Am Strand

Überall dieses Bild. Ein Dreijähriger liegt am Strand. Tot.
(Auf manchen Aufnahmen, beispielsweise den in England heute gedruckten, wird er von einem Uniformierten geborgen)

Es bilden sich schnell zwei Lager:
Endlich ein Bild, das aufzurütteln vermag? Das der bisher gesichtslosen „Flüchtlingskrise“ einen furchtbaren Ausdruck gibt? Der Pictorial Turn, das Ende des Wegschauens?
Oder verwerfliches Ausschlachten der letzten Würde ausgerechnet eines Kindes? Pornographie de la guerre (Baudrillard), die Leid voyeuristisch ausstellt? Grenzüberschreitung?
Während die einen sich aufregen, wie man dieses Bild teilen kann, und die anderen sich aufregen, wie eigentlich nicht, bin ich unentschlossen. Auch im Radio.
Wie man in der Sache steht, ist klar: Jeder Tote beschämt uns Europäer. Egal, wie alt. Egal, ob es von ihm ein solches Bild gibt. Und es gibt schon viel zu viele Bilder, die offensichtlich wenig bewirkt haben, wie Stephan Plöchinger schreibt.
Nicht überall ist das Thema so präsent wie hier in den letzten Monaten. In manchen Ländern, wie der Türkei oder England, mag nun dieses Bild eine längst überfällige Debatte auslösen. Es könnte zu einem Symbol einer Katastrophe werden, wie das vor dem Napalm fliehende Mädchen im Vietnam-Krieg.
Und vielleicht, wie Zeynep Tufekci berichtet, würden die Eltern deshalb darum betteln, dass man dafür sorgt, dass ihr Kind nicht umsonst gestorben ist.

 

Aber, und das sind keine rhetorischen Fragen: Braucht es deswegen Tweets, die ein solches Bild mit einem betroffenen Halbsatz um die Welt schicken? Am besten die Nahaufnahme, ohne den störenden Uniformierten, so dass man auch genau sehen kann, wie tot genau der Junge ist? Soll nun jeder von uns, der etwas dabei fühlt, und das sind wir fast alle, diesen denkbar stärksten visuellen Hebel nutzen? Um wen zu erreichen? Uns selbst? Unsere meist schon überzeugten Follower? Politiker, denen diese Schicksale seit Jahren egal sind?
Wo waren die jetzt moralisierenden Zeitungen so lange? Haben sie nicht auch oft gehetzt, auch gegen diesen Dreijährigen? Ist die Rolle der Medien nicht ähnlich zweifelhaft wie damals im Vietnam-Krieg, als Reporter neben dem schreienden Mädchen seelenruhig ihre Arbeit fortsetzten?
Und was haben wir vorher getan, was habe ich getan, vor diesem Bild, um den Tod dieses Kindes zu verhindern? Waren nicht zwischenzeitlich Griechenland, Bundesligastart und Hitzewelle wichtiger als die, die vor ihm gestorben sind?

 

Und ich denke: Wenn wir das Bild eines ertrunkenen Kindes brauchen, um Menschen nicht ertrinken zu lassen, dann kommt jede Ethik zu spät. Wenn die selbsterfüllende Prophezeiung vieler Medien eintrifft, dass dieses eine Bild ein Umdenken auslöst, dann hat sich die Medienethik selbst abgeschafft. Wenn es wirklich Leben rettet, dann bitte, druckt es, teilt es, plakatiert es, schickt es ins Weltall.
Aber dann haben wir wohl ein ganz anderes Problem als dieses Bild.

Auf dem Zündfunk-Netzkongress spreche ich über eine mögliche Ethik des Teilens. Freitag, 9.10., abends, im Volkstheater München. Vielleicht finden sich bis dahin ein paar Antworten.

re:publica 15

So. Anstrengend war´s. Und gut. Sehr gut. Ungefähr so wie dieser Moment:

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Dieses Jahr hatte die Kritik an der republica, wie sie zwangsläufig eine Veranstaltung von dieser Größe ereilt, wohl eine neue Stufe erreicht. Nicht relevant, nicht wirkmächtig, nicht fokussiert genug sei sie. Das schrieben manche vorher, manche mittendrin, manche kurz danach.
Nun.
Für mich als Speaker ist es natürlich wenig überraschend, solche Kritik zu kontern. Wäre ja auch komisch, wenn ich eine Veranstaltung, auf der ich spreche, nicht mindestens erträglich fände. Sicher, *wir* werden die Welt nicht in drei Tagen jährlich verändern. Es braucht viel mehr als drei Tage und 7000 Menschen, um etwas zu bewegen. Noch viel mehr Glaube, Liebe, Hoffnung und Koffein.
Und auch für mich sind ein guter Teil der Talks live nicht wirklich interessant, weil, Standardargument, ich mir den Inhalt schneller anlesen als anhören kann, die Performance nicht spitz genug ist, ich die Sachen entweder schon kenne oder sie mich nicht richtig interessieren. Trotzdem gibt es jedes Jahr diesen Christoph-Columbus-Moment: Man stolpert irgendwo rein, weil jemand schon da ist oder man eigentlich ganz woanders hinwollte, und hört kurz zu, bleibt, zückt das Telefon, um sich Notizen zu machen, merkt sich schlaue Sätze, die man klauen kann und vergisst den Kater, der einen bis dahin plagte. Das ist doch das pure Glück.

So kann ich nach genau diesen drei Tagen und Nächten nur jedem sagen: Komm hin, hör Dir zwei, drei gute Talks an (die findet man immer, zufällig oder geplant). Und dann stell Dich auf den Hof. Rede mit den Leuten. Trink ein Bier. Trink noch eins. Rede noch mehr, und vor allem: hör zu. Und wenn Du dann noch nicht davon überzeugst bist, dass hier etwas besonderes, etwas wertvolles, etwas wichtiges passiert, wenn Du davon gar nichts mitnimmst, dann liegt es womöglich auch an Dir.

Oder wie Felix Schwenzel schrieb:

“jeder findet im internet sein plaisir. irgendwo. nicht alles muss allen gefallen. es gibt angebote für den massengeschmack, aber eben auch genau das gegenteil. und wer nichts findet was ihm oder ihr gefällt, der macht einfach selber was. insofern bildet das programm der republica das internet — bzw. die gesellschaft — schon ganz gut ab.”

Dass die republica sich schon seit längeren “Die Konferenz. Das Ereignis.” nennt, scheint vielen, die sie dafür kritisieren, mehr Ereignis als Konferenz zu sein, nicht aufgefallen zu sein. Oder um mit Christoph Kappes zu sprechen: “…was ist so schwierig daran, die rp15 als kulturelles und soziales Ereignis zu sehen, mit pol. Einschlag?”

Oder, wieder Felix Schwenzel, genau einer der Menschen, wegen derer man hingeht: “von mir aus kann die republica gar nicht beliebig genug sein.”

[Ich hätte jetzt irgendwie Lust, diese Kritik an der republica als Beispiel für ein Meta-Phänomen zu sehen, für den narzisstischen Anspruch vieler Zeitgenossen, dass alles, was einen irgendwie entfernt interessiert, dann auch gefälligst genau so zu sein hat, wie man es gerne hätte. Und dass die wenigsten dieser Ansprüchler scheinbar eher nicht darüber nachgedacht haben, warum manche Sachen so sind wie sie sind, zumindest reflektieren sie nicht öffentlich, was ihre Thesen dazu sind. Auch überlegen sie nicht, was die Konsequenzen wären, wenn etwas wirklich so wäre wie sie es gerne hätten, was andere Leute dazu sagen würden, und was ihr eigene Ansprüche über sie selbst aussagen und ob sie diese Ansprüche, abstrahiert und individualisiert, selbst auch nur manchmal erfüllen, und warum nicht, vielleicht weil das quasi unmöglich ist, aber gut. Darum geht´s hier ja nicht.]

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Ich glaube ja fest daran, dass man, wenn man eine Bühne betritt, vor der Leute ein paar Minuten ihrer Zeit verbringen, verdammt noch mal unterhalten muss. Also: Unterhalten MUSS!
Das geht durch Inhalt, durch mehr oder weniger gelungene Gags oder durch Haltung, an der man sich reiben kann. Wenn ich alles drei ein bisschen verbinde und dabei nicht zu peinlich auf der Bühne rumgeister, bin ich´s zufrieden. Sehr erfreulich waren deswegen die Reaktionen auf meinen Talk “Die Abschaffung der Wahrheit”. Keiner fand´s langweilig oder die Stunde zu lang. Und noch hat sich keiner der Bilderberger beschwert.
Was ich wiederum von den Leuten, die sich hinterher mit mir drüber unterhalten haben, gelernt habe, hat sich locker gelohnt. Die talentierte Ms. Zilla hat sich zwar noch nicht gemeldet, obwohl wir so ein tolles Selfie für sie gemacht haben (s.o.). Aber vielleicht bastelt sie nur am nächsten Hoax, der pünktlich zum nächsten Jahr enthüllt wird. Oder gibt es sie gar nicht?

Darüber gesprochen habe ich u.a. auch bei Breitband von Deutschland Radio Kultur und bei dcptTV. Es berichteten u.a. t3n, die Berliner Zeitung, der Standard, die SWP.

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Die Diskussion zur Ethik des Teilens mit Stefan Niggemeier, Petra Grimm und Bernhard Pörksen war vielleicht für einige zu wissenschaftlich, zu langatmig, zu theoretisch. Aber genau dafür mag ich die republica: Sie probiert aus und will den Dingen auf den Grund gehen, ohne zu wissen wie tief das Wasser wirklich ist und ob man jemals ankommt.
Mal schauen, was aus der Idee von der Ethik des Teilens noch wird. Solche Theorien mal rauszulassen auf den Spielplatz mit den anderen Kindern und sie zu trösten, wenn sie Sand in die Augen bekommen hat oder nicht mitspielen darf, darum geht es doch. Nur so wachsen sie.

 

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Crowdfinanzierter Journalismus ist nicht zuletzt durch die Krautreporterz in aller Munde. Die Diskussion dazu mit André Meister (netzpolitik.org), Stephanie Lohaus (Missy Magazin), Sebastian Esser (Krautreporter) und Ines Pohl (taz) hat mir großen Spaß gemacht. Vier Leute, die auf ihre Art etwas mit ihren Projekten versuchen. Ich glaube mehr denn je, dass eine auf das jeweilige Projekt abgestimmte Mischfinanzierung Zukunft hat. Und dass es bald ein Berufsbild gibt: Crowdsourcer oder Mischkalkulations-Service-Officer oder so. Also eine Mischung aus Betriebswirt, Community Manager und Journalist. Damit die eigentlichen Journalisten das nicht selbst schultern müssen. Anyone up?

Das waren mal meine Sachen. Eine kleine Liste mit Empfehlungen kommt natürlich noch.

 

Dagobert

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Genau hier. Dagobert zögert keine Sekunde, setzt seinen Finger ruhig auf die ausgedruckte Karte. «Genau hier steht die Hütte», sagt er und lächelt leise.
Jene Hütte,
in die er sich zurückzog, um mit gebrochenem Herzen seine Liebeslieder zu schreiben. Bis fünf Jahre später die Plattenbosse in Limousinen vorfuhren.
«W
ie es jetzt da wohl aussieht?», fragt er und verstummt, scheint in seinem Kopf zu kramen, nach Bildern von damals. Da ahne ich, dass vielleicht doch alles die Wahrheit sein könnte. Kein modernes Märchen, um mehr Platten zu verkaufen.
Denn als d
ieser Dagobert vor zwei Jahren wie ein musikalischer Kaspar Hauser aus dem Nichts die Bühne der deutschsprachigen Musik betrat, wussten die Beobachter nicht, was sie zuerst anzweifeln sollten: Die todernst vorgetragenen Schnulzen? Die altmodischen Klamotten? Oder die unglaubliche Geschichte von der Berghütte, in der er angeblich jahrelang in völliger Einsamkeit vor sich hinkomponiert hat, um dann herabzusteigen und Liebeslieder zu singen – anders, echter, härter als alle deutschen Liebeslieder, die man kannte?
Musste der Typ n
icht Fake sein?
War er n
icht zu schön, mit seinem Frack und dem Model-Gesicht und der rätselhaften Vergangenheit? Zu schön, um wahr zu sein – so wie die Geschichte von der einsamen Hütte?
«Ich würde gern mal w
ieder dorthin», sagt Dagobert, als ich ihm vorschlage, zusammen auf sei
nen Berg zu fahren.

Die ganze Geschichte gibt es hier (PDF von Das Magazin, bitte auf Seite 16 scrollen).

Links am 7.10.14

 Jürgen Geutter: Der digitale Neobiedermeier

“Es ist nur zu verständlich, auf gefühlte Bedrohung mit Rückzug zu reagieren. Aber eine der wichtigsten Lehren, die wir heute aus der Biedermeier Zeit ziehen müssen, ist wie groß die Gefahr eines Einschlafens der politischen Debatte ist, wie real die Bedrohung einer Gesellschaft durch Stagnation.”

 

„Tatort – die Show“ von YOU FM am 12. Oktober live aus Frankfurt | RADIOSZENE

Daniel Boschmann, das alte Showkarniggel, wird da ein Trommelfeuer an Gags zünden, dagegen ist die Schießerei im Tatort eine Streicheinheit. Ich bin zwar kein Tatort-Fan, aber ich höre trotzdem mal rein. Das sagt doch alles.

 

Bundesregierung erklärt: Die Verfassung verhindert leider Geheimdienst-Transparenz | netzpolitik.org

Wenn morgen ein Ottifant aus Angela Merkels Kopf spränge und sänge: “Alles nur ein Scherz!”, es wäre nicht viel abstruser. Immerhin behält der Markus drüben seinen Humor.

 

Lars Weisbrod: Zach Braff: Werdet endlich Männer! | ZEIT ONLINE

“In den vergangenen zehn Jahren sind die Zach-Braff-Männer vielleicht erwachsener geworden, aber vor allem hat sich die wirtschaftliche Lage um sie herum verändert. Die bittere Lesart: Der Traum, auch als zärtlicher Mann voller Unsicherheiten seinen Platz zu finden, ist spätestens vorbei, wenn das Geld ausgeht.”

 

Links am 2.10.14

Buffalo Bill Gates

Anne Frank Sinatra, Rihannibal Lector und natürlich Buffalo Bill Gates. Es wächst zusammen, was zusammen gehört.

 

Jacob Biazza: Vermessen – jetzt.de

“Ich will herausfinden, was Firmen, Menschen und Institutionen heute schon über mich wissen. Wer hat welche Daten? Und welche Schlüsse über mein – vielleicht sogar zukünftiges – Verhalten können sie aus ihnen ziehen? Daten sind die neue Währung, liest man oft. Wer Daten richtig deutet, der hat Macht. Aber was heißt das tatsächlich? Wissen Datenverarbeiter und Statistiker womöglich sogar etwas über mich, das ich selbst noch nicht weiß?”

 

Eva Herman: Aufruf an alle Journalisten zum Tag der Wahrheit am 3. Oktober 2014 – YouTube

Liebe Journalisten. Eva Hermann bittet Euch, morgen mal EINEN nicht zu lügen. Danke.

Links am 1.10.14

Oktoberfest 2014 – Die Hölle, das sind die anderen – München – Süddeutsche.de

Anant Agarwala war einen Tag auf dem “Kotzhügel” am Oktoberfest.

“Der Himmel ist verdeckt von einer, so scheint es, einzigen schmutzgrauen Wolke. Aus dem Hofbräu-Festzelt links dröhnt die “Seven Nations Army” der White Stripes, rechts wünscht der Himmel der Bayern dem BVB alles Schlechte zum Muttertag. Am Vormittag sitzen und liegen hier etwa 20 Briten auf dem Hügel, sie tragen Kostüme aus dem 18. Jahrhundert, dreieckige Hüte und weiße enge Hosen mit Rasenflecken am Hintern. Ein paar von ihnen frühstücken Brathendl mit Eistee und Sprite, ein paar liegen regungslos da, so wie der stolze Admiral mit Feder am Hut. Ansonsten ist der Kotzhügel ein Idyll. Nur da unten stolpert nun ein massiger Typ Richtung Ahornbaum, lehnt sich an und beginnt zu würgen. Um kurz nach zwölf ist es angerichtet.”

 

#hongkong #occupycentral – Social Media Watchblog

Viel Respekt für dieses Projekt, das die Jungs und Mädels vom Social Media Watchblog einfach so aus dem Hosenbein zaubern: Alles zu #hongkong und #occupycentral auf einer Seite.

 

Neue Sendung mit Urban Priol – So ironisch wie Youporn – Medien – Süddeutsche.de

Ich sah vorgestern den Trailer zu dieser neuen Sendung namens “Ein Fall fürs All”. Atmete tief durch. Schaute mir doch die ersten fünf Minuten an. Hielt nicht länger aus. Dann freute ich mich auf die Verrisse. Hier ist der erste. Er ist gut:

“Es gab einmal das Cabaret, das war vor allem nackt. Daraus entwickelte sich dann das Kabarett, und das war vor allem politisch. Beide sind tot. Das Cabaret wurde letztlich von Youporn erledigt – und das politische Kabarett von Urban Priol.”

 

Best of Kommentare: “Ich bin wie eine Speckschwarte” – Video-News – Video – Handelsblatt

Bessere Unterhaltung: Die besten Kommentare beim Handelsblatt. Von der Social Media Redaktion gelesen.

Bernd Ullrich: Nebenwiderspruch Demokratie | ZEIT ONLINE

“Wenn der Westen nicht mehr für die Demokratie ficht (ohne freiheitsimperiale Kriege natürlich, dieses Kapitel ist geschlossen), gibt es ihn dann noch? Wenn uns die Demokratie nicht mehr das Wichtigste ist, wem dann?”

Links am 30.9.14

▶ Last Week Tonight with John Oliver: Drones (HBO) – YouTube

Es bleibt einem mal wieder das Lachen im Halse stecken, wenn John Oliver den amerikanischen Drohnenkrieg auseinander nimmt. (Nicht wirklich neues) Fazit: Sie töten, wen sie wollen.

 

Hong Kong’s protests are putting Chinese web censorship to the test | The Verge

“What if everyone in Tiananmen Square had been carrying a smartphone? Among civil society groups, it’s a common question, and one with far-reaching implications. Would technology make the people’s movement stronger or easier to control? Does interconnection strengthen a crowd or distract it?”

 

The Society of Fugitives – James Forman Jr. – The Atlantic

“How does aggressive police surveillance transform an urban neighborhood? A sociologist reports from the inside.”

Links am 29.9.14

F.A.Z.-Bürgergespräch: 20 Jahre Online-Journalismus – FAZ (VIDEO)

Das “FAZ-Bürgergespräch” über “20 Jahre Online-Journalismus“ mit wackligem Video online dermaßen lieblos weiterzuverwursten, sagt mehr über den Online-Journalismus und das Verständnis vieler Medienhäuser davon als 100 Podien mit 200 Sascha Lobos. Der sagt wie immer die richtigen Dinge und versucht, fortschrittlich wie er eben ist, ein bisschen Dialog mit dem Publikum via Twitter.

Wolfgang Blau (Guardian-Online-Chef) hat dazu auf Facebook berichtet, wie wenig “drüben” die Unterscheidung print/digital noch eine Rolle spielt.

 

Jens-Christian Rabe: Tourauftakt von Helene Fischer: Natural Born Perfect – Süddeutsche.de

Ich weiß nicht, ob diese Analyse stimmt. Aber sie versucht einen klaren Blick auf den unklaren Strom, den wir Mainstream nennen und selten verstehen.

“Nicht da waren nur: alle Arten von Hipstern und Hipster-Bärten. Allerdings auch nicht die notorischen Hipster-Hasser. Mit anderen Worten: jegliche schlechte Laune war vollständig abwesend. Anwesend dafür: eine vollkommen tiefenentspannte, absolut unneurotische Fielmann-Crowd. Deutschland im Jahr 2014. Optimale Bedingungen für den großen Show-Triumph.”

Neulich lief ich mit meinem besten Freund zufällig an einer langen Schlange Konzertbesuchern vorbei, ohne zu wissen, wo genau diese tausenden Menschen hinwollten. Wir rieten ein wenig herum, denn die Mischung war ähnlich bunt wie bei Helene Fischer; inklusive Abwesenheit jeglichen Geschmackes, dafür mit umso mehr ehrlicher Fröhlichkeit. Es  war ein Auftritt von Cindy aus Marzahn.

 

They know: Mit den Augen der Überwacher | Heinrich-Böll-Stiftung

“Ein Potsdamer Student hat sich in die Rolle der Überwachenden hineinversetzt und eine fiktive Überwachungssoftware designt. Der Perspektivwechsel bringt neue Aspekte in die Debatte um Privatsphäre und Grundrechte.”

Das unschuldige Opfer der Überwachung übrigens optimal gewählt: “Michael is studying architecture in Berlin. He likes his relxaed neighbourhood, his cozy flat. Cooking with his friends an travelling.”
Durchschnittlicher wird´s nicht mehr.

 

What Does Ethical Social Networking Software Look Like? — The Message — Medium

Ach, Ello. Die Karriere von Hype zu Ex-Hype dauert nur noch einen halben Tag. Ich bin eher so dieser Meinung, grundsätzlich gesehen:

“What makes Ello so interesting, despite all of these things that are probably not as interesting for other people as they are for me, is a non-feature. Ello is an anti-pattern of what social networking has become: it’s meant to be advertising free, with the accompanying freedom from pervasive tracking and surveillance. This is a Big Deal for a lot of people right now, because the software companies that support our social lives have become so evil and pervasive and controlling in recent years.”

Dagegen sagt einer der Designer (und der geschätzte Jürgen Geuter) Ello schon Goodbye, weil man Venture Capital angenommen hat, die Wired bemängelt eher das Fehlen eines Geschäftsmodell,  Anne Roth eher so alles, die Rechtsanwältin Nina Diercks lobt wiederum die Datenschutzregeln.

Ich glaube erstens, dass man einem solchen Projekt Zeit geben darf und ihm so lange mit fröhlicher Skepsis, aber grundsätzlichem Wohlwollen am ehesten gerecht wird. Einerseits auf alle etablierten Netzwerke schimpfen und andererseits etwa geschichtsvergessen ihre Unsterblichkeit beklagen, weil kein Herausforderer gut genug sein kann, ist nicht nur destruktiv, sondern auch analytisch zu knapp.
Ich glaube nämlich auch, wenn ich diese These auch (noch) nicht beweisen kann, dass wir schon in absehbarer Zeit Alternativen zu Facebook und Google haben werden, die ihren Namen verdienen. Die Tipping Points für Netzwerkeffekte sind näher, als es sich anfühlt, und die Neugier auch im Mainstream größer. Und alleine die Ahnung einer Alternative ist doch schon etwas wert. Wer fand denn Twitter von Anfang an makellos? Oder?
Ach, keine Ahnung.

Links am 26.9.14

Markus Günther: Egoistische Zweisamkeit: Warum der Mythos der Liebe eine Lüge ist – FAZ

Ich würde der These vehement widersprechen: Liebe ist die Lösung. Die einzige. Aber viele Gedanken und Beobachtungen sind dennoch hervorragend: das quasi-religiöse, das kommerzialisierte, das narzisstische Moment der postmodernen Liebe.  Ein klarer, vernünftiger, spannender Text.

“Von Liebe als Ersatzreligion zu sprechen ist keine augenzwinkernde Übertreibung, sondern Ergebnis nüchterner Beobachtung. Denn der Mythos Liebe erfüllt ausnahmslos alle Kriterien einer Pseudoreligion: Diese höhere Macht verlangt Unterwerfung und verspricht im Gegenzug Erlösung und Heil. Sie duldet keine anderen Götter, verspricht den (siebten) Himmel und droht mit der Hölle des Alleinseins.”

 

Clemens J. Setz: “Islamischer Staat”: Das grelle Herz der Finsternis | ZEIT ONLINE

Die IS-Enthauptungsvideos sind echte Snuff-Videos, nach der alten Definition: nicht einfach mit einer Kamera festgehaltene Morde oder Hinrichtungen, sondern verfilmte Kurzdrehbücher. Der Islamische Staat degradiert das Opfer kurz vor seinem Tod zum Schauspieler, es hat einen vorbereiteten Text aufzusagen und eine Rolle zu spielen. Es trägt symbolträchtige Kleidung: den orangen Overall, so wie ihn auch die Gefangenen von Abu Ghraib und Guantánamo tragen müssen. Es hat eine bestimmte Pose einzuhalten, der Drehort ist inszeniert, die Bildästhetik wohlüberlegt. Albtraumhaft greller Wüstenhintergrund, eine Welt ohne Zufluchtsmöglichkeiten, keine Zivilisationsmerkmale in Sicht.”

 

Geheime Informationen: Wie die Überwachung von BND und NSA in Bad Aibling funktioniert | netzpolitik.org

“Die heutige Anhörung im Geheimdienst-Untersuchungsausschuss hat gezeigt, wie ernst die Bundesregierung die Aufklärung der Vollüberwachung der digitalen Welt nimmt: gar nicht. Der Leiter des BND-Standorts Bad Aibling, vorgestellt und adressiert nur mit den Initialen “R.U.”, hatte eine “Aussagegenehmigung” von der Bundesregierung, die das Wort nicht verdient. Über 50 mal verweigerte er eine öffentliche Aussage mit den Hinweis, dass seine “Aussagegenehmigung” das nicht erlaube.”

 

Shisha Pangma: Bergsteiger im Himalaja vermisst – SPIEGEL ONLINE

“Am Morgen des 25. September 2014 konnte Maier, der selbstständig Camp 3 erreicht hat, von einem Sherpa-Rettungsteam bei Bewusstsein in Empfang genommen werden und ist auf dem Weg ins Basecamp. Haag und Zambaldi sind von der Lawine verschüttet und konnten nicht gefunden werden.”

Ich durfte Extrem-Bergsteiger und Ultra-Läufer Basti Haag im Sommern kennen lernen und interviewen. In dem noch nicht veröffentlichten Text über u.a. ihn und seine extremen sportlichen Ambitionen schrieb ich: “Selten trifft man so einen positiven Menschen. Wer ständig über seine Grenzen geht und sich dabei in Gefahr begibt, ruht in sich.”
Auf meine Frage, ob er lieber 30 Jahre mit diesem gefährlichen Sport leben würde, als 60 Jahre ohne, schickte er mir seine eingescannte Unterschrift.