Inside Random House

Dieser kleine Image-Film zeigt Internes aus der Buch-Fabrik Random House. Man könnte ihnen fast glauben, dass diese hingebungsvollen Lektoren und Verleger und Buchmanager einfach nur ganz, ganz tolle Bücher machen wollen. Sie halten Händchen mit ihren geschätzten Autoren, machen die Wünsche der Leser wahr und damit die Welt jeden Tag ein bisschen besser. Es geht natürlich nicht um Geld oder Verkaufe oder Masse, schon gar nicht bei einem Riesen wie Random House. Niemals.

Via Tilo Jung

Wonderbooks

Sony veröffentlicht im Herbst das erste Wonderbook für die Playstation 3. Es heisst Spellbook und stammt natürlich aus der Feder von Joanne K. Rowling und dem narrativen Umfeld der Harry Potter Romane. Die Elemente der Augmented Reality und vor allem die Interaktivität – “Leser” können den Ausgang der Story über den “Zauberstab” PS Move selbst beeinflussen – zeigen eine neue Dimension des Storytellings. Dass das gute alte Medium Buch als Vehikel herhält, ist eigentlich nur ein Marketinghebel, um sich von herkömmlichen Computerspielen zu differenzieren und ein bisschen Hochkultur zu suggerieren. Ohne Pathos oder Prophetie verbreiten zu wollen: Es entsteht ein völlig neues, aus unserer Perspektive konvergentes Medium des Erzählens, das unseren Kindern bald selbstverständlich sein wird. Ein Buch ist dann kein auratisches Artefakt mehr, sondern ein Wonderbook ohne Action. So wie ein Fernseher heute keine magische Wunderkiste, sondern ein Computer ohne Maus ist. Natürlich werden “reine” Bücher und Einbahnstraßenmedien weiter existieren und geliebt werden, vgl. Schallplatte, Stummfilm, Reiten. Was es jedoch für unsere Kultur und unser Denken bedeutet, wenn die meisten Medien visuelle Trigger liefern und zum Mitmachen auffordern, wenn Lean-Back-Rezeption verschwindet zu Gunsten von selbstverständlicher Interaktivität? Gute Fragen.
Eins ist jedenfalls sicher: Die Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, wachsen und wachsen.

Via.

Digital Psycho

Bret Easton Ellis, der narzisstische Misanthrop, der u.a. Unter Null, American Psycho und Glamorama geschrieben hat, hat heute (gestern Nacht in Los Angeles) mittels seines Twitteraccounts ein Experiment gestartet: Er denkt laut darüber nach, was der American Psycho Patrick Bateman heute wohl tun würde. Und seine Follower senden ihm Vorschläge zu wichtigen Fragen wie: Welche Serien würde Bateman mögen, welche Stars hassen, mit wem abhängen und wen umbringen? Wie würde er mit der Transparenz umgehen, die soziale Netzwerke in unser Leben gebracht haben? Wer wäre die Besetzung seines perfekten Celebrity-Dreiers?


Er fängt das Brainstorming scheinbar unabsichtlich mit diesem Tweet an: 1:00 AM in L.A. and sitting at my desk finishing a script and suddenly I’m making notes on where Patrick Bateman’s now and maybe he could…

Sofort reagieren einige seiner mehr als hunderttausend Follower. Man ist sich mehr oder weniger einig: Heute würde Patrick Bateman natürlich nicht mehr über Huey Lewis and the News oder Genesis referieren, sondern über ColdplayPatrick would go on a very long dissertation about Coldplay’s oeuvre… His favorite song being “Fix You”…

Seine Helden wären die Kardashian Schwestern, David Beckham und Rihanna, während er Obama hassen würde. Er würde Blendr nutzen, um seine Opfer zu finden, deren Fotos er auf Facebook postet. Sein iPad würde zu ihm sprechen, Spotify würde ihn nerven, sein erster Mord wäre einer der Kony2012 Macher.

Nachdem die Resonanz auf die nicht immer ernst gemeinten Ideen riesig erscheint, spricht Ellis von einer möglichen Fortsetzung des Bestsellers. Er plantWell, if this American Psycho sequel pans out I’d get in touch with my agent first but will have to spend the weekend seeing if it works…

Die Fans sind begeistert, am Ende fasst Ciarán Wilson vorerst zusammen: there’s no turning back now. Your fans would be devastated. Und Ellis ermuntert noch einmal das Publikum (siehe Bild): Please keep sending me ideas… You won’t get credit…But they help…

Ich bin verkatert und habe jetzt überhaupt keine Lust auf ein Fazit á la “Crowd-Sourced Literatur” und “Der Autor und sein Werk 2.0”, aber wenn das Buch wirklich geschrieben wird, mit Hilfe der tausenden Ideen, die Ellis via Twitter bekommt, wäre das schon ein bisschen schön und  verrückt.

Textwahn

Wollte man den alltäglichen Sprachmüll einer hypomanischen Medienwelt wirklich einmal einfangen, entlarven und damit entschärfen, sollte man ihn transkribieren. Gregor Weichbrodt und Grischa Stanjek haben genau das in ihrer Projektarbeit mit dem schönen Titel “Das ist der Tag, von dem Ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet” getan: Die gesamte Pro7-Show “Germany´s next Topmodel 2011 – Das Finale” steht hier schwarz auf weiss niedergeschrieben. Und damit mehr als nur die Sprache der Akteure deutlich gemacht, sondern auch ihre Geisteshaltung, welche – kondensiert in fester Schrift – sich nicht mehr verflüchtigen oder rausgeschnitten werden kann. Gregor schreibt dazu:

Jeder Rotz, jeder menschen-verblödende Schund, jedes sexistische und von Maschen durchtränkte Blabla, das in diesem ohrenbetäubenden Massenspektakel gepredigt wurde, ist hier feinsäuberlich abgetippt und in Dramenvers gesetzt. Das Layout errinnert dabei bewusst an Reclam.

Via Gizmo.

Auch völlig irrsinnig und gerade deswegen ein lyrisch-performatives Erlebnis sind Texte von überdrehten Spaßmachern wie Mario Barth, wenn man sie in Ruhe rezitiert. Das macht die Kabarettistin Christine Prayon auf ruhige, und damit umso eindrücklichere Art:

Booking

Als hätte man mir die Wünsche von den feuchten Lippen abgelesen: Im Bob Beaman, wo ich sowieso schon liebend gerne verweile, wird ab Dienstag auch noch vorgelesen. Und zwar von wertgeschätzten Autoren wie Moritz von Uslar (nebst Band aus “Deutschboden”) oder Thomas Glavinic. Dazu spielen sie logischerweise Musik. Wie schön ich das genau finde, kann ich in keine Metapher packen. Irgendwas in Richtung heißer Schockolade mit Rum auf wunder Seele. Oder so.

Smart

Seit ich den Blog “You are not so smart” von David McRaney lese, bin ich ein kleines bisschen weniger nicht schlau. Er zeigt dort nämlich gewisse Irrtümer in unserem Denken über uns selbst auf, die den Titel des Blogs mehr als legitimieren. Wir sind nicht so schlau, wir funktionieren ganz anders und weniger rational und logisch, als wir annehmen. So zum Beispiel führte der letzte Text den Benjamin Franklin Effect aus:

“The Misconception: You do nice things for the people you like and bad things to the people you hate.

The Truth: You grow to like people for whom you do nice things and hate people you harm.”

Solche kognitiven Dissonanzen erklärt McRaney auch in seinem jüngst erschienen Buch mit dem gleichen Titel, dessen Trailer sich dem Phänomen der Prokrastination widmet. Ich empfehle das Buch mal, auch wenn ich es quasi nur halb gelesen (manche Inhalte fand man auch im Blog, manche sind neu) habe:

Buchmesse

Der einzige sinnvolle Beitrag zur Frankfurter Buchmesse (und dem diesjährigen Gast Island) kommt natürlich von Martin Sonneborn, der auf Facebook völlig zu Recht schreibt: “Die Isländer sind viel ironischer als wir. Und mit welcher Gelassenheit diese Gnome unser Geld nehmen, das hat schon Stil.”

Dobrica Cosic

We lie to deceive ourselves, to console others, we lie for mercy, we lie to fight fear, to encourage ourselves, to hide our and somebody else’s misery. We lie for love and honesty. We lie because of freedom. Lying is a trait of our patriotism and the proof of our innate intelligence. We lie creatively, imaginatively and inventively.

Fast-Literaturnobelpreisträger 2011 Dobrica Cosic in seiner Trilogie “Deobe” (engl. “Divisions”), 1961. Volume I, Seite 135

Update: Scheinbar sind sich die Nobels nicht ganz einig, die offizielle Meldung nennt Tomas Tranströmer als Preisträger. Nun gut, ich kenne beide nicht wirklich. Aber das Zitat von Cosic läuft mir gerade gut rein. Also bleibt es erstmal so stehen.

Update II: Inzwischen steht unter nopelprizeliterature.org nicht mehr ein Mirror der offiziellen Seite nobelprize.org mit der Falschmeldung von Cosics Prämierung, sondern das Bekennerschreiben einer Gruppe serbischer Aktivisten, die auf Cosics ambivalente Rolle in der Geschichte der Region aufmerksam machen wollen:

We have registered the domain of this obviously hoax site on the 5th October 2011, as a symbolic reminder of that day eleven years ago, when Serbia missed a historic opportunity to create a different and better world. Today again, Serbia turns to war, terror and deadly kitsch of the nineties, violence towards diversity, nationalist conservatism and dishonest orthodoxy. We believe the political activity of Dobrica Cosic is still deeply intertwined with this hazardous value system, which does not cease to threaten us all. Terrible consequences of decades of Mr. Cosic’s political, literary and public activity are felt to this day, both by his own country and throughout the region.

Dobrica Cosic is not a recipient of the Nobel Prize, although the general public in Serbia, and he himself, believed he is for 15 full minutes. We find some solace in that fact.

Ich jedenfalls bin gnadenlos drauf reingefallen, trotz meines ersten Reflexes: Ist das nicht der Slobodan Milosevic der Balkanliteratur? Aber dann glaubte ich der vermeintlichen Schwedischen Akademie mehr als meinem Instinkt. Und lernte dazu.

Buchmode

Schöne Shirts mit Literatur-Klassiker machen Outofprintclothing. Kleider machen Leute und man ist eben immer noch, was man liest. Die Mission:

Out of Print celebrates the world’s great stories through fashion. Our shirts feature iconic and often out of print book covers. Some are classics, some are just curious enough to make great t-shirts, but all are striking works of art. (…)

In addition to spreading the joy of reading through our tees, we acknowledge that many parts of the world don’t have access to books at all. We are working to change that. For each shirt we sell, one book is donated to a community in need through our partner Books For Africa.

How we read is changing as we move further into the digital age. It’s unclear what the role of the book cover will be in this new era, but we feel it’s more important than ever to reflect on our own individual experiences with great literary art before it’s forever changed. What’s your story?

Dazu gibt es noch E-Reader- und Smartphone-Hüllen, so mittelhübsch:

Bücher: Empört Euch über das Trinken!

Während ich im Wortsinn an David Foster Wallace laboriere, habe ich mir ein wenig intellektuelle Frischluft in Form zweier kurzer Nebenlektüren gegönnt:

“Empört Euch!” von Stéphane Hessel, dessen beeindruckender Lebenslauf von der Résistance bis zu höchsten diplomatischen Weihen jede Romanvorlage übertrifft, ist eine viel zitierte Streitschrift wider die Ungerechtigkeit unserer Zeit. Genauer: wider die Indifferenz der Masse gegenüber jener für ihn allgegenwärtigen Ungerechtigkeit. Der französische Allfrontenintellektuelle weist besonders auf die Zustände im Gaza-Streifen und mangelnde soziale (Generationen)gerechtigkeit hin. Das hat etwas von Helmut Schmidt mit französischer Verve, ist eine Mischung aus Zeige- und Mittelfinger, versucht die Intellektualisierung des Wutbürgers. Mir bleibt dieser an sich richtige Aufruf zu abstrakt, zu wohlfeil, zu links, zu kapitalismuskritisch, zu larmoyant, zu schwammig. Sätze wie “Die weit geöffnete und sich immer weiter öffnende Schere zwischen ganz arm und ganz reich. Das ist eine Spezialität des 20. und 21. Jahrhunderts” wecken in mir fröhliche Skepsis: Wo sind die Beweise? Wer behauptet das? Und wo liegen die Ursachen? Auch und gerade der alte Anwurf der Ungerechtigkeit braucht selbst in Essayform die ein oder andere solide Grundlage – sonst wird es redundant, abstrakt und zahnlos. Hessels Schlusswort: “Und so rufen wir weiterhin auf zu einem wirklichen friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen aller. Den Männern und Frauen, die das 21. Jahrhundert gestalten, rufe ich aus ganzem Herzen und in voller Überzeugung zu: Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.” Das klingt nach Barrikaden, geballten Fäusten und einer sehr einfachen Welt. Meine komplizierte Realität braucht jedoch nicht mehr Empörung, sondern mehr Information, nicht weniger Lethargie, sondern weniger Parolen. “Die da oben” sind kein probates Feindbild, und nichts ist schlimmer als die in systemkritischen Kreisen modische Trunkenheit an der eigenen Nonkonformität.

Apropos: Dr. Peter Richter ist Redakteur der FAS, querulanter Videoblogger auf faz.net und in dieser Funktion auch Ensemblemitglied bei Harald Schmidt. In seinem Essay “Über das Trinken” bricht er in gewohnt schnoddrig-gelehrten Ton eine Lanze für den Alkoholkonsum. Und zwar nicht für Chianti-Nipperei oder gepflegte Pilszelebrierung, sondern für den veritablen Rausch. Den Rausch als Katharsis, als Kulturtechnik, als Kunst. Wenn ich auch die Sache an sich unterstütze und mir schon lange solch eine intellektuell anspruchsvollen Ansatz zu dieser Thematik gewünscht hätte, missfallen mir zum einen die zahlreichen widersprüchlich abgehackten Argumentationen. Wie jene direkt auf dem Buchrücken: Wer trinkt, hat ein Problem, wer nicht trinkt, hat erst recht eins, denn die Grundlage der christlich-abendländischen Kultur ist feucht. Aha, soso, wie rum jetzt, was folgt daraus? Etwas weniger Spannweite des Erkenntnisanspruches, dafür mehr Konsequenz in der Logik wäre an diesen Stellen schön. Ähnlich wie ein besseres Lektorat. Denn selbst einen FAS-Schreiber muss man auf die Finger schauen, sonst ballen sich Wortwiederholungen und Umgangssprache zu einem getrübten Lesevergnügen. Nichtsdestotrotz ist diese Trinkfibel ein Gewinn, stellenweise ein Genuss. Wenn etwa Richter seine alkoholische Theorie von der Sesshaftigkeit des Menschen aufzieht oder von seinen trinkbedingten Führerscheinknappheiten erzählt. Seine Beobachtungen sind präzise und von der wohlmeinend-ironischen Interpretation wahrer Menschenfreunde, sein Witz ist brillant, seine Haltung klar, keine Spur von berauschter Wurschtigkeit. Schreiben und trinken kann Peter Richter also. Und das ist mehr als genug.