Dürfen die das?

Freitag vor einer Woche erschien im SZ-Magazin die Liebesgeschichte von Paul und Jelena. Letzten Freitag ging der Text online. Sofort eroberte die Inquisition die Kommentare: Das wäre ja keine Liebe, sondern Psychoterror, die jungen Leute wüssten sowieso nicht mehr was Liebe überhaupt ist, weil alle krank und gestört, und nur wer verzichte, könne wirklich lieben. Kurz: Skandal!

Diese Reaktionen, vor allem auf Facebook, sind sehr aufschlussreich, wenn man verstehen will, wie heute über Liebe, Beziehungen und alternative Modelle gedacht wird. Und spätestens, wenn in den nächsten Monaten aus dieser und anderen Geschichten ein Buch wird, will ich das.Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.54.36
Grundsätzlich reagieren viele Menschen ablehnend. Sie pathologisieren die Protagonisten, beanspruchen Deutungshoheit über die verhandelten Begriffe wie “Liebe” oder “Treue” oder lehnen ohne Begründung ab. Dabei dominiert die Gruppe, die aus der Distanz psychische Störungen diagnostizieren: “Was nicht sein darf, das muss sein krank”. Deutschland hat 80 Millionen Bundestrainer. Und mindestens so viele Fern-Psychologen.
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.54.15Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.53.47
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.55.17Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.54.59
Sicher war der Text provokant. Die Geschichte von Paul und Jelena ist aus verschiedenen Gründen kein „gutes Beispiel“, keine Werbung für eine offene Beziehungskonstellation. Er beansprucht aber auch keinerlei Allgemeingültigkeit. Er bleibt offen, auf der erzählerischen wie theoretischen Ebene, was nun “besser” sei. Doch die pauschale Ablehnung unter Berufung auf sehr subjektive Begriffe wie “Werte” oder “Liebe” kümmert sich darum nicht. Die Kommentatoren wissen offenbar genau, was richtig und echt ist, und was nicht.
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.54.22Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.54.50
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.54.29
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.55.05
Ein weiterer Standpunkt: Verzicht gehört zur Liebe, Preis ist gleich Wert. Wer daran nicht glaubt, ist verkehrt.
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.54.43Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.53.40
Die andere, eher zugeneigt-offene Fraktion ist neugierig, gespannt, unentschlossen. Und deutlich in der Minderheit. Wie immer greift hier vermutlich die alte Regel, dass die Nachdenklichen, positiv Irritierten seltener kommentieren. Weil sie eben mit Nachdenken beschäftigt sind. Aber auch an den Like-Zahlen merkt man: Die Ablehnung überwiegt.
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.55.12
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.55.26
Die allerwenigsten geben ihre Ratlosigkeit zu, wenn, dann liken aber genug, um eine größere ratlose Minderheit zu vermuten.
KOmmentar_unentschlossen_anonym
Was insgesamt auffällt: Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet so gut wie nicht statt. Dazu war der Text als dramatische Love-Story ohne Happy-End womöglich auch kein dankbarer Anstoß. Einige Argumente für die eine oder andere Seite steckten schon drin, werden aber wohl überlesen. Stattdessen wird meist ohne Umwege moralisch Stellung bezogen und bewertet.
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.53.57Und, witzig: Was Userin Lisa als “steinzeitliche Ansichten” ansieht, sind eher mittelalterlich-vormoderne. In der Steinzeit war Polygamie wahrscheinlich akzeptierter und verbreiteter als heute.
Bildschirmfoto 2015-12-14 um 17.54.03
Diese Konfliktlinien werde ich auch im Buch ein bisschen beleuchten. Warum reagieren viele Leute so ablehnend, ohne zu argumentieren? Gibt es eine natürliche Ordnung der Beziehungswelten, gegen die eine offene Beziehung verstößt? Wenn ja, wie lautet sie angeblich?
Mein Lieblingskommentar zum Thema Polygamie, der vielleicht ehrlichste überhaupt, ist aber dieser:
KOmmentar_einmann