Tweetstorm: #Fakenews

Seltsam: Viele „#Fakenews“-Relativierer reden von vielem, aber nicht davon, was wir bspw. in den USA massenhaft gesehen haben.

Beispiele für schief fokussierte Relativierung/Kritik hier oder hier.

Propaganda und Fehler und Lügen und Meinungen hätte es ja schon immer gegeben. Richtig. Aber was ist heute anders? Folgendes:

Es geht bei „Fakenews“ nicht um Fehler o. Meinungsfreiheit. Sondern um gezielte, massenhafte Manipulation mittels viraler Effekte.

Die extrem erfolgreich ist auf FB; teilweise erfolgreicher als jeder Journalismus. Siehe Buzzfeed zur US-Wahl.

Aktuell Merkel per Lüge anzugreifen ist keine „andere Meinung“. Sondern strategische Propaganda im Wahljahr.

Entweder aus monetärer oder ideologischer Motivation (oder beides). Goldgräber und Hetzer optimieren ihre Lügen auf Reichweite.

Nicht in Deutschland? Vgl. “Fall Lisa”: Lügen werden gezielt gestreut oder instrumentalisiert, u.a. Staatsmedien wie RT.

Die Folgen? In USA stürmte jemand wg. Fakenews mit einem Gewehr in eine Pizzeria. Wg. Lisa demonstrierten tausende. Genug Folgen?

Wirkung auf Meinungsbildung/Diskurs usw. schwer zu messen. Aber wenn tausende Menschen teilen, sind tausende Menschen auch betroffen.

Was ist noch schlimmer als Fakenews? Genau, Fake Bitches.

Was hilft? Pseudo-konstruktivistische Relativierung („Alles ist fake!“) eher nicht. Eher: Ernst nehmen. Hinschauen, lernen.

Lösungen offen diskutieren, ohne gleich „Zensur!“ oder „Wahrheitsministerium!!“ zu schreien. Und: Facebook muss Teil der Lösung sein.

Diese halben Gedanken zu #Fakenews in vielen Tweets.

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Dieses Jahr re:publica, das waren für mich wie immer viele gute Momente und vor allem drei Sessions.

Fangen wir mit dem affengeilen Spaß an: “Viel schönes dabei” – das Live-TV-Karaoke-Impro-Dingens. Mit Jeannine Michaelsen, Timo Maria Brandes, Johanna Maria Knothe und Marcel Mann. Eine Spitzenidee von vydy.tv. Noch ist das Format zu haben, Gebote werden angenommen.

 

Dann mein Vortrag über “Die Pubertät der Gesellschaft“. Bisher hat mir noch keiner nachweisen können, dass das alles ein Haufen Quark ist, den ich da erzähle. Insofern bleibe ich zuversichtlich, dass die Teenie-Society bald reifen wird.

 

Und natürlich das Eröffnungspanel “Gesellschaft – It´s broken, let´s fix it”. 

 

Nächstes Jahr dann ENDLICH der Vortrag: “Das Internet – Spaß oder Ernst?”.

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So. Anstrengend war´s. Und gut. Sehr gut. Ungefähr so wie dieser Moment:

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Dieses Jahr hatte die Kritik an der republica, wie sie zwangsläufig eine Veranstaltung von dieser Größe ereilt, wohl eine neue Stufe erreicht. Nicht relevant, nicht wirkmächtig, nicht fokussiert genug sei sie. Das schrieben manche vorher, manche mittendrin, manche kurz danach.
Nun.
Für mich als Speaker ist es natürlich wenig überraschend, solche Kritik zu kontern. Wäre ja auch komisch, wenn ich eine Veranstaltung, auf der ich spreche, nicht mindestens erträglich fände. Sicher, *wir* werden die Welt nicht in drei Tagen jährlich verändern. Es braucht viel mehr als drei Tage und 7000 Menschen, um etwas zu bewegen. Noch viel mehr Glaube, Liebe, Hoffnung und Koffein.
Und auch für mich sind ein guter Teil der Talks live nicht wirklich interessant, weil, Standardargument, ich mir den Inhalt schneller anlesen als anhören kann, die Performance nicht spitz genug ist, ich die Sachen entweder schon kenne oder sie mich nicht richtig interessieren. Trotzdem gibt es jedes Jahr diesen Christoph-Columbus-Moment: Man stolpert irgendwo rein, weil jemand schon da ist oder man eigentlich ganz woanders hinwollte, und hört kurz zu, bleibt, zückt das Telefon, um sich Notizen zu machen, merkt sich schlaue Sätze, die man klauen kann und vergisst den Kater, der einen bis dahin plagte. Das ist doch das pure Glück.

So kann ich nach genau diesen drei Tagen und Nächten nur jedem sagen: Komm hin, hör Dir zwei, drei gute Talks an (die findet man immer, zufällig oder geplant). Und dann stell Dich auf den Hof. Rede mit den Leuten. Trink ein Bier. Trink noch eins. Rede noch mehr, und vor allem: hör zu. Und wenn Du dann noch nicht davon überzeugst bist, dass hier etwas besonderes, etwas wertvolles, etwas wichtiges passiert, wenn Du davon gar nichts mitnimmst, dann liegt es womöglich auch an Dir.

Oder wie Felix Schwenzel schrieb:

“jeder findet im internet sein plaisir. irgendwo. nicht alles muss allen gefallen. es gibt angebote für den massengeschmack, aber eben auch genau das gegenteil. und wer nichts findet was ihm oder ihr gefällt, der macht einfach selber was. insofern bildet das programm der republica das internet — bzw. die gesellschaft — schon ganz gut ab.”

Dass die republica sich schon seit längeren “Die Konferenz. Das Ereignis.” nennt, scheint vielen, die sie dafür kritisieren, mehr Ereignis als Konferenz zu sein, nicht aufgefallen zu sein. Oder um mit Christoph Kappes zu sprechen: “…was ist so schwierig daran, die rp15 als kulturelles und soziales Ereignis zu sehen, mit pol. Einschlag?”

Oder, wieder Felix Schwenzel, genau einer der Menschen, wegen derer man hingeht: “von mir aus kann die republica gar nicht beliebig genug sein.”

[Ich hätte jetzt irgendwie Lust, diese Kritik an der republica als Beispiel für ein Meta-Phänomen zu sehen, für den narzisstischen Anspruch vieler Zeitgenossen, dass alles, was einen irgendwie entfernt interessiert, dann auch gefälligst genau so zu sein hat, wie man es gerne hätte. Und dass die wenigsten dieser Ansprüchler scheinbar eher nicht darüber nachgedacht haben, warum manche Sachen so sind wie sie sind, zumindest reflektieren sie nicht öffentlich, was ihre Thesen dazu sind. Auch überlegen sie nicht, was die Konsequenzen wären, wenn etwas wirklich so wäre wie sie es gerne hätten, was andere Leute dazu sagen würden, und was ihr eigene Ansprüche über sie selbst aussagen und ob sie diese Ansprüche, abstrahiert und individualisiert, selbst auch nur manchmal erfüllen, und warum nicht, vielleicht weil das quasi unmöglich ist, aber gut. Darum geht´s hier ja nicht.]

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Ich glaube ja fest daran, dass man, wenn man eine Bühne betritt, vor der Leute ein paar Minuten ihrer Zeit verbringen, verdammt noch mal unterhalten muss. Also: Unterhalten MUSS!
Das geht durch Inhalt, durch mehr oder weniger gelungene Gags oder durch Haltung, an der man sich reiben kann. Wenn ich alles drei ein bisschen verbinde und dabei nicht zu peinlich auf der Bühne rumgeister, bin ich´s zufrieden. Sehr erfreulich waren deswegen die Reaktionen auf meinen Talk “Die Abschaffung der Wahrheit”. Keiner fand´s langweilig oder die Stunde zu lang. Und noch hat sich keiner der Bilderberger beschwert.
Was ich wiederum von den Leuten, die sich hinterher mit mir drüber unterhalten haben, gelernt habe, hat sich locker gelohnt. Die talentierte Ms. Zilla hat sich zwar noch nicht gemeldet, obwohl wir so ein tolles Selfie für sie gemacht haben (s.o.). Aber vielleicht bastelt sie nur am nächsten Hoax, der pünktlich zum nächsten Jahr enthüllt wird. Oder gibt es sie gar nicht?

Darüber gesprochen habe ich u.a. auch bei Breitband von Deutschland Radio Kultur und bei dcptTV. Es berichteten u.a. t3n, die Berliner Zeitung, der Standard, die SWP.

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Die Diskussion zur Ethik des Teilens mit Stefan Niggemeier, Petra Grimm und Bernhard Pörksen war vielleicht für einige zu wissenschaftlich, zu langatmig, zu theoretisch. Aber genau dafür mag ich die republica: Sie probiert aus und will den Dingen auf den Grund gehen, ohne zu wissen wie tief das Wasser wirklich ist und ob man jemals ankommt.
Mal schauen, was aus der Idee von der Ethik des Teilens noch wird. Solche Theorien mal rauszulassen auf den Spielplatz mit den anderen Kindern und sie zu trösten, wenn sie Sand in die Augen bekommen hat oder nicht mitspielen darf, darum geht es doch. Nur so wachsen sie.

 

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Crowdfinanzierter Journalismus ist nicht zuletzt durch die Krautreporterz in aller Munde. Die Diskussion dazu mit André Meister (netzpolitik.org), Stephanie Lohaus (Missy Magazin), Sebastian Esser (Krautreporter) und Ines Pohl (taz) hat mir großen Spaß gemacht. Vier Leute, die auf ihre Art etwas mit ihren Projekten versuchen. Ich glaube mehr denn je, dass eine auf das jeweilige Projekt abgestimmte Mischfinanzierung Zukunft hat. Und dass es bald ein Berufsbild gibt: Crowdsourcer oder Mischkalkulations-Service-Officer oder so. Also eine Mischung aus Betriebswirt, Community Manager und Journalist. Damit die eigentlichen Journalisten das nicht selbst schultern müssen. Anyone up?

Das waren mal meine Sachen. Eine kleine Liste mit Empfehlungen kommt natürlich noch.

 

Indianer

Der AfD Kreisverband Rhein-Sieg twitterte auf seinem Account am 18.6.14 folgenden Tweet (auf den ich wiederum zufällig auf der Seite AfD Info stieß):

 

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Von dieser unmittelbaren Gefahr für das deutsche Ur-Volk sollten auch meine Follower wissen, also verbreitete ich den Tweet weiter. Daraus entspann sich eine kurze, aber lehrreiche Konversation mit der AfD Rhein-Sieg:

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Ich warte noch auf eine Eingebung, wie man diesen Vergleich angemessen abgrätscht. In der Zwischenzeit kann man kurz per Bewegtbild (ich nenne es “Videoschmock”) nachschauen, wie meine Meinung zu dem Thema Asyl, Zuwanderung und Flüchtlinge lautet. Und was Satire vielleicht sein kann, wenn sie nicht als vermeintliche Tarnung eines strohdummen Ausländerhasses dienen muss.

Flüchtlinge, Asyl und fliegende Teppiche — Videoschmock 6

Warum ist Syrien nicht für die WM qualifiziert? — Videoschmock 7

 

UPDATE: Jemand (und auch tp in den Kommentaren) hat den selben Spruch bei der NPD entdeckt.

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Warum macht Überwachung impotent? Welche neuen Geschichten können wir gegen Überwachung erzählen? Und wird man zum gläsernen Bürger, wenn man sich auf eine Flasche setzt? Über all das durfte ich auf der re:publica sprechen. Es war, mal ganz unironisch formuliert (die Autokorrektur beharrt hier auf “unerotisch”!), großartig und eine Ehre, neben all diesen tollen Speakern auftreten zu dürfen. Die besten Sessions besinge ich später auch noch hier, logisch.

Downer: Die Zuschauer mussten vor “meiner” Bühne alle Kopfhörer tragen, es gab keine Lautsprecher. Deswegen ist alles eher leise auf dem Video. Gelacht wurde trotzdem, ehrlich, man hört es nur nicht.

Upper: Der rattendichte Politikstudent, der mir nachts um den Hals fiel mit den  Worten: “Endlich sagt´s mal einer!” Die vielen positiven Reaktionen, und sei es auch nur der Nebensatz von wegen Wikipedia und Bibel, der sofort viral ging. Das Gefühl, vor Menschen gesprochen zu haben, die verstehen, was auf dem Spiel steht, und Lust haben, etwas zu tun.

Also, meine Aktionskunstperformance mit dem maximal bescheuerten Titel “Überwachung macht impotent – Neue Narrative gegen Überwachung” als Video:

Ich habe das Gefühl, besonders die professionellen Vermittler, also die sogenannten Journalisten, waren neugierig auf meinen Ansatz. Sofort durfte ich verschiedenen Medien erklären, was genau ich jetzt eigentlich damit gemeint habe und wer genau impotent ist. Und viele haben sich aus dem Vortrag ganz korrekt ihre Lieblingszitate rausgesucht und  weiterüberlegt, was man machen könnte. Hier meine kleine, vermutlich nicht ganz vollständige Presse- und Blogschau: Zündfunk (BR), Frankfurter Rundschau, Stuttgarter Zeitung, Rhein-Zeitung, t3n, ZEITonline, webmagazin.de, br.de, wdr.de, Handelsblatt, Der Standard, Juna im Netz, mspro, Kaffeeringe, theonet.de, bullenscheisse, danielbroeckerhoff.de, Jungle World, BR5, Sendezentrum-Sondersendung und zu guter letzt sogar die geschätzte 3sat Kulturzeit (in einer Sendung mit Gerhard Richter und Herlinde Koelbl).

Zudem hat Felix Schwenzel meinen Vortrag gewissermaßen als spontanen Aufhänger für seinen Vortrag genutzt. Sehr Sehens-/lesenswert.

Und zusammen mit Markus Löning habe ich für die Netzdebatte, also quasi die Sendung der Bundeszentrale für politische Bildung von der re:publica, ein bisschen laut herumgedacht:

Nun ist der wichtigste deutsche Internet-Konvent vorbei. Was habe ich gelernt? Einiges. Zum Beispiel dass American Spirit nicht meine Zigarettenmarke wäre. Dass Witze über die Bibel mit Abstand am besten ankommen. Dass die “Netzgemeinde” wach und trinkfest ist.

Vor allem aber, dass es höchste Zeit ist zu verstehen, wie wenig die Überwachungsproblematik  mit dem Internet zu tun hat. Das Internet wird nur dafür missbraucht. Nicht das Netz, sondern die Demokratie ist kaputt. Oder besser: krank. Überwachung und Geheimdienste sind Autoimmunerkrankungen, die sich gegen das gewendet haben, was sie schützen sollen: die Gesellschaft. „Uns“ fällt die Aufgabe zu, den Anstoß zur Reparatur zu geben. Dazu braucht es eine Lobby, einen gesellschaftlichen Hebel und viel, viel Leidensfähigkeit.
Wenn wir nicht locker lassen, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis das Netz frei ist. Wenn wir locker lassen, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Demokratie ernsthaften Schaden nimmt.

Noch hat uns die Überwachung nicht impotent gemacht.

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Olympia in Sotschi bedeutet: Offene Diskriminierung von Homosexuellen. Was unter Kanzlerin Merkel ja eine gewisse Tradition hat, schwuler Ex-Außenminister hin oder her. Putin will eben seine Kinder vor Ansteckung schützen. Und Olympia ist bekanntlich nicht politisch. Da hilft nur noch Satire.

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2014: Sozialtouristen überfluten das Lampedusa Deutschlands, den armen Freistaat Bayern. Die Vorratsdatenspeicherung liegt wie Merkel und Schumi auf Eis, und Cristiano Ronaldo liebt sich selbst. Wenigstens sind die Bierpreise stabil abgesprochen.

Neue Narrative

Das Internet sei kaputt, schreiben sie. Die Politik sei kaputt, die Diplomatie, die Wirtschaft, vielleicht sogar die Demokratie. Und meinen doch nur: Es wird nicht gemacht, was wir wollen. Es wird gemacht, was eine Mehrheit will. Zumindest in Deutschland hat eine satte Mehrheit die zwei Parteien gewählt, die nicht nur bisher Überwachung von außen und innen zugelassen haben, sondern die auch den Ausbau der Überwachung planen. Wie das? 40% der Deutschen finden staatliche Überwachung explizit gut. Nur 47% fühlen sich dadurch eingeschränkt. 48% haben “nichts zu verbergen”. 76% sehen keine “persönlichen Nachteile” darin. Unter den 13 wichtigsten politischen Problemen taucht Überwachung nicht auf.
Tja.
[EDIT: Nach Hinweis von MrJingles in den Kommentaren: Die Abfrage der Themen war gestützt, “Überwachung/Datenschutz” o.ä. kam nicht vor. Diese Angaben sammeln sich unter “Sonstiges” mit 1%. So taugt die Umfrage natürlich nur bedingt. Tabellen siehe hier]

Die momentan modische Resignation offenbart ein seltsames Staatsbild. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt: Die “Politik” ist nicht unser Feind, der Staat nicht unser Gegner. Auch in der vielbesungenen Postdemokratie müssen diese Institutionen uns dienen. Und mit uns ist in diesem Fall ausnahmsweise das ganze Volk gemeint. Nicht eine Elite, die es gerne besser weiß. Sondern die Masse, die Wahlen entscheidet. Lobbyismus und Bürokratie hin, entfesselte Geheimdienste her – die Reizreaktion bleibt eine denkbar simple: Wenn morgen eine Million Menschen auf die Straßen gehen, werden die machtängstlichen Politiker übermorgen reagieren. Wenn vorgestern ein japanisches Atomkraftwerk in die Luft fliegt, will unsere opportunistische Kanzlerin gestern den Atomausstieg.
Umweltschutz als politisches Ziel existierte quasi nicht, bis eine Minderheit die Mehrheit dafür aktivierte. Sie fingen ähnlich chaotisch an wie die digitalen Aktivisten heute. Und wenn sie es nicht geschafft hätten, einer breiten Masse  zu vermitteln, warum Umweltschutz auch in ihrem Interesse ist, wären diese langhaarigen Pioniere und ihre Ziele heute vermutlich vergessen. Auch Abrüstung schmeckte weder der politischen noch der wirtschaftlichen Elite des kalten Krieges. Als Millionen dafür demonstrierten, bewegte sich dennoch mehr als viele Zeitgenossen für möglich gehalten hätten.

Veränderung ist eine Espressokanne: Der Druck muss hoch genug sein. Sonst kommt nichts raus.
Wer denkt, der Kampf sei schon verloren, hat die Demokratie missverstanden. Wer jammert, man könne allein ja doch nichts ändern, ist nur zu faul oder zu feige, zum gemeinen Volk herabzusteigen. Wer den Versuch naiv nennt, ist selber zynischer als jeder Lobbyist. Die Behauptung, man hätte keine Chance, ist entweder Verschwörungstheorie, Minderwertigkeitskomplex oder falsch verstandenes Märtyrertum.

Überwachung ist böse, und sie existiert doch. Massenhaft, global. Das ist sehr schlecht, und leider scheinen das die meisten Menschen in diesem Land anders zu sehen – oder ihr Haustier ist ihnen wichtiger. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, müssen wir ihnen womöglich die Haustiere wegnehmen. Oder uns fragen: Wie kann man sie endlich dazu bringen, Überwachung ebenso leidenschaftlich abzulehnen wie wir ach so aufgeklärten Wissenden? Bisher haben alle Appelle, Parolen, Artikel und Demonstrationen eher wenig genutzt. Die lethargische Kraft des “ich habe nichts zu verbergen”, die vermeintlich abstrakte Ferne des Problems und die Lügen der Geheimdienste waren stärker. Es bräuchte also vielleicht neue Erzählungen, gestützt von kraftvollen taktischen Argumenten, um die Menschen zu überzeugen und zu mobilisieren. Denn sobald eine Mehrheit dagegen ist, sobald sich eine große soziale Bewegung und nicht nur eine zerstrittene Avantgarde formiert, reagiert sogar die zynischste Politik – oder besser: besonders die. Denn sie lebt von der Mehrheit und nichts anderem.

Deswegen lauten die Fragen, die wir uns stellen müssen, bevor wir aufgeben: Wie können wir die Narrative gegen Überwachung stärker, eindrücklicher, valider machen? Wie langweilen wir weniger und berühren mehr? Was kann man aus der Geschichte, aus psychologischer und soziologischer Forschung gegen Überwachung ins Feld führen? Was ist empirisch belegt (Spoiler: Einiges. Es redet nur komischerweise niemand drüber)? Macht Überwachung krank, zerstört sie Gesellschaften, schädigt sie das Rückenmark?

Was ist die große, wirkmächtige Killer-Geschichte, die wir gegen Überwachung erzählen müssen?

tl;dr: Aktiviert man die Massen, ist alles möglich. Dazu braucht es neue narrative Munition.

Hochzeit

Am Wochenende bin ich auf einer Hochzeit eingeladen. Es wird ein rauschendes Fest, das volle Programm: Standesamt, Essen, Eskalation. Kleider, Krawatten, Brautstrauß, Ringe. Nervöse Trauzeugen, weinende Eltern. Ein Brautpaar.

Es trauen sich zwei Menschen, die durchaus noch herumrocken könnten. Die noch nicht fertig oder langweilig, sondern ständig in Bewegung sind. Dass sie sich aneinander binden, offiziell und im großen Kreis, dass sie sich ihrer Liebe versichern und versprechen, es gut miteinander zu meinen, ist groß. Um so größer, da sie scheinbar einer aussterbenden Art angehören. Denn ihre Hochzeit ist diesen Sommer die einzige für mich. Und die erste im Freundeskreis seit Jahren. Obwohl ich jetzt in dem Alter bin, in dem Paare sich endgültig einander binden, kenne ich nur zwei, die es auch amtlich tun.

Die Statistik lügt nicht: Die Zahl der jährlichen Eheschließungen in Deutschland hat sich seit 1950 fast halbiert. Relativ zur Einwohnerzahl ist sie sogar von 11 Hochzeiten pro 1000 Einwohner auf 4,6 gesunken.

Klar, heute ist alles im Fluss. Die serielle Monogamie schaltet eine Partnerschaft nach der anderen. Vieles kann, nichts muss. Aber eigentlich müsste doch gerade deswegen das Fest zu Ehren liebevoller Partnerschaft boomen, oder? Immerhin dürfen wir endlich, wie wir wollen: Ohne Mitgift zu zahlen, ohne sozialen Aufwärtszwang, ohne religiöse Kompatibilitäten beachten zu müssen. Um hinterher monogam oder in der so genannten “wilden” Ehe zu leben. Mit oder ohne Ritualen, Trinkspielen, Hochzeitswalzer. Ohne oder mit Pfarrer, Rabbi, DJ. In diesem Fall hat der Bräutigam für den Sektempfang nach dem Standesamt eine klare Regel gesetzt: Es läuft Techno, und jedes Mal, wenn ihn jemand bittet die Musik leiser zu stellen, macht er sie ein bisschen lauter.

Bis alle tanzen.

Heute darf eben jeder heiraten, wie er will. Doch selbst eine nach Gefallen spinnbare Hochzeit ist für viele offenbar keine Option. Sie beziehen stattdessen gemeinsame Wohnungen, kaufen Autos und bekommen Kinder. Sie wollen alles miteinander. Außer heiraten. Wozu, fragen sie, ist doch alles gut, auch ohne Ringe? Als bliebe ihre gelebte Liebe, so lange sie nicht verheiratet sind, ein Spiel. Als könnten sie ohne Trauschein jederzeit sagen: Ach, das Auto, die Wohnung, die fünf Jahre, das Kind – es war ein Fehler! Komm, lassen wir das, mach´s gut.

Früher war die Hochzeit genau deswegen der wichtigste Tag im Leben: Man legte sich fest. Ab dem Tag der Hochzeit lief alles nur noch mit diesem einen Menschen. Haus, Hof und Kinder waren an ihn oder sie gebunden oder überhaupt erst möglich, denn offiziell galt: Ohne Ehepartner kein Sex, keine Kinder, keine eigene Familie, keine vollwertige gesellschaftliche Teilhabe, keine Alterssicherung. Die Hochzeit stellte die zweite große Weiche nach der Geburt. Von ihr hing sozialer Status – und was man so „Glück“ nannte – entscheidend ab.

Aber Tradition und Religion haben die Ehe in unser säkularisierten Gesellschaft nicht mehr unter Kontrolle. Die Hochzeit hat sich wie die Beerdigung als Ritual emanzipiert von einer Kirche, die sie lange genug zugunsten ihrer Deutungshoheit und gesellschaftlicher Vormacht instrumentalisiert hat. Spätestens unsere Generation weiß, dass den Ehebrecher kein himmlisches Strafgericht erwartet. Scheidung ist kein Sakrileg, sondern eher eine bürokratische Wurzelkanalbehandlung – unschön, aber manchmal notwendig. Man kann sich aus freien Stücken dafür und irgendwann wieder dagegen entscheiden, ohne die Ehe an sich abzuwerten. Ihre Mythologisierung ist überwunden.

Die Ehe dient endlich uns, nicht wir ihr.

Vielleicht befürchten Heiratsunwillige angesichts ihrer Verhandelbarkeit , dass eine Ehe sie entromantisieren, quasi alle Romantik auf einmal aufbrauchen würde. Dass die große Entscheidung füreinander die täglichen kleinen Zugeständnisse und Kompromisse, die viel schwerer fallen, entwertet. Dass eine Hochzeit die Beziehung eher schlechter als besser macht, weil man sie unter Druck setzt. Weil die Eheschließung die scheinbar wichtige Illusion nimmt, dass man sich noch nicht entschieden hat.

Oder ist die Aussicht noch pessimistischer? Irgendwann betrügt man sich ja sowieso, denken viele und sagen wenige. Diese ultimative Verletzung ist ohne Ehering sicher leichter zu ertragen – und als Fremdgänger muss man weniger ausziehen. Unverheiratete rechnen kühl: Wer seine Beziehung nicht erhöht, fällt nicht so tief. Scheidungskinder wissen Bescheid.

Doch der Verzicht auf die Hochzeit als Konfliktprophylaxe ist ein Missverständnis. Wer gut zueinander ist, ist es auch ohne Trauschein. Und mit. Die Wahrheit ist: Eine Hochzeit ändert nichts. Und das ist okay so.

Ehe-Verweigerer sind oft die wortwörtlich konservativ Liebenden, weil sie einerseits an einem Bild der Ehe hängen, das zum Glück längst out ist. Und andererseits die Erfahrungen vergangener Generationen (Betrug, Scheidung, Gewalt, offene Zahnpastatuben) in die Zukunft projizieren. Weil sie vielleicht nicht daran glauben, dass sie eine Ehe mit eigenen Werten füllen können, jenseits von Selbstaufgabe und Scheinheiligkeit. Weil sie das, was sie haben, nicht vermeintlich aufs Spiel setzen möchten. Weil sie sich nicht festlegen wollen, um nicht aufs Kreuz gelegt zu werden. Das ist verständlich und vor allem menschlich. Weil länger lebt, wer vom schlimmsten Fall ausgeht.   

Und liegt vielleicht auch daran, dass das Event Hochzeit zwar in Kultur und Medien stattfindet, aber nicht cool ist. Für alle sichtbar heiraten Prominente (oft zum dritten Mal) und Adlige (oft bedingt freiwillig) – besonders pompös und besonders wenig nachahmenswert. Ein Hauch von Zwang und Narzissmus umweht ihre Trauungen. In Zeiten inflationärer öffentlicher Bekenntnisse im Netz ist das einmalige Bekenntnis zur Liebe seltsamerweise out. Die längst überfällige Einführung der  gleichgeschlechtlichen Ehe brachte einen Schwall politikverdrießender Schwachsinnigkeiten von konservativen Betonköpfen mit sich. Meist regiert kulturell das alte Modell von Fremdbestimmung und Unfreiheit, von naiver Gegenwartsfixierung: Welcher Film zeigt schon den Kater am nächsten Morgen, welcher gar den Alltag? Hochzeit wird inszeniert als Kitsch und Romantic Comedy, im besten Falle untrügliches Zeichen für ein Happy End. Ihr fehlt medial die Tiefe. Sie wird überzeichnet und dadurch banalisiert, bis man vergisst, was sie eigentlich meint.

Und fragt man an einen Pop-Song zum Thema Hochzeit, wird meisten wird die ewige White Wedding einfallen. Billy Idol. 80er Glam-Rock.

Kurz: Es fehlen die positiven Vorbilder und die good vibes. Die Hochzeit hat ein Image-Problem. „Fest der Liebe“? So nennt man Weihnachten.
Nur wenn ausgerechnet Altkanzler Helmut Kohl Trauzeuge einer Homo-Ehe ist, gewinnt die Hochzeit endlich wieder die verdiente Strahlkraft und ruft: Seht her, die Liebe im dritten Jahrtausend ist frei!

Heute wird die Geburt eines (ersten) Kindes als einschneidenderes Erlebnis nominiert, aber aus nahe liegenden Gründen selten gefeiert. Dafür zelebriert man runde Geburtstage wie Inthronisationen, wie Voodoo-Zauber gegen die Todesangst. Und unabhängig von wichtigen Daten hat sich eine Kultur des “Feierns” entwickelt. Ein offensiver Hedonismus der Clubs und Festivals, der zwar exzessiv ist, aber anlasslos. Niemand braucht einen Grund, um im Berghain auszuflippen. Man kann einfach das Leben feiern. Oder auch nicht.

Mit all diesen Festen wetteifert die Hochzeit als Event. Und spielt doch außer Konkurrenz. Denn sie hat etwas magisches an sich, das keine andere Festivität erreicht: Der kollektive Konsens aller Anwesenden, aus genau dem richtigen Grund zusammen zu sein. Was bitte kann man besseres zelebrieren als die Liebe? Und wieso damit warten, bis man alt und müde ist? Lieber die Party schmeißen, solange die Liebe noch frisch ist und die Gäste eskalieren können und wollen. Solange man einem großen Kreis einander verbundener Menschen etwas einmaliges schenken kann. Solange noch ein paar Singles der Nacht etwas flirtig-flirrendes verleihen, jede Hochzeit also die nächste provozieren könnte. Diese Hoffnung nährt jede Hochzeitsnacht und lässt den Brautstrauß fliegen: Vielleicht verspricht bald jemand anderes seinem geliebten Menschen, für ihn oder sie da zu sein, so lange es geht.

Dabei macht sich niemand mehr die Illusion, dieses Versprechen müsse – auf Eheberater komm raus – für immer halten. Wenn doch, um so besser! Aber das Ja-Wort wird heute nicht an seiner unendlichen Haltbarkeit, sondern an seinem Ernst gemessen. Es ist sich selbst genug in der Gegenwart. Es ist bedeutend im Hier und Jetzt.

Denn dieses Versprechen ist nicht nur Liebesbeweis. Es ist die ultimative Antwort auf eine Welt der unendlichen Möglichkeiten, auf den ewig schillernden Strauß der Optionen und Opportunitäten; auf die Sprachlosigkeit und die Lähmung, die uns erfassen, wenn alles zu viel wird. Das Versprechen, laut artikuliert und bezeugt und damit unwiderruflich in die Welt geholt, schließt Türen, sperrt Lärm aus und stoppt Luftzüge, die das Glück stören können. Und öffnet gleichzeitig den einen gemeinsamen Raum, dem man sein Leben widmen will. Der zu finden, abzustecken und auszufüllen eine unterschätzte Leistung ist. Brautpaare singen mit Pharell: We´ve come to far to give up who we are. Wer heiratet, hat viel erreicht, aber noch nicht genug. So ist die Ehe nicht Aufgabe, sondern Anfang.

Denn eine Hochzeit ist eben nicht das Ende der Freiheit, sondern ihr ultimativer Triumph. Niemals zuvor in der Geschichte unserer komischen Spezies konnten zwei Menschen so frei zueinander finden wie heute, in unseren unfassbar privilegierten westlichen Gesellschaften. Eine Hochzeit ist auch eine Feier der Zivilisation, eine ausgestreckte Zunge in Richtung aller Unterdrücker und Bevormünder. Die Heirat aus freien Stücken, aus Liebe!

Das ist die wahre Krone der Schöpfung.

Dieses Wochenende bin ich auf einer Hochzeit eingeladen. Alle Freunde werden dort sein. Sie werden lachen, tanzen und trinken, sich umarmen, weinen und wieder lachen. Sie werden tun, was Menschen tun, wenn sie etwas besonderes zu feiern haben. Etwas heiliges. Das einzige, was die Grenzen unserer Existenz, so pathetisch es klingen mag, was Körper, Zeit, Tod und alles andere hinter sich lässt: Die Liebe. Wer sich zu einem Fest der Liebe einfindet, ist für kurze Zeit nicht mehr von dieser Welt.

Und ich? Ich werde ganz klein sein, angesichts der Größe des Anlasses. Ich werde feiern, staunen und lieben. Und dem Paar in einem ruhigen Moment sagen, was ich zu sagen habe: Menschen, die einander kennen gelernt, sich ausprobiert und aneinander gerieben haben, um dann das mutigste zu tun, was ein Individualist tun kann, nämlich sich einen anderen Individualisten ans Bein binden, bewundere ich wie nichts auf der Welt. Um so mehr, wenn es zwei so geschätzte Menschen sind. Dass sie sich einander anvertrauen, macht mich noch ein bisschen mehr stolz, sie zu kennen.

Diese paar Worte sind für sie. Mögen sie wahnsinnig glücklich miteinander werden.