsselung den Kampf, den man eigentlich führen will und muss (und der so aussichtslos nicht ist). Weil Verschlüsselung zwar  anstrengend ist, aber definitiv nicht so anstrengend, wie dagegen auf die Straße zu gehen.
Selbstverständlich sollte man hygienisch mit Daten umgehen, Sensibles hüten, niemals diese ominöse Erbschaft in Nigeria antreten. Doch vor Ausspähung sollten nicht Verschlüsselung, sondern Gesetze schützen. Ansonsten wird aus Kryptographie bald das Kryptonit der Idee von einer informationellen Selbstbestimmung – und damit von Freiheit im Netz. Und man hätte wenig aus zwei Diktaturen gelernt.
Die Alternative? Endlich diese schweigende Mehrheit aktivieren, für die Überwachung und Verschlüsselung Nerd-Kram ist und bitte bleiben soll. Ihnen muss klar werden, dass sie verwanzt sind. Dass sie nicht passiv aushalten müssen. Dass auch Wanzen Rechte achten müssen.

Bisher hatte die digitale Generation wenig, wogegen sie geschlossen antreten konnte. Man stritt sich ein bisschen untereinander oder mit den netzfremden Eltern. Das gemeinsame politische Projekt fehlte.
Aber jetzt sind wir alle Verschlüsselkinder.

Asyl

Während Edward Snowden in einem Zimmer in Moskau auf Hilfe hofft, geschieht folgendes:

Die Friedensnobelpreisträgerin von 2012 (= die EU, “für über sechs Jahrzehnte, die zur Entwicklung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beitrugen”) hilft diesem Snowden, der ihr und der Welt einiges erzählt hat über die feindlichen Machenschaften des Friedensnobelpreisträger von 2009 (= Barrack Obama, “für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken”), auf der Flucht vor eben diesem Friedensnobelpreisträger (kurz FNPT) leider nicht.

Warum aber flieht Snowden? Weil sein Vorgänger namens Bradley Manning zuletzt vom FNPT 2009  behandelt wurde wie in einem finstren Zeitalter lange vor Friedensnobelpreisen: Nackte Einzelhaft, keine Besuche, kein Ausgang. Anyway, der FNPT 2009 zwingt auf der Jagd nach Snowden einige Mit-FNPT 2012, ein Flugzeug des bolivianischen Staatschefs ausgerechnet in Wien festzusetzen und durchsuchen zu lassen; dort, wo einst das gleichnamige Wiener Übereinkommen, das solche diplomatischen Frechheiten verbietet, beschlossen wurde.

Eine der FNPTinnen 2012, die dem Kämpfer gegen die Überwachung kein Asyl gewähren möchte, ist eine ostdeutsche Physikerin, welche vor 1989 das Snowden verwehrte politische Asyl in der BRD höchstwahrscheinlich bekommen hätte. Hätte sie sich nur gegen den Überwachungsstaat, in dem sie damals lebte, aufgelehnt, wäre geflohen und hätte ihr Leben zurück gelassen – so wie Snowden.

Einer, der damals gegen diesen deutschen Überwachungsstaat protestierte und später als Leiter der Stasi-Behörde dessen mannigfaltigen Ungerechtigkeiten verriet, ist jetzt Bundespräsident(-Parodist) desselben Mit-FNPT 2012. Er findet jedoch, dass ein Geheimdienst so etwas ist wie die freiwillige Feuerwehr, wo man sich per Unterschrift verpflichtet und dann auch zu seinem Wort stehen muss, oder er hat das reine Größenverhältnis von Festplatten zu Akten falsch verstanden, jedenfalls: Auch er spricht sich nicht für ein Asyl seines Kollegen Bürgerrechtlers Snowden aus. Aber vielleicht könnte Snowden als Beweismittel taugen und Asyl bekommen, weil man ihn noch brauchen kann?

Bisher Asyl oder Hilfe leisteten die u.a. für ihre Presseverfolgung geächteten Schurkenstaaten China und Russland, aber nur um dem FNPT 2009 eins auszuwischen. Alle anderen Nationen sagen gerade ab. Der momentan einzig verbliebende Kandidat auf Snowdens Asyl-Liste ist damit der berühmte Gutmensch unter den kleinen Staaten: Venezuela – 2011 zuletzt im Press Freedom Index auf Platz 117.

Rant gegen Politiker

All die intellektuelle Tieffliegerei, die analytische Stumpfheit, die Arroganz und Ignoranz der so genannten “etablierten Parteien” kanalisiert sich in einem Satz des Berufsjugendlichen Cem Özdemir zum Erfolg der Piraten: „Wir müssen aber aufpassen, dass unsere Wahlkämpfe spannend und cool sind.“ Ansonsten sei man bei der Netzpolitik selbst gut genug aufgestellt.

Sie haben immer noch nicht verstanden. Nichts. Vor ein paar Monaten rissen sie noch Wortwitzchen über die Piraten, taten sie als Protest-oder Großstadtphänomen ab, machten das irrationale Internet (wie so oft) für diese Irritation verantwortlich. Inzwischen kann einem die Hilflosigkeit der Politiker und ihre erschreckenden Auswüchse (FDP-Döring: “Tyrannei der Masse”) fast schon leid tun. Verwirrt und überfordert begreifen sie die Piraten als unfaire Konkurrenten in der großen Zockerei um Prozentpunkte. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt.

Ich frage mich: Warum ist eigentlich so schwer zu verstehen, dass Menschen lieber Transparenz und Partizipation als Klüngel und Arroganz wählen? Wie kann ein Cem Özdemir ernsthaft öffentlich über den Stil des eigenen Wahlkampfes nachdenken, während diese neue Partei ein gänzlich anderes Politikverständnis propagiert? Was sagt das wiederum über sein Verständnis von Meinungsbildungsprozessen aus? Scheinbar werden für einen grünen Spitzenpolitiker Wahlen primär durch “coole und spannende” Kampagnen gewonnen, und vielleicht ein bisschen Netzpolitik. Was sagt das über seinen Glauben an die eigenen Inhalte aus? An was glaubt Cem Özdemir offensichtlich? Warum nennt er und kaum ein anderer Politiker konkrete politische Forderungen der Piraten? Kennen sie sie nicht? Interessieren sie sich nicht dafür? Reicht ihr geistiger Horizont nur bis zu den Schlagworten “neu”, “Internet”, und vielleicht noch “Urheberrecht” (diesbezügliche Positionen der Piraten werden grundsätzlich falsch bzw. bis zur Unkenntlichkeit simplifiziert wiedergegeben, es scheint egal zu sein)? Wie viele Politiker rufen, auf die Piraten angesprochen, den Mythos von der Ein-Themen-Partei auf? Hatte keiner von ihnen die Zeit oder die geistige Ressource, mal das Wahlprogramm der Piraten zu lesen? “Ich bin auch auf Facebook, es gibt Kollegen die bei Twitter sind” argumentierte eine Dame von der SPD, deren Name mir auf Grund völliger Grauheit ihrer Erscheinung längst entfallen ist. Man sollte ihr erklären, ach, man sollte ihr nichts erklären, sondern sie schnell wieder vergessen. Linke-Chefin Lötzsch hingegen formuliert, die Piraten beherrschten besser als die Linke “den Gestus des Anderen”. Zu mehr Analyse hat es nicht gereicht? Das soll die Antwort einer Partei sein, die angeblich eine sozialpolitische Alternative bietet? Was kann ich dann als Wähler von Frau Lötzsch erwarten?

Wie beschämend kann eine politische Klasse noch herumsimpeln? Ich hatte kein besonders gutes Bild von “den Politikern”, und solche Verallgemeinerungen sind mir eigentlich zu einfach, aber was als homogene Reaktion auf die Piraten quer durch die Parteienlandschaft an die Oberfläche treibt, ist so doof, so kindisch, so sinnlos, es macht mir Angst. Wenn das Personal dermaßen unfähig ist, einfachste Zusammenhänge herzustellen und offensichtliche Veränderungen zu analysieren und eventuell einen halbwegs schlauen Satz dazu zu sagen, wenn eine Kaste, deren Profession unter anderem das Management von Wandel ist, so blind in gewohnten starren Strukturen steckt, dass jede mittelgroße Irritation sie vor unlösbare intellektuelle Probleme stellt, dann muss sie weg. Schnell.

One Trick Kony


Diese Woche hat uns das Internet mal wieder gezeigt, warum es so großartig ist: Die Kampagne KONY 2012 und der Diskurs, der sich daraufhin quer durch alle Netzwerke und Medien zog. Worum ging es?

Eine Organisation namens “Invisible Children” hat vor zwei Wochen einen dreißigminütigen Film veröffentlicht, in dem die Verbrechen eines ugandischen Warlords namens Kony drastisch erzählt wurden. Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, den Film ganz zu sehen, weil mich die pathetisch-hippe Ästhetik in diesem Kontext sehr störte. Womit ich offensichtlich nicht allein stehe. Aber sehenswert ist er, so oder so, deswegen zeige ich ihn hier noch mal:

Weil der Film ein wichtiges Problem der dritten Welt hautnah vermittelt und gut gemacht ist, und weil traumatisierte ehemalige Kindersoldaten wahrscheinlich die wirkungsvollsten Testimonials für Engagement sind, wurde er auf Facebook massenhaft geteilt, getwittert und diskutiert. Millionen Menschen sahen den Film innerhalb weniger Tage. Doch ebenso schnell kamen erste Zweifel an der Organisation, ihrer Seriosität und vor allem ihren Zielen auf: Sollte man Feuer mit Feuer bekämpfen, indem man eine militärische Lösung anstrebt? Wissen lokale Organisationen nicht besser Bescheid als amerikanische Filmemacher? Warum lassen sich diese Aktivisten mit Waffen und Kämpfern des durchaus umstrittenen ugandischen Militärs fotografieren? Geht es hier um humanitäre Hilfe oder um Eitelkeiten?

Emotionalisiert von diesem Konflikt zwischen gerechter Sache und selbstgerechter Attitüde teilte sich in zwei Lager: Auf der einen Seite diejenigen, die monströse Verbrechen in die Öffentlichkeit gezerrt sehen wollen, auf der anderen die Kritiker, die Haltung und Handeln von “Invisible Children” fragwürdig finden.

Der Autor des Artikels bei Vice endet schließlich mit Ratlosigkeit: “Sollten wir nicht lieber anfangen, den Kindern zu helfen? Oder ist es diese Art von blindem Einmischungszwang, der Länder wie Afghanistan in sehr, sehr lange Kriege führt? Ich hab echt keine Ahnung. Sorry, Leute.”

Und heute dann im Telegraph die Reaktion der Betroffenen: “What that video says is totally wrong, and it can cause us more problems than help us”, klagt dort eine Helferin for Ort.

Dieser irrsinnig schnelle Ablauf der Diskussion, das Engagement von Menschen, die vermutlich bis dato von Afrika nur wussten, dass es dort nicht ganz so gut läuft, und die Tiefe der Informationen, bis hin zu detaillierten Angaben über die wirtschaftlichen Praktiken von “Invisible Children”, sind beispiellos. Dazu finden Betroffene wie Experten und “ganz normale User” Gehör, Blogger berichten ebenso wie etablierte traditionelle Medien, zum Beispiel die ZEIT oder der Guardian, der eine Fülle an Informationen und Einschätzungen bietet. Eine breite und tiefe Vielfalt an Stimmen, Meinungen, Reflektionen. Wie immer auch viel oberflächlicher Quatsch, blutrünstige Simplifizierungen, zynische Kritik. Aber eben auch wertvolle Hintergrundinformationen, Vorgeschichte, Zahlen. Fehlt eigentlich nur noch, dass Kony himself eine Gegendarstellung auf seinem Blog postet. Marshall McLuhans globales Dorf – wir leben darin.

Das kann nur gut sein, unabhängig von der inhaltlichen Auseinandersetzung und ihr mögliches Fazit, über die Johnny Häusler schrieb: “Die alten Fragen bleiben aber leider. Warum Menschen so sind. Was man selbst tun kann, um solch barbarischen Geschehen Einhalt zu gebieten. Wie die Welt reagieren sollte, die UN.”

Die Mittel, diese Fragen zu verhandeln, sind der Schlüssel, sie irgendwann zu beantworten. Und überflüssig zu machen. Diskurse wie dieser bringen uns alle näher an die wahren Schweinereien und mögliche Abhilfen. Diese Kampagne wird kein One Trick Kony sein. Nach ihrem Vorbild werden neue kommen, andere Missstände anprangern, frische Aufmerksamkeit erregen, wiederum Kritik provozieren. Immer mehr Menschen werden immer sensibler und betrachten Aufreger gleichzeitig rationaler. Wir lernen nachzufragen, uns selbst eine Meinung über ein paar Minuten Film hinaus zu bilden, alle Seiten zu hören. Wir lernen, so hoffe ich zumindest, Vorsicht vor einfachen Antworten.

Ich habe große Lust auf eine Welt, die so schnell, so kontrovers, so tief miteinander diskutieren kann.

Credits und Epilog: Ohne den wohlinformierten Tilo Jung hätte ich keine Ahnung von der ganzen Sache. Und trotz der von ihm entdeckten Artikel maße ich mir kein inhaltliches Urteil an, zumal dieser Text aus dem Handgelenk geschrieben wurde. Wer wissen will, ob und wenn ja wer recht hat, lese bitte alles, was er dazu finden kann. Ich habe nur eine lose Auswahl verlinkt.