Am Strand

Überall dieses Bild. Ein Dreijähriger liegt am Strand. Tot.
(Auf manchen Aufnahmen, beispielsweise den in England heute gedruckten, wird er von einem Uniformierten geborgen)

Es bilden sich schnell zwei Lager:
Endlich ein Bild, das aufzurütteln vermag? Das der bisher gesichtslosen „Flüchtlingskrise“ einen furchtbaren Ausdruck gibt? Der Pictorial Turn, das Ende des Wegschauens?
Oder verwerfliches Ausschlachten der letzten Würde ausgerechnet eines Kindes? Pornographie de la guerre (Baudrillard), die Leid voyeuristisch ausstellt? Grenzüberschreitung?
Während die einen sich aufregen, wie man dieses Bild teilen kann, und die anderen sich aufregen, wie eigentlich nicht, bin ich unentschlossen. Auch im Radio.
Wie man in der Sache steht, ist klar: Jeder Tote beschämt uns Europäer. Egal, wie alt. Egal, ob es von ihm ein solches Bild gibt. Und es gibt schon viel zu viele Bilder, die offensichtlich wenig bewirkt haben, wie Stephan Plöchinger schreibt.
Nicht überall ist das Thema so präsent wie hier in den letzten Monaten. In manchen Ländern, wie der Türkei oder England, mag nun dieses Bild eine längst überfällige Debatte auslösen. Es könnte zu einem Symbol einer Katastrophe werden, wie das vor dem Napalm fliehende Mädchen im Vietnam-Krieg.
Und vielleicht, wie Zeynep Tufekci berichtet, würden die Eltern deshalb darum betteln, dass man dafür sorgt, dass ihr Kind nicht umsonst gestorben ist.

 

Aber, und das sind keine rhetorischen Fragen: Braucht es deswegen Tweets, die ein solches Bild mit einem betroffenen Halbsatz um die Welt schicken? Am besten die Nahaufnahme, ohne den störenden Uniformierten, so dass man auch genau sehen kann, wie tot genau der Junge ist? Soll nun jeder von uns, der etwas dabei fühlt, und das sind wir fast alle, diesen denkbar stärksten visuellen Hebel nutzen? Um wen zu erreichen? Uns selbst? Unsere meist schon überzeugten Follower? Politiker, denen diese Schicksale seit Jahren egal sind?
Wo waren die jetzt moralisierenden Zeitungen so lange? Haben sie nicht auch oft gehetzt, auch gegen diesen Dreijährigen? Ist die Rolle der Medien nicht ähnlich zweifelhaft wie damals im Vietnam-Krieg, als Reporter neben dem schreienden Mädchen seelenruhig ihre Arbeit fortsetzten?
Und was haben wir vorher getan, was habe ich getan, vor diesem Bild, um den Tod dieses Kindes zu verhindern? Waren nicht zwischenzeitlich Griechenland, Bundesligastart und Hitzewelle wichtiger als die, die vor ihm gestorben sind?

 

Und ich denke: Wenn wir das Bild eines ertrunkenen Kindes brauchen, um Menschen nicht ertrinken zu lassen, dann kommt jede Ethik zu spät. Wenn die selbsterfüllende Prophezeiung vieler Medien eintrifft, dass dieses eine Bild ein Umdenken auslöst, dann hat sich die Medienethik selbst abgeschafft. Wenn es wirklich Leben rettet, dann bitte, druckt es, teilt es, plakatiert es, schickt es ins Weltall.
Aber dann haben wir wohl ein ganz anderes Problem als dieses Bild.

Auf dem Zündfunk-Netzkongress spreche ich über eine mögliche Ethik des Teilens. Freitag, 9.10., abends, im Volkstheater München. Vielleicht finden sich bis dahin ein paar Antworten.

8 Gedanken zu “Am Strand

  1. Das ist das mit Abstand “Klügste” (mir fällt nix besseres ein, ich könnte auch sagen “Durchdachteste”, oder “Konsequenteste” oder einfach nur “Beste”), was ich zu diesem furchtbar schrecklich traurigen Thema bisher gelesen habe. Vielen Dank!

  2. Pingback: Dürfen wir das Bild des toten Aylan teilen? #Kiyiya

  3. > Und was haben wir vorher getan, was habe ich getan,
    > vor diesem Bild, um den Tod dieses Kindes zu verhindern?

    da fragt man sich, ist die Zeichen von Besinnung oder doch nur eine freudsche Versprechfrage?

    Du bist mir in den letzten Jahren mehrmals aufgefallen als jemand, der offensichtliche westliche Propaganda zur Vorbereitung oder Rechtfertigung von Kriegen verbreitet.

    Zitat Friedemann Karig “Ist die Bilanz von drei Jahren westlichen Wegschauen [sic!]. Kommt mal her Ihr Westler, hat der syrische Despot Assad neulich gesagt. Wir lassen das jetzt mal mit dem Giftgas und Bomben auf Krankenhaeuser mal kurz und machen lieber eine Wahl.”

    Die Situation von Fluechtlingen verbessern wollen, ist selbstverstaendlich ehrenhaft. Aber immer mitten in der Geschichte anzufangen (toter Junge, Maedchen in Vietnam) ist etwas zu kurz gesprungen.

    Man sollte den Mut haben, die Gruende fuer die Flucht von Millionen Menschen wahrzunehmen. Auch wenn es schmerzt zu erkennen, das wir die Boesen sind.

    Die westliche Kriegspolitik und die fast vollstaendig eingebundenen westlichen Medien sind die Hauptursache. Wenn man hilft deren Propaganda zu verbreiten, ist man Mittaeter. Es sind uebrigens auch ueber 1 Mio Europaer auf der Flucht.

  4. David Hume sieht die Moral in der Gefühlswelt des Menschen begründet. Rationale Einsichten können nach Ihm kaum Handlungsmotivierend sein. Die Ratio kann zwar bejahende oder verneinende Urteile treffen, aber für Hume sind das keine bewegende Kräfte für Handlungen. Für Hume ist die Ebene, auf der sich moralische Handlungen abspielen, immer eine emotionale.

    Für Hume ist der Intellekt trotzdem ein unentbehrlicher Faktor für die Moral: Er informiert über die Beschaffenheit der Sachverhalte, kann uns die Bedeutung von Ursache und Wirkung aufzeigen, und letztlich auch zu bestimmten Handlungen dirigieren. All das muss aber auf einer Bereitschaft beruhen, der Ratio zu vertrauen. Und diese Bereitschaft stammt nach Hume aus der Welt der Gefühle. Moralische Urteile lassen sich somit nur treffen, wenn sowohl die Gefühlswelt als auch der Verstand an diesem Urteil beteiligt sind.

    So kommt meiner Meinung nach den Medien die wichtige Rolle zu, sowohl über die Hintergründe und Sachverhalte zu informieren als auch die Gefühlswelt zu bedienen. Die Dosis und die Art der Rahmenbildung um diese Aspekte wird aber stets eine Kontroverse in der Medienethik bleiben (müssen).

  5. Ihr angesprochenes Problem ist “da”, es existiert. Aber nicht erst seit heute oder gestern, eigentlich schon immer. Ezählen Sie mal einer Kuh was vom Feuer. Die wird sie solange doof angucken bis Sir ihr mal ein Feuer unter’m Euter entfachen. So funktioniert das mit dem aus der Art geschlagenen Affen auch.
    Verwerflich ? Menschlich, würde ich sagen, wobei das natürlich nicht als Generalabsolution zu verstehen ist.

  6. …………………wie immer können Kommentare zu solchen komplexen Vorgängen nur Ausschnitte des Ausmaßes der Misere be-/erleuchten. Jeder Kommentar wirkt so fast zwangsläufig oberflächlich und bietet somit eine breite Angriffsfläche für Kritik jedweder Art. Die globalen Krisen dieser Welt und zwar ALLE, werden ausgelöst durch die riesige Kluft zwischen “Arm und Reich”. Armut steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Bildung. Mangel an Bildung begünstigt Radikalismus. Radikalismus ist verantwortlich für unsägliches Leid, wie Krieg, Zerstörung, Folter etc. etc.. Religion spielt in diesem Zusammenhang fast keine Rolle, ist sie doch meistens nur Ausdruck eines Mangels an Bildung. Denn von den tausenden Religionen, inkl. Untergruppen wie Sekten Glaubensgemeinschaften etc., liegt es rechnerisch auf der Hand, dass die meisten, wenn nicht alle, möglicherweise falsch liegen. Freilich wird jeder Vertreter “seiner Religion” stets behaupten, sein Weg ist der einzig Richtige, ohne für diese Behauptung jemals Beweis antreten zu können. Letztendlich verantwortlich für die immer weiter wachsende Marginalität, sind jene die fast alles haben und nur zaghaft bereit sind auch nur Krümel mit denen zu teilen, die es wirklich nötig hätten. Die Betroffenheit hierzulande, gerade nach eindrucksvollen Bildern wirkt heuchlerisch. Sind es doch die reichen Länder die billigend in Kauf nehmen, dass Situationen wie die gerade Vorherschenden, überhaupt erst entstehen. Wenn das Ausmaß dann in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit dringt, herrscht plötzlich Betroffenheit, die sich in Kommentaren, wie dem o.g. äußern. Dann wird versucht gegenzusteuern und nachdem das Problem wieder aus dem Blickwinkel der Massen verschwindet, geht es weiter mit der Verursachung und so weiter und so weiter. Ein sich selbst unterhaltendes System, dass so lange bestehen wird, bis in den Köpfen ALLER Menschen ein radikales Umdenken stattfindet, etwa ein Evolutionssprung. Das allerdings kann noch tausende Jahre dauern, wenn nicht länger oder überhaupt ;-)……..

  7. Pingback: Evora Evora | style visions

  8. Wir brauchen Ohrfeigen. Wir brauchen das kalte Wasser. Erst an der Schwelle zum Abgrund ändert der Mensch Dinge. Noch sind wir nicht so weit, dass es ohne geht.

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