Fassung

Gregor Gysi spricht über Überwachung, Norbert Lammert antwortet spontan.

(Ausschnitt aus der 42. Sitzung des deutschen Bundestages, Video-Quelle, danke an B. Breimann)

“Im Unterschied zu Ihnen trage ich das [die Totalüberwachung der deutschen Bevölkerung, inklusive mir] mit Fassung, Herr Kollege Gysi.”

Gelächter, Applaus.

Diese kleine Szene zeigt: Die deutschen Bundestagsabgeordneten haben nichts verstanden, dafür aber gute Laune. Der Bundestagspräsident  bekommt Beifall und Belustigung für seine implizite Anerkennung der Unsouveränität des deutschen Bundestages gegenüber den Geheimdiensten. Der Querulant Gysi soll sich bitte beruhigen. Den Zwischenrufern, man versteht sie zum Glück nicht ganz, fällt dazu etwas wie “…vom russischen Geheimdienst oder von wem?” oder “…in der DDR auch nicht anders” ein. “Dann geh doch nach drüben” haben sie sich wohl nur gedacht.

Ist ja auch alles in bester Ordnung. Grundrechte werden von eigenen und ausländischen Geheimdiensten massenhaft und systematisch gebrochen. Die deutsche Regierung und das deutsche Parlament wurden mehrmals von ihren “Verbündeten” lächerlich gemacht. Eine Aufklärung findet nicht statt.

Aber immerhin trägt das der zweite Mann im Staat mit Fassung. Und die Regierungsfraktionen finden das alles witzig. Zum Brüllen.

P.S. Warum Überwachung impotent macht, hab ich hier erklärt.

re:publica 14 best of

„Wenn sich die Metzgerinnung trifft, wird auch nur vom Schlachten gesprochen.“ 
Christian Fahrenbach

Für mich bedeutete die re:publica dieses Jahr eine klare Steigerung: Noch mehr gute Begegnungen, noch mehr Inspiration, noch mehr gute Sessions, noch mehr Moscow Mule. Man kann sich bei den Veranstaltern nur bedanken. Und vor allem dem Programmteam, das grandiose Inhalte geholt hat. Natürlich schwimmen “wir” dort für drei Tage im eigenen Saft. Aber, siehe auch das Zitat vom großartigen Christian Fahrenbach oben: Köcheln im Sud bringt Geschmack und Reife.

Das Internet habe ich allerdings nicht in Berlin, sondern in Düsseldorf am Flughafen gefunden. Aber es funktioniert!

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Und hier die besten, wichtigsten, unterhaltsamsten Vorträge, die ich bis jetzt von der re:publica 14 gesehen habe:

Moritz Metz hat umgesetzt, von dem bestimmt viele, zumindest aber ich seit Jahren träume: Er hat das Internet gesucht. Also, physisch. Er ist zu den Unterseekabeln gefahren und zu dem Acker in Österreich, auf dem Google neue Serverfarmen baut. Er hat mit dem Hacker-Bauern gesprochen, der Google seinen Acker verkauft hat, mit DSL-Technikern und vielen Menschen, die irgendwie das Netz sind, und doch wieder nicht. “Wo das Internet lebt” war die für mich spannendste, schönste Session überhaupt.

Die Yes Men muss man mögen. Sie präsentieren einen sehr schönen Streich, den sie einer Versammlung der amerikanischen Homeland Security gespielt haben.

Sascha Lobo und die Kanzel, ein Format für sich. Man hatte vor dem Vortrag das Gefühl, Sascha sei der Philip Rösler der Veranstaltung, er müsse abliefern, sonst würde man ihn nicht wieder einladen. Was natürlich Quatsch ist, weil er inhaltlich immer stark war und ist. Besonders rund um die Überwachungsproblematik, der er in seiner SPON-Kolumne oft erst einen Namen gegeben hat. Sascha hat Recht, wenn er uns zum Spenden und Lobby-Bildung ermahnt. Er hat Recht, wenn er die Begriffe verschärfen will. Er bewegt die nicht existente “Netzgemeinde” mit diesen Ansätzen wie kein zweiter. Ich hoffe, er hat uns erfolgreich ins Gewissen geredet. Aber leider hat er keinen Satz darauf verschwendet, wie man jene knapp 80 Millionen Deutsche erreicht und überzeugt, die Sascha Lobo mit dem Sänger der Toten Hosen verwechseln. Vielleicht, weil er es genau so wenig weiß, wie wir alle.

Hannah Fry versucht, menschliches Verhalten zu mathematisieren. Und erklärt ihre Theorien mit Pep Guardiolas Fußball. Damit bin ich Fanboy.

Felix Schwenzel spricht über ganz ähnliche Sachen wie ich und benutzt meinen und Saschas Vortrag quasi als Sprungbretter. Fand ich gut. Und er hatte Recht: Meine Einleitung dauerte sehr lange. Aber die Zeit hatte ich gebraucht, um u.a. zu erklären, warum “Sicherheit vs. Freiheit” eine quatschige Dichotomie ist. Seine Analogie, man gebe Freiheit gerne für Sicherheit auf, wenn man sich im Auto anschnalle, nutzt genau dieses alte überwachungsrelativierende Narrativ, das ich eigentlich mit meiner Session für alle Zeiten abschaffen wollte. Hat wohl nicht funktioniert. Und ob sein Vergleich mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung nicht hinkt oder gar im Rollstuhl sitzt, weil es heute nicht um die Diskriminierung einer klar abgegrenzten Gruppe geht, sondern eher um den Angriff weniger auf viele – man weiß es nicht. Aber am Ende erkennt er natürlich zurecht: Uns fehlt die Story, die Worte, die Bilder. Der Hebel.

re:publica 14

Warum macht Überwachung impotent? Welche neuen Geschichten können wir gegen Überwachung erzählen? Und wird man zum gläsernen Bürger, wenn man sich auf eine Flasche setzt? Über all das durfte ich auf der re:publica sprechen. Es war, mal ganz unironisch formuliert (die Autokorrektur beharrt hier auf “unerotisch”!), großartig und eine Ehre, neben all diesen tollen Speakern auftreten zu dürfen. Die besten Sessions besinge ich später auch noch hier, logisch.

Downer: Die Zuschauer mussten vor “meiner” Bühne alle Kopfhörer tragen, es gab keine Lautsprecher. Deswegen ist alles eher leise auf dem Video. Gelacht wurde trotzdem, ehrlich, man hört es nur nicht.

Upper: Der rattendichte Politikstudent, der mir nachts um den Hals fiel mit den  Worten: “Endlich sagt´s mal einer!” Die vielen positiven Reaktionen, und sei es auch nur der Nebensatz von wegen Wikipedia und Bibel, der sofort viral ging. Das Gefühl, vor Menschen gesprochen zu haben, die verstehen, was auf dem Spiel steht, und Lust haben, etwas zu tun.

Also, meine Aktionskunstperformance mit dem maximal bescheuerten Titel “Überwachung macht impotent – Neue Narrative gegen Überwachung” als Video:

Ich habe das Gefühl, besonders die professionellen Vermittler, also die sogenannten Journalisten, waren neugierig auf meinen Ansatz. Sofort durfte ich verschiedenen Medien erklären, was genau ich jetzt eigentlich damit gemeint habe und wer genau impotent ist. Und viele haben sich aus dem Vortrag ganz korrekt ihre Lieblingszitate rausgesucht und  weiterüberlegt, was man machen könnte. Hier meine kleine, vermutlich nicht ganz vollständige Presse- und Blogschau: Zündfunk (BR), Frankfurter Rundschau, Stuttgarter Zeitung, Rhein-Zeitung, t3n, ZEITonline, webmagazin.de, br.de, wdr.de, Handelsblatt, Der Standard, Juna im Netz, mspro, Kaffeeringe, theonet.de, bullenscheisse, danielbroeckerhoff.de, Jungle World, BR5, Sendezentrum-Sondersendung und zu guter letzt sogar die geschätzte 3sat Kulturzeit (in einer Sendung mit Gerhard Richter und Herlinde Koelbl).

Zudem hat Felix Schwenzel meinen Vortrag gewissermaßen als spontanen Aufhänger für seinen Vortrag genutzt. Sehr Sehens-/lesenswert.

Und zusammen mit Markus Löning habe ich für die Netzdebatte, also quasi die Sendung der Bundeszentrale für politische Bildung von der re:publica, ein bisschen laut herumgedacht:

Nun ist der wichtigste deutsche Internet-Konvent vorbei. Was habe ich gelernt? Einiges. Zum Beispiel dass American Spirit nicht meine Zigarettenmarke wäre. Dass Witze über die Bibel mit Abstand am besten ankommen. Dass die “Netzgemeinde” wach und trinkfest ist.

Vor allem aber, dass es höchste Zeit ist zu verstehen, wie wenig die Überwachungsproblematik  mit dem Internet zu tun hat. Das Internet wird nur dafür missbraucht. Nicht das Netz, sondern die Demokratie ist kaputt. Oder besser: krank. Überwachung und Geheimdienste sind Autoimmunerkrankungen, die sich gegen das gewendet haben, was sie schützen sollen: die Gesellschaft. „Uns“ fällt die Aufgabe zu, den Anstoß zur Reparatur zu geben. Dazu braucht es eine Lobby, einen gesellschaftlichen Hebel und viel, viel Leidensfähigkeit.
Wenn wir nicht locker lassen, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis das Netz frei ist. Wenn wir locker lassen, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Demokratie ernsthaften Schaden nimmt.

Noch hat uns die Überwachung nicht impotent gemacht.

“Heil!”

Wie die Zeiten sich (nicht) ändern. Jonny Buchardt testet im Karneval 1973, wie viele “Kameraden” im Publikum sitzen. Es folgen Zoten über Schwule und Neureiche, als Zeitdokument mittelsehenswert.

Die Frage ist: Wie viele der Leute die “Heil!” geantwortet haben, meinten das wie ernst? Wer hat aus Reflex geantwortet? Wer hat die Finte durchschaut? Wer klatscht danach, weil er die Inszenierung gut fand, wer, weil er den Ruf schon lange vermisste? Merkwürdige Situation ohne Buh-Rufe. Man weiß nicht, wem es warum wie peinlich ist. Was wäre eine vergleichbare Situation heute?

ranON

Ab dem 4.10. werde ich auf ran.de die neue Webshow ranON moderieren. Begleitend zur Fernsehberichterstattung von Ran auf Kabel1 werden wir den Europa League Spieltag für das Experiment nutzen, wie eine Fußballsendung aussehen kann, wenn sie jünger, spezieller, digitaler daherkommt. Der Blog mit einigem Material, zum Beispiel von der Testsendung, ist schon online. Twitter natürlich auch.

Man darf jetzt fragen: Eine Webshow zur Europa League? Wozu?

Richtig, es gibt mehr als genug Fußball im Fernsehen (und im Internet sowieso). Und vieles davon gefällt vor allem den Heavy Usern weniger. Seit Fußball in der Mitte der TV-Bevölkerung angekommen ist (vgl. Sommermärchen, Klinsmann&Löw, 2006), bewegt sich auch die Berichterstattung dorthin: In den Mainstream. Chartgezielte Bands treten auf, Experten analysieren an der Oberfläche entlang, Einspieler drehen sich um klischeeigen Lokalkolorit und Folklore. Umso seltener thematisiert werden Abstände in der Viererkette, Stadionwurst, Doping, Offensiv-Verteidigung, Ultra-Choreographien, Financial Fairplay oder Schusshaltungen.

Die Frage, die ich mir stelle, wenn ich eine zusätzliche Fußballsendung moderiere: Wer ist so bescheuert und schaut sich, bei allem Fußballüberfluss, auch noch eine Webshow zu einem Europa League Spiel von Hannover oder Stuttgart an? Die Antwort lautet: Leute wie ich. Leute, denen jedes Fitzelchen dieses Sportes unter die Haut geht. Leute, die bei großen Spielen den Kommentar ausstellen, weil sie mehr zu wissen glauben als Reif & Réthy zusammen. Leute, die selber Fußball spielen oder gespielt haben. Und die deswegen das Gefühl eines intensiven Zweikampfes, eines Pfostentreffers, eines gelungenen Spielzuges kennen. Leute, die keine Lust auf mehr vom selben Fußballbrei haben.

Mit dem Netz haben wir nicht nur eine Plattform, auf der sich ein Format wie  ranON ausprobieren kann. Wir haben auch einen Rückkanal, der eine Sendung im besten Fall zu einem geselligen Fußballabend unter Fans macht. Wer auch immer eine fundierte Meinung, eine treffende Beobachtung, einen guten Link oder ein irres Video hat, ist herzlich eingeladen, mit mir Fußball zu schauen. Dabei darf man ernst um die 90 Minuten an sich und quatschig um alles drumherum sprechen. Humor ist immer der Humor der Andersdenkenden, und so kalauern sich die meisten Fußball-Moderatoren handwerklich sauber, aber wenig spannend durch blitzende Event-Sendungen, die so weit vom Rasen entfernt sind wie Sepp Blatter. Dabei bietet Fußball eine endlose Fundgrube für dumme Sprüche und scharfsinnige Pointen. Man muss sie eben nur zulassen.

Und für mich ganz persönlich ist es auch ein weiterer Schritt vom “Meckern” zum “Machen”. Fußballsendungen und ihre Protagonisten doof finden, auf altmodisches, innovationsfeindliches TV schimpfen – einfach. Es besser versuchen? Superspannend.

Das klingt wie viele Versprechen, die nie gehalten wurden? Stimmt. Ich habe keine Ahnung, ob wir wirklich etwas bahnbrechend neues schaffen. Ob wir relevanter werden, frischer, unterhaltsamer. Aber wie rechnete Wayne Gretzky, gültig für Eishockey, Fußball und das ganze Leben, uns einmal vor: 99% aller nicht abgegeben Schüsse gehen auch nicht ins Tor. Oder wie Christian Streich, Trainer meines Fußballclubs, sagen würde: Spielsch. Übsch. Bringt ja alles nix.

Also ziehen wir am 4.10. auf ran.de einfach mal Vollspann ab, um doch noch eine abgehangene Fußballmetapher zu verwenden. Ich freue mich über jeden, der dabei ist.

Regen und Meer

Was vor 2,5 Jahren als kleine Bereicherung eines Südeuropa-Roadtrips begann, ist jetzt fertig und öffentlich: “Regen und Meer – Eine Reisecollage.” Die Hirngerechte Gestaltung präsentiert damit pünktlich zu Weihnachten einen kleinen Film über das Reisen, über die Menschen, die man auf Reisen trifft, und über alles andere auch. Egal, wohin uns beide die Reise noch führen wird – ein Frühwerk können wir hiermit schonmal präsentieren.

Tatort in 123s

Der Tatort als (nach Wetten, dass…!) endgültig letztes TV-Lagerfeuer der Nation, auf den sich alle einigen können, zu dem sich Hipster in Hipster-Kneipen treffen wie Selbsthilfegruppen, über den auch die verrückten Digital Natives, die ja sonst nie fernsehschauen, begeistert abtwittern – naja. Das ist schon wieder fast zu viel Folklore, der Tatort bleibt dessen unbenommen eine Krimireihe, die unter dem ihr aufgetragenen Gewicht an gesellschaftlicher Relevanz oft nur müde ächzt. Denn: Manchmal ist der Tatort gut, manchmal ist er schlecht, meistens scheint die Angst der Redakteure, den Zuschauer zu überfordern in übererklärenden Kleinkinddialogen durch (“Warst Du schon mal in Dachau?” – “Du meinst in der KZ-Gedenkstätte?”). Und solch eine tröstliche, vereinende Simplifizierung steckt natürlich auch in der stereotypischen narrativen Struktur des Tatorts. Leiche, Nachdenken, Verdächtige, Zeugen, falsche Fährte, Sozialkritik, Persönliches, neue Fährte, Verfolgungsjagd, Schluss. Das Leben, der Mordfall kann so einfach sein. Grandios umgesetzt durch das mir bis dato völlig unbekannte Tele5-Format Walulis sieht fern, das hier auch noch andere schön stereotype Meta-Videos zeigt. Der Tatort in 123 Sekunden: