Ein Film

Liebling Maceo Plex spielt ein Boilerroom-Set aus dem Himmel. Aber das beste sind die Menschen, die um ihn herumtanzen.
Meine Favoriten:

1:30: Das Paar, was sich elegant ins Bild schiebt, zwei Minuten lang fast aufisst und dann verschwindet. Wohin wohl?

3:30: Der Mensch mit dem (LSD?-)Bepper auf der Stirn, der sehr viele obszöne Gesten macht und dann verschwindet, vielleicht ganz weit weg.

6:00: Die schöne Blonde halblinks mit dem güldenen Haar, die während eines Umschnitts der Kamera auf die Tanzfläche geschwebt zu sein scheint. Jede gute Party braucht einen Engel.

Auch bei 6:00 schwoft der sehr junge Technofreund mit der Chicago Bulls Kappe links ins Bild. Er wird in den nächsten Minuten immer wieder mal sehr glücklich zu sehen sein. Ab Minute 11:00 bekommt er sogar schlangentanzenden Besuch. Bei Minute 18:00 ist er endlich beim Engel angekommen.

Und die ganze Zeit: Der kleine Mann mit dem Fellum-Shirt rechts, der gerne neben dem Beat klatscht, wenn er sich nicht grade wundert, wo er ist. Beispielsweise bei Minute 12:00.

Lust zu Feiern.

 

 

 

Am Strand

Überall dieses Bild. Ein Dreijähriger liegt am Strand. Tot.
(Auf manchen Aufnahmen, beispielsweise den in England heute gedruckten, wird er von einem Uniformierten geborgen)

Es bilden sich schnell zwei Lager:
Endlich ein Bild, das aufzurütteln vermag? Das der bisher gesichtslosen „Flüchtlingskrise“ einen furchtbaren Ausdruck gibt? Der Pictorial Turn, das Ende des Wegschauens?
Oder verwerfliches Ausschlachten der letzten Würde ausgerechnet eines Kindes? Pornographie de la guerre (Baudrillard), die Leid voyeuristisch ausstellt? Grenzüberschreitung?
Während die einen sich aufregen, wie man dieses Bild teilen kann, und die anderen sich aufregen, wie eigentlich nicht, bin ich unentschlossen. Auch im Radio.
Wie man in der Sache steht, ist klar: Jeder Tote beschämt uns Europäer. Egal, wie alt. Egal, ob es von ihm ein solches Bild gibt. Und es gibt schon viel zu viele Bilder, die offensichtlich wenig bewirkt haben, wie Stephan Plöchinger schreibt.
Nicht überall ist das Thema so präsent wie hier in den letzten Monaten. In manchen Ländern, wie der Türkei oder England, mag nun dieses Bild eine längst überfällige Debatte auslösen. Es könnte zu einem Symbol einer Katastrophe werden, wie das vor dem Napalm fliehende Mädchen im Vietnam-Krieg.
Und vielleicht, wie Zeynep Tufekci berichtet, würden die Eltern deshalb darum betteln, dass man dafür sorgt, dass ihr Kind nicht umsonst gestorben ist.

 

Aber, und das sind keine rhetorischen Fragen: Braucht es deswegen Tweets, die ein solches Bild mit einem betroffenen Halbsatz um die Welt schicken? Am besten die Nahaufnahme, ohne den störenden Uniformierten, so dass man auch genau sehen kann, wie tot genau der Junge ist? Soll nun jeder von uns, der etwas dabei fühlt, und das sind wir fast alle, diesen denkbar stärksten visuellen Hebel nutzen? Um wen zu erreichen? Uns selbst? Unsere meist schon überzeugten Follower? Politiker, denen diese Schicksale seit Jahren egal sind?
Wo waren die jetzt moralisierenden Zeitungen so lange? Haben sie nicht auch oft gehetzt, auch gegen diesen Dreijährigen? Ist die Rolle der Medien nicht ähnlich zweifelhaft wie damals im Vietnam-Krieg, als Reporter neben dem schreienden Mädchen seelenruhig ihre Arbeit fortsetzten?
Und was haben wir vorher getan, was habe ich getan, vor diesem Bild, um den Tod dieses Kindes zu verhindern? Waren nicht zwischenzeitlich Griechenland, Bundesligastart und Hitzewelle wichtiger als die, die vor ihm gestorben sind?

 

Und ich denke: Wenn wir das Bild eines ertrunkenen Kindes brauchen, um Menschen nicht ertrinken zu lassen, dann kommt jede Ethik zu spät. Wenn die selbsterfüllende Prophezeiung vieler Medien eintrifft, dass dieses eine Bild ein Umdenken auslöst, dann hat sich die Medienethik selbst abgeschafft. Wenn es wirklich Leben rettet, dann bitte, druckt es, teilt es, plakatiert es, schickt es ins Weltall.
Aber dann haben wir wohl ein ganz anderes Problem als dieses Bild.

Auf dem Zündfunk-Netzkongress spreche ich über eine mögliche Ethik des Teilens. Freitag, 9.10., abends, im Volkstheater München. Vielleicht finden sich bis dahin ein paar Antworten.

Sandalen

Für das Schweizer “Das Magazin” habe ich die Sandalenmacher von Birkenstock besucht. Heraus kam eine Titel-Geschichte über Füße, Handwerk und Menschen, die ihre Birkenstocks auf youtube beerdigen. Ich selbst habe immer noch keine. Aber mein Widerstand bröckelt.
(Leider nur im ePaper des Magazins online)

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re:publica 15 best of

Endlich komme ich dazu: Die für mich spannendsten Talks der re:publica im schnellen Überblick. Zwar habe ich immer noch lange nicht alle Talks wenigstens angespielt, aber es ist ja noch Zeit bis zur #rp16. Wer noch einen Hinweis hat, immer gerne…

Cory Doctorows wichtigste Aussage: Das Netz ist nicht mehr das Netz, es ist überall. Wir sind das Netz. Das Netz ist wir. So banal. So selten verstanden.

 

Anne Machon, britische Ex-Geheimdienstmitarbeiterin, über “state sponsored terrorism” und “war on concepts”.

 

Felix Schwenzel, wie immer super. Dieses Mal ging es ihm ausnahmsweise um ganz ähnliche Themen wie mir: Wahrheit und Wahrnehmung.

 

Bernhard Pörksen über die “fünfte Gewalt” und die Macht der Vielen. Wahrscheinlich beschreibt kein Wissenschaftler in Deutschland so präzise und gleichzeitig leidenschaftlich den digitalen Wandel wie Pörksen.


Mehr von ihm im dcpt.tv Interview:

 

Johanna Frelin über das Chaos unserer Zeit. Und wie man sein eigener Captain bleibt.

 

Johannes Kleske über die Arbeit im Zeitalter der Maschinen. Ein Thema, das immer noch grandios unterschätzt wird.

 

Und eine historisch verortete Sprachkritik von Anna Biselli: Was sollen Vokabeln wie “Cyber” und “Neuland” uns sagen?

re:publica 15

So. Anstrengend war´s. Und gut. Sehr gut. Ungefähr so wie dieser Moment:

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Dieses Jahr hatte die Kritik an der republica, wie sie zwangsläufig eine Veranstaltung von dieser Größe ereilt, wohl eine neue Stufe erreicht. Nicht relevant, nicht wirkmächtig, nicht fokussiert genug sei sie. Das schrieben manche vorher, manche mittendrin, manche kurz danach.
Nun.
Für mich als Speaker ist es natürlich wenig überraschend, solche Kritik zu kontern. Wäre ja auch komisch, wenn ich eine Veranstaltung, auf der ich spreche, nicht mindestens erträglich fände. Sicher, *wir* werden die Welt nicht in drei Tagen jährlich verändern. Es braucht viel mehr als drei Tage und 7000 Menschen, um etwas zu bewegen. Noch viel mehr Glaube, Liebe, Hoffnung und Koffein.
Und auch für mich sind ein guter Teil der Talks live nicht wirklich interessant, weil, Standardargument, ich mir den Inhalt schneller anlesen als anhören kann, die Performance nicht spitz genug ist, ich die Sachen entweder schon kenne oder sie mich nicht richtig interessieren. Trotzdem gibt es jedes Jahr diesen Christoph-Columbus-Moment: Man stolpert irgendwo rein, weil jemand schon da ist oder man eigentlich ganz woanders hinwollte, und hört kurz zu, bleibt, zückt das Telefon, um sich Notizen zu machen, merkt sich schlaue Sätze, die man klauen kann und vergisst den Kater, der einen bis dahin plagte. Das ist doch das pure Glück.

So kann ich nach genau diesen drei Tagen und Nächten nur jedem sagen: Komm hin, hör Dir zwei, drei gute Talks an (die findet man immer, zufällig oder geplant). Und dann stell Dich auf den Hof. Rede mit den Leuten. Trink ein Bier. Trink noch eins. Rede noch mehr, und vor allem: hör zu. Und wenn Du dann noch nicht davon überzeugst bist, dass hier etwas besonderes, etwas wertvolles, etwas wichtiges passiert, wenn Du davon gar nichts mitnimmst, dann liegt es womöglich auch an Dir.

Oder wie Felix Schwenzel schrieb:

“jeder findet im internet sein plaisir. irgendwo. nicht alles muss allen gefallen. es gibt angebote für den massengeschmack, aber eben auch genau das gegenteil. und wer nichts findet was ihm oder ihr gefällt, der macht einfach selber was. insofern bildet das programm der republica das internet — bzw. die gesellschaft — schon ganz gut ab.”

Dass die republica sich schon seit längeren “Die Konferenz. Das Ereignis.” nennt, scheint vielen, die sie dafür kritisieren, mehr Ereignis als Konferenz zu sein, nicht aufgefallen zu sein. Oder um mit Christoph Kappes zu sprechen: “…was ist so schwierig daran, die rp15 als kulturelles und soziales Ereignis zu sehen, mit pol. Einschlag?”

Oder, wieder Felix Schwenzel, genau einer der Menschen, wegen derer man hingeht: “von mir aus kann die republica gar nicht beliebig genug sein.”

[Ich hätte jetzt irgendwie Lust, diese Kritik an der republica als Beispiel für ein Meta-Phänomen zu sehen, für den narzisstischen Anspruch vieler Zeitgenossen, dass alles, was einen irgendwie entfernt interessiert, dann auch gefälligst genau so zu sein hat, wie man es gerne hätte. Und dass die wenigsten dieser Ansprüchler scheinbar eher nicht darüber nachgedacht haben, warum manche Sachen so sind wie sie sind, zumindest reflektieren sie nicht öffentlich, was ihre Thesen dazu sind. Auch überlegen sie nicht, was die Konsequenzen wären, wenn etwas wirklich so wäre wie sie es gerne hätten, was andere Leute dazu sagen würden, und was ihr eigene Ansprüche über sie selbst aussagen und ob sie diese Ansprüche, abstrahiert und individualisiert, selbst auch nur manchmal erfüllen, und warum nicht, vielleicht weil das quasi unmöglich ist, aber gut. Darum geht´s hier ja nicht.]

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Ich glaube ja fest daran, dass man, wenn man eine Bühne betritt, vor der Leute ein paar Minuten ihrer Zeit verbringen, verdammt noch mal unterhalten muss. Also: Unterhalten MUSS!
Das geht durch Inhalt, durch mehr oder weniger gelungene Gags oder durch Haltung, an der man sich reiben kann. Wenn ich alles drei ein bisschen verbinde und dabei nicht zu peinlich auf der Bühne rumgeister, bin ich´s zufrieden. Sehr erfreulich waren deswegen die Reaktionen auf meinen Talk “Die Abschaffung der Wahrheit”. Keiner fand´s langweilig oder die Stunde zu lang. Und noch hat sich keiner der Bilderberger beschwert.
Was ich wiederum von den Leuten, die sich hinterher mit mir drüber unterhalten haben, gelernt habe, hat sich locker gelohnt. Die talentierte Ms. Zilla hat sich zwar noch nicht gemeldet, obwohl wir so ein tolles Selfie für sie gemacht haben (s.o.). Aber vielleicht bastelt sie nur am nächsten Hoax, der pünktlich zum nächsten Jahr enthüllt wird. Oder gibt es sie gar nicht?

Darüber gesprochen habe ich u.a. auch bei Breitband von Deutschland Radio Kultur und bei dcptTV. Es berichteten u.a. t3n, die Berliner Zeitung, der Standard, die SWP.

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Die Diskussion zur Ethik des Teilens mit Stefan Niggemeier, Petra Grimm und Bernhard Pörksen war vielleicht für einige zu wissenschaftlich, zu langatmig, zu theoretisch. Aber genau dafür mag ich die republica: Sie probiert aus und will den Dingen auf den Grund gehen, ohne zu wissen wie tief das Wasser wirklich ist und ob man jemals ankommt.
Mal schauen, was aus der Idee von der Ethik des Teilens noch wird. Solche Theorien mal rauszulassen auf den Spielplatz mit den anderen Kindern und sie zu trösten, wenn sie Sand in die Augen bekommen hat oder nicht mitspielen darf, darum geht es doch. Nur so wachsen sie.

 

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Crowdfinanzierter Journalismus ist nicht zuletzt durch die Krautreporterz in aller Munde. Die Diskussion dazu mit André Meister (netzpolitik.org), Stephanie Lohaus (Missy Magazin), Sebastian Esser (Krautreporter) und Ines Pohl (taz) hat mir großen Spaß gemacht. Vier Leute, die auf ihre Art etwas mit ihren Projekten versuchen. Ich glaube mehr denn je, dass eine auf das jeweilige Projekt abgestimmte Mischfinanzierung Zukunft hat. Und dass es bald ein Berufsbild gibt: Crowdsourcer oder Mischkalkulations-Service-Officer oder so. Also eine Mischung aus Betriebswirt, Community Manager und Journalist. Damit die eigentlichen Journalisten das nicht selbst schultern müssen. Anyone up?

Das waren mal meine Sachen. Eine kleine Liste mit Empfehlungen kommt natürlich noch.

 

Blinder Fleck

Der Sozialpsychologe Harald Welzer ist ein sehr kluger Mann. In diesem Interview mit der Berliner Zeitung spricht er über “Angriffe auf die Medien, Gefahren des digitalen Totalitarismus und Formen des Widerstands – auch seine persönlichen. Verbraucher sieht er als nicht unerheblichen Teil des Systems.”

Der letzte Satz ist eine Tautologie: Natürlich sind Verbraucher ein erheblicher Teil des “Systems”, also der digitalen Informationswelt, in der es nur Anbieter, “Verbraucher” (oder besser: Benutzer) und Missbraucher gibt.
Die Frage ist: Wer ist verantwortlich für was?

Wenn Harald Welzer also über die Potenziale und Gefahren der Überwachung spricht, zieht er einen historischen Vergleich:

“Während die Gestapo oder die Stasi ihre Daten noch mühsam erheben mussten, brauchen die staatlichen Überwacher von heute sie bloß einzusammeln.”

Und:

“…gefährlich würde die Sache ja erst bei einem Regimewechsel, der den Rechtsstaat aus den Angeln hebt. Aber das ist falsch. Es braucht gar nicht den sichtbaren „Regimewechsel“, sondern nur den schleichenden Fall aller Schranken der Privatheit.”

Damit hat er präzise und eindrücklich beschrieben, was das Problem an staatlicher Massenüberwachung ist. Was schlägt er also vor?

“Wir sind Teil des Problems. Wir bejubeln jede beschissene App oder den Fernseher, der auf Sprachkommandos reagiert. Aber zugleich sind wir empört über Angriffe auf unsere Privatsphäre, obwohl wir den Angreifern Tür und Tor öffnen. Und das nur wegen ein paar alberner Bequemlichkeitsvorteile. Als wäre es das größte Problem, dass unser Leben zu unbequem ist.”

Und:

“Widerstand kostet. Schlimmstenfalls das Leben, wie wir aus der Geschichte wissen. Uns hingegen erscheint es schon als zu teuer bezahlt, wenn wir auf Whatsapp verzichten sollten. Obwohl wir wissen, dass wir uns mit jeder Message einer Totalüberwachung ausliefern.”

Ich finde das erstaunlich, und es ist nicht das erste Mal, dass dieser blinde Fleck auffällt: Kein Wort zu den Überwachern selbst. Kein Wort zur parlamentarischen Kontrolle unseres Geheimdienstes. Kein Wort zu einer politischen Lösung des Problems, so fern sie momentan auch scheinen mag. Sie “brauchen bloß noch einzusammeln”, als wären die Überwacher niedliche Tiere, die nunmal so sind, wie sie sind.

Auch brillante Intellektuelle wie Welzer scheint eine tiefe Hoffnungslosigkeit befallen zu haben, die wirklich drängenden Probleme politisch zu lösen. Er setzt technische Möglichkeit mit politischer Zwangsläufigkeit gleich. Er verkennt beileibe nicht die Bedrohung durch die digitale Totalüberwachung. Aber ihre Ursache.

Man möchte ihm zurufen: Ein nicht unerheblicher Teil des Systems sind die Verbraucher, stimmt. Der für die Misere verantwortliche Teil des Systems sind aber die Missbraucher. Staatliche Überwachung ist ein von unseren Steuergeldern finanzierter, von unserer demokratischen Vertretung legitimierter Angriff auf uns alle. Kein technologisch determinierter Automatismus. Keine logische Konsequenz eines fahrlässigen Lebensstils.
Irgendwo sitzen Menschen, von uns bezahlt, und entscheiden für Überwachung. Wir müssen sie finden und stoppen. Dann stoppt auch die Überwachung.

11136690_10152690842756927_32408252348297489_nQuelle: ZEITmagazin

Die Innenminister und Geheimdienstler dieser Welt werden immer mehr Überwachung fordern. So wie Finanzminister mehr Steuern wollen und Entwicklungsminister mehr Entwicklungshilfe. Das ist ihr Job. Und deswegen muss man ihnen immer wieder antworten: “Nein, wir wollen keine Überwachung.”

Was politisch verbockt wurde, kann nur politisch gelöst werden. Auch wenn es sehr weh tut, weil wir uns unserer Angst vor Terror stellen müssen. Auch wenn die Überwacher sehr zähen Widerstand leisten. Auch wenn es lange dauert.
Bei jeder Form von Polizeigewalt schreien wir auf, fordern Konsequenzen, persönliche und systemische, damit die Exekutive ihre Macht nicht missbrauchen kann. Und die Geheimdienste lassen wir machen?

Dieser blinde Fleck vieler Beobachter, über alles zu sprechen, aber nicht über die schmerzhafte Ursache des Überwachungsproblems – nämlich dass hinsichtlich Überwachung unsere Demokratie versagt hat und wir sie reparieren müssen – verhindert eine Lösung des Problems an sich. Keine Technikverweigerung wird die außer Kontrolle geratenen Überwacher ändern oder einfangen.

An die Verbraucher zu apellieren, ihre Smartphones wegzuschmeißen, ist genau die (intellektuelle) Bequemlichkeit, die Welzer ihnen vorwirft.

Dagobert

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Genau hier. Dagobert zögert keine Sekunde, setzt seinen Finger ruhig auf die ausgedruckte Karte. «Genau hier steht die Hütte», sagt er und lächelt leise.
Jene Hütte,
in die er sich zurückzog, um mit gebrochenem Herzen seine Liebeslieder zu schreiben. Bis fünf Jahre später die Plattenbosse in Limousinen vorfuhren.
«W
ie es jetzt da wohl aussieht?», fragt er und verstummt, scheint in seinem Kopf zu kramen, nach Bildern von damals. Da ahne ich, dass vielleicht doch alles die Wahrheit sein könnte. Kein modernes Märchen, um mehr Platten zu verkaufen.
Denn als d
ieser Dagobert vor zwei Jahren wie ein musikalischer Kaspar Hauser aus dem Nichts die Bühne der deutschsprachigen Musik betrat, wussten die Beobachter nicht, was sie zuerst anzweifeln sollten: Die todernst vorgetragenen Schnulzen? Die altmodischen Klamotten? Oder die unglaubliche Geschichte von der Berghütte, in der er angeblich jahrelang in völliger Einsamkeit vor sich hinkomponiert hat, um dann herabzusteigen und Liebeslieder zu singen – anders, echter, härter als alle deutschen Liebeslieder, die man kannte?
Musste der Typ n
icht Fake sein?
War er n
icht zu schön, mit seinem Frack und dem Model-Gesicht und der rätselhaften Vergangenheit? Zu schön, um wahr zu sein – so wie die Geschichte von der einsamen Hütte?
«Ich würde gern mal w
ieder dorthin», sagt Dagobert, als ich ihm vorschlage, zusammen auf sei
nen Berg zu fahren.

Die ganze Geschichte gibt es hier (PDF von Das Magazin, bitte auf Seite 16 scrollen).

Überwachung macht krank

Im geschätzten Deutschlandfunk durfte ich eine ganze halbe Stunde über Überwachung reden. Warum sie krank macht und dumm. Warum wir etwas dagegen tun müssen.
Diesen Radio-Essay zum Nachhören und -lesen findet man hier.

Die Länge, das Format, die Reihe “Essay & Diskurs” fand ich sehr angenehm für ein solches Thema. Als Auftakt für eine fünfteilige Reihe “NetzKultur” die Überwachung zu wählen, zeugt davon, dass das Thema sehr wohl auch bei Menschen angekommen ist, die nicht Mate-trunken über die re:publica gondeln. Die ersten Reaktionen waren sehr positiv, sowohl aus der Netz-Ecke als auch von diesen anderen Menschen. Ich trendete damit zum ersten Mal auf Twitter, verrückt. Und zwei Bundestagsabgeordnete (bzw. ihre Twitter-Beauftragten) reagierten per Retweet/Favorit: Petra Pau und Saskia Esken. Genau DIE müssen wir noch besser erreichen.

Unzufrieden bin ich aber nach wie vor mit den konkreten Handreichungen. Was ich am Schluss aufzähle an Möglichkeiten des Einzelnen, bleibt immer noch zahnlos und beschränkt. Deswegen auch hier noch einmal der Hinweis auf die Guerilla-Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit, die einen entscheidenden Schritt weiter gehen. Wenn jemand einfällt, wie man die Überwachungsproblematik mit diesem “aggressiven Humanismus” verheiraten kann…

 

Weihnachten

Im Winter 1948 befand sich mein Großvater Paul Theodor (*1917,  2005) in russischer Kriegsgefangenschaft.
Meine Großmutter Brigitte Henriette (*1921,  2012) lebte mit ihrer gemeinsamen Tochter Ulrike (*1944) in Kusel.
Ihre Briefe von damals sind erhalten. Zur Zeit überlegt die Familie, wie wir diese Schätze angemessen dokumentieren und ggfs. veröffentlichen können. Sätze wie diese vom Großvater…

So vergehen unsere Tage, in drei Wochen ist Weihnachten und langsam geht das Jahr 1948  – das Jahr unserer großen Hoffnung – zu Ende. Aber unsere Hoffnung auf ein baldiges gesundes Wiedersehen wollen wir uns dennoch nicht nehmen lassen. So ist mein größter Wunsch zum neuen Jahre dass Du Dir bitte um mich keine Sorgen machst. Ich werde es schaffen hier und bis zum guten Ende – wenn auch für uns einmal der Draht fällt – durchzuhalten.”

…klingen wie ein historischer Roman einer längst vergangenen Zeit. Und sind doch nur zwei Generationen entfernt. Man sollte sie nicht vergessen.

Jedenfalls: Am 26.8.1949 kehrte Paul aus der Gefangenschaft heim. Zusammen hatten die beiden fünf Kinder, elf Enkel und aktuell fünf Urenkel.