Tweetstorm: #Fakenews

Seltsam: Viele „#Fakenews“-Relativierer reden von vielem, aber nicht davon, was wir bspw. in den USA massenhaft gesehen haben.

Beispiele für schief fokussierte Relativierung/Kritik hier oder hier.

Propaganda und Fehler und Lügen und Meinungen hätte es ja schon immer gegeben. Richtig. Aber was ist heute anders? Folgendes:

Es geht bei „Fakenews“ nicht um Fehler o. Meinungsfreiheit. Sondern um gezielte, massenhafte Manipulation mittels viraler Effekte.

Die extrem erfolgreich ist auf FB; teilweise erfolgreicher als jeder Journalismus. Siehe Buzzfeed zur US-Wahl.

Aktuell Merkel per Lüge anzugreifen ist keine „andere Meinung“. Sondern strategische Propaganda im Wahljahr.

Entweder aus monetärer oder ideologischer Motivation (oder beides). Goldgräber und Hetzer optimieren ihre Lügen auf Reichweite.

Nicht in Deutschland? Vgl. “Fall Lisa”: Lügen werden gezielt gestreut oder instrumentalisiert, u.a. Staatsmedien wie RT.

Die Folgen? In USA stürmte jemand wg. Fakenews mit einem Gewehr in eine Pizzeria. Wg. Lisa demonstrierten tausende. Genug Folgen?

Wirkung auf Meinungsbildung/Diskurs usw. schwer zu messen. Aber wenn tausende Menschen teilen, sind tausende Menschen auch betroffen.

Was ist noch schlimmer als Fakenews? Genau, Fake Bitches.

Was hilft? Pseudo-konstruktivistische Relativierung („Alles ist fake!“) eher nicht. Eher: Ernst nehmen. Hinschauen, lernen.

Lösungen offen diskutieren, ohne gleich „Zensur!“ oder „Wahrheitsministerium!!“ zu schreien. Und: Facebook muss Teil der Lösung sein.

Diese halben Gedanken zu #Fakenews in vielen Tweets.

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Dieses Jahr re:publica, das waren für mich wie immer viele gute Momente und vor allem drei Sessions.

Fangen wir mit dem affengeilen Spaß an: “Viel schönes dabei” – das Live-TV-Karaoke-Impro-Dingens. Mit Jeannine Michaelsen, Timo Maria Brandes, Johanna Maria Knothe und Marcel Mann. Eine Spitzenidee von vydy.tv. Noch ist das Format zu haben, Gebote werden angenommen.

 

Dann mein Vortrag über “Die Pubertät der Gesellschaft“. Bisher hat mir noch keiner nachweisen können, dass das alles ein Haufen Quark ist, den ich da erzähle. Insofern bleibe ich zuversichtlich, dass die Teenie-Society bald reifen wird.

 

Und natürlich das Eröffnungspanel “Gesellschaft – It´s broken, let´s fix it”. 

 

Nächstes Jahr dann ENDLICH der Vortrag: “Das Internet – Spaß oder Ernst?”.

Am Strand

Überall dieses Bild. Ein Dreijähriger liegt am Strand. Tot.
(Auf manchen Aufnahmen, beispielsweise den in England heute gedruckten, wird er von einem Uniformierten geborgen)

Es bilden sich schnell zwei Lager:
Endlich ein Bild, das aufzurütteln vermag? Das der bisher gesichtslosen „Flüchtlingskrise“ einen furchtbaren Ausdruck gibt? Der Pictorial Turn, das Ende des Wegschauens?
Oder verwerfliches Ausschlachten der letzten Würde ausgerechnet eines Kindes? Pornographie de la guerre (Baudrillard), die Leid voyeuristisch ausstellt? Grenzüberschreitung?
Während die einen sich aufregen, wie man dieses Bild teilen kann, und die anderen sich aufregen, wie eigentlich nicht, bin ich unentschlossen. Auch im Radio.
Wie man in der Sache steht, ist klar: Jeder Tote beschämt uns Europäer. Egal, wie alt. Egal, ob es von ihm ein solches Bild gibt. Und es gibt schon viel zu viele Bilder, die offensichtlich wenig bewirkt haben, wie Stephan Plöchinger schreibt.
Nicht überall ist das Thema so präsent wie hier in den letzten Monaten. In manchen Ländern, wie der Türkei oder England, mag nun dieses Bild eine längst überfällige Debatte auslösen. Es könnte zu einem Symbol einer Katastrophe werden, wie das vor dem Napalm fliehende Mädchen im Vietnam-Krieg.
Und vielleicht, wie Zeynep Tufekci berichtet, würden die Eltern deshalb darum betteln, dass man dafür sorgt, dass ihr Kind nicht umsonst gestorben ist.

 

Aber, und das sind keine rhetorischen Fragen: Braucht es deswegen Tweets, die ein solches Bild mit einem betroffenen Halbsatz um die Welt schicken? Am besten die Nahaufnahme, ohne den störenden Uniformierten, so dass man auch genau sehen kann, wie tot genau der Junge ist? Soll nun jeder von uns, der etwas dabei fühlt, und das sind wir fast alle, diesen denkbar stärksten visuellen Hebel nutzen? Um wen zu erreichen? Uns selbst? Unsere meist schon überzeugten Follower? Politiker, denen diese Schicksale seit Jahren egal sind?
Wo waren die jetzt moralisierenden Zeitungen so lange? Haben sie nicht auch oft gehetzt, auch gegen diesen Dreijährigen? Ist die Rolle der Medien nicht ähnlich zweifelhaft wie damals im Vietnam-Krieg, als Reporter neben dem schreienden Mädchen seelenruhig ihre Arbeit fortsetzten?
Und was haben wir vorher getan, was habe ich getan, vor diesem Bild, um den Tod dieses Kindes zu verhindern? Waren nicht zwischenzeitlich Griechenland, Bundesligastart und Hitzewelle wichtiger als die, die vor ihm gestorben sind?

 

Und ich denke: Wenn wir das Bild eines ertrunkenen Kindes brauchen, um Menschen nicht ertrinken zu lassen, dann kommt jede Ethik zu spät. Wenn die selbsterfüllende Prophezeiung vieler Medien eintrifft, dass dieses eine Bild ein Umdenken auslöst, dann hat sich die Medienethik selbst abgeschafft. Wenn es wirklich Leben rettet, dann bitte, druckt es, teilt es, plakatiert es, schickt es ins Weltall.
Aber dann haben wir wohl ein ganz anderes Problem als dieses Bild.

Auf dem Zündfunk-Netzkongress spreche ich über eine mögliche Ethik des Teilens. Freitag, 9.10., abends, im Volkstheater München. Vielleicht finden sich bis dahin ein paar Antworten.

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So. Anstrengend war´s. Und gut. Sehr gut. Ungefähr so wie dieser Moment:

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Dieses Jahr hatte die Kritik an der republica, wie sie zwangsläufig eine Veranstaltung von dieser Größe ereilt, wohl eine neue Stufe erreicht. Nicht relevant, nicht wirkmächtig, nicht fokussiert genug sei sie. Das schrieben manche vorher, manche mittendrin, manche kurz danach.
Nun.
Für mich als Speaker ist es natürlich wenig überraschend, solche Kritik zu kontern. Wäre ja auch komisch, wenn ich eine Veranstaltung, auf der ich spreche, nicht mindestens erträglich fände. Sicher, *wir* werden die Welt nicht in drei Tagen jährlich verändern. Es braucht viel mehr als drei Tage und 7000 Menschen, um etwas zu bewegen. Noch viel mehr Glaube, Liebe, Hoffnung und Koffein.
Und auch für mich sind ein guter Teil der Talks live nicht wirklich interessant, weil, Standardargument, ich mir den Inhalt schneller anlesen als anhören kann, die Performance nicht spitz genug ist, ich die Sachen entweder schon kenne oder sie mich nicht richtig interessieren. Trotzdem gibt es jedes Jahr diesen Christoph-Columbus-Moment: Man stolpert irgendwo rein, weil jemand schon da ist oder man eigentlich ganz woanders hinwollte, und hört kurz zu, bleibt, zückt das Telefon, um sich Notizen zu machen, merkt sich schlaue Sätze, die man klauen kann und vergisst den Kater, der einen bis dahin plagte. Das ist doch das pure Glück.

So kann ich nach genau diesen drei Tagen und Nächten nur jedem sagen: Komm hin, hör Dir zwei, drei gute Talks an (die findet man immer, zufällig oder geplant). Und dann stell Dich auf den Hof. Rede mit den Leuten. Trink ein Bier. Trink noch eins. Rede noch mehr, und vor allem: hör zu. Und wenn Du dann noch nicht davon überzeugst bist, dass hier etwas besonderes, etwas wertvolles, etwas wichtiges passiert, wenn Du davon gar nichts mitnimmst, dann liegt es womöglich auch an Dir.

Oder wie Felix Schwenzel schrieb:

“jeder findet im internet sein plaisir. irgendwo. nicht alles muss allen gefallen. es gibt angebote für den massengeschmack, aber eben auch genau das gegenteil. und wer nichts findet was ihm oder ihr gefällt, der macht einfach selber was. insofern bildet das programm der republica das internet — bzw. die gesellschaft — schon ganz gut ab.”

Dass die republica sich schon seit längeren “Die Konferenz. Das Ereignis.” nennt, scheint vielen, die sie dafür kritisieren, mehr Ereignis als Konferenz zu sein, nicht aufgefallen zu sein. Oder um mit Christoph Kappes zu sprechen: “…was ist so schwierig daran, die rp15 als kulturelles und soziales Ereignis zu sehen, mit pol. Einschlag?”

Oder, wieder Felix Schwenzel, genau einer der Menschen, wegen derer man hingeht: “von mir aus kann die republica gar nicht beliebig genug sein.”

[Ich hätte jetzt irgendwie Lust, diese Kritik an der republica als Beispiel für ein Meta-Phänomen zu sehen, für den narzisstischen Anspruch vieler Zeitgenossen, dass alles, was einen irgendwie entfernt interessiert, dann auch gefälligst genau so zu sein hat, wie man es gerne hätte. Und dass die wenigsten dieser Ansprüchler scheinbar eher nicht darüber nachgedacht haben, warum manche Sachen so sind wie sie sind, zumindest reflektieren sie nicht öffentlich, was ihre Thesen dazu sind. Auch überlegen sie nicht, was die Konsequenzen wären, wenn etwas wirklich so wäre wie sie es gerne hätten, was andere Leute dazu sagen würden, und was ihr eigene Ansprüche über sie selbst aussagen und ob sie diese Ansprüche, abstrahiert und individualisiert, selbst auch nur manchmal erfüllen, und warum nicht, vielleicht weil das quasi unmöglich ist, aber gut. Darum geht´s hier ja nicht.]

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Ich glaube ja fest daran, dass man, wenn man eine Bühne betritt, vor der Leute ein paar Minuten ihrer Zeit verbringen, verdammt noch mal unterhalten muss. Also: Unterhalten MUSS!
Das geht durch Inhalt, durch mehr oder weniger gelungene Gags oder durch Haltung, an der man sich reiben kann. Wenn ich alles drei ein bisschen verbinde und dabei nicht zu peinlich auf der Bühne rumgeister, bin ich´s zufrieden. Sehr erfreulich waren deswegen die Reaktionen auf meinen Talk “Die Abschaffung der Wahrheit”. Keiner fand´s langweilig oder die Stunde zu lang. Und noch hat sich keiner der Bilderberger beschwert.
Was ich wiederum von den Leuten, die sich hinterher mit mir drüber unterhalten haben, gelernt habe, hat sich locker gelohnt. Die talentierte Ms. Zilla hat sich zwar noch nicht gemeldet, obwohl wir so ein tolles Selfie für sie gemacht haben (s.o.). Aber vielleicht bastelt sie nur am nächsten Hoax, der pünktlich zum nächsten Jahr enthüllt wird. Oder gibt es sie gar nicht?

Darüber gesprochen habe ich u.a. auch bei Breitband von Deutschland Radio Kultur und bei dcptTV. Es berichteten u.a. t3n, die Berliner Zeitung, der Standard, die SWP.

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Die Diskussion zur Ethik des Teilens mit Stefan Niggemeier, Petra Grimm und Bernhard Pörksen war vielleicht für einige zu wissenschaftlich, zu langatmig, zu theoretisch. Aber genau dafür mag ich die republica: Sie probiert aus und will den Dingen auf den Grund gehen, ohne zu wissen wie tief das Wasser wirklich ist und ob man jemals ankommt.
Mal schauen, was aus der Idee von der Ethik des Teilens noch wird. Solche Theorien mal rauszulassen auf den Spielplatz mit den anderen Kindern und sie zu trösten, wenn sie Sand in die Augen bekommen hat oder nicht mitspielen darf, darum geht es doch. Nur so wachsen sie.

 

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Crowdfinanzierter Journalismus ist nicht zuletzt durch die Krautreporterz in aller Munde. Die Diskussion dazu mit André Meister (netzpolitik.org), Stephanie Lohaus (Missy Magazin), Sebastian Esser (Krautreporter) und Ines Pohl (taz) hat mir großen Spaß gemacht. Vier Leute, die auf ihre Art etwas mit ihren Projekten versuchen. Ich glaube mehr denn je, dass eine auf das jeweilige Projekt abgestimmte Mischfinanzierung Zukunft hat. Und dass es bald ein Berufsbild gibt: Crowdsourcer oder Mischkalkulations-Service-Officer oder so. Also eine Mischung aus Betriebswirt, Community Manager und Journalist. Damit die eigentlichen Journalisten das nicht selbst schultern müssen. Anyone up?

Das waren mal meine Sachen. Eine kleine Liste mit Empfehlungen kommt natürlich noch.

 

Überwachung macht krank

Im geschätzten Deutschlandfunk durfte ich eine ganze halbe Stunde über Überwachung reden. Warum sie krank macht und dumm. Warum wir etwas dagegen tun müssen.
Diesen Radio-Essay zum Nachhören und -lesen findet man hier.

Die Länge, das Format, die Reihe “Essay & Diskurs” fand ich sehr angenehm für ein solches Thema. Als Auftakt für eine fünfteilige Reihe “NetzKultur” die Überwachung zu wählen, zeugt davon, dass das Thema sehr wohl auch bei Menschen angekommen ist, die nicht Mate-trunken über die re:publica gondeln. Die ersten Reaktionen waren sehr positiv, sowohl aus der Netz-Ecke als auch von diesen anderen Menschen. Ich trendete damit zum ersten Mal auf Twitter, verrückt. Und zwei Bundestagsabgeordnete (bzw. ihre Twitter-Beauftragten) reagierten per Retweet/Favorit: Petra Pau und Saskia Esken. Genau DIE müssen wir noch besser erreichen.

Unzufrieden bin ich aber nach wie vor mit den konkreten Handreichungen. Was ich am Schluss aufzähle an Möglichkeiten des Einzelnen, bleibt immer noch zahnlos und beschränkt. Deswegen auch hier noch einmal der Hinweis auf die Guerilla-Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit, die einen entscheidenden Schritt weiter gehen. Wenn jemand einfällt, wie man die Überwachungsproblematik mit diesem “aggressiven Humanismus” verheiraten kann…

 

Das Experiment

Die schlechte Nachricht: Facebook hat 689003 User für einen Menschenversuch missbraucht.

Im Zuge einer kürzlich veröffentlichten Studie mit dem schönen Namen “Experimental evidence of massive-scale emotional contagion through social Networks”, die Facebook 2012 gemeinsam mit der Cornell University durchführte.

Die Forschungsfrage: Was passiert, wenn man das Ausmaß von positiven bzw. negativen Äußerungen in den Timelines und Newsfeeds der User erhöht?

Das Ergebnis: Wer mehr positives liest, postet mehr positives. Wer mehr negatives liest, postet negativer. Die ahnungslosen Probanden äußerten sich im Schnitt um 3% besser oder schlechter gelaunt. Damit ist bewiesen: Gefühle sind ansteckend. Auch im digitalen Raum.
Und: die User äußerten sich rein quantitativ mehr, je mehr gefühliges sie gelesen hatten. Was für ein soziales Netzwerk eine wichtige Information ist. Facebook manipulierte also die Gefühle seiner Nutzer um zu lernen, wie und warum diese aktiver werden.

Die gute Nachricht: Facebook macht genau das jeden Tag. Mit uns allen. Sie veröffentlichen es nur nicht. Aber ist das wirklich eine gute Nachricht? Und dürfen die das überhaupts?

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Facebook im Jahr 1907

Dürfen die das?

Facebooks Algorithmus – formerly known as “EdgeRank” (oder wie auch immer sie ihn momentan nennen) – bestimmt, was in welcher Gewichtung in den Newsfeed und die Timeline eingespeist wird und was nicht. Er wird fortlaufend optimiert. Dazu schauen die Nerds bei Facebook, wie in jeder Forschungs- und Entwicklungsabteilung, ziemlich genau hin, wie User auf welche Veränderung reagieren. Man will wissen, was sie annehmen und was nicht, beispielsweise welche Werbung unter welchen Umständen am besten “klickt”. Und das findet man nur heraus, indem man Thesen aufstellt und sie falsifiziert, am lebenden Objekt.

Eigentlich macht das jede Webseite und jeder Online-Händler. Sie nennen es “A/B-Testing“: Welche Alternative gefällt den Usern besser im Sinne von “wird mehr geklickt”? Ah, okay, die mit rosa, dann nehmen wir die. Achtung, stark vereinfachender Vergleich: Jeder Bäcker testet A/B, wenn er die Marmeladenfüllung seiner Croissants variiert und seine Kunden nach dem Verputzen der Hörnchen befragt, welches am besten geschmeckt hat.

Die jetzt veröffentlichte Forschung hat technisch also nichts anderes getan, als Facebook und jeder andere (fleißige) Dienstleister macht, sogar machen muss, um sein Angebot zu optimieren.Every ad based company exists to alter how you perceive the world” schreibt Andrew Ledvina, ein ehemaliger “Data Scientist” bei Facebook. 
Deswegen hat auch das hinzugezogene Institutional Review Board (IRB), das in den USA jede Forschung am Menschen absegnen muss, das Experiment zugelassen: Facebook führt vergleichbare Untersuchungen sowieso ständig durch, argumentierten die beteiligten Forscher.

Aber darf Facebook seine User der Wissenschaft überlassen?
Dieses spezielle Experiment, anders als Facebook-interne Forschung, hat ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse formuliert und entsprechende Ergebnisse veröffentlicht. Es hat nicht primär im Sinne des Produktes geforscht (das auch nicht immer unbedingt im Sinne des Nutzers sein muss), sondern im Sinne einer Forschungsfrage.
Die Nutzung der User(-Daten) zu Forschungszwecken war angeblich von den Facebook-AGBs abgedeckt. Als User erklärt man sich bereit, dass Daten und Profile für “for internal operations, including troubleshooting, data analysis, testing, research and service improvement” genutzt werden. Dass die AGBs “niemand” im Sinne von “fast niemand” liest, ist unser Problem, nicht das von Facebook. Dass der Zusatz “research” erst nach der Studie in die AGBs kam, schon. Facebook wird dennoch argumentieren, auch dieses Experiment diene letztlich der Verbesserung des Service (“service improvement”), weswegen es legal im Sinne der AGBs sei.
Für die Zukunft spielt das keine Rolle, denn jeder Anbieter wird einfach wie Facebook das unverfängliche Wort “research” in seine AGBs aufnehmen, um sich abzusichern. Daraus ergibt sich folgende Grafik:

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Hölle, Hölle, Hölle!

Kritisch an dieser eigentlich nur logischen Nutzung des Datenschatzes bleibt jedoch die “Manipulation” von Emotionen. Wie schon Wolle Petry klagte: “Das ist Wahnsinn. Du spielst mit meinen Gefühlen.” Was wäre, wenn  jemand der (negativ) manipulierten Personen sich oder anderen etwas angetan hätte? Hölle Hölle Hölle?
Wir introvertierten Emotionsverweigerer wissen: Gefühle empfinden und Gefühle ausdrücken ist nicht das gleiche. Und die Studie zielte auf einen minimalen Einfluss ab: “…the result was that people produced an average of one fewer emotional word, per thousand words.” Eine Veränderung des emotionalen Ausdrucks im Promillebereich kann schwer als massive Manipulation von Gefühlen gelten.
Und auch wenn das forschende Fingern an sogenannten “Sentimenten”, also Gefühlszuständen, auf den ersten Blick anrüchig erscheint (und auf den zweiten Blick auch wissenschaftlich mindervalide, aber das ist eine andere Geschichte): Ein Kaufreflex ist ebenso eine Gefühlsregung, ein Verlangen, das die Werbung gezielt reizt. Wo genau verläuft  die Grenze zwischen Manipulation zu Abverkaufszwecken, die oft nicht nur positive Gefühle anspricht, sondern Menschen auch gezielt ein schlechtes Gewissen macht, und der Manipulation zu Gunsten einer kommunikativen Aktivierung?

Im wissenschaftsethischen Sinne wiegt schwerer, dass die Teilnehmer nicht über die Studie informiert wurden, es also keinen “informed consent” gab, wie er bei Versuchen mit Menschen vorgeschrieben ist. Eine ethische Wissenschaft informiert freiwillige Probanden oder versucht, falls das Studiendesign die Unwissenheit der Probanden vorschreibt, sich über Dritte abzusichern und sie direkt nach dem Versuch zu informieren.
Und auch wenn Facebook ein von seinen AGBs geschütztes Unternehmen ist, gelten vom moralischen Standpunkt her die Regeln vergleichbarer wissenschaftlicher Unternehmungen. Zumindest für die Forscher. Sie hätten darauf bestehen müssen, dass keine Probanden ohne echte informierte Zustimmung Teil des Experimentes werden. Bis jetzt schweigen die Teile der Scientific Community jedoch, die betroffen sind. Wahrscheinlich, weil der Honigtopf der Big Data sie alle lockt. In Zukunft müssen sie sich die Frage stellen, welche Art von Big-Data-Forschung wissenschaftsethisch vertretbar ist.

Im Sinne unternehmerischer Fairness hätte Facebook eine einfache Abfrage vorschalten müssen, ob die User einverstanden sind, an solch einer Studie teilzunehmen. Es fänden sich sicher 700000, die sich der Forschung nicht nur durch AGBs legalisiert, sondern durch einen “informed consent” legitimiert zur Verfügung stellen. Und die Ergebnisse dieser Forschung müssten transparent allen zur Verfügung stehen. Was in diesem Fall passierte und paradoxerweise erst zur Empörung führte.

Aber warum fühlt sich das alles nicht nur falsch, sondern bedrohlich und böse an? Warum erledigt sich das Problem nicht, wenn Facebook das nächste Mal vorher nachfragt? Was passiert als nächstes?

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Der Kunde als Experiment

Subjektiv fühlt sich natürlich der Eingriff in die eigene “Privatsphäre” mies an. Meine Timeline, mein Newsfeed, mein Profil sind für mich privat. In diesem digitalen Abbild meines Soziotopes will ich der Souverän sein. Und normalerweise empfinde ich mich auch als solchen. Auch, weil Facebook mir suggeriert, ich könne per Einstellungen und Abos und Freundschaften und “Verbergen” weitgehend über “mein” Facebook bestimmen.
Was nicht richtig ist. Facebook bestimmt.
Es ist ihr Produkt.

So wie ein mit Marmelade gefülltes Croissant das Produkt eines Bäckers ist. Ich kann darauf verzichten, wenn es mir nicht schmeckt. Aber ich kann es nicht endgültig beeinflussen. Das letzte Wort hat immer der Anbieter. Und die Anbieter suchen emsig nach Möglichkeiten, den Datenschatz zu heben. Sie werden nicht aufhören, die Daten für alles zu gebrauchen, was man zulässt. Und offensichtlich schrecken sie dabei vor nichts zurück.
Langfristig an Gefühlen rumspielen ist etwas anderes als einen kurzfristigen Kaufreflex zu triggern. 700000 User schlechter gelaunt machen ist etwas anderes, als ihnen Viagra anzudrehen.

Und das ist genau die Lektion, die wir aus diesem ersten öffentlichen Fall eines Big-Data-Missbrauchs lernen sollten: Wir können keine digitale Fairness von profitorientierten Unternehmen erwarten. Inzwischen ist es eine alte digitale Weisheit:
Wenn etwas umsonst ist, bin ich nicht der Kunde. Sondern das Produkt.
Oder das Experiment.

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 Facebook im Jahr 1964

 

Heimliche Verführer

Das Facebook-Experiment lässt die Möglichkeiten dieser Unternehmen, aber auch der Politik und anderer Institutionen, die sich ihrer bedienen, erahnen. Sie machen mir Angst. Und erinnern Sebastian Deterding an eine Schöne Neue Welt: “Manipulations like these show how much power online companies like Facebook have over us, and filtering information by sentiment could keep us in a Huxleyan SNAFU bubble.”

Dieses “Social Engineering” auf Basis von Big Data macht uns alle zu Versuchskanninchen, um in unsere Köpfe zu schauen und unser Verhalten zu beeinflussen. Ja, das macht die Werbung seit Jahrzehnten. Aber sie hatte niemals die Macht der Big Data. Sie arbeitete mit groben Clustern, Sinus-Milieus, Zielgruppen. Nicht auf der Ebene der Individuen.
Und sie hatte niemals diese Effizienz: Die Studie wurde von drei Personen durchgeführt, “one member of Facebook’s own Core Data Science team and two university researchers from Cornell and UCSF”. Drei Menschen konnten 700000 andere Menschen studieren. Und das um einiges genauer, als es früher möglich war: “If the 20th century engineers of consent had magnifying glasses and baseball bats, those of the 21st century have acquired telescopes, microscopes and scalpels in the shape of algorithms and analytics,” vergleicht Zeynep Tufekci.

Genau jetzt, angesichts solcher Beispiele, ist die Zeit sich dagegen zu wehren, dass Akteure wie Facebook ihre Macht ausnutzen. Tufekci warnt: “…these large corporations (and governments and political campaigns) now have new tools and stealth methods to quietly model our personality, our vulnerabilities, identify our networks, and effectively nudge and shape our ideas, desires and dreams.”

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Facebook im Jahr 2024 (und im schwedischen Animationsfilm Metropia, von dessen Filmplakat der Ausschnitt stammt)

Facebook als Fernbedienung

Das ist das Problem an solchen Experimenten und an den Systemen, die sie erst ermöglichen: Nicht, dass sie illegal, fantasie- und absichtsvoll böse wären. Das sind sie nicht automatisch, auch wenn sie sich so anfühlen mögen.
Sondern, dass sie eben nur ein ganz kleiner Schritt von alltäglichen, legitimen Praktiken entfernt sind. Dass sie ein bisschen wie normale Werbung aussehen. Dass sie aufsetzen auf einer längst akzeptierten Realitätskonstruktion durch intransparente Anbieter. Dass sie auf Grund der Größenordnung und Heimlichkeit einerseits so effizient und andererseits so leicht zu verbergen sind. Dass sie unseren Kontrollverlust nicht erfinden, sondern nur ausnutzen.

Dieses “Social Engineering” ist gefährlich, obwohl oder gerade weil es per se nichts neues oder böses ist. Sondern weil es letztlich unsichtbare Kontrolle ermöglicht. Willensbildung wird weniger öffentlich, weniger bewusst, weniger selbstständig. Big Data, richtig (oder eher falsch) genutzt, wird zur Fernbedienung für unsere Köpfe.

Nichts im Netz ist objektiv oder neutral. Umso genauer müssen wir hinschauen, wer uns etwas warum für objektiv oder neutral verkaufen will. Und noch wichtiger: Nichts ist umsonst. Umso klarer müssen wir sehen, was es kostet.

tl;dr: Big Data kann missbraucht werden, wehret den Anfängen.

Verschlüsselkinder

2013: Der Mensch ist dem Menschen eine Wanze.

Sollen wir also unser Online-Dasein verschlüsseln? Mails codieren, IPs verschleiern, amerikanische Anbieter meiden (wie Innenminister Friedrich rät)? Sollen wir uns selbst beschränken, Daten sparen, nur noch Briefe schreiben, mit YPS-Zaubertinte? Können wir uns denn überhaupt anders gegen Ausspähung durch Geheimdienste fremder und eigener Nation wehren? Wer schützt uns, wenn nicht wir selbst?
Für unsere Politiker, auf unseren Schutz vereidigt und von unserer Gunst abhängig (echt jetzt!), scheint die Überwachung strategisch notwendig und persönlich nichts ungewöhnliches: “politiker, zumindest die etwas exponierteren, sind ständige überwachung und beobachtung gewohnt.” schreibt Felix Schwenzel. Von Marionetten der Aufmerksamkeit scheint wohl keine echte Gegenwehr zu erwarten, wenn Aufmerksamkeit perverse Formen annimmt. Zumal offenbar ein Großteil unserer politischen Größen von den jüngsten Skandalen wusste, was auch immer genau dahinter steckt, man will es gar nicht wissen.

Man will sich nur verstecken.

Auf den ersten Blick scheint die informationelle Aufrüstung also mündig und schlau. Motto: Wenn sie sowieso mitlesen, dann machen´s wir ihnen wenigstens so schwer wie möglich. Jacob Appelbaum vom Tor Project, einem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten, formulierte es letzte Woche berghainesk: “Don’t bareback with the internet. Don’t bareback with Big Brother. Use cryptography.” Sein Appell: Schützt euch vor den Immunkrankheiten des Netzes. Alles andere scheint töricht. Denn, Achtung: “Überwachung und Ausspionieren sind ein inhärenter Teil der digitalen Technik. Sie sind ein allgemeiner Habitus in der Welt, die ein digitales Panoptikum geworden ist. Jeder ist Big Brother und Insasse zugleich. Jeder ist Täter und Opfer zugleich”, meint zumindest Professor und professioneller Schwarzseher Byung-Chul Han herum. “War doch eh klar”, haben es plötzlich viele andere schon immer gewusst und üben sich in Zynismus.

Und die Hobby-Verschlüsselung ist ja keine Alchimie: Hilfreiche ServiceArtikel haben Konjunktur, Kryptographie ist das neue Stricken, let´s have a Prism Break. Schon boomen verschlüsselte Suchmaschinen wie Ixquick und sichere Mail-Dienste wie Posteo, feiern die Piraten NRW eine “Crypto-Party”, wollen “Hacker Helfen“. Bald schenkt man Kleinkindern einen eigenen Code zum ersten Tag in der Kryppe (namens “Verschlüsselkinder”), an Volkshochschulen wird “Krypto für Dummies” gelehrt und die Bundesregierung finanziert eine aufwändige Kampagne mit dem Titel: “Mach´s mit!”. Das fordert sogar Netzpolitik.org-Macher Markus Beckedahl, bisher kaum als Cyber-Pessimist aufgefallen. Ähnlich argumentiert auch Felix von Leitner (aka Fefe) und legitimiert seine Forderung nach Datendiät mit der alten Personaler-Legende: “Heutzutage kann man sich ja nirgendwo mehr auf einen Job bewerben, ohne dass die erst mal Facebook auf peinliche Party-Fotos durchstöbern.”

So weit, so Orwell (der hatte ja immerhin kürzlich Geburtstag).

Doch fragt man sich angesichts der Nonchalance der eilig Verschlüsselnden: Würden sie – dürfte die Polizei anlasslos Hausdurchsuchungen durchführen – eine Stahltür einbauen und das Klingelschild abmontieren? Wer lackiert sein Auto regelmäßig um, obwohl er keine Banken damit überfällt? Begegnet man Grundrechtsverstößen mit vorauseilender Selbstverteidigung? Kauft die Polizei dann nicht einfach mehr Rammböcke, bezahlt mehr Spitzel?

Die bittere Wahrheit ist: Individuelle Verschlüsselung dreht eine Negativ-Spirale. Individuell wie politisch.

Denn jeder bauernschlaue Geheimdienst wird (seiner Logik gemäß) folgern: Wer verschlüsselt, hat etwas zu verbergen. Geht man nach Prism und Tempora davon aus, dass Metadaten digitaler Kommunikation massenweise überwacht werden und im Muster- bzw. Verdachtsfall auch Inhalte gelesen werden, ist Verschlüsselung der sicherste Weg, sich “verdächtig” und Mails erst interessant zu machen. Ironischerweise findet man geheime Militär- und Geheimdiensteinrichtungen auf Google Maps nach einem ähnlich todsicheren Prinzip: Es sind die verpixelten Flecken in der frei sichtbaren Landschaft.
Wenn zwei Prozent der Nutzer  ihre Mails verschlüsseln und der Rest nicht, welche Mails werden dann bevorzugt näher analysiert? Wer zieht die Aufmerksamkeit von Streifenpolizisten auf sich: Die Fahrer mit den abmontierten Nummernschildern und getönten Scheiben – oder der unauffällige Rest? Am besten, man fährt gar nicht mehr, im Sinne der Datensparsamkeit, denn: “bei der benutzung von computern fallen unmengen daten an. so wie bei der benutzung von autos ortswechsel anfallen.” (Felix Schwenzel)

Will man also verdachtsloser Überwachung ernsthaft mit verdächtigem Verhalten oder Totstellen begegnen? Gibt man nicht damit indirekt den Naiven recht, die dieser Tage ernsthaft Sätze mit “Wer nichts zu verbergen hat…” in Kameras plappern (unverpixelt!)? Was für ein Menschen- und Staatsbild verrät das, wie verhalten sich demnach Obrigkeit und Bürger zueinander? Wie Wächter und Gefangener? Jäger und Hase? Hase und Igel?

Je mehr Menschen verschlüsseln, desto mehr “Legitimation” erfahren gigantische Überwachungsapparate. Wenn immer mehr Menschen weltweit ihre Kommunikation immer geheimer machen, braucht es der Logik der Exekutive nach auch immer mehr Geheimdienst, um trotzdem informiert zu sein. Im Moment der Verschlüsselung unverfänglicher Kommunikation lenkt man die Aufmerksamkeit von der eigentlich Wurzel des Übels ab: Dass unverfängliche Kommunikation massenhaft ausgespäht wird. Ganz zu schweigen von den Kollateralschäden der hohldrehenden Überwachungsschraube, die Michael Budde beschreibt: Mit massenhafter Ausspähung kann man vielleicht eine paar Verbrecher fangen, aber sicher auch “eine Großzahl falsch positiver Gefährder fabrizieren, also völlig harmloser Bürger, die vom Staat zu Unrecht als Gefahr gesehen werden.” Solche Fälle sind wiederum ein Grund, zu verschlüsseln, was mehr Überwachung fordert, was… usw. usf.

Und die digitale Elite, die sich nun radikalisiert? “Prism und Tempora könnten sich insofern als Geburtshelfer einer militanten Netzguerilla entpuppen – was letztlich die These bestärkt, dass unkontrollierte Geheimdienste immer genau das hervorbringen, was sie zu bekämpfen vorgeben”schließt Wolfgang Michal. Doch unter dem Vorwand, die Assanges und Snowdens dieser Welt zu jagen, wird eher mehr überwacht werden denn weniger.

UPDATE (weil wichtig): Spezifisch eingesetzte Kryptographie, die Whistleblower, politische Aktivisten gegenüber imperialen Mächten, Journalisten vor Überwachung schützt usw. usf. –> Nötig. Existentiell wichtig. Assange mag megaloman sein, ganz Unrecht hat er hier nicht. 

Es bleibt dennoch die ewige Dialektik des Informationswettrennens. Und wenn wir massenhaft mithecheln, statt massenhaft “Stopp!” zu rufen, sind wir mit dafür verantwortlich.

Gleichzeitig reißt Kryptographie einen neuen Grand Canyon in den Digitalen Graben zwischen Neuland-Nutzern und Nerds: Anonymität und Sicherheit wird zum Gut, das man sich leisten können muss – durch Know-How oder Geld. Die Doofen werden das Netz entweder lassen oder zu Spähvieh. Leicht überspitzt ausgedrückt: Meine Oma checkt openPGP nicht? Ab mit ihr nach Guantanamo!

Auch wenn es erstmal hilflos macht: Vorauseilender Selbstschutz ist der Anfang vom Ende des Netzes, wie wir es (als Ideal) kennen. Statt frei und anonym zu sein, wird es überwacht und verschlüsselt. Wie Marina Weisband in der WELT warnt: “Dann hat der Terror gewonnen.”  Denn Terror, das bezeichnet die durch Angst erzwungene Änderung meiner Lebensweise, schließt auch Felix von Leitner. Und Andreas Kissler unkt:  “Am Anfang wird die Unfreiheit sein. Der digitale Mensch wird in Ketten geboren.”

Politisch betrachtet behindert also Verschlüsselung den Kampf, den man eigentlich führen will und muss (und der so aussichtslos nicht ist). Weil Verschlüsselung zwar  anstrengend ist, aber definitiv nicht so anstrengend, wie dagegen auf die Straße zu gehen.
Selbstverständlich sollte man hygienisch mit Daten umgehen, Sensibles hüten, niemals diese ominöse Erbschaft in Nigeria antreten. Doch vor Ausspähung sollten nicht Verschlüsselung, sondern Gesetze schützen. Ansonsten wird aus Kryptographie bald das Kryptonit der Idee von einer informationellen Selbstbestimmung – und damit von Freiheit im Netz. Und man hätte wenig aus zwei Diktaturen gelernt.
Die Alternative? Endlich diese schweigende Mehrheit aktivieren, für die Überwachung und Verschlüsselung Nerd-Kram ist und bitte bleiben soll. Ihnen muss klar werden, dass sie verwanzt sind. Dass sie nicht passiv aushalten müssen. Dass auch Wanzen Rechte achten müssen.

Bisher hatte die digitale Generation wenig, wogegen sie geschlossen antreten konnte. Man stritt sich ein bisschen untereinander oder mit den netzfremden Eltern. Das gemeinsame politische Projekt fehlte.
Aber jetzt sind wir alle Verschlüsselkinder.

Neuland

“Das Internet ist für uns alle Neuland.” – Angela Merkel, 2013.

Was für ein Aufreger, was für eine Frechheit. Unsere Bundeskanzlerin wagt es im Jahr 2013 (Schock!), “fast zwanzig Jahre nach Helmut Kohls Datenautobahn” (Malte Spitz), die digitale Avantgarde einfach zu übergehen. Hätte sie nicht zumindest sagen können: “Für uns alle ist es Neuland, bis auf die Jungs und Mädels bei Twitter und so, die haben´s schon längst verstanden”?
Und das vor der ganzen Welt und Obama!

[UPDATE: Als erstes muss man ihre Assoziationen von wegen Feinde der Demokratie usw. usf., wie sie sie im O-Ton anhängt, dumm und gefährlich finden. Ohne wenn und aber.]

Man kann Merkels vorauseilende General-Amnestie für eine miese Netzpolitik und die Abhörerei durch US-amerikanische Geheimdienste feige und opportunistisch finden. Man kann ihr vorwerfen, sich absichtlich dumm zu stellen, statt Obama im Ritz wegen Prism in seinen Kaffee zu spucken. Man kann diese Worte nach Jahren der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung um das Netz doof und einer Kanzlerin nicht würdig finden. Man kann aus netzpolitischer Perspektive ihre Abwahl fordern und forcieren. Man kann ihre Worte twittern und retweeten und sich ganz fassungslos kopfschüttelnd der gemeinsamen Ablehnung dieser Ewiggestrigen versichern.

Aber wirklich falsch sind sie, wenn man mal die Eitelkeit der dabei vergessenen Erklärer abzieht, nicht.

Facebook ist neun Jahre alt. Twitter nur sieben. Ersteres ist seit ca. vier Jahren im Mainstream angekommen und vielen Menschen immer noch v.a. durch Boulevard-Hetze und einen Hollywood-Film ein Begriff. Twitter ist mit 2,4 Mio. Nutzer (total, nicht aktiv) in Deutschland noch eine Nische (Quelle). Vine, Instagram, Google Plus, Spotify etc. – alle jünger. Zugegeben, Mails und Bildergalerien und Pornos sind schon lange da. Aber sie sind eben auch nichts anderes als die Verlängerung analoger (Kultur)techniken mit digitalen Mitteln. Das Neuland, das in seinen Chancen und Risiken erst kartographiert werden muss, kennen auch die Earliest Adopter erst seit gestern, ach was, eher seit heute früh um sieben.

Dienste, die vor Jahren noch das Internet ausmachten, sind heute tot. Andere, die lange als das nächste große Ding gehandelt wurden, werden weiter gehandelt. Und immer wieder explodieren neue Anwendungen völlig unvorhersehbar. Jeder halbwegs ernstzunehmende Internet-, Medien oder Zukunftsfachmann sagt fröhlich “Keine Ahnung”, wenn man ihn nach den nächsten fünf, gar zehn jahren befragt. Alles andere ist dreist übertrieben bis gelogen.

Eigentlich wissen wir nichts.

Im Jahr 2003, also vor 10 Jahren, nutzte erstmals die Mehrheit der Deutschen das Netz. Und zwar weitgehend für ein bisschen Mails, ein bisschen Wettervorhersage, ein bisschen Schweinkram auf aol.de/erotik (Quelle: Nonliner 2003 und eigene Empirie). Und es sah so aus:

1016644_503666533037389_2142749212_nSymbolfoto: Das Internet. (Danke an Jane.)

Noch heute sind ganze Bevölkerungsschichten vom Internet as we might know it weit, weit weg – wenn überhaupt “drin”.

Natürlich trifft das eher nicht auf die verrückten Medienjunkies zu, die mehr oder weniger professionell auf Twitter agieren und anderen das Netz zu erklären versuchen. Natürlich meint das nicht die Journalisten, die Werber, die Programmierer, die Headhunter und die Pornoproduzenten, die schon vor Jahren online gehen mussten. Dass diese Digitale Avantgarde, zu der ich mich in Abstrichen qua Nutzung dazuzählen muss, jetzt so verlässlich beleidigt auf Merkels strategisch geschickte Selbstverdummung reagiert, zeigt erneut das Problem, das wir in Deutschland mit dem Netz momentan haben: Die einen sperren sich dagegen und damit gegen eine Zukunft, die komplizierter statt bequemer wird. Die anderen haben Gefallen an ihrem okkulten Wissen um das Netz (und an den Katzen-Memes) gefunden und verteidigen es eifersüchtig gegen unwissende Eindringlinge. Streng nach dem Prinzip Baumhaus, in das die einen nicht hoch kommen, die anderen aber auch lieber oben verhungern als ihnen eine Hand reichen würden.

Wenn alle nur die Hälfte jener Energie, die sie für das inzestuöse gegenseitige Kompetenzbeweise innerhalb der autoaggressiv pubertierenden Netzgemeinde aufwenden, für echte Vermittlungsarbeit nach außen verwenden würden, dann. Wenn mehr erklärt statt gewusst würde, dann. Wenn die eigene Meinungshoheit der grundsätzlichen Möglichkeit weichen würde, dass ein anderer dieses tolle Ding nicht so geil findet wie man selber, beispielsweise weil sein Job davon bedroht ist, dann. Wenn grundsätzlich weniger im Netz gemeint und mehr über das Netz gesprochen wird, dann.

Wer weiß, vielleicht würden dann Politiker Kritik gegenüber Lobby-Input entwickeln, mehr Bürger auf die Straße gehen, wenn sie online abgehört werden, weniger Boulevard-Titel über Facebook-Vergewaltiger (bzw. Qualitäts-Titel über Datenkraken und Cyberwar) erscheinen. Dann könnte sich eine Kanzlerin nicht mehr mit einem Satz voll zur Schau gestellter Unwissenheit aus einem internationalen Abhörskandal winden.

Weil mehr Leute sich eine echte Haltung, einen Kompass bei der vermeintlichen Urbarmachung dieser terra digitalica zutrauen würden. Es wäre, nach den unfassbar frustrierenden letzten Jahren der Netzpolitik und -diskurse, die ihren Namen nicht verdienen, einen Versuch wert.

Das Neuland, das die eitle Avantgarde für sich nicht gelten lassen will, obwohl sie auch oft genug im Trüben fischt und schwimmt, wenn es etwas schneller geht – dieses Neuland für “uns” liegt da draußen. Eben nicht ein paar Klicks weg. Sondern bei genau der Mehrheit, für die das Internet noch vornehmlich für Kontrollverlust, Unsicherheit und Cyberspacehackeridentitätsbetrugsgefahren steht. Diese Mehrheit würde den Satz mit dem Neuland wohl unterschreiben. Das ist das Problem.

Achtung, Pathos: Das Internet sind die Menschen. Und die lernen noch. Wer wirklich wahnsinnig schlau und zukunftsfähig sein will, hilft ihnen dabei.

tl;dr: Angela Merkel hat leider fast Recht.