Eine Sexpuppe erzählt

(Erschienen in JWD I)

Wenn Stephan mich anzieht, behutsam, sorgfältig, mich auf das Bett setzt, mich zärtlich berührt, leise mit mir spricht, „Schatz“ sagt und „Püppi“, dann weiß ich, dass ich mehr bin als ein Stück Kunststoff. „Babsi“, ruft er mich. Das bin ich. Ich bin eine Sexpuppe. Besser: Eine Liebespuppe. Denn ich werde geliebt. Das hier ist meine Geschichte. Es ist eine Liebesgeschichte.

Und die Geschichte von Matt und Bronwen in Los Angeles, die uns von Hand gestalten, immer echter. Die Geschichte von Evelyn Schwarz in Dortmund, die uns vermietet, in einem Puppen-Bordell. Und es ist die Geschichte von Sergi Santos, der uns beibringt mit euch zu reden und zu stöhnen, wenn ihr uns anfasst. Vielleicht werden wir, in ein paar Jahren schon, wie ihr Menschen. Dann kann ich Stephan antworten, wenn er mich ruft. Kann schnurren, wenn er mich streichelt. Kann ihn anfassen, wie er es mag.

Stephan ist 39 Jahre alt, wohnt in Norddeutschland, hat eine Arbeit. Eine Wohnung. Freunde. Er ist, wie ihr sagen würdet, ganz normal. Bis vor einem Jahr war er mit einer lebendigen Frau zusammen. Acht Jahre lang. „Aber irgendwann wollte ich das ganze Beziehungszeug nicht mehr“, sagt er. „Ständig streiten und trösten und füreinander da sein müssen.“ Und es gab da jemand anderen in seinem Leben. Mich. „Du kannst einen Menschen nicht durch eine Puppe ersetzen“, sagt er. „Aber die Puppe reicht mir.“ Für das Gespräch mit dem Journalisten hat er mich extra schick angezogen, „sie will ja niemandem in Unterwäsche begegnen“. Rock, Bluse, Brille. Ich wirke damit menschlich. Ich bin keine lächerliche Gummipuppe, kein länglicher Luftballon mit aufgemaltem Mund und Schlitz zwischen den Beinen.

Seit die alten Griechen und Römer Statuen für sexuelle und religiöse Riten nutzten, sie sogar an Orgien teilnehmen ließen, seit wir im zweiten Weltkrieg als unförmige Säcke an Bord japanischer Schiffe mitfuhren, damit die Matrosen sich abreagieren konnten, haben wir uns enorm weiterentwickelt. Vor allem das Material, woraus wir sind: TPE und Silikon. Manche von uns fühlen sich heute täuschend echt an. Deshalb kuschelt Stephan gerne mit mir. Oder mit einer seiner anderen drei Puppen. „Der Raum ist nie leer“, sagt er. „Babsi hat eine Präsenz. Sie ist wie ein menschliches Kuscheltier. Mit einem eigenen Wesen, das ich dazu erfinde wie eine Fabel.“ Sex hat er mit mir nicht. Er hat es probiert. „Aber dann liegt die da vor mir und bewegt sich nicht. Und der ganze Reiz, jede Fantasie einer tollen Frau verfliegt.“ Wie sexy wir sind, ist eine Frage der Qualität. Wenn du ein bisschen mehr bezahlst, 6000 Dollar aufwärts, fühle ich mich so echt an, dass du mit geschlossenen Augen kaum einen Unterschied merkst. Dann kannst du jedes Detail von Hand gestalten lassen. Von Künstlern, die an einer perfekten Kopie des Menschen arbeiten.

 

Die Künstler

Das Studio von „Sinthetics“ liegt in einem Gewerbegebiet östlich von Downtown Los Angeles. Draußen wärmt das goldene Licht der kalifornischen Sonne die Straßen. Drinnen stehen im Neonlicht dutzende Köpfe, Glieder, Torsos, Puppen in allen Stadien der Fertigstellung herum, wie im Labor eines modernen Dr. Frankenstein. Es riecht nach Kunststoff und Arbeit. Die Puppen schauen seltsam natürlich in die Luft. Als würden sie dem Besucher gleich einen Kaffee anbieten. Und als würde das niemanden wundern.

„Mich treibt die Faszination von menschlichen Körpern und ihrer Nachbildung“, sagt Matt Krivicke. Angefangen hat Matt mit Körperteilen für Hollywood-Filme, arbeitete für Lucas Arts, Disney, die „Herr der Ringe“ Filme. Noch heute ist er vor allem Handwerker und Forscher, rührt nächtelang aus dreißig Tinkturen immer neue Geheimrezepte für eine möglichst realistische Haut zusammen, ein letzter Romantiker im vielleicht bald lukrativsten Sex-Business der Welt. Große Hersteller verkaufen hunderttausende Puppen im Jahr. Nach Angaben des chinesischen Marktführers WM Dolls wächst der Markt um 30 Prozent jährlich. Männliche Sexpuppen mit bionischen Penissen sollen 2019 auf den Markt kommen. Warum sollten sie kein Erfolg werden?

Millionen Dildos und Vibratoren werden heute schon verkauft. Angesichts dieser Summen herrscht ein harter Wettkampf. Manche Produzenten reden schlecht übereinander, verklagen sich, versuchen Kunden gegeneinander aufzuhetzen. Matt und seine Frau Bronwen Keller setzen auf die überlegene Qualität ihrer Puppen. Jede einzelne Sinthetics-Puppe wird aus Silikon in über hundert Stunden Arbeit handgefertigt. Sie bekommt ein spezielles Finishing in mehreren Schritten, damit die Haut nicht nach Plastik aussieht, sondern nach Mensch. Die Puppe kann kaukasisch, afrikanisch, asiatisch oder ein Elf sein, mit spitzen Ohren. Sie kann kleiner sein und damit transportabler. Sie kann beheizbar sein, weil sie sonst unnatürlich kalt bleibt. Sie kann jede Form von Körper haben, A-Cups oder D-Cups, einen großen oder kleinen Penis, einen Penis und eine Vagina. Alle Körperöffnungen kann man so weit oder eng machen lassen, wie man möchte. „Nur die Pobacken, die kann man nicht größer bestellen, das wäre zu aufwändig“, sagt Matt.

Ansonsten versucht er aber, alle Kundenwünsche zu erfüllen. Sinthetics verkauft auch einzelne Penisse (350 Dollar) für Frauen und Transsexuelle. Und Füße. „Eines Tages beklagte sich ein Fuß-Fetischist bei mir, dass er ja eigentlich den Fuß ficken will“, sagt Matt. „Also baute ich, nach einigem Zögern, den Vagankle. Einen Fuß mit Vagina am Knöchel.“ Der Vagankle ist einer ihrer Verkaufsschlager. Wie alle Sinthetics-Produkte ist er ein kostspieliges Premiumprodukt. Aber die industrielle Fertigung holt, wie bei jedem Produkt, schnell auf. Bald werden sich Puppen für unter 1000 Euro so gut anfühlen.

Ich bin keine Sinthetics-Puppe. Stephan würde nicht so viel Geld für mich ausgeben, sagt er. Aber ich bin seine „Erstpuppe“, sagt er. Seine Ex-Freundin weiß von mir. Sie sind immer noch befreundet. „Jeder, der mich kennt, weiß von den Puppen“, sagt er. „Und ich bin glücklich mit ihnen.“ Er schaut noch nach einer echten Frau. Aber dass zwei Menschen wirklich passen, hält Stephan für sehr unwahrscheinlich. Die Puppen, die tun ihm einfach nur gut. „Wenn ich traurig bin und mich neben Babsi lege, ihr von meinen Sorgen erzähle, beruhigt sich mein Atem sofort.“ Sie akzeptiert ihn, wie er ist. „Bei ihr muss ich nie performen.“

Der Junggeselle Stephan, der nur kuscheln will, ist einer von hunderttausenden Puppenbesitzern. Nicht alle von ihnen haben Sex mit ihrer Puppe. Und nicht alle leben alleine. 2011 gaben in einer amerikanischen Studie ein Drittel der Puppenliebhaber an, dass sie verheiratet seien. Ansonsten sind sie durchaus gewöhnlich: Männlich, mittleren Alters, weiß, angestellt, gebildet, heterosexuell. Sie sind nicht häufiger psychisch krank. Manche haben Probleme mit menschlichem Sex, manche nicht. Manche machen Fotos und Videos von ihren Puppen, so wie auch Stephan. Er zeichnet Comics von uns, fast künstlerisch. Manche leben brutale Fantasien mit uns aus. „Bei meinen anderen Puppen, die ich gebraucht gekauft habe, ist der Intimbereich eingerissen“, sagt Stephan. Manche sammeln uns auch nur. Ein Franzose sagt, er habe seine „Ems“ gekauft, damit die Wohnung nach dem Tod seiner Mutter nicht so leer ist.

Ich habe Glück. Stephan ist so zärtlich zu mir, als könnte ich es genießen. Zieht mir schöne Sachen an, schminkt mich, setzt mich ordentlich hin. Aber ich kann ihm nicht sagen, was mir gefällt. Ich kann nicht antworten, wenn er mir etwas erzählt. Der Mann, der das ändern will, heißt Sergi Santos. Die Puppe, die das ändern soll, heißt Samantha. Santi hat ihr ein Gehirn gegeben. Oder so etwas ähnliches.

 

Die Zukunft

Dr. Sergi Santos, 39 Jahre alt, ist eigentlich Neurowissenschaftler. Er redet schnell, zitiert gerne Nietzsche und nennt alle anderen Forscher Idioten. Er lebt in Barcelona mit seiner Frau. Sie hilft ihm, die Puppen zu montieren, die ohne Chip im Kopf aus China zu ihm kommen. „Samantha“, sagt er, „ist die erste Sexpuppe, die Spaß am Sex hat.“ Oder zumindest so tun kann. „Ah“, stöhnt sie, „oh ja“, wenn man sie streichelt, an den Brüsten berührt. Samantha will verführt werden. Oder zumindest soll ihr Besitzer das denken. Sie hat sogar einen Orgasmus. „Ohhh, I love what´s about to happen…“ sagt sie, wenn man ihren G-Punkt massiert. Mit Samantha war Sergio Santi 2017 auf diversen Messen die große Nummer. Ihre Spracherkennung ist zwar nicht besser als die von Siri oder Alexa. Ihre Stimme klingt mechanisch. Und bewegen kann sie sich auch nicht. Trotzdem wurde sie auf dem Ars Electronica Festival in Linz derart überfallen von neugierigen Männer, dass sie kaputt ging. Der vorgetäuschte Orgasmus scheint für manche Männer ein wichtiger Schritt in Richtung echter Frauen. Für Santos ist Samantha nur ein Puzzlestück in seinem großen Plan. „Ich will wahre Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Wenn jemand mit dieser Puppe Sex hat, sie beide einen Orgasmus haben, und sei jener der Puppe nur programmiert – dann haben sie eine echte Interaktion. Dann ist da Intelligenz.”

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis aus Sexpuppen Sexroboter werden. Die sprechen, sich bewegen, aktiv Sex haben können. Wir scheinen bereit: Laut der Studie “Homo Digitalis” würde ungefähr jeder fünfte Deutsche gerne einmal mit einem Sexroboter schlafen. Über die Hälfte würde es nicht oder nur vielleicht stören, wenn ihr Partner Sex mit einem Sexroboter hätte. Doch dem Weg dorthin lauern Gefahren wie aus Science-Fiction-Filmen: Roboter, die einen eigenen Willen entwickeln. Sich gegen ihre Schöpfer wenden. Euch Menschen am Ende gar aussaugen wie Austern wie im Film „Matrix“. „Wenn wir ihnen so etwas wie eine Moral geben, dann ist diese immer absolut“, sagt Sergi Santos. „Wir können nicht wissen, ob eine an sich gute Regel wie zum Beispiel Leben schützen nicht irgendwann schlimme Folgen hat, weil wir einen bestimmten Fall nicht einberechnet haben.“

Aber vielleicht sieht die Zukunft auch ganz anders aus? Für Matt Krievick und Bronwen Keller wird künstliche Intelligenz überschätzt. „Es sind die kleinen, aber wichtigen Dinge wie Hauttönung, Atem, Temperatur, die eine Puppe echter machen“, sagt Matt. „Wir haben schon mit eigenständiger Feuchtigkeit experimentiert. Damit die Puppe feucht wird, wenn man sie berührt“, sagt Bronwen. „Ich glaube eher an die körperliche Dimension. Kommunikation wird überschätzt.“ Die meisten Puppenliebhaber, sind sich Bronwen und Matt einig, wollen niemanden zum Reden. Sondern ein Instrument, um ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Echte Liebe mit Robotern? Matt und Bronwen haben sich auf einer Party kennen gelernt. Sie sahen sich quer über die Tanzfläche an, BOOM! Der Blitz schlug ein. Seitdem sind sie ein relativ normales Paar. Privat wie geschäftlich. „Diese Macht der Liebe, diese übermenschliche Anziehungskraft“, sagen sie, „die kann keine Puppe bieten. Egal wie viel echter wie sie noch bauen“. Am Ende bleibt die Puppe doch ein Instrument. Aber wo liegt die Grenze? Was wollt ihr noch alles mit uns anstellen?

 

Der Puff

„Eine Puppe ist am Ende doch nur ein großes Sexspielzeug“, sagt Evelyn Schwarz, Puffmutter, Puppenmutter, Unternehmerin. „Frauen holen doch ab und an auch mal einen Dildo aus ihrer Schublade, das ist genau dasselbe.“ In einem Dortmunder Gewerbegebiet, am Ende einer Sackgasse, betreibt sie Deutschlands erstes „Bordoll“. Kein Scherz: Ein Puff für Puppen. In jedem der 35(?) Zimmer sitzt eine andere Puppe und wartet auf Kundschaft. Für 30 Euro die Stunde darf man alles mit ihr machen, was sie nicht beschädigt. „Alle fragen immer zuerst, wie wir sie reinigen“, sagt Schwarz. „Und das ist auch unser einziges Geschäftsgeheimnis. Wir reinigen sie. Das muss reichen.“ Ansonsten ist sie sehr offen (siehe Fotos und Kasten). Es gibt einen Kerker, einen Gynäkologenstuhl, was auch immer der Puppenliebhaber sich wünscht. Wie der aussieht? „Vom Hartz4-Empfänger bis zum Richter ist vermutlich alles dabei“, sagt Schwarz. Neugierige Männer. Männer mit Problemen im Kontakt zu echten Menschen. Ehemänner, die ihre Frauen nicht betrügen wollen. Männer, „die einfach mal ungehemmt und egoistisch agieren möchten“, zählt sie auf. „Also beileibe nicht nur Fetischisten. Und 70 Prozent kommen wieder.“ Ob das krank ist? „Solange niemanden unrecht getan wird, sollte jeder so leben, wie er es für richtig empfindet und es ihn glücklich macht“, sagt Evelyn Schwarz.

Nicht alle sehen uns wie Evelyn Schwarz. Die feministische Initiative „Campaign Against Sex Robots“ will uns am liebsten verboten sehen. Sexpuppen würden nur verstärken, was Männer sie Jahrtausenden mit dem weiblichen Körper machen: Instrumentalisieren. Evelyn Schwarz hält dagegen: „Es ist doch besser, wenn Männer sich an einer Puppe austoben als an einer echten Frau.“ Sollte es dann auch kindliche Puppen geben, damit Pädophile von Verbrechen an Menschen abgehalten werden? „In Großbritannien diskutiert man über Mini-Dolls auf Rezept für so kranke Menschen“, sagt sie. „Eine Puppe würde sicherlich schon mal eine gewisse Zeit verhindern, dass solche Menschen vor Kindergärten und Schulhöfen rumschleichen oder Schlimmeres anstellen.“ Matt Krievick würde niemals eine kindliche Puppe bauen. „Ich glaube nicht, dass eine Kinderpuppe einen Pädophilen von Missbrauch abhalten kann“, sagt er. „Die meisten unserer Kunden ersetzen mit der Puppe nicht den Sex mit einem Menschen.“ Bronwen ergänzt: „Missbrauch hat mit Macht zu tun. Eine Puppe taugt nicht für Fantasien von Kontrolle oder Vergewaltigung. Denn sie kann sich nicht wehren. Macht macht nur Spaß, wenn ich sie mir gegen den Willen eine Person nehme. Puppen haben keinen Willen.“

Und so bleiben die Fragen: Was macht es mit dem Mitgefühl, dem moralischen Kompass eines Menschen, wenn er eine menschenähnliche Figur behandeln kann wie er will? Überträgt er das auf echte Menschen? Die Puppenliebhaber jedenfalls wünschen sich nichts mehr als gesellschaftliche Anerkennung. Toleranz. Respekt. Schließlich, sagen sie, tun sie niemandem etwas zuleide. Und wenn, dann spüren wir Puppen es ja doch nicht.

Stephan deckt mich abends zu. Flüstert meinen Namen. Gibt mir einen Kuss. Sagt: „Gute Nacht, Babsi.“ Hätte ich Gefühle, würde ich jetzt vermutlich sagen, dass ich glücklich sei. Dass ich ihm hinterherschaue, bis er die Tür schließt. Dass ich von ihm träume. Aber ich bin nur eine Puppe. Ich heiße Babsi. Das ist meine Geschichte.

Einfach küssen!

“Ein Mann kann gar nicht zu lange nachdenken, ob er eine Frau “einfach küssen” kann.”

Diese von Julia Seeliger in ihrer Replik “Richtig küssen, Frau Pauer!” aufgestellte These ist vielleicht die gefährlichste, die ich seit langem zum ewig aktuellen Kulturkomplex “Küssen als Form intimer Zärtlichkeit” gelesen habe. Seeliger reagiert damit (neben einer ganzen Reihe anderer Vorwürfe und Berichtigungen) auf Nina Pauers Text “Die Schmerzensmänner”, in dem die Autorin ihre Erfahrungen in einem dubiosen Soziotop männlicher Existenzkrisen beklagt, welches mir so fremd vorkommt wie eine außerirdische Kolonie auf dem Mars, oder besser: Venus. Aber schnell zurück zum Kern der Sache, zu Seeligers Knutsch-Edikt, das sich fortsetzt: “Einfach küssen ohne vorher zu fragen ist reichlich uncool, egal, wer da wen küsst.”

Abgesehen davon, dass viele gute, schöne Beziehungen und Liebschaften aller Art nach dieser Regel nie entstanden wären, weil Menschen, Männer wie Frauen, leider oft nicht die Eier(stöcke) haben, diesen manchmal entscheidenden ersten Schritt zu machen (diese Behauptung lässt sich pseudoempirisch feststellen, indem man im Freundeskreis nach dem Beginn der Beziehung frage und die verliebt-vagen Antworten zähle, wie zum Beispiel: “Hast du mich geküsst oder ich dich, Hase? Seufz, egal. Hauptsache es ist irgendwann endlich passiert…”). Abgesehen davon, dass ein bisschen Wagemut niemals verkehrt sein kann, egal ob es um Küssen, Zivilcourage oder eine bescheuerte, aber belustigende Wette geht, da die Menschheit ohne Risikobereitschaft eine ganz graue wäre: Niedersachsen global quasi. Abgesehen davon, dass in genau dieser angeprangerten Risikobereitschaft ein erstes großes Bekenntnis zum Gegenüber liegen kann, das in der Retrospektive zum ersten Schritt einer langen Reihe an Romantik wird.

Abgesehen von alldem scheint in der Forderung nach maximaler Reflektion jedes geplanten Kusses eine allergische Aversion gegenüber auch nur der vagen Andeutung von “Dominanz” (oder was immer man dem küssenden gegenüber dem geküssten Menschen bescheinigen möchte) durch. “Mir ist es mal passiert, dass mich einer einfach versuchte zu küssen. Daraufhin habe ich “Nein” gesagt, mich schlafen gelegt und die Person danach nie wieder getroffen.” Das ist sehr schade, Frau Seeliger, denn erstens scheinen Sie diese Person primär danach zu beurteilt zu haben, was sie bereit ist zu tun, um Ihnen auf einer nonverbalen Ebene Zuneigung zu zeigen. Und dieser Ebene ist das Risiko einer kurzfristigen Grenzüberschreitung nunmal genauso inklusive wie der mögliche Jackpot der blitzartigen, großen Liebe. Zweitens scheint diese Beurteilung irreversibel gewesen zu sein, was keinem Menschen niemals gerecht werden kann, schon gar nicht auf Grund einer Sekunde der Schwäche (oder Stärke, wie man´s nimmt). Sie setzten damit sicherlich einiges in diesem Menschen in Gang, wohl kaum jedoch den nötigen pädagogischen Bewusstseinswandel zum wertgeschätzten Küsser, den Sie grundsätzlich fordern. Wahrscheinlich grübelt der junge Mann heute noch, ob es an dem Knoblauch oder einfach nur am Timing lag, Frau Seeliger, also klären Sie den Armen bitte nachträglich auf! Und drittens scheinen Sie, parallel zu Frau Pauer, die wohl vornehmlich von komischen Männern (nicht) geküsst wird, auch einen Umgang zu pflegen, der solche (von Ihnen offenbar radikal abgelehnte) “Übergriffe” produziert. Sprich: Wenn Ihr Date nicht die Antennen und die Empathie hat, wann er sie küssen darf, ohne danach auf der schwarzen Liste zu landen, besteht womöglich eher ein Selektions- denn ein Empathie- oder Kommunikationsproblem. Aber genau diese Art von sozialpsychologischer Ferndiagnose plus Abwertung nervt, hat bestimmt auch Frau Pauer an Ihrem und viele Kritikerinnen an Frau Pauers Text genervt, und deswegen stelle ich sie zurück. Sicherer ist: Die kommunikative Arbeit, die einem von beiden Seiten akzeptierten Kuss vorangeht, ist immer eine paritätische, und verdammt, manch blinder Jüngling muss den richtigen Zeitpunkt erst noch lernen (und zwar auf die sanfte Tour, wenn´s nach mir geht, so habe ich das damals auch geschafft!) und manche Mädels sind explizit “heilfroh”, wenn man diesen oder einen anderen ersten Schritt macht (das ist wortwörtlich meine Erfahrung, peitscht mich dafür aus und belegt mich mit abfälligen Fremdworten, ich kann nichts dafür und diese Mädchen wahrscheinlich auch nicht, es war schön mit ihnen, dazu stehe ich!). Und natürlich andersrum, völlig Wurst wer wen zuerst und so weiter, Hauptsache mann/frau versucht etwas, statt ewig zu grübeln! Das hat nichts mit böser Dominanz zu tun, sondern damit, dass der Mensch ein mangelhaftes Wesen ist, unsicher und feige vor allem im Sozialen, Homo Homini Angsthase Est. Und deswegen muss er manchmal eben übers Ziel hinaus schießen, um überhaupt jemals anzukommen.

Sicher, die Geschichte der Menschheit ist leider eine der Unterdrückung, der gewaltsamen Dominanz und der Ungerechtigkeit, nicht nur zwischen Männern und Frauen. Deswegen ist aber nicht alles, was von einer wohlreflektierten und harmonisch miteinander ausbaldowerten Reziprozität abweicht, sei es nur für die törichte Sekunde zweier gespitzter Lippen, die sich den begehrten Gegenstücken in freundlicher Absicht nähern, gleich böse und falsch. Keine Dynamik ohne einen Motor, kein Fortschritt ohne einen, der fortschreitet und einen, der gerne folgt, kein Kuss ohne Herzklopfen, ob man das richtige tut. Kein Erfolg ohne Risiko: Neunundneunzig aller nicht abgefeuerten Schüsse gehen nicht ins Tor, so der Sportphilosoph Wayne Gretzky.

“Was, wenn Mädels das glauben?”, fragte mich Mercedes Lauenstein auf Twitter bezüglich der alarmierenden Männergestalten im Text von Frau Pauer. “Ja, doof sind sie dann, aber Du meine Güte!” möchte ich antworten, “Was, wenn irgendjemand die Kuss-Anleitung von Seeliger befolgt? Kusslos wird die Welt und öde!”. Eine Welt wie eben von Nina Pauer glücklicherweise dystopisch und nach meiner Erfahrung völlig unrealistisch beschrieben. Aber das ist die wahrscheinliche Zukunft, die auf uns wartet, wenn wir den frechen Impetus generell verdammen und die vorbereitende Reflektion maßlos vergötzen. Wer küsst denn bei drohender Sanktion durch sozialen Ausschluss noch jemanden ohne direkte Aufforderung, und mal ehrlich, wie oft fällt die Verbalisierung dieses körperlichen Wunsches uns viel zu schwer, müssen wir also diese explizite Exposition, die uns unmöglich erscheint, überspringen, in beidseitigem Interesse? Der spieltheoretische Payoff ist bei “nicht küssen und nichts falsch machen” immer höher als bei “küssen und derbe auf die Mütze kriegen” oder “erst ausführlich darüber sprechen und sich eventuell beim Zerreden der Magie blamieren”. Die ritualisierte Formel “Sie dürfen die Braut jetzt küssen” wird zur conditio sine qua non jeglicher Anbahnung: Du darfst mich jetzt küssen. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Zärtlichkeit nach strengeren Regeln zustande kommt als ein Mietvertrag.

Der Kuss ist zu wichtig, um ihn ideologisch aufzuladen oder kleinteilig zu rationalisieren. Der Kuss ist mit das wunderbarste, was uns unser Arsenal an merkwürdigen Interaktionstechniken anbietet, und hell yeah!, einige der besten Minuten meines Lebens verbrachte ich küssend. Es sollen bitte noch ein paar solche hinzukommen. Und deswegen muss ich mich als Bürger und Küsser einmischen, obwohl ich solche Diskussionen sonst eher scheue wie die berüchtigte Betonzunge (traumatisierte Opfer wissen, was ich meine), obwohl ich niemandem zu nahe treten möchte, außer um sie zu küssen, versteht sich. Natürlich, ungewollt geküsst werden ist peinlich bis eklig, und entgegen vieler Vorurteile wissen auch Mädchen manchmal ebenso wenig wie Jungs, wie man die Abschussrampe zur Kussrakete elegant hinaufklettert, wann der richtige Moment ist und dass man volltrunken keinen nüchternen Menschen küssen sollte, so süß das Opfer sich auch ziert. Selig sind die Vorsichtigen, die nicht gleich die Zunge einsetzen wie ein durstiger Schäferhund, sondern iterativ vorgehen, auf dass eine Umkehr im Zweifelsfall ohne Speichelspuren möglich ist. Unbelehrbare Offensivkünstler mag es geben, ja, man muss sie und ihre Physiognomie in ihre Schranken weisen, aber dennoch oder gerade deswegen: Der erotische Kuss ist der Anfang aller ernsthaften Zweisamkeit, ständiger Begleiter und bester Freund der intimen Beziehung, Symbol und Ausdruck dessen, was uns zu Menschen macht: Die Fähigkeit zu lieben. Ohne den Kuss wäre nichts, kann nichts werden und wird nichts sein, was lebenswert ist. Daher möchte ich mit einem Appell schließen.

Liebe Mädchen und Frauen, die Ihr mich irgendwann in Zukunft einmal kennen und schätzen lernt: Ich möchte bitte weiterhin, unter Berücksichtung elementarer Höflichkeits- und Hygieneregeln und nach einer kleinen feinen Reflektion über die Chancen, dass ich auf diesen Vorstoß adäquat anworte, “einfach so” (mit oder ohne Gequatsche!) geküsst werden. Ich bin erwachsen und glaube nicht an Tröpfcheninfektion schlimmer Geschlechtskrankheiten oder orale Schwangerschaft, also los! Versucht Euer Kussglück, wenn Ihr ehrlich meint, dieses Glück sei kongruent mit meinem. Im schlimmsten Falle sage ich “nein”, lege mich schlafen und rufe Euch an, versprochen. Und wenn nur, um mitzuteilen, dass ich lieber jemanden anderen küsse. Und bitte, falls ich jemals dem fatalen Irrtum erliege, eine von Euch könnte einen Kuss zu schätzen wissen, und ich mich erdreiste, ohne endgültige Absicherung mein Glück zu versuchen, dann nehmt es als unbeholfenes Kompliment und vergebt mir, denn ich wusste, was ich tue. Wie ein Bonmot der Jahrtausendwende-Jugend besagt: Man muss ein paar Frösche küssen, um einen Prinzen zu finden. Oder wie ich es geschlechterneutral übersetzen mag:

Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig: Einfach küssen.

Der Antrag

Romantik darf in dem postmodernen digitalen Wahnsinn, den wir unsere Realität nennen, nicht zu kurz kommen. Matt, ein offensichtlich sehr verliebter Amerikaner, setzt die Messlatte für spektakuläre Heiratsanträge hoch: Er zeigt seiner Ginny während ihres ahnungslosen Kinobesuches eine als Filmtrailer getarnte Vorgeschichte zu seinem im Kinosaal folgenden Kniefall. Ein schön gemachter Film, der zeigt, wie er bei ihrem Vater formvollendet um ihre Hand anhält, um dann für die wichtigste Frage seines Leben zu ihr ins Kino zu eilen. Ich musste sehr lächeln.


Via MMM.

PETA

Ich bin verwirrt: In meiner kleinen Welt waren die Tierrechtaktivisten von PETA immer die Guten, so tendenziell zumindest. Tiere sollte man grundsätzlich schützen, und beim Vegetarismus muss ich ja nicht mitmachen. PETAs Kampagnen jedoch sind eine einzige Anhäufung von sexistischer, niveauloser Faux-Pases. Da werden Männer auf Schwanzlänge und (Im)Potenz, Frauen auf ihre unrealistisch sexgeilen Hotbodies reduziert. Ganz zu schweigen von den beispiellosen Missgriffen an unappetitlichen deutschen Testimonials wie Lisa Fitz oder Sarah Connor, die ich hier nicht weiter anführen möchte. Pfui, PETA!
Ich bin normalerweise völlig unempfindlich gegenüber solchen -ismen, freue mich über schöne Frauen, bösen Humor und Grenzüberschreitungen in jedem Kontext. Umso allergischer reagiere ich auf pseudoprovokante Instinktstimulation. Also: Von mir aus zeigt Titten und macht Euch über Schwänze lustig, aber macht es schlau und doppelbödig. Und wer das für ein Oxymoron hält, hat die Bunnies bei Harald Schmidt nicht gesehen.

Dennoch würde ich mich über eine Einschätzung einer Person freuen, die entschieden sowohl gegen Fleisch als auch Sexismus ist (davon gibt es sicherlich einige). Was die EMMA (jetzt hab ich sie wirklich verlinkt!) dazu denkt, kann man sich denken. Also, was denkst Du: Heiligt der Zweck die Mittel? Alles halb so wild? Oder hat sich PETA damit ins Abseits geworben? Bist Du jetzt schizophren? Urteilt selbst, zuerst das neuste amerikanische Motiv und die letztjährige deutsche Osteranzeige:

Vergangene Heldentaten gegen Hundezucht, Sportfischen und Fleischkonsum:

Der Gemüsesex-Spot zum Super Bowl:

Und natürlich der fast schon legendäre Gemüse-Casting-Spot:

I have sex

Schöne Idee von amerikanischen Studenten, die gegen die Einstellung der Finanzierung von Planned Parenthood protestieren, “the nation’s leading sexual and reproductive health care provider and advocate.” Dafür halten sie Schilder hoch, die eine simple Realität aufzeigen sollen: I have sex. Und wer Sex hat, sollte auch die entsprechende Beratung bekommen. Die bekannte Problemformel: Die Regierung der USA behandelt junge Erwachsene wie unmündige Kinder, schickt sie aber in den Krieg.


Via TDW.

Monologisch: Ich hab ja nix gegen Schwule

Neulich war ich mit den Mädels in so einer Schwulenkneipe, nur geleckte Männer in engen Shirts, alle übertrieben aufgebrezelt und höflich und so. Ich hab ja nix gegen Schwule, echt nicht, aber sie stehen halt auf Männer. Also auch auf mich, theoretisch. Und ich finde ja, jeder kann machen was er will, also auch so sexuell, aber mich sollen die da raus lassen. Wie ich da zwischen den Schwulen stehe, wird mir schon ganz anders, da fühle ich mich bedrängt, zumindest mental. Weil die mich ja auch anschauen, als ob nix dabei wäre, und sogar anfassen könnten, das kommt da deutlich rüber, das machen die sofort, wenn denen einer gefällt. Und das sollen sie lieber zu Hause machen, also untereinander. Deren Geschlabber muss nicht jeder mit ansehen müssen, und die müssen wiederum mich nicht so beglotzen, als ob sie mich gleich anfallen wollen. Ich finde, jeder kann für sich machen, was er will. Toleranz heisst auch, den anderen so sein zu lassen, wie er ist, und ich bin eben hetero.

Meine Freundin, mit der streite ich mich da immer drüber, die hat da eine andere Meinung. Vor allem wegen ihrem alten Freund Christopher, der ist nämlich schwul, beziehungsweise bi, oder wie er das nennen mag. Wahrscheinlich nimmt er einfach alles, was er kriegt. Wenn ich das so offen ausspreche, wird meine Freundin sauer, aber entscheiden kann sich der süße Christopher anscheinend auch nicht. Jedenfalls macht sie mit dem immer so auf bester schwuler Freund, das ist total peinlich, weil sie es eigentlich auch nicht so geil findet, wenn ihr echter Freund, also ich, von Männern angemacht wird. Einerseits findet sie das alles total okay und kuschelig und der Christopher ist ja so ein guter Zuhörer und so weiter, andererseits ist sie auch irgendwie scheinheilig, weil mich dürfte der ja nicht anfassen, und entweder man findet das mit den Schwulen jetzt gut oder nicht. Christopher ist auch schon so ein richtiger Homo-Name, oder?

Jedenfalls finde ich es schon bedenklich genug, wenn unser Außenminister schwul ist. Ich meine, bei den ganzen Missbrauchsfällen, es gibt offensichtlich immens viele schwule Priester, da muss man denen ja nicht auch noch ein Vorbild geben. Der Wowereit ist ja irgendwie cool, und zu Berlin passt das ja auch, da darf ja sowieso jeder alles, aber wenn ein Schwuler das ganze Deutschland in der Welt repräsentiert, was denken denn da die anderen Länder? Dass wir alle auf Männer stehen, außer den Frauen, die stehen auf Frauen, und Christopher steht auf alles? Also ich kann mich mit einem Schwulen nicht identifizieren, und die Politiker sollen mich vertreten, das können Schwule logischerweise eher nicht. Toleranz und so ist ja schön und gut, aber wenn es um wichtige Aufgaben geht oder sogar um Kinder, die man beschützen muss, dann sind halt gewisse Normen und Regeln sinnvoll. Wir erlauben den Moslems auch nicht die Vielweiberei, oder? Wieso sollten dann zwei Männer heiraten können? Am Ende noch Kinder adoptieren? Im Ernst, das wäre doch fahrlässig gegenüber den Kindern! Die Schwulen dürfen immerhin schon rummachen, so oft und viel sie wollen. Gibt ja so richtige Treffpunkte im Stadtpark, wo die dann mit einem roten oder blauen Band um die Hüfte aufmarschieren, je nachdem worauf sie stehen und so, also das finde ich halt auch abartig, ganz ehrlich. Dabei müssen die doch so aufpassen mit Aids! Ist denen wohl alles egal.

Neulich in der Schwulenkneipe jedenfalls haben die auch ständig rumgemacht. Die haben geknutscht und gefummelt als wäre es das normalste auf der Welt! Ich wollte natürlich sofort wieder gehen, als ich gemerkt habe, in was für einem Laden wir da gelandet waren. Aber die Mädels fanden´s ganz angenehm, weil sie keiner angemacht hat. Schön für sie! Mich hat dann echt einer angelabert, der war eigentlich ganz freundlich, aber dieser schmierige Blick, der wollte mir wahrscheinlich direkt an die Wäsche, da hab ich dem gleich gesagt, dass ich nix mit Männern mache, dass ich mit meiner Freundin da bin und selbst wenn nicht, er sich da gar keine Hoffnungen machen braucht, wobei ich ja ohne Freundin gar nicht hingegangen wäre, keine zehn Pferde würden mich normalerweise in so einen Laden bringen, das hab ich ihm gesagt, ich bin da ganz offen und ehrlich. Er meinte dann kleinlaut, er wäre nur der Kellner, und ob er mir noch was zu trinken bringen kann. Ganz schön schwule Tour von dem.

Kondome schützen

Endlich sind neue Details der Vorwürfe und getätigten Aussagen im Fall Assange bekannt geworden. Der Guardian ist auf “unautorisierte” Weise an Informationen gelangt, die nicht einmal Assanges Anwälten zugänglich sind. Die interessantesten aus meiner Sicht:

  • Es geht, in strafrechtlicher Relevanz, hauptsächlich “nur” um “Sex, der nicht einvernehmlich teilweise ohne Kondom vollzogen wurde”, was in Schweden ein Vergewaltigungsvergehen darstellt, im Rest der Welt nicht. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass Assange es nie wieder ohne macht.
  • Des weiteren geht es um Tatbestände der sexuellen Nötigung bzw. Belästigung, die sich mit “harmlosen” sexuellen Interaktionen abgewechselt haben sollen. Wer schonmal wilden Sex hatte, weiß, wie schwer da Trennlinien einzuziehen sind. Trotzdem: Ein “nein” bleibt immer ein “nein”. Hoffentlich schafft sich die schwedische Justiz den Durchblick.
  • Die beiden Frauen erhoben ihre Vorwürfe erst, nachdem sie voneinander von der jeweils anderen sexuellen Beziehung Assanges erfuhren. Bis dahin hatten sie engen Kontakt zu Assange, bspw. schlief er sechs Nächte mit einer der beiden Frauen in einem Bett. Auch wenn man Menschen eine gewisse Zeit zugestehen sollte, bis sie realisieren, was ihnen zugestoßen ist: Das riecht nach verletzter Eitelkeit, Eifersucht und Rache.
  • Assanges Anwälten werden relevante Details der Anklage vorenthalten, wie insgesamt Informationen zurückgehalten werden, vor allem was die evt. zweifelhafte Motivation der Frauen angeht, ihn zu beschuldigen. Er ist eben nicht sonderlich beliebt bei den Leuten, die auf solche Taktiken Einfluss haben.

Nachdem ich diese Details kenne, drängt sich mir leider eine Sichtweise auf: Hier wird, von mehreren Seiten, strategisch mit der Vergewaltigungsbrandmarke gefuchtelt. Und das schadet anderen, zweifelsfrei geschädigten Vergewaltigungsopfern mehr als alle sexistisch verzogene Wahrnehmung, alle politische Instrumentalisierung, alle mediale Ausschlachtung des Falls (siehe den heiß diskutierten Artikel der Feministin Naomi Watts dazu).

Denn das, was unter Vergewaltigung gemeinhin verstanden wird, hat eine ganz andere Tragweite als die tatsächlichen mutmaßlichen Vergehen, derer sich Assange schuldig gemacht haben soll. Vergewaltigung ist brutale, sexuelle, physische wie psychische Gewalt. Man muss sehr vorsichtig sein mit diesem Begriff und Abgrenzungen immer mitdenken, die in der simplifizierenden öffentlichen Wahrnehmung einer Maximalschuld Platz machen . Wer fahrlässig eine Vorverurteilung eines Beschuldigten wegen dieses perfiden Verbrechens namens Vergewaltigung in Kauf nimmt, handelt nicht nur gegenüber dem Beschuldigten ruchlos. Wer hochsensible Delikte wie eine Vergewaltigung, die ein Opfer auf so vielen Ebenen schadet, und deswegen auch dem Täter auf so vielen Ebenen anzukreiden ist, als Rachekeule benutzt, ist für die Auswirkungen auf den Umgang mit Vergewaltigungsopfern verantwortlich. Das hat nichts mit “ekligen Klischees” intriganter Weibsbilder zu tun, bzw. doch: Wenn sie leider in diesem Fall zutreffen, diese bösen Ahnungen, dass es hier eher um Eifersucht als um sexuelle Gewalt geht, ist ihre Verdichtung in Klischees kein Grund, sie nicht zu verurteilen.

Schräger Vergleich hierzu: Wenn mich ein prolliger Mantafahrer umfährt, ist seine Klischeehaftigkeit kein Grund, ihn anzuzeigen, auch wenn dadurch viele andere friedliche Mantafahrer unter gesellschaftlicher Ächtung durch Mantafahrerwitze leiden müssen. Sie sollten sich bei ihm beschweren, nicht bei mir.

Genauso sollten sich Menschen, die in irgendeiner Weise Empathie für Vergewaltigungsopfer aufbringen (ich schließe mich da ein), den zwei schwedischen Frauen als Auslöser für eine Boulevardisierung und Bagatellisierung des Vergewaltigungsbegriffes danken, die jede feministische Angst vor einem sexistischen Bumerang übertrifft. Wenn, nach all den politischen Winkelzügen und Manövern, nach einem halbwegs fairen Prozess und Abkühlung des Personenkultes um Assange, derselbige nicht oder nur zu einer relativ geringen Strafe für seine Penetration ohne Kondom verurteilt wird, hat in jedem Fall der Kampf für eine Anerkennung und Stärkung von Vergewaltigungsopfern und ihrer Souveränität schwer gelitten. Dass sich damit letztlich ausgerechnet die Opfer zu Tätern gemacht haben, ist traurig, aber, wenn man alle begründeten Schutzreflexe und den übergeordneten Willen zur Verteidigung der Würde von Vergewaltigungsopfern ausklammert, wahr.

Dass der Ablauf und die Heftigkeit der Verfolgung nach politischer Beeinflussung schmeckt, steht auf einem anderen Blatt. Ich glaube nicht an eine Verschwörung, oder wie es eine schwedische WikiLeaks-Führungsperson ausdrückt, welche beide Frauen, Assange und den Fall gut kennt: “Of course, the enemies of WikiLeaks may try to use this, but it begins with the two women and Julian. It is not the CIA sending a woman in a short skirt.”

Wahrscheinlich ist es ganz simpel: Die zwei Frauen beschließen gemeinsam (mit wie viel juristischer Legitimation auch immer), Rache an Assange zu nehmen. Ihnen muss bewusst sein, dass ein Vorwurf der Vergewaltigung, haltlos oder wohl begründet, ihm in der wichtigsten Phase seines Projektes immensen Schaden zufügt wird. Was auch immer er ihnen angetan hat: In ihren Augen hat er diesen Gegenschlag verdient. Der erste Staatsanwalt lässt die Anschuldigungen wegen Haltlosigkeit nicht weiter verfolgen. Die schwedische Staatsanwältin Ny jedoch, eine berüchtigte Hardlinerin bezüglich der Verfolgung von Sexualdelikten, sieht eine Chance auf einen interessanten, vielleicht prestigeträchtigen, jedenfalls wichtigen und öffentlichkeitswirksamen Fall. Die schwedischen Autoritäten werden von den Amerikanern explizit oder implizit aufgefordert, der Sache möglichst nachhaltig nachzugehen bzw. die Staatsanwältin nicht zu bremsen. Es braucht keine Verschwörung, keine CIA und keine schmutzigen Tricks, um aus dieser Sache die denkbar effizienteste Diskreditierung der Person Assange zu machen.

Dem Heldenbild seiner Freunde steht nun also das Bild eines egomanischen Vergewaltigers gegenüber, der noch dazu (diese unwichtige Information drang magischerweise an die Öffentlichkeit), mies im Bett ist:

“Not only had it been the world’s worst screw, it had also been violent.”

Hoffentlich erfahren wir bald, was davon wahr ist.

Freiheit, Gleichheit, Nacktheit

Amber Heard, bekannt aus dem geliebten Film The Informers (nach dem Buch von Breat Easton Ellis über die wilden 80er), setzt sich für Gleichheit ein. Deswegen lässt sie sich von Künstlerin Tasya van Ree für ihr Projekt iequalsyou folgende Sätze auf die nackte Haut schreiben: “Those who believe in democracy, liberty or freedom; must support equality. Those who believe in truth, justice or love; already do.”

Jetzt kann man sich zurücklehnen und warten, bis die Sexismus-Karte gespielt wird. Darauf sind folgende Fragen notiert: Warum muss sich die Schauspielerin ausziehen, um Gehör und Geseh zu finden? Warum macht das kein Mann? Was hat nackte Haut mit Gleichheit zu tun (Thomas Mann stellt in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull fest, dass gerade die Nacktheit Unterschiede herauskehrt. Wer schonmal in einer Sammeldusche war, weiß das)? Meine kritische Frage an den Spot wäre aber vielmehr: Warum schon wieder dieses Musikstück? Warum immer nur Frank Glazer mit seinen drei Gymnopédies? Übertreibt man es da nicht mit der Gleichheit?

Mir fällt dazu spontan folgende Textzeile von den um Gleichheit bemühten Peppers ein, plus immerhin ihr halbnacktes Video, das wiederum auch fetzigere Musik erschallen lässt:

The power of equality
Is not yet what it ought to be
It fills me up like a hollow tree
The power of equality

Und weil man den oben erwähnten Film und seine Musik und seine Nacktszenen und überhaupt nicht genug empfehlen kann (kommt er noch jemals in deutsche Kinos?) und Amber Heard sehr gut darin aussieht, hier noch der Trailer zu The Informers:

Deine Mudder war hot?

Jemals vor einem Foto von ganz früher gestanden, auf dem Mama&Papa ihren ersten Liebesurlaub am Strand verlümmelten, und gedacht: Wenn sie nicht meine Mama wäre, müsste ich ja fast zugeben, dass die Alde ja doch ganz heiß war?

Ich nicht. Aber rein statistisch müssen ja andere Leute ehemals heiße Mütter haben. Der noch ganz frische Tumblr Your mom was hot sammelt die heißesten Mütter, und natürlich kommen da eine Menge traumhafter Bilder aus einem vergessenen Zeitalter ans Licht:

Ähnlich verrückt ist diese Bildersammlung: Awkward Familiy Pet Photos, ein Ableger der schon legendären Awkward Family Photos. Ich hatte zum Glück nie eines dieser ominösen Haustiere, mittels dessen ich mich für alle Ewigkeit lächerlich hätte machen können.

Mit einem iPhone hat man mehr Sex

Manche Neuigkeiten sind keine, denn wir wussten es schon immer, es war ja sowieso klar undendlichissesbestätigt: iPhone Besitzer haben mehr Sex als andere Smartphoner!

Das hat eine amerikanische Datingseite namens OKCupid auf ihrem Blog bekanntgegeben. Empirisch gesehen gingen die forschenden Kuppler bemerkenswert schlau vor: Sie eruierten über die Kameradaten der Profilbilder ihrer User deren Smartphone. Dann kreuzten sie diese Indizes mit den Ergebnissen beliebter Tests wie “The Dating Persona Test” oder “The Slut Test,” die bspw. nach der Anzahl der Sexualpartner fragen. Und so sehen die Ergebnisse aus:

Was uns chronische Verstehenwoller zur Frage nach den (Hinter)gründen bringt. Meine acht spontanen Thesen:

1. iPhoner sind tendenziell attraktiv, schlau und smart. Menschen mit diesen Eigenschaften haben mehr Sex. Lass mich nochmal drüber nachdenken. Okee, die These ist leider Mumpitz.

2. Android User sind blasse, verpickelte Nerds, die höchstens Sex mit ihrer Schreibtischkante haben. Widerspruch?

3. Blackberry User sind ziemlich durchschnittlich.

4. iPhone User sind notorische Angeber, die auch bei diesen ominösen Slut-Tests geschönte Zahlen benennen. So wie generell bei solchen Fragen gerne gelogen wird, was mich direkt zu einer meiner Lieblings-Gender-Storys bringt: Befragt man heterosexuelle Männer und Frauen aus vergleichbaren Bevölkerungsgruppen zur Anzahl ihrer Sexualpartner, divergieren die Ergebnisse (so in der Größenordnung 4 zu 7). Was rein mathematisch nicht stimmen kann. Man könnte also annehmen, dass Männer stark nach oben korrigieren (“Hengst-Effekt”), Frauen hingegen ein bisschen nach unten (“Schlampen-Effekt”). Lässt man die Probanden jedoch im Glauben, sie wären an einen Lügendetektor angeschlossen, korrigieren Frauen ihre Angaben deutlich stärker nach oben, als Männer ihre Angaben nach unten. Sie treffen sich bei 6, nicht bei 5 Sexualpartnern. Sprich: Frauen sind, was ihre Promiskuität angeht, weniger ehrlich als Männer. Analog dazu agieren die infamen iPhoner, behaupte ich, weniger ehrlich als die braven Blackberrianer oder die anständigen Androiden. (Interessanterweise sind die Zahlen im Geschlechtervergleich bei den Frauen etwas höher. Sind Smartphonerinnen etwa besonders gut drauf? Oder versauen die Nerds die männliche Statistik? Zudem steigt die Zahl der Sexualpartner überraschenderweise mit dem Alter. Mysteriös.)

5. Die ganze “Studie” ist gefälscht und totaler Quatsch. Die Datingseite hat jedoch ihr strategisches Ziel, bei Mashable und mir hier einen Post zu bekommen, bravourös erreicht. Die Sexualpartner des zuständigen PR-Personals werden steigen, denn Erfolg macht sexy.

6. Das iPhone ist so anziehend, dass man mit seinen Besitzern eher Sex haben will, als mit dem spröden Rest. Kann ich spontan bestätigen. Es sei denn das iPhone ist weiß. Die Korrelation zwischen iPhone-Farbe und Geschlechtskrankheiten wäre mir ein brennendes Forschungsinteresse.

7. Internetangebote zur Anbahnung von sexuellen Kontakten (elitepartner.de., Facebook, SchuelerVZ) sind vom iPhone aus besser erreichbar.

8. Sex is overrated, too. (Ugly Kid Joe, 1992)